Die
Gazette Nr. 8, November 1998:
Kalenderblätter, sozusagen
Seit September und bis zum Juli nächsten Jahres zeigt jede Nummer
dieser Zeitschrift eine Art Kalenderblatt, und zwar als Vorabdruck aus
dem „Taschenlexikon Goethe" von Friedemann Bedürftig, das im Juli
1999 im Piper Verlag herauskommt. Monatlich bringen wir aus diesem Goethe-Manual
einen Artikel, der den Klassiker auch einmal aus andersartiger, nicht-klassischer
Perspektive betrachtet.
Als viertes Stichwort kommt eine Frau:
Goethe, Christiane von
12. Juli1788: Der frisch aus Italien
heimgekehrte Dichter und Minister Goethe wandelt durch den Weimarer Park,
als ihm entschlossen eine junge Frau entgegentritt und ihm eine Bittschrift
zugunsten ihres Bruders Christian August Vulpius überreicht. Erfreut
schaut der hohe Herr auf die niedliche Kleine, bittet sie in sein Gartenhaus
und behält Christiane, so ihr Rufname, fortan in einer Lebensgemeinschaft,
die er offen Ehe nennt, »nur nicht durch Zeremonie« (an Charlotte
von Schiller 30.7.1790). Der Skandal war da: Ein Herr von Stand und eine
der »Brigitten«, die gegen Hungerlohn in Bertuchs Fabrik Stoffblumen
fertigten, ein weltberühmter Dichter, umschwärmt von Damen der
hohen und höchsten Gesellschaft, und eine Hungerleiderin aus heruntergekommenem
Haus, der fast vierzigjährige Freund des Herzogs und eine volle 16
Jahre jüngere Arbeiterin (*Weimar 1.6.1765). Das Städtchen zerriß
sich das Maul über die »Mätresse« des Geheimrats
und überschlug sich in übler Nachrede. Zur Kenntnis jedenfalls
nahm weder Goethes heimischer Kreis noch sein Gelehrtenumfeld in Jena den
»Bettschatz«, wie Goethe Christiane derb und sinnenfroh gern
titulierte. Den häßlichen Klatsch ignorierte er souverän
und bewahrte Christiane eine Treue, der sich keine der Friederiken, Lottes,
Lillis, Minnas oder Mariannes je rühmen konnte. Sie lohnte es ihm
mit Anhänglichkeit, Anschmiegsamkeit, Heiterkeit, Lebens- und Liebeslust.
Sie führte seinen großen Haushalt, gebar ihm fünf Kinder,
von denen aber nur der Erstgeborene August (Goethe, A.v.) überlebte,
und schuf ihm das Behagen, das er zum Schaffen brauchte. Schon 1797 setzte
er sie und den Sohn zu Erben ein, ließ August 1801 legitimieren und
heiratete Christiane schließlich am 19. Oktober 1806 zur Erbitterung
aller, die seit Jahren darauf warteten, daß Goethe dieses »unmögliche«
Verhältnis beende. Jetzt in der schweren Zeit der französischen
Besatzung aber schien Goethe gerade die rechte Stunde, seinen Dank für
Christianes Sorgen um ihn auch öffentlich abzustatten und die Mißgünstigen
dazu zu zwingen, die Frau Geheimrat nunmehr anzuerkennen. Das gelang zwar
nie ganz, zumal Christiane mit allerlei schrillen Exzessen das Vorurteil
von der vergnügungssüchtigen Mamsell bestätigte. Sie hatte
längst auch alle Anmut eingebüßt, war sehr »stark«
geworden und entlockte dennoch Goethe eines seiner schönsten Gedichte:
»Ich ging im Walde so für mich hin...« reimte er am 26.8.1813
und schickte »Gefunden« an Christiane, sein »allerliebstes
Kind«, zu dem er selbst einst wie zu einem Fundstück gekommen
war. Er verlor es wieder am 6.6.1816 nach schwerem Todeskampf.
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