Die
Gazette Nr. 8, November 1998:
| Hochdruckzone mit eingelagerten
Zwischentiefs
Zé Do Rocks (sprich: Sä du Rocks) Buchpräsentationen
sind anders: Er teilt dem Publikum mit, wie schön er es findet, daß
ein Autor in Deutschland Geld dafür bekommt, daß er sein eigenes
Buch liest, dann stützt er den Kopf in die Hand und liest - schweigend.
Wenn man Glück hat, schaltet er nach einiger Zeit ein Tonbandgerät
ein, und die Lesung kommt immerhin aus dem Lautsprecher.
Feinkostläden gibt s weit und breit keine, und mit einer pizzeria
soll ich genauso wenig rechnen. Und wenn s eine gibt, dann is sie nur eine
falle für die versteckte kamera. Die warten, das verirrte südpolgänger
vorbei kommen, sich wundern und den gestressten italienischen kellner fragen:
Oder zum Thema „Iseberg-riding is ein ruhiger sport", jetzt nicht bloß witzig, sondern der wahre, der trockene Humor: Fahr, eisberg, fahr weit weg! Dorthin, wo meine freunde sind! Und wenn du mich zu eim ort bringst, wo nur freunde von andren leuten sind, is das auch O.K. Ich nehm dann den Bus. Oder, zwischendurch, diese leichte, fast Rimbaud-würdige Meditation über die Gestalt eines Wortes: Nach einer gewissen zeit gewöhnt man sich an die landschaft, sie ändert sich nur geringfügig. Ich find ‘geringfügig' is ein nettes Wort. Es is wie eine gänsefamilie in eim see, die 4 g's sind die kleinen gänslein und das f is die muttergans. Aber dann gelingt dem Autor auch ein ganz anderer Ton, eine herzerwärmend stillere Melodie, wie etwa bei der kurzen Szene, in der der Erzähler seine große Liebe Iquat kennenlernt, die am nächsten Tag abreisen will: Wi auch immer: du willst di tochter aber bekommst di mutter. Und dann war da noch diser tüp in der disko, der auch hinter ir her war. Hinter der tochter natürlich. Und er hatte mer erfolg, weil di mutter nich zwishen ir und ihm stand, sondern zwishen ir und mir. Nach der disko is Iquat in seim auto nach hause gefaren. Eine einzige katastrofe. Am zweiten abend sind wir alle wider ausgegangen, 3 tage wollten si bleiben. Ich hab geseen, das ich so keine shansse haben würde. Also 180 kursänderung. Mutter auf di seite geshoben, i want this gurl! Er tanzt mit ir, er zit von der einen seite und ich von der andren, si fült sich überhaupt nicht mer wol. O.K., bevor si get, ge ich. Trozdeem sen wir uns alls wider am näxten abend in einer kneipe. Dismal sind wir zu sext, ich bin relativ weit wek von ir, er auch, ich shib ir ein zettel in einer shachtel streichhölzer hinüber: Ge nich morgen! Ich kann es sen, das hat si getroffen, und als es si getroffen hat, hat es auch mich getroffen. Immerhin entsheiden sie, über silvester zu bleiben. Diesen schwerelosen, lächelnden Erzählton hält der Autor
über weite Strecken fest und umschifft damit fröhlich die absurdesten
Klippen der irrwtzigen Handlung. Hier und da allerdings rutscht der sprachliche
Witz in den bloßen Kalauer ab, wird die PC-Unkorrektheit zum Stereotyp
oder liegen kleinere Handlungsstränge etwas unsinnig herum, wie zum
Beispiel die kaum noch originelle Reich-Ranicki-Persiflage.
Philip Reuter |
ZÉ DO ROCK
Ufo in der Küche
Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1998
12,5 x 20,5 cm, 190 Seiten
DM 29,90, öS 218, sFr 28,50
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