| Der unbekannte Proust
Kennen
Sie jemanden, der „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" gelesen hat?
Ich meine: gelesen, alle sieben Bücher in zumeist zehn Bänden,
wenigstens auf deutsch? Vielleicht hat sich ein Tollkühner die Lektüre
schon mal vorgenommen für einen längeren Krankenurlaub, aber
irgend kam es dazu nie.
So bleibt Marcel Proust wohl auch weiterhin ein gernzitierter (die
Stelle mit der Madeleine im Tee ist dabei sozusagen ungenießbar geworden)
Unbekannter.
Erfreulicherweise gibt es nun aber eine Adresse im Internet, die sich
dem kaum existenten Schriftsteller auf ganz neue, unorthodoxe Weise nähert:
die Zeitschrift Proust
Said That [Nachtrag Juni 1999: inzwischen leider nicht mehr präsent],
natürlich angelsächsischen Ursprungs und daher auf englisch.
Der Charme dieser Website liegt darin, daß man nicht alles von
dem dort Veröffentlichten ernst nehmen darf (oder nicht genau weiß,
ob man es darf). Da wird dem Leser in der Nummer 7 der Zeitschrift ausführlich
die ausnahmsweise wahre Geschichte von Prousts Duell mit dem Kritiker Jean
Lorrain erzählt, der das erste Buch des Schriftstellers etwas boshaft
verrissen hatte: „Es war ein regnerischer Tag an der Tour de Villbon, am
3. Februar 1897, als die Gegner aufeinandertrafen, mit Pistolen in den
Händen, da keiner von ihnen körperlich kräftig genug war
für einen Kampf mit Säbeln ...". Nachdem beide (absichtlich?)
danebengeschossen hatten, wollte Proust seinem Kritiker erleichtert die
Hand schütteln, wurde aber von den Sekundanten diskret beiseitegeführt.
Im Anhang dann noch die Anekdote von dem Hochzeitsgeschenk Prousts für
einen Freund, den Herzog de Guiche (1904). Es war ein Smith-and-Wesson-Revolver, ein
Luxusmudell, das er sehr dekorativ überreichte (Foto), eingebettet
in ein Gedicht, das die Braut als junges Mädchen geschrieben hatte.
Verläßlich sind wohl auch die „Literarischen Begegnungen
mit Marcel P.", in denen unter anderen Virginia Woolf, Noel Coward, Albert
Camus und Jean Cocteau zitiert werden, aber auch Thomas Mann („ein französischer
Romancier namens Proust oder so ähnlich").
Vieles andere ist aber eher mit einer gelüfteten Augenbraue zu
genießen. Die Leser der Zeitschrift veranstalten an jedem 22. November,
dem Todestag des Schriftstellers, eine happeningartige Nachtwache, komplett
mit Sarg und einem Leichenschauspieler.
Darüber hinaus erfährt man, daß Proust - ähnlich
Elvis Presley - immer mal wieder lebend gesehen wurde, zum Beispiel in
San Francisco auf dem Weg zu einer Buchhandlung, die eine Lesung aus seinen
Werken angekündigt hatte. Oder daß „Absinth" von dem griechischen
Wort „absinthion" herkommt, das „untrinkbar" bedeuten soll (während
das russische Wort dafür angeblich „chernobyl" heißt).
Informationen dieser leichten Art befriedigen ein dringendes Desiderat:
Wenn man Proust schon nicht gelesen hat, sollte man wenigstens amüsant
über ihn reden können.
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Natürlich hat die Zeitschrift auch ein T-Shirt,
mit dem man für acht Dollar
zu Proust bekennen kann. |