| Exklusiv: Ein Rhetorikpreis, der
gar keiner ist
Den vor kurzem an Martin Walser vergebenen Preis für die „Rede
des Jahres" gibt es, streng genommen, überhaupt nicht. Es gibt für
diese angebliche Auszeichnung kein Preisgeld, keine Jury oder gar irgendwelche
Statuten. Der Preis wurde daher bisher auch nie verliehen, logisch.
Die Nachricht, das Institut für Allgemeine Rhetorik an der Universität
Tübingen habe Martin Walsers Frankfurter Friedenspreisrede zur „Rede
des Jahres 1998" gewählt, ist eine bewußte Irreführung
der Öffentlichkeit. Das Institut hat überhaupt nichts gewählt,
es war vielmehr, wie Die Gazette von einem Mitarbeiter erfuhr, überhaupt
völlig unbeteiligt an der „Auszeichnung". Urheber des Unfugs ist der
Direktor des Instituts, Professor Dr. Gert Ueding, der in einer mit niemandem
abgesprochenen Einzelaktion die skandalöse Pressemitteilung vom 11.
Dezember in die Welt setzte. Er allein hat diese Ein-Mann-Wahl zu vertreten
und zu verantworten.
Klar, daß er der vernichtenden öffentlichen Kritik auch
ein paar positive Reaktionen entgegenhalten kann, aber sie stammen von
„Privatleuten", zweifellos denselben, die Walsers Rede mit einem maßkrugstampfenden
„Recht hat er!" kommentieren.
Wie schenke ich richtig?
Zwei amerikanische Marketingexperten haben in ihrem neuesten Buch „Why
People Don't Buy Things" die nicht nur weihnachtlich zu Beschenkenden in
drei Kategorien eingeteilt: Denker, Befehlshaber und visuelle Typen.
Denker haben natürlich gern Buchgeschenke, die das Gehirn behandeln,
aber auch kritischen Jazz, von den richtigen Autoritäten empfohlene
Software, neuere High-Tech wie den letzten VW-Käfer oder, bescheidener,
einen Mont-Blanc-Füller.
Befehlshaber bevorzugen eher historische Romane und Biographien, daneben
Sportgeräte, wasserdichte Uhren oder einen tragbaren CD-Spieler.
Visuelle Typen dagegen wünschen sich, klar, großformatige
Fotobände und außerdem eine Polaroidkamera, Designerklamotten
und angeblich auch attraktive Küchengeräte wie einen elektrischen
Teigrührer.
In diesem Sinn: Fröhliche Weihnachten.
NS-Raubzüge und kein Ende
Der Holländer Willem de Vries hat in seinem neuesten Buch „Sonderstab
Musik" (Dittrich Verlag, Köln 1998) ein weiteres Beutegut der Nationalsozialisten
identifiziert: Musikinstrumente. Der Sonderstab beim „Einsatzstab Reichsleiter
Rosenberg" hat allein in den Niederlanden, Belgien und Frankreich über
sechstausend Konzertflügel, Cembali und Spinette geraubt.
Unter den Instrumentendieben (de Vries: „ausgezeichnete Sachkenner
und instinktsichere Nationalsozialisten") hat sich Wolfgang Boetticher
besonders hervorgetan. Er lebt heute als emeritierter Professor in Göttingen.
Er hat nach 1945 zum Zweck seiner störungsfreien Weiterbeschäftigung
nicht nur seine damaligen Aktivitäten kunstvoll verschleiert, sondern
schreckte auch vor Tätlichkeiten nicht zurück, als er 1981 einem
Journalisten, dessen Fragen ihm wohl zudringlich erschienen, das Tonbandgerät
zertrümmerte. Der vierundachtzigjährige „Altdekan" hält
immer noch Vorlesungen, da die Universität bisher keine Möglichkeit
der Entlassung sah.
Boettichers Raubzüge sind inzwischen verjährt.
Analphabeten-Report
Etwa ein Sechstel der Menschheit kann nicht lesen, das sind eine Milliarde
Menschen. Sie können auch nicht ihren Namen schreiben. Zwei Drittel
von ihnen sind Frauen und Mädchen. Betroffen ist nicht etwa nur die
Dritte Welt: Auch in vielen Industrieländern gehen vierzig Prozent
der Schulabsolventen ohne ausreichende Schreib- und Rechenkenntnisse ins
21. Jahrhundert.
In der Konvention über die Rechte des Kindes von 1989 zählen
diese Fähigkeiten zu den Menschenrechten.
Die Zahlen stehen im neuesten UNICEF-Bericht von Carol Bellamy.
Für den nötigen Unterricht wären zehn Jahre lang knapp
zwölf Milliarden Mark pro Jahr aufzuwenden, „weniger, als in einem
Jahr in den USA für Kosmetika oder in Europa für Speiseeis ausgegeben
wird".
Himmlers „Mein Kampf"
Mit siebenundzwanzig Jahren hielt Heinrich Himmler sein persönliches
Exemplar von Hitlers „Mein Kampf" in Händen.
Was er da las, behagte ihm ganz offensichtlich, seine Unterstreichungen
und Anmerkungen im Buch belegen es.
So unterstrich er etwa die Stelle, in der Hitler die makabre Rechnung
aufmacht, das Vergasen von zwölf- bis fünfzehntausend Juden hätte
Hunderttausenden deutscher Soldaten im Ersten Weltkrieg das Leben gerettet.
Und zur behaupteten Gefahr einer „Rassenmischung" setzte er eigenhändig
die Bemerkung an den Rand, daß nunmehr die Möglichkeit einer
„Rassenentmischung" durchaus zur Verfügung stünde.
Das Exemplar wurde von einem anonymen Spender, der es im Besitz seines
verstorbenen Vaters fand, dem Museum of Jewish Heritage in New York vermacht.
Es soll demnächst in einer Ausstellung auch dem Publikum präsentiert
werden.
Carrolls „Alice in Wonderland"
Die Erstausgabe von „Alice in Wonderland" 1865 ist vermutlich in nur
sechs Exemplaren vorhanden. Je eines gibt es in der Schweiz und in England
und vier in den USA. Die Auflage wurde nämlich zurückgezogen,
nachdem der Illustrator John Tenniel sich über die schlechte Qualität
der mittlerweile weltberühmten Abbildungen beschwert hatte.
Ein Exemplar, Carolls eigenes Archivexemplar, erzielte soebenauf einer
Auktion bei Christie's die irrwitzige Summe von 1,54 Millionen Dollar.
Das Buch, in rotes Leder gebunden enthält Anmerkungen des Autors in
lavendelfarbener Tinte und zehn Originalillustrationen von Tenniel.
Zum Verkauf kam auch Carrolls höchstpersönliches Foto der
sechsjährigen Original-Alice: für zweiundsechzigtausend Dollar.
Sechshundertfünfzig Prozent Wertzuwachs
Offenbar braucht eine Firma nur ein „.com" an ihren Namen zu hängen,
und schon fliegt ihr Wert hoch ins Irrationale. In den vergangenen zwölf
Monaten ist der Aktienwert von America Online um dreihundertvierzig und
beim Suchdienst Yahoo um fünfhundertachtzig Prozent gestiegen. Beide
übertrifft der Online-Buchhandel amazon.com, dessen Aktienwert gegenüber
dem Vorjahr das Sechseinhalbfache beträgt. Dabei macht amazon.com
noch gar keinen Gewinn, erwartet auch keinen vor dem Jahr 2001. Woher also
der Wertzuwachs?
Mehrere Gründe: Amazon hat immerhin enorme Umsatzsteigerungen
vorzuweisen. Darüber hinaus verfügt die Firma über eine
ausreichende Kapitaldecke und gegenwärtig über einen Stamm von
4,5 Millionen Kunden (sechsunddreißig Prozent mehr als im Juli des
Jahres), und die meisten von ihnen sind Mehrfachkäufer. Und dann verkauft
Amazon auch Musik-CDs für etwa sechzig Millionen Dollar im Jahr.
Es zahlt sich also aus, daß die Firma der erste Online-Buchladen
im globalen Dorf war. Das Verhalten vieler Internet-Nutzer kommt hinzu:
Wenn sie mit einem Internet-Dienst einmal zufrieden ist, ändern sie
ihre Gewohnheiten kaum noch.
Bibliomaner Auftragsdiebstahl
Aus
der Bibliothek der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Krakau wurde
am 24. November die Erstausgabe von Kopernikus' „De revolutionibus" gestohlen
(ein anderes Exemplar desselben Buches war vor einigen Monaten aus einer
Bibliothek in Kiew verschwunden). Die Polizei vermutet einen Sammler als
Auftraggeber, da der Band zu bekannt und absolut unverkäuflich ist.
Sein daher nur fiktiver Marktwert wird auf zweihundertfünfzig- bis
fünfhunderttausend Mark geschätzt.
Die Abbildung zeigt das heliozentrische Weltbild, die berühmteste
Skizze des Buches.
Der Dieb, ein Bibliotheksbenutzer von etwa vierzig Jahren, saß
eine Weile mit dem berühmten Buch am Tisch, ging dann angeblich nur
mal kurz auf die Toilette und wurde nicht mehr gesehen. Der Kopernikus
auch nicht. Die Aufsichtsdame sah zwar noch ein Buch auf dem Tisch liegen,
aber das war nur ein Karton-Imitat.
Die Belohnung wurde auf fünftausend Mark festgesetzt.
Chinesischer Schriftsteller vor Gericht
Genaugenommen stand nicht der achtundzwanzigjährige Liu Xianli
vor dem Richter, sondern ein Buch, das er nicht nicht einmal geschrieben
hat („Die innigsten Wünsche der Demokraten Chinas").
Der Autor war im März dieses nach Peking gefahren, um Xu Wenli,
einen bekannten Dissidenten, für das Buchprojekt zu interviewen. Er
wurde verhaftet und sitzt seitdem im Gefängnis. Im November warf ihm
das Gericht nun „den geplanten Umsturz der Regierung" vor. Die Sitzung
war auf chinesische Weise „öffentlich": Sechs Personen saßen
auf der Zuhörertribüne, und alle sechs waren Abgesandte von Regierungsstellen
(laut Xu Wanlin, Lius Anwalt). Das Verfahren dauerte nur einen Tag und
endete ohne Urteil.
Danach wurde der Autor wieder ins Gefängnis zurückgebracht.
Zielperson: John Steinbeck
In jetzt freigegebenen Akten des FBI ist nachzulesen,
weshalb - wie viele andere Intellektuelle - in den sechziger Jahren auch
John Steinbeck ins geheimdienstliche Visier kam.
Ein „Memorandum" vom 20. Juli 1965 zeichnet die verdächtigen Tatbestände
auf. Schon 1942 habe er dem FBI geschrieben, Edgar Hoovers „boys" hielten
ihn wohl für einen feindlichen Ausländer: „Das wird allmählich
ermüdend." Seine Frau Carol („geschieden 1943") wird als eingeschriebene
Kommunistin enttarnt. Als besonders verwerflich gilt offenbar, daß
seine „Früchte des Zorns" von „verarmten Gastarbeitern" handeln und
„die schmutzige Seite des amerikanischen Lebens" schildern, so daß
die Werke von den „Feindern der Vereinigten Staaten (sowohl Nazis als auch
Sowjets) breit gestreut werden". Eine „verläßliche Quelle" teilte
dem FBI auch mit, daß Steinbeck von der sowjetischen Zeitschrift
Novy Mir ein Honorar von vierhundertzwanzig Dollar erhalten habe. Ausführlich
studiert haben die Agenten sein Buch „The Winter of Our Discontent": Sie
lesen da einen Angriff auf einen fiktiven, aber vom FBI ausgebildeten Polizeichef
heraus, obwohl das im Text nicht ausgeführt wird, wie sie selbst zugeben;
der „aufmerksame Leser kann aber nicht anders, als die Verbindung [zum
FBI] herzustellen".
Eine schreibfreudige Familie
Fidel Castros zweiundvierzigjährige uneheliche Tochter Alina Fernández
hat mit ihrem Buch „Ich, Alina. Mein Leben als Fidel Castros Tochter" für
Aufregung gesorgt: Sie enthüllt darin ihren Vater als Dieb, ihren
Großvater als Mörder (er soll seine Landarbeiter auf den Zuckerrohrfeldern
einfach umgebracht haben, weil er sie nicht bezahlen wollte) und ihre Großmutter
als Hexe. Ihre Quellen will sie nicht angeben, aber das seien alles, sagt
sie, „die Geschichten, mit denen ich aufgewachsen bin".
Nun hat Castro auch noch eine Frau, Juanita mit Namen. Auch sie hat
ihn aus politischen Gründen verlassen (1964) und lebt heute in Florida,
aber auf die Familie will sie nun doch nichts kommen lassen. „Das Buch
besteht aus lauter Lügen", sagte sie über „Ich, Alina", „ich
bezweifle sogar, daß sie wirklich Castros Tochter ist. Ich kann zwar
verstehen, was manche dieser Autoren in ihre Bücher schreiben. Aber
ihnen ist nicht klar, daß sie damit eine ganze Familie verletzen,
die an dem, was Castro in Kuba getan hat, unschuldig ist. Und diese Frau
geht einfach zu weit."
Frau Castro trägt sich mit dem Gedanken, einen Gegenbuch zu schreiben:
„Das Beste wäre, auf die Ungeheuerlichkeiten und Lügen in diesem
Buch und vielen anderen, die uns tief beleidigt haben, mit einer Gegendarstellung
zu antworten."
Erdichtete Wahrheit
Die Aufregung über das Buch „Bruchstücke. Aus einer Kindheit"
von Binjamin Wilkomirski (1995) nimmt noch immer kein Ende. Und sie hat
etwas Ungutes, auf beiden Seiten.
Der
Autor behauptet in „Bruchstücke" (aus dem Deutschen in mittlerweie
mindestens zwölf Sprachen übersetzt), er sei mit drei oder vier
Jahren in ein Konzentrationslager in Polen gekommen und habe beobachtet,
wie man dort seinen Vater totgeschlagen hätte. Dies und andere tatsächliche
Details seien ihm im Lauf einer Therapie wieder zu Gedächtnis gekommen.
Schon in einem „Nachwort" der deutschen Originalausgabe gibt der Autor
an, daß sein Geburtsdatum („1941") bei den Schweizer Behörden
„nichts mit der Geschichte dieses Jahrhunderts oder meiner persönlichen
Geschichte zu tun hat". Die dortigen Unterlagen seien von einer inzwischen
verstorbenen Person ausgetauscht worden. In Wahrheit, so auch der Verleger,
sei er 1939 geboren und stamme er aus Lettland.
Die Urkunden dagegen weisen ihn als das uneheliche Kind einer Schweizerin
aus, das ein Zürcher Ehepaar dann adoptiert habe. Und: Die Akten einer
Zürcher Schule zeigen den Autor 1947 als Erstkläßler, wohingegen
Wilkomirski dabei bleibt, erst 1948 in die Schweiz gekommen zu sein.
Einerseits nährt das alles den Verdacht, der Autor habe mit äußerst
unerlaubten Mitteln seine Dichtung mit höherer Wirksamkeit versehen
wollen. Andererseits: Spielt das für den Wert oder Unwert des Buches
wirklich eine so große Rolle?
Kein Salinger-Film
Der iranische Film „Pari" (1995), nach dem Roman „Franny and Zooey"
von Jerome D. Salinger, wurde auf den Festival des iranischen Films im
New Yorker Lincoln Center Im vergangenen November nicht gezeigt.
Begründung: Der iranische Regisseur Dariush Mehrjoui, hat „Pari"
ohne Salingers Genehmigung gedreht. Er gibt zu, der Film beruhe „locker"
auf Salingers Buch. Er gibt an, deshalb mehrmals an den zurückgezogen
lebenden Autor geschrieben zu haben; nachdem er keine Antwort erhalten
habe, hielt er dessen stillschweigendes Einverständnis für gegeben.
„Diese Reaktion ist wirklich einigermaßen überraschend", meinte
Mehrjoui. Und: „In unserem Land kennen wir kein Copyright." Ja dann.
Das wahre Jahrtausendbuch
„Voraussagen für das nächste Jahrtausend" nennt sich ein Buch,
das David Kristof und Todd Nickerson etwas zu rechtzeitig herausgebracht
haben.
Um es nicht selber schreiben zu müssen, baten sie sechstausend
Prominente um deren Schau in die Zukunft zwischen 2001 und 3000. Auf angeblich
sechstausend Anfragen bekamen sie immerhin sechshundertfünzig Antworten.
Zweihundertfünfzig davon stehen nun in ihrem Buch. Nicht alle sind
erfreulich.
John Gielguds Antwortpostkarte zum Beispiel konnten sie erst einmal
gar nicht lesen; sie sah aus wie mit der Zigarrettenkippe geschrieben.
Erst als sie sie auf Wandgröße aufgeblasen hatten, war sie zu
entziffern: „Nachdem aus jedem Teil der Welt Probleme auf uns einzustürmen
scheinen, kann ich darum beten, daß wir im nächsten Jahrtausend
auf friedlichere Lösungen hoffen dürfen, damit die Zukunft nicht
mehr so sehr durch bedrohliche Störungen gefährdet ist." Düsterer
noch James Michener: Er hat „nicht viel Hoffnung" hinsichtlich einer „Verbesserung
der Menschheit" und der Vermeidung künftiger Kriege.
Andere sehen neue, alles vernichtende Viren und Krankheiten voraus,
Umweltkatastrophen, blutige Religions- und Rassenkonflikte, globale Übervölkerung
und Massenarmut „und andere tödliche Erbschaften dieses Jahrhunderts".
Auch einige Annehmlichkeiten werden erwartet: eine einzige Währung
für die ganze Welt, die Beherrschung der Fettablagerung im Körper,
rasenmähende Roboter und eine allgemeine Lebenserwartung von hundert
Jahren. Naja.
Vermutlich eines der überflüssigseren Milleniumbücher.
National Book Award vergeben
Thomas Wolfe, der mit „A Man in Full" seit Wochen die Bestsellerlisten
anführt, war nicht der Favorit für den angesehenen Preis, sondern
auch ein guter Verlierer und gratulierte öffentlich der Preisträgerin:
Alice McDemott, Autorin von „Charming Billy". Der Vorstzende der Jury,
Thomas Mallon, gab zu erkennen, man habe eher „Verhaltenheit" prämiieren
wollen als „Pferdestärken" (was als deutliche Anspielung auf Wolfe
verstanden wurde). „Charming Billy" erzählt die Schicksale einer irischen
Familie in New York.
„Ich würde meine irische Herkunft verleugnen", sagte die Autorin
nach der Preisverleihung mit leiser Stimme, „wenn ich das hier für
eine gute Sache hielte. Ich höre förmlich meine Großmutter,
wie sie zu mir sagen würde: Laß dir das mal nicht zu Kopf steigen.
Nein, ich bleibe mit Entschlossenheit bei meiner irischen Bescheidenheit."
Der Preis ist denn auch mit nicht gerade überwältigenden
zehntausend Dollar dotiert. |
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Die Kamel-Bibliothek
Das Kamel ist für den Muslim ein geradezu heiliges
Tier. Manche glauben, wenn man es aus einem bestimmten Winkel betrachtet,
bildet sein Umriß die Buchstaben von Allahs Namen.
Und nützlich ist es außerdem. In Kenia transportieren
jetzt zwei Kamele in Holzkisten zweihundert englischsprachige Bücher
in ein entlegenes Zeldorf, das nicht einmal mehr mit dem Landrover erreichbar
ist. Zwei Dutzend Kinder sitzen unter Akazienbäumen und in Zelten
und vertiefen sich in die lang erwartete Lektüre, obwohl der „Bibliothekar"
die Lesenden gewarnt hat, sie müßten ihm das Gelesene hinterher
mündlich wiedergeben.
Die erste und bisher einzige Kamel-Bibliothek der Welt
ist fünf Tage pro Woche unterwegs und kann ein paar Dutzend Menschen
des Distrikts Garissa im Abstand von vierzehn Tagen mit Büchern versorgen.
„Die Nachfrage", sagte einer der Organisatoren", „ist so groß, daß
wir sie nicht befriedigen können. Die Zeit, als man noch annahm, Nomaden
lesen nicht, ist seit langem vorbei."
Somerset-Maugham-Briefe in Boston
Die Korrespondenz zwischen Somerset Maugham und Rudyard
Kipling, H. G. Wells, T. S. Eliot, Henry Miller und anderen wird zum ersten
Mal in der Bostin University öffentlich ausgestellt. Die Universität
hat die mehr als fünfhundert Dokumente vor zwei Jahren auf einer Auktion
bei Sotheby's erworben. Sie ergänzen einen schon umfangreichen Bestand,
in dem sich bereits Briefe von Jean Cocteau, Henry Moore und Winston Churchill
an den Schriftsteller befinden.
Alain Delon ist unzufrieden
Der Schauspieler
hätte gern die Veröffentlichung seiner Biographie verhindert.
Die Auslieferung des Buches, Autor: Bernard Violet, war bereits im August
gestoppt worden. Jetzt hat ein Pariser Gericht die Biographie jedoch freigegeben.
Auch die von Alain Delon dreihundertfünfzigtausend Francs Schadensersatz
wurden ihm nicht bewilligt.
Was ihn besonders an dem Buch ärgerte, war die Schilderung
seiner Beziehungen zur Unterwelt und zu dubiosen Politikern. Das sei nichts
anderes, meinte er, als eine „Mülltonnen-Reportage".
Die Bibel in Schlagzeilen
In London kam soeben die Bibel in einer uns allen vertrauten
Textform neu heraus: als Zeitungsbericht.
Der Schöpfungsbericht steht dann etwa unter der
Überschrift: „Gott sei Dank: Er erfindet das Wochenende." Das Schicksal
der Israeliten in Ägypten ähnelt einer ethnischen Säuberung:
„Verschärfte Bevölkerungspolitik des Pharaoh". Oder wenn Moses
von Sinai zurückkommt: „Die neuen Gebote Moses': Ehebruch illegal."
Und die Auferstehung wird so gemeldet: „Von wegen kaltgestellt: Weitere
Jesus-Begegnungen gemeldet."
Nick Page, der Autor (bei HarperCollins), nennt sich
„einen gläubigen Christen" und hält die Bibel in dieser Aufmachung
für „zugänglicher": „Jetzt lesen die Leute sie vielleicht wirklich.".
Und die Kirche von England gibt sich zeitgemäß
liberal: „Es ist immer gut", sagte ein Sprecher, „verschiedene Wege der
Bibelverbreitung zu gehen."
Die Siebenlinge als Buch
Sieben Geschwister hatten am 19. November ihren ersten
Geburtstag, alle auf einmal: die Siebenlinge der Familie McCaughey in Des
Moines (Iowa). Gefeiert wurde er im Geburtskrankenhaus, mit den Schwestern
und Ärzten. Den neun Wochen zu früh Geborenen, zwei Mädchen
und fünf Jungen, geht es - abgesehen von normalen Kinderkrankheiten
- ausgezeichnet.
Am 19. November ist nun auch das Buch über die Siebenlinge
erschienen. Titel: „Seven from Heaven."
Eine Grenze der Schnüffelei
„Es ist nicht hinnehmbar", sagte der demokratische Abgeordnete
Conyers bei der Vernehmung Starrs durch den Rechtsausschuß, „Mütter
zu zwingen, gegen ihre Töchter, oder Anwälte, gegen ihre Klienten
auszusagen, von Secret-Service-Leuten Aussagen gegen diejnige Person zu
machen, die sie beschützen, oder von Buchläden Aussagen darüber
zu verlangen, was ihre Kunden lesen. Nicht nur ich, auch viele andere sind
der Meinung, daß Mr. Starr die Grenze zur Besessenheit überschritten
hat."
Erstmals Jüdische Buchmesse in Polen
Am 16. November wurde die erste Jüdische Buchmesse
in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnet. Sie dauerte zwar nur
vier Tage, zog aber mehrere tausend Besucher an.
Während vor 1939 noch 3,5 Millionen Juden in Polen
lebten, sind es heute nur zwanzigtausend. Viele der Holocaust-Überlebenden
verließen das Land nach den antisemitischen Maßnahmen der kommunistischen
Regierung 1956 und 1968.
Das Internet-Geschäft läuft
Im ersten Halbjahr 1998 haben laut Nielsen Research weltweit
zwanzig Millionen Kunden im Internet eingekauft, doppelt so viele wie im
gleichen Zeitraum des Vorjahres. 5,6 Millionen haben dabei Bücher
gekauft (4,4 Millionen Computer und rund vier Millionen Software).
Nach einer Untersuchung von FirstSurf , Internetsoppingstudie
89/99, liegt der Anteil der Bücher an den gekauften Waren nur knapp
hinter Hard- und Software (62 Prozent) bei 50 Prozent. Erst weit dahinter
folgen CDs und Schallplatten, Kleidung, Reise- und andere Tickets oder
Unterhaltungslektronik.
Literarischer Kalender
Am 2. Dezember 1814 stirbt der Marquis de
Sade mit vierundsiebzig Jahren im Hospiz in Charenton bei Paris.
In seinem Testament bestimmt er, daß sein Sarg achtundvierzig Stunden
lang geöffnet bleiben soll, damit der Tod definitiv festgestellt werden
kann.
Am 2. Dezember 1867
gibt Charles Dickens seine erste Lesung
in New York: Die Schlange für die Eintrittskarten ist über einen
Kilometer lang.
Am 3. Dezember 1857 wird Joseph
Conrad (Josef Teodor Konrad Nalecz Korzeniowski) in Berdichev
in der damals polnischen Ukraine geboren.
Am 3. Dezember 1947 wird „Endstation Sehnsucht" von Tennessee
Williams zum erstenmal mit Marlon Brando und Karl Malden aufgeführt.
Es folgen achthundertvierundfünfzig Wiederholungen.
Am 4. Dezember 1795 wird Thomas
Carlyle geboren. Fast das gesamte Manuskripte seiner Geschichte
der französischen Revolution" wird später versehentlich von seinem
Diener verbrannt; das Buch, neugeschrieben, kann erst 1837 erscheinen.
Am 4. Dezember 1875 wird Rainer
Maria Rilke in Prag geboren.
Am 6. Dezember 1797 wird Madame
de Staël Napoleon vorgestellt, der von diesem Augenbllick
an eine lebenslange Antipathie gegen sie pflegt.
Am 6. Dezember 1961 stiebt Frantz
Fanon („Die verdammten dieser Erde") in Washington, D. C.
Am 7. Dezember 1985 stirbt der englische Dichter und
Gelehrte Robert Graves in Spanien.
Am 8. Dezember 65 v. Chr. wird Horaz
in Venusia (Apulien) geboren.
Am 8. Dezember 1894 wird James
Thurber in Columbus, Ohio, geboren.
Am 9. Dezember 1608 wird John
Milton in Cheapside, England, geboren.
Am 9. Dezember 1848, sechs Wochen nach der Schlacht von
Balaklava, veröffentlicht Alfred Lord Tennyson
„The Charge of the Light Brigade".
Am 10. Dezember 1896 hat „Ubu Roi" von Alfred
Jarry unter lauten Publikumsprotesten in Paris Premiere.
Am 10. Dezember 1946 stirbt Luigi
Pirandello in Rom.
Am 11. Dezember 1810 wird Alfred
de Musset (Heine: „ein junger Mann mit einer vielversprechenden
Vergangenheit") in Paris geboren.
Am 12. Dezember 1821 wird Gustave
Flaubert in Rouen geboren.
Am 12. Dezember 1889 stirbt Robert
Browning in Venedig; er wird in der Westmister Abbey in London
beerdigt.
Am 13. Dezember 1797 wird Heinrich
Heine in Düsseldorf geboren.
Am 14. Dezember 1895 wird Paul
Éluard in Saint-Denis bei Paris geboren.
Am 15. Dezember 1815 erscheint Jane
Austens „Emma", einen Tag vor dem vierzgsten Geburtstag der
Autorin.
Am 15. Dezember 1936 schickt George
Orwell das Manuskript von „The Road to Wigan Pier" an seinen
Verleger und fährt nach Spanien, um dort am Bürgerkrieg teilzunehmen.
Am 16. Dezember 1899 wird Noel
Coward in Teddington (Middlesex, England) geboren.
Am 17. Dezember 1843 wird Charles
Dickens' „A Christmas Carol" veröffentlicht.
Am 17. Dezember 1987 stirbt in Northeast Harbor (Maine,
USA) Marguerite Yourcenar, die erste
Frau in der Académie Française.
Am 19. Dezember 1686, nach „achtundzwanzig Jahren, zwei
Monaten und neunzehn Tagen" verläßt Robinson
Crusoe seine Insel.
Am 19. Dezember 1848 stirbt mit dreißig Jahren
Emily
Brontë in Haworth, drei Monate nach dem Begräbnis
ihres Bruders Branwell.
Am 20. Dezember 1968 stirbt John
Steinbeck in New York.
Am 21. Dezember 1375 stirbt Giovanni
Boccaccio in Certaldo (Toskana).
Am 21. Dezember 1549 stirbt Margarete
von Angoulême in Odos-Bigarre.
Am 21. Dezember 1940
stirbt F. Scott Fitzgerald mit 44 Jahren
in Los Angeles.
Am 22. Dezember 1639 wird Jean-Baptiste
Racine in Le Ferte-Milon (Nordfrankreich) geboren.
Am 22. Dezember 1880 stirbt George
Eliot, einundsechzig Jahre alt, in Chelsea.
Am 22. Dezember 1989 stirbt Samuel
Beckett in Paris
Am 23. Dezember 1597 wird Martin Opitz geboren.
Am 23. Dezember 1896 wird Prinz Guiseppe
di Lampedusa in Palermo geboren.
Am 24. Dezember 1863 stirbt William
Makepiece Thackeray mit zweiundfünfzig Jahren in London.
Am 25. Dezember 1887 unternimmt Maxim
Gorky, achtzehnjährig, einen Selbstmordversuch.
Am 25. Dezember 1938 stirbt Karel
Capek in Prag.
Am 26. Dezember 1716 wird der Lyriker Thomas
Gray
in London geboren.
Am 26. Dezember 1891
wird Henry Miller in New York geboren.
Am 28. Dezember stirbt Theodore
Dreiser mit dreiundsiebzig Jahren in Los Angeles.
Am 29. Dezember 1170 wird Bischof Thomas
Becket am Altar der Westminster Abbey ermordet.
Am 30. Dezember 1865 wird Rudyard
Kipling in Bombay geboren.
Am 31. Dezember 1936 stirbt Miguel
de Unamuno mit zweiundsiebzig Jahren in Salamanca. |