Die
Gazette Nr. 9, Dezember 1998:
Gastkolumne
Versuch über Lesungen sind sinnvoll und machen glücklich
von Robert Rodewald
Lesungen: Auftritt des hoffnungsvollen unbekannten Schriftsteller-Talents. Das HUST blinzelt von der Bühne, bilanziert: Bestimmt 100 Zuhörschauer, viele junge Familien mit Kindern zwischen 0 und 10, Ältere der Generation 50-60jährige, ganze Vereine. Ein Einzelfall - Kulturfest einer wohltemperierten Mittelschichtgemeinde inmitten der oberrheinischen Weizenwüste. Sicherlich, man ist nicht wegen, sondern trotz des HUST gekommen; überhaupt: trotz Lesungen. Das HUST ist froh und legt los: Vorlautbarungen eines Hunzkünstlers. Lachen. Der Vertreter der lokalen Tageszeitung stiert in seinen Block, kritzelt manisch: Protokoll, Protokoller, am Protokollsten.
Lesungen. Der Textkörper tritt in Aktion. Lesungen sind sinnvoll, weil sie dem Text seine Muskeln zurückgeben. Wut wirkt wichtiger, wirklicher, wahnwitziger. Wer spricht, kümmert immer noch am meisten, jedenfalls das HUST, selbst oft genug Zuhörschauer. Die stille Lektüre, dieses Heimspiel in Schriftbildbetrachtung, macht es leicht, das Gesichtete auf die eigenen Mittelmaßstäbe hinzulesen. Die Stimme des Autors ist eine Abrißbirne für Sichtblenden.
Ein Lyrik-Spektakel in einer Einkaufspassage. Laufkundschaft steht unschlüssig und abgelenkt im Raum herum. Ein kommunaler Veranstaltungssaal, eine kleine Buchhandlung, eine städtische Nebenbühne. Publikum bestehend aus sechs Mit-HUSTs der örtlichen Literaturgruppe, einem Bekannten des HUST, der Vertreterin der veranstaltenden kommunalen Institution, einem nicht zuzuordnenden Pärchen mittleren Alters. Das ist der Normalfall. PUSTs = preisgekrönten unbekannten Schriftsteller-Talenten ergeht es nicht besser. Nach Lesungen besteht keine gesellschaftliche Nachfrage, von wenigen Ausnahmen abgesehen gleicht die Anziehungskraft von Autorennamen der von Hühneraugen. Das HUST, anfällig für Kursabweichungen, ist froh, wieder einmal unentdeckt zu bleiben: Es fühlt sich noch im Probelauf. Durch was bricht ein HUST beim Durchbruch durch? Durch das Einwickelpapier über den Fördertöpfen halbstaatlicher Kulturwarmhalter, scheint diesem. In der Remittentenkiste mit den Suhrkamp-TBs der Bachmann-, Brentano- oder Leonce-und- Lena-Auserwählten der letzten 10 Jahre zu landen, ist nicht die große Chance, auf die es wartet.
Lachen: Den Zuhörschauern hat es gefallen. Mit einem "Hat mir echt gut gefallen" geraten sie allerdings ans Limit ihrer verbalen Kompetenz. Händetechnisch könnte Publikum ebenso gut durch Beifallautomaten vertreten werden. Lachen: Aus den Emissionswerten in dieser phylogenetisch frühen Reaktionskategorie liest das HUST seinen Erfolg ab. Und - wenn das Lachgeflügel erst einmal aufgeflogen ist - daraus, daß es sich gewünschtenfalls willig niederstrecken läßt. Das HUST, versuchsweise Geisterfahrer auf der Bundesintellektuellenautobahn durchs Jammertal, ist froh. Lesungen sind sinnvoll, weil Lachen Spannungen abbaut und das Immunsystem stärkt. Der Lokalzeitungsheini ist verschwunden und steht für sachdienliche Hinweise nicht zur Verfügung. Die Wochenendausgabe würdigt wertfrei=los (vorsichtshalber).
Bücher, Abteilung Belletristik, werden gekauft und vielfach auch gelesen. Zuhörschauer entspringen daraus nicht. Den Lesehern scheint keine Erinnerung geblieben, daß Schriftbilder als Abkürzungen für interkorporale Einflußnahmen erfunden wurden: Surrogate, Schwundstufen, nicht das Schlagen selbst. Vorlesen, Rezitieren, Geschichten erzählen: Unter Erwachsenen kaum noch vorstellbar. Lesungen sind Nachgeburten einer Praktik, die im Alltag keine Funktion mehr hat. Der Restbestand an gesellschaftlich notwendigen Vorlesetätigkeiten ist an High-Techniker in Funk und Fernsehen ausgegliedert. Wer will schon zuhause Amateurliga spielen?
Das HUST. Am liebsten liest das HUST nicht öffentlich,
sondern vor bestimmten Personen. Bestimmte Personen können sich der
Herausgabe eigener mündlicher Anteile nicht leicht verweigern. Das
HUST stimmt dafür, daß sein Textkörper Wort für Wort
gekostet und verdaut wird. Dieses konkrete, das lyrisch veranlagt ist,
möchte sich im Weihnachtspäckchen an seine Nahestehenden ausliefern.
Möchte, daß es aus dem Nächstenwald nicht mehr so heraustönt,
wie es selbst hineinruft.
Millionen schreiben selbst: Tagebuch vor allem, als Fortgeschrittene
Befindlichkeitsgejambe mit Reim aufs Weltbild. Kampf um Selbstverständnis
und Selbstverständlichkeit, meist Kreisverkehr von Banalitäten.
Hier, in Kreativschreibgruppen der Volkshochschule und anderer Sonderseelenwirtschaftszonen,
tragen sie sich das Selbstgeschriebene auch vor: Studierende, Frauen, Hausfrauen,
Rentner, Frauen, mitunter sogar Berufstätige. Diese Seelenherunterschreiber
sind ebensowenig das Klientel von Lesungen. Sie fühlen wohl: Man verkehrt
nur unter seinesgleichen mit sich.
Die HUSTs der örtlichen Literaturgruppe (in der man gegenseitig Vorgelesenes konstruktiv kritisiert, d.h. man übt sich in diplomatischer Zurückhaltung und hält im Zweifelsfall die Klappe) treffen sich, um eine Lesung selbstzuorganisieren. Es wird versucht, ein Phantombild von einer Zielgruppe anzufertigen. Studierende, zukünftige und gegenwärtige Intellektuelle, kann das HUST in seinem Publikum so gut wie nie entdecken, obwohl die meisten seiner Lesungen in einer sogenannten Studenten=Akademikerstadt stattfinden. Die Bachbürger, Verdibürger und Charlie-Parker-Bürger, in die sich die Qualitätskulturfetischisten nominal verteilen, lassen es bei Rauchgrußbotschaften aus den Schornsteinen ihrer Doppelhaushälften bewenden. Die bisherig Erschienenen weisen keine gemeinsamen Merkmale auf und die Selbstorganisierer sitzen in der Einzelfallfalle.
Was läßt sich schon aus einer Lesung, einer lyrischen zumal, mitnehmen? Lesungen überfordern Gedächtnis und Aufmerksamkeitsspanne derer, die gewohnt sind, mittels externer Speicher zu denken und zu kommunizieren. Lesungen sind sinnvoll, weil sie das Gedächtnis und die Aufmerksamkeitsspanne derer trainieren, die usw. Lesungen sind Mücken, die ins Spinnennetz durchgebildeter Wenn-Danner fliegen und krepieren. Die unbestimmten HUST- Zuhörschauer finden flüchtigen Gefallen - daran? Sind wenn überhaupt Anhängsel des Buchmarkts. Nur wo die Leseher den Kunstsinn schon in ihre Gehirnzellen eingebuchtet zu haben meinen, sind sie bereit, ein akustisches Risiko auf sich zu nehmen.
Die außerliterarischen Bekannten (ALBs) des HUST werden allmählich zu einer aussterbenden Spezies, worüber das HUST nicht wenig froh ist. Sie, total verzweckt, setzen ihren mitleidserweckenden Hundeblick auf, wenn die Gefahr besteht, das HUST könnte sie zu einer Lesung bitten, deren "Textsubstanz" sie "zu 50% schon kennen" (ALB, 1997). Freundschaft heißt für ALBs, nächtelang ihre Beziehungsdramen auftischen zu dürfen, die so originell sind, daß dem HUST unwillkürlich die Funktion "Serienbrief" in den Sinn kommt. Die Haltung von ALBs ist eine glatte Fehlinvestition.
Lesungen sind sinnvoll, weil nichts, was ein Surplus an Ausdruck zu erzielen imstande ist, historisch überholt sein kann. Das HUST wackelt ungläubig-kokett mit dem Kopf und schiebt ein Kitkat ein, residuale Materialisation von 50 Jahren Wohlstandsgesellschaft. Es selbst hat am meisten von seinen Lesungen. Im Vorlauf auf eine Lesung nimmt das HUST Publikumsmodus an, wird entsichert. Das Publikum ist die Leerstelle, in die dieses Lahmarsch- HUST sich selbst einzusetzen gezwungen wird. Texte nehmen endlich seine Gestalt an. Jemand wird möglicherweise erscheinen, und das HUST (ängstlich) ist froh, theoretisch mit dem Output anderer eigengesetzlich operierender Zeichenprozessoren (EOZPs) konfrontiert zu werden. Jetzt: Mit sich als Substanz prozessiert es in potenzierter Taktfrequenz für sich gegen sich. Lesungen sind einen Versuch wert.