| Kipling-Brief zu verkaufen
Am 11. November 1915 schrieb Rudyard Kipling dem
irischen Gefreiten W. Fitzpatrick einen Brief: „Ich schreibe Ihnen, um
Sie zu fragen, ob Sie mir irgendwelche Auskünfte über meinen
Sohn geben können, ... der nach dem Gefecht am Chalk Pit Wood als
verwundet und vermißt gemeldet ist. ... Ich wäre Ihnen besonders
dankbar, wenn Sie mir erzählen könnten, was Sie von dem Gefecht
an diesem Tag noch wissen, oder wenn Sie mir die Namen von Personen nennen
könnten, von denen Sie glauben, daß sie mir mit Auskünften
weiterhelfen können."
Um diese Zeit war der siebzehnjährige John Kipling schon tot.
Er war - wie sich jedoch erst 1992 herausstellte, 56 Jahre nach dem Tod
des Vaters - schon am 27. September 1915 in der Schlacht von Loos in Nordfrankreich
an schweren Kopfverletzungen gestorben. Sein Vater hat die Suche nach ihm
jedoch bis zu seinem eigenen Tod 1936 nicht aufgegeben.
Der Brief kommt demnächst bei Phillips in London zur Versteigerung.
Steinbeck-Oper
Unverständlich, warum das große Kindler-Literaturlexikon
bei „Von Mäusen und Menschen" von John Steinbeck nicht auch Carlisle
Floyds Roman-Oper angibt, die schon 1970 in Seattle Premiere hatte und
dreizehn Jahre später auch an der New York City Opera aufgeführt
wurde.
Und gerade eben, am 8. November, wurde die sozialkritische Oper an
diesem Theater neuinszeniert. Im Publikum saßen der Komponist und
Elaine Steinbeck, die Witwe des Autors: Sie sei mit der Aufführung
zufrieden, sagte sie, sie habe die Oper schon ein paarmal gehört,
„aber so schön noch nicht".
Der Romantitel stammt übrigens aus der siebten Strophe des Gedichts
„To a Mouse" von Robert Burns, das mit den zauberhaften Zeilen beginnt:
„Wee, sleekit, cowrin, tim'rous beastie,
O what a panic in thy breastie!"
Verbotene Kriegsfilme
Spielbergs „Soldat Ryan" ist ein bemerkenswerter Film. Nicht nur wegen
seines ungeschönten Realismus, sondern deswegen, weil er überhaupt
gezeigt werden kann.
Vierundfünfzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kann
offenbar zugegeben werden, daß auch die GIs nicht nur strahlende
Helden waren, daß auch sie unter Kriegsneurosen zu leiden hatten.
Diese Offenheit gab es nicht immer. 1943 traktierte General Patton in Sizilien
einen „shell-shock"-Patienten im Krankhaus mit Fußtritten, nannte
ihn einen „feigen Bastard" und schrie ihn an, die Kriegsneurose sei „eine
jüdische Erfindung". Und doch: Im Mai 1945 hatte die amerikanische
Armee eine halbe Million Soldaten, umgerechnet fünfzig Divisionen,
wegen psychischer Erkrankungen verloren.
1944 wurde John Huston vom Kriegsministerium der USA beauftragt, einen
Film über den Feldzug in Italien zu drehen. Als dann „The Battle of
San Pietro" der Armee vorgeführt wurde, verließen ein General
und mehrere hohe Offiziere aus Protest den Saal; der Film wurde zur Geheimsache
deklariert und durfte erst nach einer Kürzung um ein Drittel gezeigt
werden.
1946 erhielt Huston einen zweiten Kriegsfilmauftrag. „Let There Be
Light" zeigte, neben anderen Kriegsopfern, auch einen Soldaten, der nach
einem Gefecht nur noch stottert, dann aber geheilt wird: „Ich kann sprechen",
ruft er glücklich aus, „hört zu: Ich kann sprechen." Kurz vor
der öffentlichen Premiere im New York Museum of Modern Art erschienen
zwei Militärpolizisten und verboten die Aufführung (lediglich
Ärzte und Wissenschaftler der Alliierten hatten das Recht, ihn zu
sehen; erst 1981 wurde das Verbot aufgehoben). Man wollte eben den intakten
nationalen Mythos, so Huston in seinen Memoiren; man wollte zeigen, „daß
nur ein paar Schwächlinge am Wegrand liegenblieben. Jeder war ein
Held und konnte es mit seinen Orden beweisen."
John Glenn und sein Agent
Schon kurz nach seiner Rückkehr von seinem zweiten Ausflug ins
All sah sich der siebenundsiebzigjährige Alt-Astronaut so zahlreichen
Verlagsangeboten gegenüber, daß er zur Bewältigung der
Menge einen Literatur-Agenten heuern mußte.
Glenns Pressesprecher Jack Sparks weiß allerdings nicht, ob Glenn
überhaupt irgendein Buch schreiben möchte, wenn er im kommenden
Januar seinen Sitz im Senat aufgibt. Bisher jedenfalls ist der Weltraumreisende
als Autor kaum aufgetreten. Lediglich 1962 hat er, zusammen mit den sechs
anderen Astronauten, ein Buch mit dem Titel „We Seven" geschrieben.
Zu gönnen wäre ihm ein schönes Buchhonorar. Glenn hat
durch seinen erfolglosen Präsidentschaftswahlkampf 1984 noch immer
drei Millionen Dollar Schulden.
Bücherspende für Pinochet
Die chilenische „Partei für die Demokratie" hat
sich für den im Krankenhaus festgehaltenen Augusto Pinochet (das Foto
zeigt ihn mit einer Freundin) eine besondere Freude ausgedacht und schickte
ihm, damit er sich nicht langweilt, Ende Oktober ausreichend Lesematerial
nach London.
Im Geschenkpaket lagen, unter anderem, Michael Ondaatjes „Englischer
Patient, aber auch „Der General in seinem Labyrinth" von Gabriel Garcia
Marquez. Von besonderem Interesse für den General in seinem Krankenhaus
ist zweifellos der ebenfalls übersandte Bericht einer Sonderkommission,
die die Menschenrechtsverletzungen unter dem Pinochet-Regime von 1973 bis
1990 untersucht hat.
Internet-Buchhandel boomt
Amazon.com, jetzt auch in Großbritannien und Deutschland präsent,
hatte 1996 noch 180000 Kunden, im darauffolgenden Jahr schon anderthalb
Millionen und heute 3,2 Millionen. Der Umsatz hat sich in diesem Zeitraum
vervierzigfacht, von fünfzehn Millionen Dollar im Jahr 1996 auf einhundertsiebenundvierzig
Millionen Dollar allein im dritten Quartal 1998.
Fast zwei Drittel der Besteller sind Stammkunden. Sie werden von amazon.com
automatisch über Neuerscheinungen aus den Gebieten informiert, für
die sie ihr Interesse gemeldet haben.
Offenbar traut die Börse dem wachsenden Unternehmen. Sein Aktienwert
ist auf heute zwei Milliarden Dollar gestiegen.
Und Erweiterungen sind bereits geplant: Demnächst sollen bei amazon.com
auch Musik- und Videokassetten übers Internet angeboten werden.
Victor-Hugo-Roman verfilmt
Der Autor im Vorwort: „Solange es auf der Erde Unwissenheit und Elend
gibt, können Bücher dieser Art nicht ohne Wert sein." Und noch
emphatischer: „Ja, eine Gesellschaft, die das Elend, eine Religion, die
die Hölle, eine Humanität, die den Krieg zuläßt, erscheinen
mir als minderwertige Gesellschaft, Religion, Humanität."
Diese sozialrevolutionäre
Leidenschaft in „Les Misérables" ist ganz offensichtlich nicht mehr
zeitgemäß. Aber nicht etwa deswegen, weil sich ihre Anlässe
erledigt hätten, ganz im Gegenteil. Sondern weil Millionen lieber
einen Ausstattungsfilm sehen wollen. So oder ähnlich müssen sich
die Produzenten des Films, der jetzt - angeblich nach dem Roman - gedreht
wurde, das Marketing zurechtgelegt haben. Und so bleibt denn nichts anderes
von der Vorlage übrig als das zweite große Thema: die Läuterung
des ehemaligen Sträflings Valjean (mit Liam Neeson, siehe Foto, und
Uma Thurman).
„Ich stellte fest", sagt der Drehbuchautor Rafael Yglesias in schöner
Einfachheit, „daß das zentrale Thema in Hugos Roman die Erlösung
ist. Ich konnte nicht die ganze Geschichte erzählen, also habe ich
mich auf Valjeans Kampf um das Gute in ihm konzentriert."
Man ist ja gern bereit, bei der Verfilmung eines Zwölfhundert-Seiten-Romans
schmerzliche Einschnitte hinzunehmen. Aber Regisseur Bille August hat dem
Stoff, indem er das soziale Gewissen und die engagierte Menschlichkeit
über Bord warf, seine Seele geraubt. Was wir jetzt zu sehen bekommen,
ist eine schöngelackte, rührselige Kostümstory für
Privilegierte, die sich kurz mal dem wohligen Grusel einer Unterweltschau
aussetzen möchten.
Casablanca I
Jetzt ist sie also auf dem Markt, die Fortsetzung von „Casablanca":
„As Time Goes By" von Michael Walsh. Bei Licht besehen ist es ja mehr die
Vorgeschichte. Alles, was den Film zur Ikone macht, seine Unklar- und Unwahrscheilichkeiten,
alle noch offenen Fragen also werden hier endlich beantwortet. Es bleibt
nichts Geheimisvolles mehr.
Wieso kann
Rick nicht mehr nach New York zurück? Und wieso kann er mit einem
Revolver umgehen? Ganz klar: Er war dort in einen Gangsterkrieg verwickelt,
muß fliehen, trifft in Paris seine Ilsa und verliert sie wieder.
Schafft es Laszlo nach Amerika? Nein. Das heißt, er probiert
es erst gar nicht. Statt dessen fliegt er nach Prag zurück, versucht
aus Angst vor Repressalien, die Ermordung Heydrichs zu verhindern und stirbt,
während er ihn schließlich selbst tötet.
Und die Hauptfrage: Kriegen sie sich? Ja. Ilsa und Rick können
nach Laszlos praktischem Tod endlich heiraten. Und jetzt sagt sie zu ihm:
„Schau mir in die Augen, Kleines!", falls es diesmal nicht zufällig
richtig übersetzt wird.
Die Idee zu dem Buch - muß man das noch sagen? - hatte die Chefin
der Warner Studios, Maureen Egen. Sie engagierte auch den Autor. Das Ende,
die Verfilmung natürlich, ist abzusehen.
Casablanca II
Eine Fortsetzung ist nicht genug. Durch das Internet rauscht die Nachricht
eines Filmprojekts „Casablanca II: Brazzaville" mit Starbesetzung (Bruce
Willis als Rick natürlich, Isabella Rosselini als Ilsa, Robin Williams,
Gérard Depardieu, Marlon Brando, Steven Segal, Rutger Hauer, Antonio
Banderas; den Song „I'll cross the Jungle" präsentiert Madonna).
Die
Handlung ist noch um einiger wirrer als in „As Time Goes By" und eigentlich
nicht wiedergebbar. Jedenfalls treffen sich alle Beteiligten aus diversen
Gründen in Brazzaville wieder. Dort veranstalten die Nazi-Deutschen
schauerliche Tierexperimente: Sie fangen die geschützten Berggorillas
und injizieren ihnen ein ultrageheimes Serum, das ihnen eine schier menschliche
Intelligenz verleiht, so daß sie zu natürlich ganz dem Dritten
Reich verschworenen Kämpfern mutieren. Nur einer kann sie noch stoppen:
Bruce-Rick. Gleichzeitig sind Sam und Ugarte, ebenfalls im Dschungel, hinter
Rick her - oder umgekehrt. Ilsa hat inzwischen - anders als Laszlo - einen
Flugzeugabsturz überlebt, fällt am Ufer einer kanarischen Insel
einem naturbelassenen Fischer (Antonio Banderas) in die Hände und
...
Spätestens hier kommen einem dann doch Bedenken über die
Zuverlässigkeit der Quelle. Obwohl, das Plakat gibt es auch schon
zum Film. Und dieser Scherz mit dem Original-Casablanca ist fast besser
als der ernstgemeinte der Warner Studios.
Also doch nur in Kulissen?
Yul Brynner in „Anna und der König von Siam" (schon 1956, und er
bekam sogar einen Oscar dafür) hat die Autorin der Geschichte völlig
in den Hintergrund geschoben. Es war Anna Leonowens, die im Jhr 1870 ihre
„English Governess at the Siamese Court" schrieb. Sie war damals selbst
die westliche Erzieherin der königlichen Prinzen, eine Neuerung in
der Geschichte des Königreichs.
Der Film jedoch durfte nie in Thailand gezeigt werden, weil die Darstellung
des Königs dort als historisch falsch und beleidigend empfunden wurde.
Da nun das jetzt geplante Remake „Anna (Jodie Foster) und der König",
wie die staatliche Filmbehörde mitteilte, vom Vorgänger nicht
wesentlich abweicht und insofern immer noch eine Herabwürdigung der
Monarchie darstellt, kann das Projekt nicht im Land selbst verwirklicht
werden. Sollten es sich die Drehbuchschreiber jedoch noch anders überlegen,
bleibe man gesprächsbereit, hieß es.
Ein Autor gegen die Korruption
Wer in China nicht gleich die kommunistische Partei selbst korrupt nennt,
sondern nur die Wirtschaft, hat damit Erfolg. Beispiel: Die einundvierzigjährige
He (sprich: hu) Qinglian und ihr jüngstes Buch „Die Fallgruben der
Modernisierung".
Einhundertsiebzigtausend legale Exemplare wurde in den letzten elf
Monaten verkauft - und eine Million Raubdrucke.
Das Buch nennt Chinas Modernisierung „die Imitation einer Marktwirtschaft",
weil sie immer noch von der „unsichtbaren Hand der Regierung" gelenkt würde.
An der Zuteilung von Rohstoffen und anderen Ressourcen verdienten die an
der Vergabe beteiligten staatlichen Stellen kräftig mit. Keiner kontrolliere
die Kontrolleure. Auch die verstaatlichten Medien hätten nur sehr
beschränkte Möglichkeiten, Machtmißbräuche bloßzustellen.
Notwendig sei jetzt eine tiefgreifende politische Reform.
He bescherrscht die Wanderung auf der feinen Trennlinie zwischen Partei
und Staat. Im vergangenen August wurde sie von der KPC sogar zu einem Vortrag
eingeladen. Auch an den Universitäten von Peking und anderen Städten
hat sie Vorträge über das Thema ihres Buches gehalten.
Das Handbuch des modernen Rabbi
Die siebenhundertfünfzig orthodoxen Synagogen in Nordamerika und
zweihundert weitere in anderen Ländern sind in der konservativen Rabbinical
Assembly zusammengefaßt. Die Assembly bringt auch das „Handbuch des
Rabbi" heraus, dessen jüngste und radikal modernisierte Fassung soeben
erschienen ist, sechshundertachtundachtzig Seiten in zwei Taschenbuchbänden,
dreimal der Umfang der vorherigen Ausgabe von 1965.
Der Einfluß der seit 1965 möglichen weiblichen Rabbis auf
die Neufassung des Handbuchs ist unübersehbar.
Die Sprache ist jetzt geschlechtsneutral gehalten, auch wenn das eine
Umformulierung mancher Bibelstellen bedeutete. Jetzt heißt es zum
Beispiel - im englischen Text - nicht mehr „man", sondern „mortal", nicht
mehr „king", sondern „monarch". Und im Gebet für die Kranken werden
nicht mehr nur Abraham, Isaak und Jakob genannt, sondern auch Sarah, Rebecca
und Lea.
Außerdem enthält das Handbuch nun eine Art Patientenverfügung
für den Fall einer unheilbaren Krankheit oder eines Wachkomas. Neben
der Option, Leben möglichst zu erhalten, besteht auch die Möglichkeit,
nur noch lebensverlängernde Maßnahmen zu unterlassen. Klar verboten
bleibt jedoch jede Form aktiver Euthanasie.
Eine - umstrittene - Neuerung ist auch das Gebet nach einer Abtreibung,
das Amy Eilberg, Rabbi in San Francisco, geschrieben hat.
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Endlich: Manager
brauchen nicht mehr zu lesen
Der Slogan „Die effiziente Führungskraft liest nicht,
sie läßt lesen" ist griffig, zeitgemäß und
in seiner herzigen Eindimensionalität entwaffnend.
Damit die schon genug Geplagten es wenigstens lektüremäßig
bequemer haben, ist ein irischer Verlag (Business Bestseller Publishing)
in die - dafür wie geschaffene - „Marktnische" gesprungen. Jeden Monat
faßt die Redaktion „drei aktuelle Managementwerke auf leicht verdauliche
[sic] acht Seiten zusammen". Wie so etwas geht? Ganz einfach. Man nimmt
die „Kerngedanken" eines Buches und steckt sie in ein „leicht faßbares
Kästchen". Die Reichweite ist selbstverständlich global: „Berücksichtigt
werden" auch deutschsprachige Bücher, vor allem auch Bücher aus
den USA, England, Frankreich und Japan.
Acht bis zwölf Lesestunden schrumpfen damit auf
„freundliche 15 Minuten".
Was für ein Service! Es ist eine Lust zu leben.
Und der freundliche Dienst ist schon für knapp dreißig
Mark jeden Monat zu haben.
Buch treibt Grundstückspreise in die Höhe
Der Bestseller „Midnight in the Garden of Good and Evil"
von John Berendt ist zwar schon 1994 erschienen, zeigt aber Langzeitwirkung.
Der Schauplatz, das zweihunderfünfzig Jahre alte, nach Magnolien duftende
und von den Einwohnern liebevoll restaurierte Zentrum der Küstenstadt
Savannah, ist jetzt nicht nur international bekannt, sondern auch begierig
nachgefragt. Immobilienkäufer von überall her stehen Schlange
- und die Grundstückspreise schießen in bisher unbekannte Höhen.
Obwohl mancher Einwohner mit seinem Häuschen nun
ein paar schnelle Millionen machen könnte, ist nicht jeder glücklich
über den drohenden Goldregen. „Ich möchte nicht gern den Ort
verlieren, in den ich mich verliebt habe", sagt sogar der Häusermakler
Dickie Mopper in Savannah.
Madonna für Kinder
„Des Kaisers neue Kleider" von Hans Christian Andersen
kam bislang ohne Kommentare aus. Wozu auch? Was hier zu sagen war, hatte
der Autor schon gesagt.
Jetzt soll das Märchen neu herausgegeben werden,
zusammen mit begleitenden Prominenten- Beiträgen. Die Schauspieler
Harrison Ford und Robin Williams haben bereits Texte zugesagt.
Und eben auch die Pop-Ikone Madonna, die mit der Mutterschaft
offenbar ihr Erzähltalent entdeckt hat. Um zweihundert Wörter
hatte man sie gebeten, für eine Variante des Märchens, und sie
in ihrer Schweibwut hat statt dessen tausend abgeliefert.
Aber nun ja, das Märchen-Buch hat einen freundlichen
Zweck: Die Erlöse sollen der Wohlfahrt zugutekommen.
Saint-Exupérys Armbanduhr
Der Autor des „Kleinen Prinzen" unternahm vermutlich am
31. August 1944 von Bastia (Korsika) aus einen Aufklärungsflug in
Richtung Frankreich. Seit diesem Tag gilt er als verschollen, und niemand
weiß, wo über dem Mittelmeer sein Flugzeug - wahrscheinlich
nach einem Abschuß durch die Deutschen - abgestürzt ist.
Anfang Oktober fand ein Fischer die Armbanduhr Saint-Exupérys
vor der südfranzösischen Felsenküste. Die Uhr trägt
den Namen des Eigentümers, dazu den seiner argentinischen Ehefrau
Conzuelo und auf dem Armband die Adresse seines Now Yorker Verlegers.
Eine Suche nach dem Flugzeugwrack in der Nähe des
Fundorts blieb jedoch ergebnislos.
In diesem Monat wird der Schriftsteller mit einer französischen
Briefmarkenserie geehrt.
Busfahrer geht leer aus
Der englische Booker-Preis dieses Jahr und die damit verbundenen
zwanzigtausend Pfund gingen nicht an den Busfahrer Magnus Mills („The Restraint
of Beasts"), auch nicht an Julian Barnes („England, England"), sondern
an Ian McEwan für seinen Roman „Amsterdam", ein schmales Einhundertachtundsiebzig-Seiten-Werk.
Der Autor („Ich fühle mich wie in einem Traum")
will das Preisgeld nicht für so etwas platt Nützliches wie einen
neuen „Linoleumboden" hernehmen, sondern für „ein Bild oder eine Skulptur
oder so etwas, was bleibt, so daß ich es noch auf meinem Totenbett
ansehen kann."
„Amsterdam" beschreibt einen bizarren Selbstmord-Vertrag
zwischem einem Komponisten und dem Chefredakteur einer Zeitung, der nebenbei
einen Außenminister als Transvestiten entlarvt.
Die Pikanterie, daß der ehemalige britische Außenminister
Hurd einer der Juroren war, ist keine. Der Roman war schon fertig, bevor
Hurd in die Jury berufen wurde.
Geld spielt eine Rolle
Weiß man in Europa noch, wer Abraham Zapruder war?
In den USA weiß es jedes Kind.
Abraham Zapruder war der Mann, der am 22. November 1962
in Dallas Kennedys Ermordung mit seiner Acht-Millimeter-Amateurfilmkamera
aufgenommen hat. Die historisch einmalige Sequenz ist genau sechsundzwanzig
Sekunden lang
(das Foto zeigt Bild 335). Seit 1970 liegt der Film als
wichtigstes Beweisstück im Nationalarchiv in Washington.
Zapruders Erben besitzen jedoch nach wie vor das Eigentum
und alle Rechte an dem Kurzfilm. Bereits in der Vergangengenheit versuchten
sie, mit der Regierung über einen Verkauf handelseinig zu werden.
Vergeblich. Die Familie verlangte ursprünglich 18,5 Millionen Dollar,
die Regierung bot dagegen siebenhundertfünfzigtausend und erhöhte
dann immerhin auf drei Millionen.
Jetzt soll eine Kommission, bestehend aus einem Anwalt
der Erben, einem Vertreter des Justizministeriums und einem neutralen Dritten,
einvernehmlich den endgültigen Preis festlegen. Das Maximum wird mit
dreißig Millionen angegeben.
Rupert Murdochs neue Moral
Angenommen, ein verheirateter Kongreßabgeordneter
der Demokraten hätte sich mit seiner Geliebten in einem New Yorker
Hotel vergnügt: Wie hätten Murdochs ultrakonservative Zeitungen,
allen voran die New York Post, die Nachricht gebracht? Mit Wonne natürlich,
und schreiend vor Empörung. Und dazu ein Interview mit der verlassenen
Ehefrau.
Jetzt aber tut der siebenundsechzigjährige, 5,6
Milliarden schwere Medienmann genau das: Er hat mit der einundreißig
Jahre jüngeren und 1,51 großen Chinesin Wendy Deng im Mercer,
dem begehrtesten Hotel in New York, ein Liebesnest bezogen. Murdoch lebt,
muß man hinzufügen, seit kurzem von seiner Frau getrennt.
Klar, am liebsten hätte Murdochs Konkurrentin, die
New York Daily News, die süffige Meldung als erste gebracht, nur bekamen
die Redakteure dort kalte Füße, als die New York Post ihnen
drohte, in diesem Fall die schmutzige Wäsche des Daily-News-Herausgebers
Mortimer B. Zuckermann aus dem Keller zu holen. So blieb es der ehrenwerten
New York Times überlassen, die Nachricht Anfang Oktober zu verbreiten.
Und zwar sehr diskret und sachlich im Wirtschaftsteil.
Irgendwann lohnt es sich
Der künftige Vollstrecker des Mullah-Urteils an Salman
Rushdie bekommt jetzt nicht nur die kürzlich auf 2,8 Millionen Dollar
erhöhte Kopfprämie, sondern noch etwas mehr: zehn Teppiche, einen
halben Hektar Ackerland und ein Haus mit eintausendsiebenundert Quadratmetern
Garten.
Das großzügige Angebot machten Ende Oktober
die Bewohner von Kiapey, einem kleinen Küstendorf, zweitausend Seelen,
in der Nähe von Sari am Kaspischen Meer.
Die Dörfler sind auch sonst recht aktiv, wenn es
gegen den Autor der „Satanischen Verse" geht. Sie haben bereits die Eltern
von Mustafa Mazeh eingeladen, in Kiapey zu wohnen. Mazeh flog 1989 in London
mit einer selbstgebastelten Bombe in die Luft, die - so glaubt jeder aufrechte
Iraner - für Rushdie bestimmt war.
Großbritannien und der Iran haben inzwischen ihre
diplomatischen Beziehungen wieder auf Botschafterrang angehoben.
Auch das noch: Dianas Mordpläne
Am 14. November feiert Prinz Charles seinen fünfzigsten
Geburtstag. Am gleichen Tag beginnt der Verkauf eines neuen Diana-Buches
(des wievielten?), das eigentlich zu seiner Verteidigung gedacht war, aber
ihm schon jetzt wenig Freude macht, nachdem erste Vorabdrucke in der Boulevard-Presse
erschienen sind. 1,4 Millionen Mark soll The Mail für die Rechte bezahlt
haben.Es geht um das Buch der Journalistin Penny Junor, „Prince Charles:
Villain or Victim?". Darin behauptet die Autorin Ungeheuerliches: Es war
nicht Charles, sondern Diana, die die Ehebrecherei angefangen hat, und
zwar mit ihrem Privatdetektiv Barry Mannakee (man kann ihn nicht mehr danach
fragen; er ist bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen). Das Schlimmere
jedoch in dem Buch sind Dianas angebliche Mordpläne gegen die Rivalin.
Junor zufolge soll sie Camilla Parker-Bowles spät nachts angerufen
und gesagt haben: „Ich habe Leute zu dir geschickt, um dich umzubringen.
Sie sind raußen im Garten. Schau zum Fenster raus: Kannst du sie
sehen?"Die wirkliche Nachricht kommt aber erst jetzt:In ungewöhnlicher
Weise, nämlich gemeinsam, haben Prinz Charles und Camilla Parker-
Bowles offiziell die Behauptung zurückgewiesen, sie hätten an
dem Buch mitgearbeitet. Die gemeinsame Verlautbarung wird in London als
deutliches Anzeichen für die weitergehende Zusammenarbeit der beiden
bewertet.
Der Literarische Kalender
Am 15. November 1862 wird Gerhart
Hauptmann in Obersalzbrunn in Schlesien geboren.
Am 16. November 1849 wird Fjodor
Dostojewski wegen „sozialistischen Betätigung" zum Tod
verurteilt (die Strafe wird dann zu vier Jahren Arbeitslager in Sibirien
ermäßigt).
Am 18. November 1477 erscheint das erste datierte gedruckte
Buch in England („Dictes and Sayengs of the Philosophers" von Earl
Rivers).
Am 18. November 1865 erscheint Mark
Twains erste Erzählung, „The Celebrated Jumping Frog of
Calaveras County" und macht den Autor über Nacht zu einer Berühmtheit.
Er ist zudem der erste Schriftsteller, der sein Manuskript schreibmaschinengetippt
abliefert.
Am 18. November 1952 stirbt der Dichter Paul
Éluard in Charenton-le-Pont.
Am 20. November wird Nadine
Gordimer in Springs (Transvaal) geboren.
Am 21. November 1694 wird Voltaire
in Paris geboren. Mit fünfundsechzig Jahren schreibt er „Candide"
in drei Tagen.
Am 21. November 1855 begegnen sich Leo
Tolstoi (Foto) und Iwan
Turgenjew - es wird der Beginn einer lebenslangen Freundschaft.
Am 21. 1910 stirbt der zweiundachtzigjährige Leo
Tolstoi (an einer Lungentzündung) auf der Flucht vor seiner
Frau in den Kaukasus.
Am 22. November 1869 wird André
Gide (Nobelpreis 1947) in Paris geboren.
Am 22. November 1916 stirbt Jack
London, vierzig Jahre alt, durch Selbstmord in Santa Rosa (Kalifornien).
Am 23. November 1913 rezensiert Jean
Cocteau „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel
Proust: „Es sieht nichts anderem ähnlich, was ich kenne, und erinnert
mich an alles, was ich bewundere."
Am 24. November 1632 wird Baruch
Spinoza im Amsterdam geboren.
Am 24. November 1713 wird Laurence
Sterne geboren.
Am 28. November 1757 wird William
Blake in London geboren.
Am 28. November 1904 wird Nancy
Mitford in London geboren.
Am 30. November 1667 wird Jonathan
Swift in Dublin geboren. „Gullivers Reisen" ist das einzige
Buch, für das er je ein Honorar erhält.
Am 30. November 1835 wird Mark
Twain in Florida (Missouri) geboren.
Am 30. November 1900 stirbt Oscar
Wilde mit sechsundvierzig Jahren in Paris. Seine letzten Worte,
mit Blick auf die abscheuliche Tapete: „Einer von uns beiden muß
hier weg."

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