Die Gazette Nr. 8, November 1998:

MAI-Special

Bundesregierung zugenöpft

Das Wirtschaftsministerium - zugegeben: zwischen zwei Ministern - weiß (Ende Oktober) nicht recht, ob es tatsächlich „keine neue Verhandlungsrunde" geben wird oder vielleicht unter Umständen doch. Jedenfalls will man sich im Dezember wieder in Paris treffen und über das MAI „diskutieren". Sollte sich dabei die Möglichkeit ergeben, über den Vertragstext zu reden, würde die Regierung so etwas natürlich  „begrüßen". Klarer wird die Antwort auch bei unhöflichem Nachfragen nicht.
Soviel steht jedenfalls fest: Das Sekretariat der OECD hat den Auftrag, eine Liste der strittigen und der unstrittigen Punkte aufzustellen. Für drei Jahre Verhandlungsdauer ein eher mageres Ergebnis. Zu den strittigen Punkten gehören vor allem der Kultur-Vorbehalt Frankreichs und der europäische Widerstand gegen die Helms-Burton- und d'Amato-Gesetze der USA.
Und noch etwas steht für das Ministerium fest, sogar ziemlich sicher: Im Mai 1999 wird kein MAI unterschrieben.
 

Frankreich ausgestiegen

Frankreich hat an der Sitzung der OECD vom 20. Oktober nicht teilgenommen. Das brachte die Tagesordnung natürlich etwas durcheinander.
Der französische Premierminister Jospin hatte Ende Mai die Europa-Abgeordnete Catherine Lalumière und Jean-Pierre Landau, Inspecteur des Finances, um einen Bericht zu dem umstrittenen Vertrag gebeten. Der Bericht kommt zu dem Ergebnis, daß ein neues Abkommen erarbeitet werden sollte, und zwar auf völlig neuen Grundlagen.
Am 14. Oktober bewantwortete Jospin eine aktuelle Anfrage der Nationalversammlung zum MAI folgendermaßen (Auszüge): „Als die [französische] Regierung im April 1998 feststellte, daß nicht genügend Klarheit geschaffen werden konnte, beantragte und erhielt sie eine sechsmonatige Aussetzung der Verhandlungen ... Nun ist es eine Sache, Souveränitätsbefugnisse einer Gemeinschaft, in diesem Fall unserer Europäischen Union, in einem von den Staaten kontrollierten Prozeß im Rahmen eines historischen Unterfangens, das für uns alle von beträchtlicher Bedeutung ist, zu übertragen; und es ist eine andere Sache, Souveränitätsbefugnisse zugunsten privater Interessen unter dem Vorwand der Ausarbeitung eines internationalen Investitionskodexes aufzugeben."
Solchen Klartext hat man von deutscher Seite noch nicht gehört. Schon gar nicht im Parlament.
 

Der MAI-Bericht von Catherine Lalumière und Jean-Pierre Landau

ist hier im Original wiedergegeben; er enthält
- eine Untersuchung der Gründe für die Ablehnung des Vertragsentwurfs
- eine Analyse des Verhandlunsmodus
- Vorschläge für weitere Verhandlungen
- eine Liste der interviewten Personen und Organisationen sowie
- ausführliche Statistiken der Auslandsinvestitionen der größten OECD-Länder 1997.
Die Lektüre lohnt sich.
 

Der Vertragstext,

komplett mit erläuternden Kommentaren, ist nachzulesen in der amtlichen deutschen Übersetzung  in dem soeben erschienenen Taschenbuch:

Das MAI und die Herrschaft der Konzerne
Die Veränderung der Welt durch das Multilaterale Abkommen über Investitionen
Originalausgabe
hrsg. von Fritz  R. Glunk
dtv, München 1998