Die
Gazette Nr. 8, November 1998:
Texte, die wir nicht verstehen
Der Gang durch das Labyrinth der Tropen, wo die „Worte der Gesunden"
sinnlos und stumm sind, beschreibt ein performatives Gleiten und Verlöschen
der Bedeutungen in temporaler Folge, ein abwechselndes Hallen in der Stille,
das jede identifizierbare Stimme in einem Flüstern auslöscht.
Die reine differentielle Abfolge, in der Bewegung und Stille alternieren,
vergißt und verausgabt sich selbst. Der Erzähler kann sich die
„stille" Stimme der Frau nicht aneignen, er illustriert nur ihr performatives
Verlöschen. ... Im „Taumeln" und im Schwindel" Veronikas konvertiert
sich das Signifikante in den fleischgewordenen Un-Sinn und in die Heterogenität
des Triebhaften.
[Musils Text] setzt die Umkehrung der Figur der Prosopopöe in
Szene, die Zurücknahme der Stimme und die Defiguration des Gesichts,
die Spaltung und Zerstückelung des phallischen Signifikanten. Die
phallische Gestalt Demeters splittert sich in den Augen Veronikas in Partialobjekte
auf ..., die in verzerrten Propositionen hervortreten und die Heterogenität
des Triebhaften bezeichnen. Die aufeinandergepreßten Lippen des geschlossenen
Mundes markieren „wie ein blutiger Schnitt" die Grenze des Sagbaren im
Geschlecht, als stummes Bild der männlichen Kastrations- und Sprachwunde
geben sie die Unsagbarkeit der sexuellen Differenz zu lesen.
Aus Isolde Schiffmüllers Analyse der „Versuchung der stillen Veronika" von Robert Musil (Sonderheft Merkur, Postmoderne - eine Bilanz)