| Beschreibung einer unbekannten
Stadt
Wie kann man nur! Wie kann man ein so kluges und lebendiges Buch mit
einem so müden Umschlagtext daherkommen lassen! Von einer „reichen
und bewegten Geschichte" ist da die Rede, einer „architektonisch reizvollen
Hauptstadt", einem „einsichtsreichen Porträt". Bei dem stolzen Preis
des Buches sollte der Klappentext wenigstens auf halber Höhe des Inhalts
stehen.
Mit ein bißchen Aufmerksamkeit und Empathie wäre das auch
gar nicht so schwer gewesen: Der Lektor hätte nur die emotionale Anteilnahme
des Autors erwähnen müssen, die sanft, aber spürbar pochend
unter dem Text liegt, ohne daß dabei je die Objektivität des
Historikers aus dem Blick gerät; oder die unzerstörbare Liebe
des Autors zum Schauplatz seiner Kindheit und Jugend, einer Heimat, aus
der er siebenundzwanzigjährig fliehen mußte, 1949 über
die grüne Grenze des Böhmerwalds in den Westen.
So ungefähr. Und dann bitte nicht so etwas wie „von Libussa bis
hin zu Milan Kundera und Václav Havel" nachschieben. Das ist geradezu
irreführend. Von Kundera ist kaum die Rede (in einem Satz, und der
ist sehr kritisch gegen ihn gerichtet), und von Havel wird im sehr persönlichen
„Postskriptum" gerade mal eine kleine, wenn auch kennzeichnende Anekdote
erzählt.
Lehrreicher für den prospektiven Leser wäre es gewesen, seine
Aufmerksamkeit auf die Bedeutung des Untertitels zu lenken: „Sieben Momente
im Leben einer europäischen Stadt". Er gibt nämlich bereits zwei
hilfreiche Hinweise auf den Inhalt.
Erstens die Ankündigung, daß hier gerade nicht ein linearer
Geschichtsablauf von den Anfängen bis heute abgespult wird; vielmehr
werden sieben bedeutsame Epochen der Stadt vorgestellt, bedeutsam durch
die sie bewegenden Menschen und ihre folgenreichen Handlungen. Das sind
(nach einem klärenden Exkurs über den Gründungsmythos der
schönen Libussa): das mittelalterliche Prag König Ottokars, sodann
„Der karolinische Augenblick" von Karl IV., die Revolution der Hussiten,
„Rudolf II. und die Revolte 1618" (also der Beginn des Dreißigjährigen
Krieges), ein Kapitel „Mozart in Prag", die unterdrückerische Restauration
von 1848 und schließlich das republikanische Prag des ersten Ministerpräsidenten
Masaryk nach dem Ersten Weltkrieg.
Eine so selektive Darstellung von Höhepunkten hat ihre klaren
Vorteile für den Autor. Und für den Leser, der allenfalls, verführt
durch den leichthändigen Erzählduktus, am liebsten auch noch
den ganzen Dreißigjährigen Krieg ebenso lesbar haben möchte
(so kommen zum Beispiel Wallenstein und sein vorsätzlich zu großes
Stadtpalais kaum vor). Aber der Autor hat vielleicht selbst das möglicherweise
Verstörende an den Zeitsprüngen gespürt. Er greift deshalb
bei einem Kapitelanfang immer wieder zurück in die Zeit vorher und
stellt wie im Zeitraffer den fließenden Gang der Geschichte wieder
her.
Der zweite Hinweis des Untertitels liegt in dem Wort von der „europäischen
Stadt". Das Attribut meint hier nicht nur die Topographie, sondern, emphatischer,
eine Stadt, in der die Geschichte Europas vor sich geht, mit ihren Glanz-
und Höhepunkten („Prag in Gold"), aber auch mit ihren Bürger-
und Bruderkriegen („in Schwarz"). Eine früh multiethnische, vielsprachige
Stadt, in der schon vorreformatorische „Protestanten" und orthodoxe Katholische,
Tschechen und Deutsche und Juden und viele andere immer wieder ein menschenwürdiges
Zusammenleben fanden, nachdem und bevor es - heute würden wir sagen:
aus oft lächerlichen Gründen - immer wieder zusammenbrach (die
geradezu ritualisierte Regelmäßigkeit, mit der bei irgendwelchen
christlichen Konfessionsstreitigkeiten oder politischen Unruhen jedesmal
die Prager Judenstadt überfallen wurde, ist gerade durch die Nüchternheit
ihrer Darstellung erschütternd). Das also meint der Untertitel: ein
Labor der europäischen Toleranz, einer gewagten und prekären
Friedlichkeit, die bis in die jüngste Zeit immer wieder durch Anfälle
gewalttätiger Unduldsamkeit zerstört wurde, eine „paradoxe Historie"
(Demetz).
Dieser erweiterte Blick auf die Stadt tut schon deshalb not, weil sie
speziell seit der „samtenen Revolution" 1989 in einem ganz bestimmten Touristenklischee
zu versinken droht, dessen Berichtigung sich der Autor gleich zu Anfang
vornimmt:
Es handelt sich um die recht junge Idee, daß Prag
par excellence eine Stadt der magischen oder mystischen Geheimnisse ist,
in stärkerem Maße als irgendeine andere Stadt Europas - die
neue Fremdenverkehrsindustrie pflegt diese mystische Aura liebevoll. Die
Touristen von überall her kommen nach Prag und haben Bilder vom Golem,
von Kafka (äußerst vereinfacht) und von den Alchemisten im Kopf,
aber sie sehen und hören wenig von den Mathematikern am Hofe Rudolfs
II., den pädagogischen Reformen des strengen Rabbi Löw oder der
nüchternen Philosophie Masaryks, und die Fremdenführer geleiten
sie durch die alten Viertel der Innenstadt, ohne daß sie je die alten
proletarischen Vorstädte Karlín oder Smíchow zu Gesicht
bekämen. Es ist schwierig, in den historischen Dokumenten überhaupt
irgendwelche Spuren der angeblich mystischen Tradition Prags zu entdecken
(wenn auch der geduldige Forscher auf die eine oder andere stoßen
wird). Man muß sagen, daß all die Geschichten vom „magischen
Prag" auf eine frühe Welle internationaler Besucher (meist aus protestantischen
Ländern) zurückzuführen sind, die Anfang und Mitte des neunzehnten
Jahrhunderts nach Böhmen kamen und beeindruckt waren von den vielen
Kirchen Prags und vom alten jüdischen Friedhof. Ich hoffe, zumindest
in aller Kürze aufzeigen zu können, daß die Bilder vom
mystischen Prag (die übrigens nur wenige Jahrzehnte vor dem Abriß
der ehrwürdigen Judenstadt und der angrenzenden barocken Winkel durch
die Stadtverwaltung in den Jahren 1895/96 von jenen englischen, deutschen
und amerikanischen Reisenden entwickelt worden waren) von tschechischen
und deutschen Autoren der „dekadenten" Prager Literatur des Fin de siècle
eifrig fortentwickelt wurden (darunter der junge René Rilke, wie
er in seiner Jugend genannt wurde) und daß diese Bilder schließlich
nach dem ersten deutschen Golem-Film 1914 im Ersten Weltkrieg und später
von eklektizistischen deutschen Autoren von unterschiedlichem Talent und
Interesse intensiv gebraucht wurden. Gustav Meyrinks Roman Der Golem (1915),
ein internationaler Bestseller, war nicht der erste Text, in dem der traditionelle
Schauerroman nach Prag verlegt wurde, aber Meyrink hat die Konventionen
dieses Genres mit denen des frühen Kriminalromans in höchst effektiver,
wenn auch kitschiger Manier verbunden.
Und diese andere Stadt, dieses europäische Prag stellt uns der
Autor vor die erstaunten Augen, in einer außerordentlich flüssig
lesbaren, ja lesesüchtig machenden Beschreibung, in einem belesenen,
eleganten, dabei warmherzigen und manchmal bitter-humorvollen Stil (einfühlsam
und präzise übersetzt von Joachim Kalka). Seine bei aller Beteiligtheit
unbestechliche Objektivität bewahrt sich Peter Demetz durch, wie er
sagt, „meine widerstreitenden Gefühle, die bis heute nicht zur Ruhe
gekommen sind", also fruchtbar bleiben, durch Erinnerungen an glückliche
Tage unter der Karlsbrücke („Dort war es einfach, Gedichte zu rezitieren
und kühn einen Blusenknopf zu öffnen") und die erlebten Schrecken
der Deportation („Ich sollte erst später herausfinden, was es heißen
sollte, ein halber Jude und ein halber Goi zu sein").
„Prag in Schwarz und Gold" ist also kein Buch für den mittleren
Tschechien-Touristen, aber das ideale Weihnachtsgeschenk für den aufmerksamen,
bildungsfähigen Europäer.
Louise Lasalle |
Peter Demetz
Prag in Schwarz und Gold
Piper, München 1998
610 Seiten, 14,5 x 23 cm
DM 78,--, öS 569, sFr 71,--
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