Die Gazette Nr. 9, Dezember 1998:

Marginalie

Worte des Jahrhunderts
oder die unausweichliche Klein(l)ichkeit des Seins

Worte des Jahrhunderts wird es am Ende desselben vermutlich im Rahmen der allgemeinen Minimalisierung und Analytik gar nicht mehr geben; nur ein (Versatz- )Stück, ein kleines (vermutlich digitales), zunächst als nicht mehr weiter verkleinerbar angesehenes Teil; ein Atom des Wortes.
Den Ton.
Wir sollten uns also als analytische Endtausendneunhundertneunziger nicht mehr daran wagen, gleich ein ganzes Wort eines Jahrhunderts zu finden, sondern zunächst mal einen Ton.
Das hohe G einer Stradivari? „fidél" - falsch! Das wäre vielleicht einTon des 17. Jahrhunderts, aber damals hat man in einer heute (außer bei Politikern) anmaßend erscheinenden Weise ja noch von ganzen Jahrhundertwerken oder -Kompositionen (oder -Reformen) gesprgesprochen.
Das zweigestrichene C der Maria Callas?  „trailler" ;
der Schallmauerdurchbrechungsknall des ersten (s)teuer-bezahlten Eurofighters kurz vor der endgültigen Abschaffung? „drhöhn";
der letzte Hauch des letzten Exemplars der Goldammer? „fieps" (man wird sich kurz noch einmal daran erinnern, daß es Ende des Jahrhunderts sogar einen deklarierten Monat - oder war es ein Jahr - der Goldammer gegeben haben soll).
Nein, nein, nein! Viel zu unwichtig, viel zu speziell, zu wenig repräsentativ. Wir alle wissen, es gibt ihn, den epochalen den besonders repräsentativen, intergalaktischen, nachgerade supercoolen Wahnsinns-Ton!
Wir hören ihn immer und überall, in Postkarten, U-Bahnen, Opernhäusern,  Schwimmbädern, Lesehallen, Saunas, Sportvereinen, Bars , Küchenstudios, Schlafzimmern Internet-Cafes und Rotary-Clubs. Im Auto, im Büro,  im Kühlschrank, im Flugzeug. Aus Digitaluhren, Telefonen, Fernsehern,  Babyrasseln, Automaten, Feuerzeugen, Autos, Kondombehältern, Kontrollkonsolen, Radioweckern, Leitsystemen, Colliers, Bankschaltern  und Regenschirmen.
Immer, dauernd, überall. „Piep" oder besser: „peep". Vermutlich wird dann im nächsten Jahrhundert und Jahrtausend einer kommen und die unsägliche Anmaßung anprangern, einen ganzen Ton, der doch aus so vielen Ober- Unter- und Zwischentönen, ganz zu schweigen von  Digits, Bytes und Bits bestehe, als repräsentativ für ein Jahrhundert zu definieren.  Átomós heißt eben nicht unspaltbar, wie wir in diesem Jahrhundert schon einmal erfahren haben: „Boom".

Mathias Wendeborn

PS
Für den (wahrscheinlichen) Fall der GAA (der größten anzunehmenden Anmaßung) wurden die Kandidaten zur Wahl des Word of the Century kursiv hervorgehoben.