| Ein blasenwerfender Sumpf
Es war sicher nicht die beste Idee in der ZEIT, die Rezension von „Hitlers
München" an Brigitte Hamann zu geben, die gefeierte Autorin von „Hitlers
Wien". Hatte man ihr da nicht, obwohl nur sozusagen, ihren Buchtitel geklaut?
Die Besprechung geriet ihr denn auch recht sauertöpfisch. Zum Beispiel:
Large zitiere dauernd unüberprüft und naiv aus „Mein Kampf",
wo doch jeder wisse usw. (der Vorwurf trifft im übrigen nicht zu,
Large weiß genau, wo und wie er Hitlers Selbstdarstellung zurechtrücken
muß).
Eine leichte Verwunderung bleibt indes über den so griffigen Titel.
München war schon seit 1930 nicht mehr „Hitlers München", und
nach 1933 kam er nur noch zu Jahrestagen in die Stadt, etwa der Verkündigung
des Parteiprogramms (24. Februar), Mitte Juli zum „Tag der Deutschen Kunst",
häufiger zu den Treffen mit der „Alten Garde" und vor allem zum pomphaft
begangenen 8./9. November. Verkürzt gesagt, der „Verfall" der „Hauptstadt
der Bewegung" begann schon mit dem Januar 1933.
So sind die beiden letzten Kapitel des Buches eher eine kurze Geschichte
der Stadt im Dritten Reich als ein Porträt von „Hitlers" München.
Aber nun zu den übrigen, erheblich spannenderen Kapiteln
Die Leitfrage des Autors lautet: Wie konnte es dahin kommen, daß
ein Mann (dessen „Partei" Saul Friedländer eine scheinbar zum Untergang
verurteilte „Sekte" nennt) gerade in dieser Stadt so groß werden
konnte, daß er einen ganzen Erdteil ins Verderben stürzte? Und
die vielfacettierten Antworten ergeben sehr schnell ein wenig schmeichelhaftes
München-Porträt.
Die angeblich so lebenslustige, kunstsinnige Stadt war schon vor dem
Ersten Weltkrieg, so Large, „eine Hochburg des Antisemismus" und ein -
gelegentlich berlinfeindliches - Zentrum des deutschen Nationalismus (der
Alldeutsche Verband hatte hier seine stärkste Anhängerschaft).
Und das berühmte Bier der Stadt war nicht nur, wie der amerikanische
Konsul 1874 schrieb, ein „politischer und sozialer Gleichmacher", sondern
geradezu die lokale Vorbedingung für Parteiprogramme und Putsche.
Vielleicht geht es ja noch heute nicht anders: Parteigrüppchen kommen
nun mal in den Nebenzimmern von Kneipen zusammen. Aber es ist auffällig,
wie häufig und nachhaltig es Hitler gelang, die hirnlose Begeisterung
seiner Zuhörer in Münchens Bierkellern herbeizureden, im Nebeldunst
eines Bierkonsums, der sich im gleichen Zug an einer entfesselten Radikalrhetorik
berauschte. Noch der unrühmliche Marsch auf die Feldherrnhalle, den
Large - „Eine schwere Bierkellergeburt" - minutiös nachzeichnet, nahm
ja seinen Ausgang vom Bürgerbräukeller am Rosenheimerplatz, und
die Treffen mit den „Alten Kämpfern" wurden ab 1936 vom Hotel Wagner
in der Sonnenstraße sogar eigens in den Löwenbräukeller
am Stiglmaierplatz verlegt.
„Banale Weiber und gesunde Männer -" (zitiert Large Thomas Mann
über die „unliterarische Stadt par excellence") „Gott weiß,
welche Fülle von Mißachtung ich in das Wort ‘gesund' versenke!"
Mit besonderer Spannung sind die Abschnitte zu lesen, in denen Large
den Spuren des keimenden Faschismus in der Schwabinger Bohème nachgeht,
die man sonst gern mit unkonventionell, aufsässig und links assoziiert.
Selbst eine Galionsfigur wie die Reventlow kommt da nicht nur gut weg.
Der Autor zusammenfassend:
Das Rebellentum, für das Franziska zu Reventlow in
Schwabing gefeiert wurde, blieb am Ende unvollständig. Wie bei vielen
ihrer Mitstreiter verbanden sich auch bei ihr kühne Attacken gegen
den offiziellen kulturellen Konsens mit der Bejahung einiger höchst
traditioneller Sichtweisen. Und was noch wichtiger war: Selbst ihre Angriffe
auf bürgerliche Werte enthielten noch ideologische Elemente, die die
Rechten ebenso mühelos für sich vereinnahmen konnten wie die
Linken. So dürfen wir uns nicht darüber wundern, daß sie
sich auf dem Höhepunkt ihrer Schwabinger Karriere einer Clique selbstverliebter
Intellektueller anschloß (nicht ohne sie auch mit amüsierter
Kritik zu überziehen), deren Weltanschauung man getrost autoritär
und protofaschistisch nennen darf.
Typisch dafür, daß in ihren Augen D. H. Lawrence das „nordische
Heidentum in unvermischter Reinheit" verkörperte. Noch deutlicher
zutage liegen diese schillernden - oft aber auch eindeutigen - Haltungen
bei vielen anderen Schwabingern und (Wahl)Münchnern. Bei Stefan George
zum Beispiel und seinem irrationalen „Kosmiker"-Kreis; beim hochgerühmten
Simplizissimus, dessen nationalistische Tendenzen und antisemitische Karikaturen
immer wieder gern vergessen werden; und vor allem bei Oskar Panizza, der
sich den Ruf eines garantierten Bürgerschrecks erworben hatte, und
doch die widerliche Erzählung „Der operierte Jud" geschrieben hatte
(in der ein Jude trotz der schönheitsoperierten Nase in der Hochzeitsnacht
anhand seiner Beschnittenheit „enttarnt" wird).
Die antisemitischen Verirrungen Ludwig Thomas im Miesbacher Anzeiger
sind inzwischen
bekannt, ebenso - wenn auch in geringerem Maß - die Verstiegenheiten
des jungen, aber schon weltberühmten Thomas Mann, die Large an geeigneter
Stelle aufgreift: „Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler
nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt,
die er so satt, so überaus satt hatte? Krieg? Es war Reinigung, Befreiung,
was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung." Von den - freundlich ausgedrückt
- problematischen „Betrachtungen eines Unpolitischen" ganz zu schweigen.
Ausführlich und voller scharf beobachteter Details schildert Large
„Hitlers Müncher Helfer" - und seine Helferinnen in der „guten Gesellschaft":
die Wagner-Enkel, die Bechsteins, Bruckmanns, Hanfstaengls (bei denen sich
Hitler nach seinem gescheiterten Putsch versteckte). Und wie stolz waren
diese gesellschaftlichen Eliten auf ihre Nähe zum kommenden „Führer":
Hanfstaengl behauptete, Hitler einige aus Harvard mitgebrachte
Schlachtgesänge und Cheerleaderposen beigebracht zu haben, von denen
der Naziführer angeblich so angetan war, daß er seiner SA befahl,
sie zu adaptieren. Aus „Rah, rah, rah!" sei so „Sieg heil, Sieg heil!"
geworden, brüstete sich Hanfstaengl in einer vermutlich sehr freien
Interpretation der Tatsachen.
Elsa Bruckmann dagegen sah ihre „Mission" darin, den ungeschliffenen
Hitler salonfähig zu machen (in neidischer Konkurrenz zu Helene Bechstein):
Als sie zum Beispiel bemerkte, daß er nicht wußte,
wie man eine Artischocke oder einen Hummer ißt, weihte sie ihn entzückt
in diese gastronomischen Mysterien ein. Nachdem sie beobachtet hatte, wie
linkisch er sich gegenüber Frauen verhielt, brachte sie ihm bei, einer
Dame die Hand zu küssen. Und wie ihre Rivalin stattete auch Elsa Bruckmann
Hitler mit Abendgarderobe und modischen Schuhen aus.
Und alle zwei hatten die passenden Accessoires für ihn:
Es war vielleicht unvermeidlich, daß Frau Bruckmann
und Frau Bechstein im Zuge ihrer parallelen Bemühungen, Adolf Hitler
gesellschaftlichen Schliff zu geben, auf Kollisionskurs gerieten. Jede
behauptete, seine wichtigste Ratgeberin zu sein, jede schwor, er höre
nur auf sie. Elsa Bruckmann ereiferte sich, als sie jemanden sagen hörte,
Helene Bechstein habe Hitler die lederne Hundepeitsche geschenkt, die er
mit sich führte, wenn er ausging. Sie habe ihm die Peitsche gegeben,
erklärte sie. Die Wahrheit war, daß beide Damen Hitler eine
Peitsche geschenkt hatten und daß er jede der beiden in dem Glauben
gelassen hatte, sie sei seine einzige Wohltäterin.
Was sie ihm an guter „Erziehung", schreibt Large, angedeihen ließen,
„kam ihm auf unschätzbare Weise zustatten, als er sich anschickte,
seinen Einfluß über seinen ursprünglichen Freundeskreis
bayerischer Stammtischkumpane hinaus zu erweitern". Womit wir wieder beim
Bier angekommen wären.
An keiner Stelle geht der Autor so weit, in alberner Monokausalität
zu behaupten, ohne München wäre Hitler unmöglich gewesen.
Aber gleichzeitig wird bei der Lektüre deutlich, daß München
mehr als andere Städte die Stimmungen und Umstände, Vereine und
Personen bereithielt, die in ihrer fatalen Kombination Hitler bei seinem
Aufstieg Hilfestellung leisteten. Man kann sich andere deutsche Städte
denken, in denen der Mann - in jedem Sinne - unmöglich gewesen wäre.
Zwei Eigenschaften des Buches sind besonders hervorzuheben, eine technische
Kleinigkeit und eine große Freude.
Der Text enthält dankenswerterweise keinerlei störende Fuß-
oder Endnotenziffern. Statt dessen lassen sich die Quellen im Anhang nachschlagen,
fortlaufend von der ersten bis zur letzten Buchseite. Zu diesem Zweck werden
die jeweils letzten Wörter des Zitats, die man beim Nachschlagen ja
noch im Kopf hat, neben der Seitenzahl wiederholt und danach die Quelle
angegeben. Ein lobens- und nachahmenswertes Verfahren.
Eine noch angenehmere Freude jedoch ist der Schreibstil des jungen
Historikers: neu und unverbraucht, an den dramatischen Höhepunkten
eindrucksvoll detailscharf, in der analytischen Betrachtung abgewogen und
genau, insgesamt moderat respektlos, niemals boshaft, immer gerecht. Eine
Wissenschaftsprosa, die dem deutschen Tiefernst oft noch fernliegt. In
der bemerkenswert flüssig lesbaren Übersetzung von Karl Heinz
Scherer erreicht sie auch den deutschen Leser in schierer Originalfrische.
Fritz R. Glunk |
David Clay Large
Hitlers München. Aufstieg und Fall
der Hauptstadt der Bewegung
C. H. Beck, München 1998
515 Seiten, 14,5 x 2,5 cm
DM 49,80, öS 364, sFr 46,--
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