Die Gazette Nr. 9, Dezember 1998:

Leseproben
 
Ein unentbehrliches Kompendium

Philippe Ariès' „Geschichte des Todes" erregte in den achtziger Jahren Aufmerksamkeit, vor allem weil er beredt vom „gezähmten Tod" des Mittelalters sprach, als das unausweichliche Ereignis noch in begleitende Rituale und soziale Kontexte eingebunden war und noch nicht - das moderne Horrorbild - einsam und an den Schläuchen der Intensivstation geschah. Und sprach nicht das Neue Testament von der Freude, im Tod das „Gesetz" und den nur menschlichen Tod zu überwinden? Wurden die Menschen des christlichen Mittelalters also weniger als wir von Sterben und Tod erschüttert? Hören wir eine Stimme des 12. Jahrhunderts: Bernhard von Clairvaux, der selbst den Tod „kostbar" und wie der Psalm 116 „wertvoll" genannt hat und der dann nach dem Tod seines Bruders die Predigt nicht mehr zu Ende bringen kann. „Die Trauer", sagt er auf der Kanzel, „zwingt, Schluß zu machen, das Unglück, das mich getroffen hat. Wie lange soll ich mich noch verstellen? ... Bislang habe ich meinem Gefühl Gewalt angetan und konnte mich bis jetzt verleugnen, um nicht den Eindruck zu erwecken, als hätten die Gefühle den Glauben besiegt. Andere weinten - ich folgte, wie ihr sehen konntet, trockenen Auges dem schrecklichen Leichenzug. Trockenen Auges stand ich am Grab, bis die ganze Beerdigungsfeier vorüber war. ... Den Tränen konnte ich gebieten, der Traurigkeit nicht. ... Der unterdrückte Schmerz setzte sich nur um so tiefer im Innern fest; immer bitterer wurde er - ich fühlte es -, je weniger er sich nach außen Luft machen durfte. Ich gestehe, ich bin besiegt. Es muß hinaus, das Leid, das drinnen ist."Hier spricht ein anderes Mittelalter zu uns, kein dogmatisches Lehrgebäude, sondern ein „Mensch in seinem Widerspruch". Die Stelle ist typisch für den Stil von Angenendts Religiositätsgeschichte: Es bringt, wie er es sich bei diesem Buch zu einer zwanzigjährigen Mammutaufaufgabe gemacht hat, das Mittelalter selbst zum Sprechen. Sein wissenschaftliches Ziel ist die Darstellung der fast tausendjährigen Epoche (die in modischer Begeisterung gern romantisiert oder auch monolithisch „finster"gesehen wird) als eines bewegten und bewegenden „Prozesses". Er führt dazu deutlicher aus: 
Für eine Gesamteinschätzung des Mittelalters und seines spezifischen Charakters ist zunächst auf jene Geschichtstheorien zu verweisen, die den Beginn des Mittelalters durch den Untergang der hohen Geistigkeit der Antike gekennzeichnet sehen und dabei ein Wiederaufleben jener „archaischen" Mentalitäten konstatieren, aus denen sich zuvor einmal die griechische Philosophie wie auch der israelische Prophetismus erhoben hatten. Aber das ist nicht alles. Latent blieben auch „achsenzeitliche" Momente lebendig. Genau dieser Widerstreit ist das religionsgeschichtliche Problem des Mittelalters. Zunächst ist es die Rückläufigkeit, die dem Mittelalter in aller „aufklärerischen" Forschung den pointiert negativen Stellenwert eingebracht hat, seine „Finsternis". Dann aber ist es die Wiedergeburt zu einer neuen „Helle", die das Mittelalter zu einer Epoche ganz eigener Art werden ließ. Dem Betrachter stellt sich die herausfordernde Doppelaufgabe: zum einen, welchen Reduktionen das antike und christliche Erbe im Mittelalter unterworfen wurde und welche Umformungen oder - je nach Beurteilungsweise - welche Deformationen sich dabei vollzogen; zum anderen, welche Neuaufbrüche und Vorwärtsschübe das Mittelalter hervorzubringen vermochte. Neben den „Verlusten" ist darum ebenso der „Gewinn" zu registrieren, der in der Regel ein „Wiedergewinn" ist. Das sind die „Renaissancen", zuerst die karolingische, dann die des 12. Jahrhunderts und endlich die allein so benannte „Renaissance" der frühen Neuzeit. Gerade in diesen „Rückwendungen" vollzogen sich die stärksten Entwicklungsschübe, angetrieben von dem Verlangen nach Verstehen, nach rationaler Begründung und ethischer Intentionalität. 
Dieses Thema wird nun in allen Formen der Religiosität und mit einem überreichen Angebot originalen Quellenmaterials herausgearbeitet. Es ist hier unmöglich, eine umfassende Aufzählung der einzelnen Kapitel zu geben; daher nur eine Auswahl an Überschriften: Engel und Teufel, Bibel und Theologie, Raum und Zeit, Der Mensch und die Familie, Die Gemeinde und die Gemeinschaft, Christliche Einheit und Universalität, Die Liturgie (ein eigener Abschnitt mit sechs Kapiteln), Gnade und Sünde (vier Kapitel), Sterben, Tod und Jenseits.Ein Gedankengang, und zwar zur Gesinnungsethik, sei hier knapp nachgezeichnet. Urtümliche Religionen, schreibt Angenendt, kannten nur den Frevel, der das Gleichgewicht der Welt stört, ganz unabhängig von der Intention oder der Bewußtheit des Täters. Bereits die griechische Antike hatte dagegen die sittliche Bewertung einer Tat von der äußeren Sachlage zur inneren Absicht verschoben. Diese „Dominanz des Bewußt-Intentionalen" geht im Frühmittelalter verloren: „In einer altdeutschen Beichte wird beispielsweise um Verzeihung gefleht für Sünden, die ‘ich wissentlich oder unwissentlich, gezwungen oder frei, schlafend oder wachend, am Tag oder bei Nacht begangen habe'." Erst mit Abaelard tritt hier eine Wende ein, seine kategorische Feststellung lautet: „Nicht in der Handlung, sondern in der Absicht besteht Verdienst oder Lob." Differenziert beurteilt der Autor hierbei die Scholastik. Zwar habe sie - durch die Erhebung dieser Ansicht zur herrschenden Lehre - einen „bedeutenden (Rück)Gewinn" gebracht, gleichzeitig habe jedoch ihr von allen Lebensmetaphern gereinigtes Begriffssystem „die Versprachlichung dieser Erfahrung ‘wie mit einem Male ausgelöscht'". Erst im Spätmittelalter kommt die Intentionalität wieder zu ihrem vollen Recht. Insbesondere den Mystikern galten die kasuistischen Bußkataloge als Verirrung. „Einen Armen, Fremdling oder Unbekannten aus Liebe zu mir aufzunehmen", läßt Seuse Gott zum Sünder sprechen, „ist mir lieber und dir nützlicher, als wenn du drei Tage in der Woche fastest und sechs Jahre lang bei Wasser und Brot lebst." Was hier vor unseren Augen entsteht, ist ein Zeitalter aus drängenden, oft nur vorübergehend gelösten, aber existentiellen Problemen, in einer heute undenkbaren und zumeist furchtlos ausgehaltenen Spannung. Mit Genauigkeit und Scharfsicht, mit hoher Argumentationsdichte und immenser Quellenkenntnis geht der Autor alle diese Fragen der Religiosität an, auch uns Heutigen so verdächtige und unverständliche Erscheinungen wie den Reliquienkult, den Hexenglauben oder den Ablaßhandel. Von diesem, werden wir aufgeklärt, profitierte nicht so sehr „die Kirche", sondern Gemeinschaftsprojekte wie ein Dombau oder - dann bisweilen nicht ausgeführte - Kreuzzugsprojekte: Grundsätzlich erhielt der Papst nur ein Drittel der Summen, bei Kreuzzügen sogar überhaupt nichts. Zur Ketzerverfolgung erfahren wir, daß in vielen Fällen das aufgebrachte „Volk" die Verbrennung der „Schuldigen" aus Furcht vor der zu großen Milde der Bischöfe selbst in die Hand nahm. Und der berüchtigte „Hexenhammer" von 1487 ist nicht etwa der grausige Höhepunkt der Verfolgung, sondern sollte im Gegenteil „die Dringlichkeit einer erneuten Inquisition" nachweisen, zu einem Zeitpunkt, als es schon keine Inquisition mehr gab.In Bezug auf eine andere Unmenschlichkeit hat sich das Christentum sogar vorbildlich verhalten: die Sklaverei. Es hat sie, wegen der Gleichheit aller Menschen vor Gott, nicht aus der Antike übernommen und dadurch „zu jenem tiefen Wandel in den Grundlagen der Gesellschaft beigetragen, der in der Folge für die Geschichte des Abendlandes die größte Bedeutung gehabt hat". Angenendt fügt dieser Beurteilung hinzu: „Man darf dieses Faktum weder überschätzen noch auch unterschätzen." Zwar nicht mehr der Sklave, aber der Leibeigene „blieb mittelalterliche Realität". Aber „im Gegensatz zum Sklaven stellte der Leibeigene kein völlig freies Verfügungsobjekt dar".In den Anmerkungen zu Judenpogromen des Mittelalters wünschte sich der zeitgeschichtlich bewußte Leser sicher eine eingehendere Behandlung. Mit einem Exkurs über das Bild vom „Zorn Gottes" ist hier längst nicht alles gesagt, auch nicht mit dem zu knappen Resumee: „Die klerikalen Erzählungen [angeblicher Ritualmorde und Hostienfrevel], die zur Begründung von Judenverfolgungen verbreitet wurden, hätten kaum Pogrome hervorgerufen, wenn sie bei dem ‘Volk' nicht auf Glauben gestoßen und von ihm rezipiert worden wären." Aber auch hier werden wir zu einer präziseren Sicht angehalten: Der „Judenhut" war nicht zu allen Zeiten ein angeordnetes Merkmal der Diskriminierung, kein Schandmal, sondern ursprünglich ein „selbstgewähltes Unterscheidungszeichen". In diesem (wenn auch nicht vom Autor hergestellten) Zusammenhang seien auch noch die Schlußsätze des Kapitels über Buße und Beichte zitiert: 

Erst wenn die Geschichtsschreibung das Schuldigwerden in ähnlich intensiver Weise zu erforschen beginnt wie beispielsweise den Tod, werden sich andere Perspektiven zeigen. Derzeit ist Friedrich Ohly noch eine Einzelstimme:„‘Wie lebe ich mit meiner Schuld?' Die Adam aufgegebene, mit der Vertreibung aus dem Paradies verdeutlichte, zum Dauerhaftesten der Welt gehörige, als Erbe nicht von allen Zeiten mit dem gleichen Ernst zum Eigentum angenommene, an keinem vorübergehende, nicht allen gleich im Herzen stehende Frage ‘Wie lebe ich mit meiner Schuld?' hat das Mittelalter tiefer aufgeregt als unsere Tage." 

Fazit: Jeder, der sich - sei es forschend, polemisch oder apologetisch - mit dem Glauben nicht der Kirche, sondern der Menschen des Mittelalters beschäftigt, sollte dieses umfassende, immer wieder erhellende Kompendium in seiner Handbibliothek haben. 

Thomas Meyers 

 Arnold Angenendt
Geschichte der Religiosität im Mittelalter
Primus Verlag, Darmstadt 1997
986 Seiten, 17 x 24,5 cm
DM 128,--, öS 934, sFr 114,--
Umschlag Angenendt