Die
Gazette Nr. 9, Dezember 1998:
Buchkunst
Das hier
vorgestellte Werk, das Brüsseler Stundenbuch aus der Bibliothèque
Royale Albert I. in Brüssel, bleibt geheimnisvoll.
Man weiß kaum etwas über den - ohnehin nur vermuteten Künstler,
den Miniaturisten Jacquemart aus dem nordfranzösischen Städtchen
Hesdin. Auch der Auftraggeber und Besitzer ist nicht überliefert.
Einige Details jedoch weisen deutlich auf den Duc de Berry hin, wie fast
auf jeder Seite auch in der Abbildung hier.
Überall findet sich nämlich das herzogliche Wappen in den
reich verzierten Schmuckrändern (hier an den vier Ecken) ebenso das
Emblem des Herzogs, der Bär (links halbunten und rechts halboben)
und sein Monogramm VE (links halboben und rechts halbunten).
Besondere Aufmerksamkeit hat schon früh der abgebildete Schwan
erregt (Mitte oben und unten): Es ist ein blutender, ein verwundeter
Schwan, und in allen Buchwerken, die der Herzog nach diesem in Auftrag
gab, taucht er wieder auf. Schon vom Großneffen des Herzogs wurde
das Bild als das Zeichen einer schmerzvollen Liebeserinnerung interpretiert:
Man vermutet heute als Anlaß eine unglücklich verlaufene Begegnung
mit einer englischen Dame.
Eindrucksvoll ist aber vor allem die dargestellte Flucht nach Ägypten.
Die Landschaft ist zwar die dem Künstler vertraute europäische,
versehen mit Städten am Ufer und Schiffen auf dem Meer, die felsige
Kargheit der Gegend aber und die wenigen dürren Bäume verdeutlichen
die Unwirtlichkeit der Steppe im Heiligen Land. Maria hält das Neugeborene
an sich gedrückt, während Joseph den Weg nach vorn weist und
sich gleichzeitig sorgenvoll nach ihr umsieht.
Der Faksimile Verlag Luzern hat von den zweihundertsechsundsiebzig Seiten
des Stundenbuchs einen Nachdruck angefertigt und dazu einen erläuternden
Kommentarband herausgebracht.
Das edle Faksimile liegt nicht gerade in jedermanns Reichweite: Mit
stolzen siebentausendvierhundert Mark dürfte es selbst als Weihnachtsgeschenk
eine Seltenheit bleiben.