Die
Gazette Nr. 8, November 1998:
Marginalie
Aus gewöhnlich gut informierten Kreisen erhielten wir die beglaubigte Abschrift dieses Briefes:
Sehr geehrter Herr Senator,
gern bestätige ich den Eingang Ihres Schreibens vom 29. Oktober
1998, mit dem Sie mir Ihre rechtliche Vertretung in Großbritannien
übertragen.
Da wir nicht sicher sein können, ob Ihre strafrechtliche Immunität
auch nach der unbegreiflichen Berufung des britischen Staatsanwalts Bestand
haben wird, erlaube ich mir einige Hinweise für unser künftiges
Vorgehen.
Ich will ganz offen sein: Ich halte die Entführung und das Verschwindenlassen
des Staatsanwalts unter den gegenwärtigen Umständen für
keine gute Idee. Ganz abgesehen davon, daß uns die entsprechende
Logistik (Sonderschwadron, vorübergehende Unterbringung) in Großbritannien
lediglich beschränkt zur Verfügung steht, gebe ich zu bedenken,
daß dieses Verfahren in England nur auf schwache Akzeptanz stoßen
dürfte. Man kann darüber geteilter Meinung sein (und ich als
Ihr Anwalt bin hier selbstverständlich geteilter Meinung), aber es
ist es nun mal so, daß diesem Land eine prinzipienfeste Durchgreifkultur
fehlt.
Ebenso rate ich auch von der vorgeschlagenen Repressalie ab, nun in
Santiago zweihundert britische Staatsbürger festzunehmen und sie verschärften
Verhören zu unterwerfen. Aus nicht recht faßlichen Gründen
haben Begriffe wie „Papageienschaukel" in Europa mittlerweile einen negativen
Klang.
Auch die Idee, den Premierminister nach Chile einzuladen, ihn dann
zu verhaften und ihm - beispielsweise - den unsinnigen Bau des Millenniumdoms
vorzuwerfen, ist nach meiner Überzeugung nicht ohne gewisse Nachteile
durchführbar. Aber diesen Plan versehen Sie ja selbst mit einem Fragezeichen.
Dagegen befürworte ich dringlich die Überlegung, einen PR-Berater
beizuziehen. Man kann es natürlich beklagen, aber Ihr Image ist in
Europa stark verbesserungsfähig. Wenn ich dazu drei unvorgreifliche
Vorschläge machen darf:
- Vielleicht sollten Sie nicht immer nur in Uniform, sondern ab und
zu auch im T-Shirt auftreten (notfalls aus ausreichend dickem Stoff, so
daß Sie die unabdingbaren Orden - aber wirklich nur diese - daran
befestigen können). Dann die Benachrichtigung der Photographen nicht
vergessen.
- Sie wissen, ich bewundere Ihre Haltung und Ihr Rückgrat. Gleichwohl
mag eine vorsichtige Lockerungsgymnastik, klarerweise unter Rücksichtnahme
auf Ihre staatspolitische Würde und Ihr fortgeschrittenes Alter, dazu
verhelfen, Ihre Person gewissen Ländern, die nicht unsere moralische
Festigkeit besitzen, ein wenig sympathischer zu machen.
- Vor allem aber müßte der Berater an Ihrem Lächeln
arbeiten. Es ist, wenn Sie mir die in Ihrem wohlverstandenen Interesse
geübte Offenheit erlauben, immer noch ein wenig steif. Denken Sie
doch einfach an etwas Schönes, etwa an die gute alte Zeit der späten
siebziger Jahre und unseren großen Kampf gegen subversive Elemente
- dann sollte Ihnen ein befreiter, glücklicher Gesichtsausdruck eigentlich
nicht schwer fallen.
Ich stimme Ihnen zu: Die Übersendung des Berichts der sogenannten
Sonderkommission an Ihr Krankenbett ist eine Frechheit! Ich werde die nötigen
Schritte unternehmen, damit Ihnen solche Zumutungen künftig erspart
bleiben.
Möglicherweise ist ja auch schon Ihnen selbst der Gedanke gekommen,
daß wir aus den Vorkommnissen eine wenn auch späte Lehre zu
ziehen haben: Nie zurücktreten! Man kann danach keine Dankbarkeit
mehr erwarten, geschweige denn Anständigkeit und Respekt.
Bleiben Sie hart, möchte ich Ihnen zurufen (aber: siehe Gymnastik).
Wir kriegen Sie da schon raus. Wir haben, wie Sie sicher wissen, die Mittel
dazu.
Mit dem Ausdruck meiner bleibenden Ergebenheit
Ihr N. N.
(Der Name ist der Redaktion bekannt)
Thomas Mägerlein