Die Gazette Nr. 8, November 1998:

Lyrik
 
Rudolf G. Binding

Novembergrau

Dich zu liebkosen
wo sind die Rosen?
Dich zu umarmen
wo sind die warmen
Arme der Sonne?

Flüstern die Bronne
dir nicht zur Lust mehr?
An deiner Brust mehr
badet kein Glanz.

Keinen Kranz
Keinen Odem
reicht dir der Boden
duftend herauf.

Grau steht es auf.
Nebliger Brodem,
dünnarmig, kalt.
Er schleicht zur Seite
dir zum Geleite - 
als wärest du alt.

 

Kommentarzitat (nicht des Autors): 

Den Schöpfer dieser Verse hat man einmal unseren vielleicht vornehmsten Dichter, seine Metaphern kühn und neuartig genannt.. Nun, wenn man vornehm mit gestelzt verwechselt, dann ist dieser Autor vornehm. Und kühn sind weniger seine Metaphern als ihre Publikation. Und neuartig ist gar nichts. Ein alter Zimt, mit dem nur noch vorlieb nimmt, wer noch nicht gelernt hat, zwischen Lyrik des 18. und Lyrik des 20. Jahrhunderts zu unterscheiden. Denn in diesem Stil dichtete man doch schon zu Goethes Zeiten. Und Goethe ist zwar ein Höhepunkt der deutschen Lyrik, aber seine Lyrik kein Rezeptbuch, nach dem man ähnliche Artikel fabriziert; ganz besonders nicht, wenn man in einem späteren Jahrhundert zu Hause ist, mit einem anderen Lebensgefühl und demzufolge, so sollte man wenigstens annehmen, auch mit einem anderen Ausdrucksbedürfnis. ... 
Man betrachte doch dieses Gedicht. Es ist weder schlecht noc h gut, es ist so wie die meisten anderen Gedichte Bindings: antiquiert, Ausdruck einer parasitären Lyrik. ... 

Flüstern die Bronne 
dir nicht zur Lust mehr? 
An deiner Brust mehr 
badet kein Glanz. 

Man kompromittiert sich ja, wenn man eine solche Strophe ernsthaft analysiert. Ein Wort wie „Bronne" aus der Feder eines zeitgenössischen Autors jagt einem heute einfach einen ästhetischen Schauer gefährlichsten Grades über den Rücken. Fast dasselbe gilt von „Odem" in der vorletzten und „Brodem" in der letzten Strophe. Und ein Reim wie „Lust mehr" und „Brust mehr" entspricht der Qualität des Reimes von „liebkosen" und „Rosen". Das ist die Herz-und-Schmerz-Lyrik, die wir auch bei Hermann Hesse bis zum Überdruß finden. Und was die Metaphern des Gedichts betrifft, so steht hier nichts, was nicht von früheren Poeten schon hundertmal gesagt worden wäre. ... 
Das Gedicht ist Schubladenlyrik, kaum wert daß es gedruckt wird. 

(Karlheinz Deschner, Kitsch, Konvention und Kunst, München 1957)