Die
Gazette Nr. 9, Dezember 1998:
Interview mit Augusta Förster, Lyrikerin
(siehe auch Lyrik)
Wie sind Sie überhaupt zum Schreiben gekommen?
Ich habe schon immer geschrieben, schon als Kind und als Teenager,
als ich sehr einsam war. Es gibt, glaube ich, Kisten voller Tagebücher.
Ich hatte mir einen imaginären Freund ausgedacht, und für den
habe ich sie geschrieben. Dann hab ich sie eingewickelt, zugeklebt und
im Wald vergraben. Da liegen sie heute noch, wenn sie nicht verrottet sind.
Und dann, als meine kleine Tochter gestorben ist, hab ich mich gefragt:
Was macht mir jetzt noch Freude im Leben? Was wollte ich denn immer werden
als Teenager? Die Jugend hat doch immer recht, oder?. Und wenn ich mir
selbst vertraute, dann mußte ich mir sagen: Ich wollte immer Schriftstellerin
sein. Und so hab ich mir dann, ab 92, das Schreiben beigebracht.
Wie?
Ich glaube, ich hab so zwei, drei Jahre dafür gebraucht. Ich hab
das so gemacht: Wenn ich eine Kaffeetasse sehe auf dem Tisch - was interessiert
mich daran, ausgerechnet mich? Das war nicht einfach, aber irgendwann hab
ich gemerkt, was mich daran interessiert, zum Beispiel, daß da ein
Schatten ist und in dem Schatten irgendein Kreuz oder daß da plötzlich
ein Ring erscheint mit meinem Gesicht drin. Solche Dinge. Also reine Aufmerksamkeitsübungen.
Ich hab solang gesucht, bis ich etwas Unbekanntes entdeckte.
Haben Sie das jemandem zum Gegenlesen gegeben?
Ehrlich gesagt: nicht. Ich war nur selber daran interessiert. Und irgendwann
bin ich drauf gekommen, daß ich auch davon leben will. Nach einem
Jahr hab ich dann eine Autorinnengruppe kennengelernt, die Sternen-Steno,
und denen zwei, drei Sachen vorgelesen, und die waren eigentlich recht
begeistert. Wir haben eine Zeitlang Lesungen veranstaltet, aber dann merkte
ich, daß die anderen nicht mitziehen mit mir, das heißt, sie
waren nicht daran interessiert, als freie Schriftstellerinnen zu leben.
Im Grunde fehlte vielen von ihnen das Vertrauen, daß sie es schaffen
könnten. Ich hab mich also von ihnen getrennt, weil ich weitergehen
wollte.
Und was haben Sie danach gemacht?
Also, da hing ich erst mal ziemlich in der Luft. Aber ich hatte schon
angefangen, meine Sachen an Zeitschriften zu verschicken, und ungefähr
achtzig Prozent davon wurden angenommen. Auch so namhafte Zeitschriften
wie Das Gedicht oder Perspektive oder Spektrum in der Schweiz.
So viele?
Ja, das ist in der Tat sehr viel. Allerdings bekam ich nie Honorar
dafür. Nur die Ehre. Ich sagte mir dann schon mal: Mein Gott, ich
verdiene ja überhaupt kein Geld; aber inzwischen stellte ich auch
fest, daß niemand mit Lyrik Geld verdient, und daß es Leute
gibt, die zehn Jahre lang ihre Sachen wo hinschicken, und nie wird irgendetwas
genommen. 1995 bekam ich den ersten Preis in einem Lyrikwettbewerb des
Münchner Merkur, zwar wieder kein Geld, aber es war meine erste richtige
Veröffentlichung. Und das hat mir die Anerkennung meiner Eltern eingebracht,
die mich von diesem Zeitpunkt an finanziell unterstützten. Für
mich war der Preis schon deshalb ein großes Glück, weil Thomas
Bernhard, mein absolutes Vorbild, sein erstes Gedicht im Münchner
Merkur veröffentlicht hat. Ich fühlte mich geradezu auf einer
Stufe mit ihm.
Außerdem haben Sie auch Lesungen Ihrer Gedichte veranstaltet.
Ja, ich merkte nämlich, daß Menschen, die meine Gedichte
nicht verstehen, aufmerksamer sind, wenn ich die Gedichte selbst lese.
Wenn ich selber auftrete, als Person mit meiner Stimme, merke ich, daß
die Menschen mir auf einmal zuhören. Seitdem gehe ich immer mal wieder
in die Öffentlichkeit. Einen größeren Auftritt hatte ich
im Lenbachhaus in der Klangnacht, das ist die monatliche "Nacht der verlorenen
Musik", einer Musik, die sonst nicht mehr gespielt wird, Musik aus aller
Welt, auch Ethno- oder andere moderne Musik. Und ich war die erste Dichterin,
die je bei dieser Klangnacht aufgetreten ist, und zwar als Live-Übertragung
auf einer großen Video-Leinwand. Dieses Klangmuseum geht demnächst
auch auf Tournee mit mir, nächstes Jahr nach Japan zum Beispiel.
Und da lesen Sie dann Ihre deutschen Gedichte?
Nein, ich habe ja auch auf englisch geschrieben und in vielen anderen
Sprachen, auch in unverständlichen, erfundenen Sprachen, die ich selber
nicht kenne.
Was war Ihr bisher letzter größerer Auftritt?
Das war die Madonna-Ausstellung, ein poetisches Kommunikationsprojekt.
Es läuft einerseits über die Identität der Madonna, das
heißt meine eigene, und andererseits die verschiedenen Identitäten
der Teilnehmer. Ich habe mir - nach Sympathie oder Antipathie - verschiedene
Teilnehmer ausgesucht, denen ich dann einige Male dieselbe rosarote Madonnenaltar-Postkarte
geschickt habe mit jedesmal einem anderen, speziell und spontan für
die Person geschrieben Gedicht, das immer mit "Madonna sagt:" beginnt.
Die Teilnehmer, meistens bildende Künstler und Künstlerinnen,
antworten dann mit dieser Postkarte auf ihre Weise; sie konnten sie in
Tinte tauchen oder zerreißen oder etwas dazuschreiben, aber auf jeden
Fall mußte ich die Karte zurückbekommen.
Was haben die Teilnehmer mit dem Madonnen-Bild gemacht?
Jeder hat auf den Text reagiert, aber in den zwei Jahren - so lange
läuft das Projekt schon - zunehmend auch auf das Bild. Anfangs wurde
das Bild - sozusagen die Heiligkeit der Karte - fast nicht angetastet,
aber gegen Ende gab es Teilnehmer, die das Bild völlig übermalt
oder sogar Pornos darüberkopiert haben.
Wieviele haben eigentlich bei dem Projekt mitgemacht?
Neun Personen. Nicht immer dieselben, manche sind nach zwei Rücksendungen
ausgestiegen, andere - nur zwei - sind von Anfang an dabeigeblieben. Ich
selber bin auch mal ausgestiegen, aus Verzweiflung, weil ich dachte, es
macht keiner mehr mit. Aber als ich dann die Ausstellung ansetzte, haben
sich plötzlich auch bekanntere Künstler gemeldet und wollten
mitmachen.
Wieso eine Ausstellung?
Ich hatte mit einem Mal so viele Karten, und mir wurde klar, ich konnte
sie nicht alle bei mir zu Hause behalten, ich wollte sie einfach zeigen.
Und eine Galerie, die Galerie Panik im niederbayerischen Pfarrkirchen,
die gerade Platz hatte, hat sie dann übernommen. Für die Ausstellung
hatte ich zwei Stunden vor der Eröffnung noch Gedichte geschrieben
für die Besucher, damit ich jedem auf einer Madonnenkarte ein frisches
Gedicht präsentieren konnte; die meisten haben ihre Karte mit nach
Hause genommen und mir dann weitergeschrieben zurückgeschickt. Danach
ist die Ausstellung nach Wien an die Schule für Dichtung gegangen,
wo sie sogar ins Fernsehen kam, und die nächste Madonna-Ausstellung
wird nächstes Jahr in San Francisco sein.
War das Madonna-Projekt das erste Mal, daß Sie mit Texten und
Bildern gearbeitet haben?
Ja, und es war mein erstes Projekt überhaupt. Es ist mir einfach
beim Anblick der Karte eingefallen. Und dann hab ich gemerkt, daß
ich so etwas kann, daß ich Menschen zusammenbringen kann und daß
es mir Freude macht - und den Menschen auch. Sogar das Rote Glaubensbekenntnis
hat sehr stark auf sie gewirkt.
Was ist das denn?
Ich spreche da, ganz in Rot angezogen, sozusagen Die Rote Liste, alles,
was ich nicht glaube, aber eigentlich sind es die Dinge, an die ich glaube,
ich spreche sozusagen nur die andere Seite. Es fängt so an: "Ich glaube
nicht an meinen Freund, ich glaube nicht an die Schönheit der Begegnung,
ich glaube nicht an blau," und endet so: "Ich glaube nicht, daß ich
hier bin; ich glaube nicht an mich."
Werden Sie in dieser Form auch weiterarbeiten?
Ja, ich hab verschiedene Projekte geplant. An der Schule für Dichtung
in Wien hab ich eine Fotografin kennengelernt, mit der ich ein Projekt
"Fotografie und Sprache" machen werde. Sie wird zu meinen Texten Fotos
machen, und ich zu ihren Fotos Texte. Über den ganzen Prozeß
führen wir Tagebuch und tauschen uns darüber aus. Und irgendwann
wird das Ganze veröffentlicht, vielleicht sogar im ZEIT-Magazin.
Ein weiteres Projekt läuft in Wien mit der Nick-Cave-Klasse. Ich
habe Nick Cave ebenfalls in der Schule für Dichtung kennengelernt;
er hielt dort einen sehr begehrten Kurs, "The Love Song and How to Write
it", an dem aber nur wenige teilnehmen durften, unter ihnen auch ich. Nick
Cave ist wirklich phantastisch, er hat eine große Vision und überhaupt
kein Ego-Problem. Er teilte die Klasse in Paare ein und sagte: Okay, jeder
schaut dem andern in die Augen und dann schreibt ihr ein Liebesgedicht
an ihn, ihr habt zwanzig Minuten. Später mußten wir dann auch
in der Nacht schreiben und mußten dazu alle zwei Stunden aufstehen.
Zuletzt haben wir dann ein Konzert veranstaltet, mit seiner Musik und unseren
Texten. Die Klasse trifft sich weiterhin jeden Monat in Wien und arbeitet
weiter an dem Projekt. Daneben plane ich eine ähnliche Performance,
zum Beispiel Sylvester in der Praterinsel in München mit einem weiblichen
DJ.
Ein eher neues Projekt ist eine Ausstellung mit begehbaren Gedichten.
Gedichte sind für mich etwas wie Gerüste, Baugerüste. Man
geht beim stillen Lesen, jeder für sich, durch sie hindurch und macht
dabei eine bestimmte Energie-Erfahrung. Und das möchte ich gern in
der Weise zeigen, daß man durch die Gedichte richtig körperlich
durchgehen kann. Wir, ein Künstler und ich, verwenden dafür einen
speziellen Kunststoff, Lightgrid, mit dem auch Bühnenbildner arbeiten,
auf den die Gedichte projiziert werden. Der Stoff strahlt das Licht dann
auch zurück, und so entsteht aus den Farben und Gedichten eine ganze
Architektur, ein Gebäude, durch das man hindurchgehen kann. Die Ausstellung
wird wahrscheinlich im Frühjahr 1999 in der Seidl-Villa in München
aufgebaut.
Von all diesen Aktivitäten können Sie aber nicht leben?
Nein, ich lebe von der Unterstützung durch meine Familie und von
meinen Jobs als Serviererin und als Klavierlehrerin. Aber ich glaube sicher,
daß sich das eines Tages ändern wird.
Wenn Sie berühmt werden.
Ja, natürlich. Das geschieht zwangsläufig. Das kann gar nicht
anders gehen.