Die Gazette Nr. 9, Dezember 1998:

Leseproben
 
Beschreibung einer unbekannten Stadt

Wie kann man nur! Wie kann man ein so kluges und lebendiges Buch mit einem so müden Umschlagtext daherkommen lassen! Von einer „reichen und bewegten Geschichte" ist da die Rede, einer „architektonisch reizvollen Hauptstadt", einem „einsichtsreichen Porträt". Bei dem stolzen Preis des Buches sollte der Klappentext wenigstens auf halber Höhe des Inhalts stehen. 
Mit ein bißchen Aufmerksamkeit und Empathie wäre das auch gar nicht so schwer gewesen: Der Lektor hätte nur die emotionale Anteilnahme des Autors erwähnen müssen, die sanft, aber spürbar pochend unter dem Text liegt, ohne daß dabei je die Objektivität des Historikers aus dem Blick gerät; oder die unzerstörbare Liebe des Autors zum Schauplatz seiner Kindheit und Jugend, einer Heimat, aus der er siebenundzwanzigjährig fliehen mußte, 1949 über die grüne Grenze des Böhmerwalds in den Westen. 
So ungefähr. Und dann bitte nicht so etwas wie „von Libussa bis hin zu Milan Kundera und Václav Havel" nachschieben. Das ist geradezu irreführend. Von Kundera ist kaum die Rede (in einem Satz, und der ist sehr kritisch gegen ihn gerichtet), und von Havel wird im sehr persönlichen „Postskriptum" gerade mal eine kleine, wenn auch kennzeichnende Anekdote erzählt. 
Lehrreicher für den prospektiven Leser wäre es gewesen, seine Aufmerksamkeit auf die Bedeutung des Untertitels zu lenken: „Sieben Momente im Leben einer europäischen Stadt". Er gibt nämlich bereits zwei hilfreiche Hinweise auf den Inhalt. 
Erstens die Ankündigung, daß hier gerade nicht ein linearer Geschichtsablauf von den Anfängen bis heute abgespult wird; vielmehr werden sieben bedeutsame Epochen der Stadt vorgestellt, bedeutsam durch die sie bewegenden Menschen und ihre folgenreichen Handlungen. Das sind (nach einem klärenden Exkurs über den Gründungsmythos der schönen Libussa): das mittelalterliche Prag König Ottokars, sodann „Der karolinische Augenblick" von Karl IV., die Revolution der Hussiten, „Rudolf II. und die Revolte 1618" (also der Beginn des Dreißigjährigen Krieges), ein Kapitel „Mozart in Prag", die unterdrückerische Restauration von 1848 und schließlich das republikanische Prag des ersten Ministerpräsidenten Masaryk nach dem Ersten Weltkrieg. 
Eine so selektive Darstellung von Höhepunkten hat ihre klaren Vorteile für den Autor. Und für den Leser, der allenfalls, verführt durch den leichthändigen Erzählduktus, am liebsten auch noch den ganzen Dreißigjährigen Krieg ebenso lesbar haben möchte (so kommen zum Beispiel Wallenstein und sein vorsätzlich zu großes Stadtpalais kaum vor). Aber der Autor hat vielleicht selbst das möglicherweise Verstörende an den Zeitsprüngen gespürt. Er greift deshalb bei einem Kapitelanfang immer wieder zurück in die Zeit vorher und stellt wie im Zeitraffer den fließenden Gang der Geschichte wieder her. 
Der zweite Hinweis des Untertitels liegt in dem Wort von der „europäischen Stadt". Das Attribut meint hier nicht nur die Topographie, sondern, emphatischer, eine Stadt, in der die Geschichte Europas vor sich geht, mit ihren Glanz- und Höhepunkten („Prag in Gold"), aber auch mit ihren Bürger- und Bruderkriegen („in Schwarz"). Eine früh multiethnische, vielsprachige Stadt, in der schon vorreformatorische „Protestanten" und orthodoxe Katholische, Tschechen und Deutsche und Juden und viele andere immer wieder ein menschenwürdiges Zusammenleben fanden, nachdem und bevor es - heute würden wir sagen: aus oft lächerlichen Gründen - immer wieder zusammenbrach (die geradezu ritualisierte Regelmäßigkeit, mit der bei irgendwelchen christlichen Konfessionsstreitigkeiten oder politischen Unruhen jedesmal die Prager Judenstadt überfallen wurde, ist gerade durch die Nüchternheit ihrer Darstellung erschütternd). Das also meint der Untertitel: ein Labor der europäischen Toleranz, einer gewagten und prekären Friedlichkeit, die bis in die jüngste Zeit immer wieder durch Anfälle gewalttätiger Unduldsamkeit zerstört wurde, eine „paradoxe Historie" (Demetz). 
Dieser erweiterte Blick auf die Stadt tut schon deshalb not, weil sie speziell seit der „samtenen Revolution" 1989 in einem ganz bestimmten Touristenklischee zu versinken droht, dessen Berichtigung sich der Autor gleich zu Anfang vornimmt: 

Es handelt sich um die recht junge Idee, daß Prag par excellence eine Stadt der magischen oder mystischen Geheimnisse ist, in stärkerem Maße als irgendeine andere Stadt Europas - die neue Fremdenverkehrsindustrie pflegt diese mystische Aura liebevoll. Die Touristen von überall her kommen nach Prag und haben Bilder vom Golem, von Kafka (äußerst vereinfacht) und von den Alchemisten im Kopf, aber sie sehen und hören wenig von den Mathematikern am Hofe Rudolfs II., den pädagogischen Reformen des strengen Rabbi Löw oder der nüchternen Philosophie Masaryks, und die Fremdenführer geleiten sie durch die alten Viertel der Innenstadt, ohne daß sie je die alten proletarischen Vorstädte Karlín oder Smíchow zu Gesicht bekämen. Es ist schwierig, in den historischen Dokumenten überhaupt irgendwelche Spuren der angeblich mystischen Tradition Prags zu entdecken (wenn auch der geduldige Forscher auf die eine oder andere stoßen wird). Man muß sagen, daß all die Geschichten vom „magischen Prag" auf eine frühe Welle internationaler Besucher (meist aus protestantischen Ländern) zurückzuführen sind, die Anfang und Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nach Böhmen kamen und beeindruckt waren von den vielen Kirchen Prags und vom alten jüdischen Friedhof. Ich hoffe, zumindest in aller Kürze aufzeigen zu können, daß die Bilder vom mystischen Prag (die übrigens nur wenige Jahrzehnte vor dem Abriß der ehrwürdigen Judenstadt und der angrenzenden barocken Winkel durch die Stadtverwaltung in den Jahren 1895/96 von jenen englischen, deutschen und amerikanischen Reisenden entwickelt worden waren) von tschechischen und deutschen Autoren der „dekadenten" Prager Literatur des Fin de siècle eifrig fortentwickelt wurden (darunter der junge René Rilke, wie er in seiner Jugend genannt wurde) und daß diese Bilder schließlich nach dem ersten deutschen Golem-Film 1914 im Ersten Weltkrieg und später von eklektizistischen deutschen Autoren von unterschiedlichem Talent und Interesse intensiv gebraucht wurden. Gustav Meyrinks Roman Der Golem (1915), ein internationaler Bestseller, war nicht der erste Text, in dem der traditionelle Schauerroman nach Prag verlegt wurde, aber Meyrink hat die Konventionen dieses Genres mit denen des frühen Kriminalromans in höchst effektiver, wenn auch kitschiger Manier verbunden. 

Und diese andere Stadt, dieses europäische Prag stellt uns der Autor vor die erstaunten Augen, in einer außerordentlich flüssig lesbaren, ja lesesüchtig machenden Beschreibung, in einem belesenen, eleganten, dabei warmherzigen und manchmal bitter-humorvollen Stil (einfühlsam und präzise übersetzt von Joachim Kalka). Seine bei aller Beteiligtheit unbestechliche Objektivität bewahrt sich Peter Demetz durch, wie er sagt, „meine widerstreitenden Gefühle, die bis heute nicht zur Ruhe gekommen sind", also fruchtbar bleiben, durch Erinnerungen an glückliche Tage unter der Karlsbrücke („Dort war es einfach, Gedichte zu rezitieren und kühn einen Blusenknopf zu öffnen") und die erlebten Schrecken der Deportation („Ich sollte erst später herausfinden, was es heißen sollte, ein halber Jude und ein halber Goi zu sein"). 
„Prag in Schwarz und Gold" ist also kein Buch für den mittleren Tschechien-Touristen, aber das ideale Weihnachtsgeschenk für den aufmerksamen, bildungsfähigen Europäer. 

Louise Lasalle 

 Peter Demetz
Prag in Schwarz und Gold
Piper, München 1998
610 Seiten, 14,5 x 23 cm
DM 78,--, öS 569, sFr 71,--
Umschlag Demetz