Die Gazette Nr. 9, Dezember 1998:

Brief aus New York

von h d laun

                       der mann rennt hinter dem zug her, vergeblich,
gibt auf. einer hat zugeschaut und fragt:
 haben sie den zug versaeumt?
  sagt der mann:  aber nein, verscheucht hab ich ihn
                                aus wien


1     kirk varnedoe hat in künstler-, mehr noch in händlerkreisen einen der klangvolleren namen, nicht nur, weil er treibkraft des liebevoll moma genannten  museum of modern art  in new york ist und mit denk- und zuweilen gar merkwürdigen ausstellungen furor (das heisst in unserm land irgendwo auch:  viel geld für eine anzahl heute) gemacht hat.   manche menschen hat er mit den üblichen übertreibungen erst in seinen kunsttempel gebracht, vielen öffnete er mit wenig konventionellen sichtweisen und nebeneinanderstellungen verschiedenster künstler und techniken augen für vorher nicht wahrgenommene (oder vielleicht nicht dagewesene?) zusammenhänge, für verständnis überhaupt

2     jackson pollock, der von 1912 bis -56 gelebt und auf long island gearbeitet hat,  erfinder des drip painting, ist bekannter als varnedoe.   das stört letzteren nicht;  er will p. mit einer retrospektive noch bekannter machen.   das ist sein job.   den geht er an, indem er im ausstellungkatalog (sinngemäss) schreibt  von presleys erster platte in 54 über jasper johns  erste ausstellung in 58 geht eine wasserscheide im leben der amerikaner, und p.s tödlicher autounfall, wie der von james dean das jahr vorher, waren fanale -- rückblickend sagt dieser unfall mit ebensoviel sicherheit "ende" wie sputnik, im darauffolgenden jahr gestartet, "anfang"'

3     starker toback, und ziemlich dummer.  varnedoe sieht hier wieder zusammenhänge, die nicht offensichtlich sind, jedoch diesmal weniger von kühlen, klaren und deshalb einleuchtenden einsichten in kulturelle querverbindungen getrieben als von handfestem kommerz.   hier müssen, weil substanz fehlt, mythen geschaffen und deshalb solch selbst hierzuland relative riesen bemüht werden wie dean und johns (ersterer ein fader und vernachlässigenswerter schauspieleleve, aber was kümmern sich junge backfische darum, die ihn zum idol hochgejubelt haben?  er sollte nicht in einem atem mit letzterem genannt werden, denn der hält -- in amerika nie unwichtig -- bekanntlich den preisrekord für gemälde lebender maler und ist sowohl amerikanischer wie, ich brauche das wort nur mit entsetzen:  besser als p).  wohlweislich vermeidet varnedoe, zu wiederholen, dass p. amerikas grösster maler war -- wie übereifrige in kalter kriegszeit postulierten, als jede gelegenheit, das sternenbanner hochzuhalten, herhalten musste --, aber sonst ... schliesslich muss die ausstellung ja ein erfolg werden;  dann nur kommen haufenweise besucher, kann der museumsladen den arrondierenden ramsch zum vollen preis losschlagen.   so passt, dass die post eine p.-gedenkmarke herausbringt und hollywood mit ed harris p.s vita verfilmt

4    und p.s leben war filmreifer als das meiste, das heute verfilmt wird.   er kam aus wyoming, cowboyland, hat zeitlebens auf taff gemacht, man of action, auch wenn die action weitgehend aus besoffenen raufereien und ungehobeltheiten bestand.  'men of action sind oft unverbesserlich stolz auf ihre beschränktheiten' sagt rebecca west in ihrem unvergesslichen, hellsichtigen balkanbuch vom ende der dreissiger jahre.   p. war sich sicher darüber im klaren, dass er ein bestenfalls mittelmässiges talent war, wie diese schau fast schlagend beweist

5     wir wissen, wie lang glenn miller nach 'seinem sound' gesucht hat;  wissen auch, dass, als er ihn fand, er's geschafft hatte -- falls das von einem hauptmann honoris causa der u.s. air force behauptet werden kann, der entgegen den damaligen sprachregelungen nicht an bord eines 'wahrscheinlich von den deutschen abgeschossenen' flugzeugs verscholl, sondern beim pimpern in einem pariser puff verglühte -- ein überaus viel besserer tod, meine ich (falls von einem guten tod überhaupt die rede sein darf;  ich glaub schon), als sich vom argbösen feind abschiessen lassen.   auch sich selbst zu tod fahren ('vielleicht absichtlich' heisst es wundermild im von alan bullock editierten und allem sensationalismus abholden 20th century culture) ist langem, schmerzvollem dahinsiechen vorzuziehen

6     wir wollen parallelen nicht strapazieren, nur sagen, dass p. 'seinen sound' gefunden hatte, als er -- ich möchte wetten:  zufällig;  aber das schmälert die leistung keinesfalls -- das erste mal farbe kleckerte (und dann gleich klotzte, denn seine objekte sind schneller gross geworden als sein ruhm -- aber hoffnung währt ja immerdar;  in diesem raren fall berechtigt).   dabei fühlte er sich, sagte er einmal, 'mehr physisch einbezogen';  nota bene:  physisch, nicht psychisch -- obwohl er sich über jahre hinweg jungscher analyse unterzog;  seine hervorbringungen wurden als therapie-hilfen verwendet, ein völlig widersinniges -- wenn ich meiner tochter der kunsttherapeutin und meinem gefühl glaube, und ich habe keinen grund, warum ich nicht sollte -- verfahren:  per definitionem sind künstler nicht an hand ihrer werke zu analysieren ... aber mittlerweile eben auch 50 (nicht notwendigerweise durchweg mit so weisen erkenntnissen gespickte) jahre ins land gegangen

7     nachdem er alles andere als ein kolorist war und seinen recht weitgefächerten (und abstrus nachgeäfften) vorbildern aus der malerei des frühen 20. jahrhunderts nicht einmal verdünntes wasser reichen konnte, war die entdeckung des drips im letzten drittel der vierziger jahre p.s metamorphose vom saulus zum paulus, saufend-grölenden grupper zum saufend-grölenden macker:  'action painting' war geboren, unter grossem hallo der kritik, die auf solch eine masche gewartet zu haben schien und sogleich kobolz schoss:  von genie war die rede, dem neuen van gogh oder dito picasso.   noch heute entblödet sich der new yorker nicht, von ihm per 'der grosse im zentrum, um den alles sich dreht' zu schreiben.   ein halbes jahrhundert nach seinem tod kursieren noch storys von sauftouren und auf zwei reifen surfenden autos;  in einer kombination von beidem ist er, alan bullock sei's geklagt, auch umgekommen:  er hat --während seine frau und managerin lee krasner, ebenfalls künstlerin, monatelang in europa war, aber dann auch wieder nicht so getrennt von ihm gelebt hat, dass sie nicht sofort zurückgekommen wäre ... war ja abzusehen, was dieser tod an schnödem aufsehen und deshalb gutem non olet bringen musste-- sich und zwei 26jährige weibliche models (würden wir heutigen sagen), eins davon seine offiziell so bezeichnete mätresse, 'mit exzessiver geschwindigkeit' war der andere offizielle ausdruck, an den sprichwörtlichen baum gefahren, tatsächlich!:  zwei tote.   die 'mätresse' überlebte

8     beim action painting spielt naturgemäss farbe keine grosse rolle;  rhythmus und dynamik sind die ausschlaggebenden faktoren;  bei oberflächlichem hinsehen hat p. das für eine zeit respektabel gekrallt.   wer sich jedoch (wie auf dem berühmten life-foto, das so eindrucksvoll ausdrückt, was kunst auch ist:  es zeigt den als fanatischen medievalisten bekannten met-kurator james rorimer mit einer überdimensionierten lupe bei minuziöser inspektion eines p.-werks, damals in fachkreisen anlass für anhaltendes homerisches hohngelächter) vor den 150 hier versammelten werken, muss gar nicht mit lupe sein, nur mit gespitztem interesse ergeht, wird ob der immer wiederkehrenden wiederkehr dieser masche eines grauen ennui opfer.   das der drip-periode (damals von vielen zum konterfei der grossen amerikanischen kraft durch freiheit hochstilisiert;  aber in fast allen seiner protuberierenden drips hat er rechtzeitig vor dem rand eingelenkt, und ich frage mich, ob er nicht wesentlicheres hätte aussagen können, wären diese linien der amerikanischen kraft nicht vor der leinwandgrenze eingeknickt) vorangehende ist in seiner forcierten talentlosigkeit fast unerträglich;  das ihr folgende stellt eine recht eindeutige manifestation der tatsache dar, dass p. am ende war:  sinnigerweise heisst sein letztes werk search.   alles in allem für den bürgersinnigen kunstmuseumsbesucher nicht notwendig die programmgemässe erbauung, das erhebende erlebnis

9    halbwegs im metier zu bleiben:  ludwig mies hat gesagt 'weniger ist mehr', es oft mit seinen durchdiebank schönen und technisch vorbildlichen bauwerken bewiesen (wollte, dass sich postmodern nennende architekten nur halb so viel geschmack, verstand und disziplin hätten und sich nach dem andern merkenswerten mies-wort von dem im detail steckenden teufel richteten).   varnedoe sollte vielleicht gradmal 60 werke genommen haben, es wär eine bessere ausstellung geworden;  retrospektive ist schliesslich rückschau, darf durchaus inzwischen gewonnene einsichten verwerten

l0     varnedoe weiss, dass p.s talent für grosseinsätze nicht genügend luftdruck mitbringt -- aber er ist ja wie sonst alles globalisiert und muss umsatzumsatzumsatz machen;  deshalb werden wir mit werbung erst geduckt, dann gestachelt, und wehe, der besucher traut sich in den shop, in dem, fast so wirklichkeitstreu wie bei disney, aber diesmal tatsächlich im masstab 1:1 die scheune sich repliziert hat, in der p.-selig arbeitete, und die vielen konterfeis drohen, die hans namuth vom arbeitenden p. schoss.  ausser dem zentnerschweren katalog erdrücken ihn dort zum kauf drängende p.-einzel- und sammelphotos, p.-bildbände und gar cds enthaltend all den jazz, der p. während seiner arbeit beflügelt haben soll

ll     ein kritiker schrieb von dankbarkeit für den, bei solch kommerziellem trommelfeuer, verzicht des museums, diese musik über die lautsprecheranlage, und sei es kosten- und kommentarlos, über uns hinzuspulen.   aber musik hin, jazz her, do feit si nix:  p. ist ein unverzichtbarer bestandteil der new yorker schule.   er hat der zeitgenössischen kunst einen wichtigen aspekt hinzugefügt und in seinen mittelspäten werken durchaus gültiges zu sagen.   ich wünschte mir, er hätte es weniger oft, aber mit mehr phantasie gesagt ... aber das stösst mir nur auf, weil herr vornedoe nicht wusste, wo aufhören;  er hätte von unserm wiener lernen können.   p. kann wenig dafür;  wir alle haben unsern affen zu tragen, und können nicht über unsere schatten springen