Die Gazette Nr. 8, November 1998:

Leseproben
 
Hochdruckzone mit eingelagerten Zwischentiefs

Zé Do Rocks (sprich: Sä du Rocks) Buchpräsentationen sind anders: Er teilt dem Publikum mit, wie schön er es findet, daß ein Autor in Deutschland Geld dafür bekommt, daß er sein eigenes Buch liest, dann stützt er den Kopf in die Hand und liest - schweigend. Wenn man Glück hat, schaltet er nach einiger Zeit ein Tonbandgerät ein, und die Lesung kommt immerhin aus dem Lautsprecher. 
Zwischendurch läßt er ein paar politisch inkorrekte Bosheiten los, nicht selten gespielte Ausländertypisierungen, die er sich als in Deutschland lebender Brasilianer leistet, ungebremst von falschen Rücksichten. 
Und dann erläutert er den Zuhörern auch noch sein Projekt Ultradeutsch, eine sanftere als die offizielle Rechtschreibreform: Es sieht - schon seit 1995 - bis 2012 jährlich zwei Änderungen vor. Und führt die Unsinnigkeit der Großschreibung vor, indem er den berüchtigten Beispielsatz so zerdehnt intoniert („Warum soll man eigentlich den armen Vögeln helfen?"), daß sie Zuhörer wiehern. Das vorliegende, 1998 erschienene Buch befolgt also konsequent, wie Vor- und Nachwort erläutern, „8 änderungen, die meistens was mit der abschaffung von zeichensetzungsregeln zu tun ham". 
Die Handlung (wenn man so sagen kann): Da wird der Ich-Erzähler von einem friedlichen Ufo entführt, landet mit nur noch einem Bein im Jahr 2019 wieder auf der Erde, auf einem Eisberg, schlägt sich mühsam nach Brasilien und München durch, trifft im Zug eine rätselhafte Frau namens Nane, raubt mit ihr das Bankkonto seines schneller gealterten irdischen Doppelgängers aus und findet schließlich mit Nane irgendwo in der sibirischen Taiga ein „häppi end". 
Die gutgelaunte, gewissermaßen achselzuckend anarchische parlando des Autors springt den Leser des „autobiografischen seiens-fikschen" aus jeder Seite an. So wenn sich der auf dem Eisberg Gestrandete Gedanken übers Essen macht: 

Feinkostläden gibt s weit und breit keine, und mit einer pizzeria soll ich genauso wenig rechnen. Und wenn s eine gibt, dann is sie nur eine falle für die versteckte kamera. Die warten, das verirrte südpolgänger vorbei kommen, sich wundern und den gestressten italienischen kellner fragen: 
„Entschuldigen, aber ..." 
„Vas vils du, main froinde?" 
„Is das nich ein bissi komisch, diese pizzeria am südpol?" 
„Globalizazzione, signore, globalizazzione." 

Oder zum Thema „Iseberg-riding is ein ruhiger sport", jetzt nicht bloß witzig, sondern der wahre, der trockene Humor: 

Fahr, eisberg, fahr weit weg! Dorthin, wo meine freunde sind! Und wenn du mich zu eim ort bringst, wo nur freunde von andren leuten sind, is das auch O.K. Ich nehm dann den Bus. 

Oder, zwischendurch, diese leichte, fast Rimbaud-würdige Meditation über die Gestalt eines Wortes: 

Nach einer gewissen zeit gewöhnt man sich an die landschaft, sie ändert sich nur geringfügig. Ich find ‘geringfügig' is ein nettes Wort. Es is wie eine gänsefamilie in eim see, die 4 g's sind die kleinen gänslein und das f is die muttergans. 

Aber dann gelingt dem Autor auch ein ganz anderer Ton, eine herzerwärmend stillere Melodie, wie etwa bei der kurzen Szene, in der der Erzähler seine große Liebe Iquat kennenlernt, die am nächsten Tag abreisen will: 

Wi auch immer: du willst di tochter aber bekommst di mutter. Und dann war da noch diser tüp in der disko, der auch hinter ir her war. Hinter der tochter natürlich. Und er hatte mer erfolg, weil di mutter nich zwishen ir und ihm stand, sondern zwishen ir und mir. Nach der disko is Iquat in seim auto nach hause gefaren. Eine einzige katastrofe. Am zweiten abend sind wir alle wider ausgegangen, 3 tage wollten si bleiben. Ich hab geseen, das ich so keine shansse haben würde. Also 180  kursänderung. Mutter auf di seite geshoben, i want this gurl! Er tanzt mit ir, er zit von der einen seite und ich von der andren, si fült sich überhaupt nicht mer wol. O.K., bevor si get, ge ich. Trozdeem sen wir uns alls wider am näxten abend in einer kneipe. Dismal sind wir zu sext, ich bin relativ weit wek von ir, er auch, ich shib ir ein zettel in einer shachtel streichhölzer hinüber: Ge nich morgen! Ich kann es sen, das hat si getroffen, und als es si getroffen hat, hat es auch mich getroffen. Immerhin entsheiden sie, über silvester zu bleiben. 

Diesen schwerelosen, lächelnden Erzählton hält der Autor über weite Strecken fest und umschifft damit fröhlich die absurdesten Klippen der irrwtzigen Handlung. Hier und da allerdings rutscht der sprachliche Witz in den bloßen Kalauer ab, wird die PC-Unkorrektheit zum Stereotyp oder liegen kleinere Handlungsstränge etwas unsinnig herum, wie zum Beispiel die kaum noch originelle Reich-Ranicki-Persiflage. 
Aber selbst das verzeiht der Leser, sobald er - unweigerlich schon nach dem ersten Kapitel - einmal der heiter-respektlosen Leichtigkeit der Erzählung verfallen ist. Erfrischend.

Philip Reuter 

ZÉ DO ROCK
Ufo in der Küche
Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1998
12,5 x 20,5 cm, 190 Seiten
DM 29,90, öS 218, sFr 28,50
Umschlag ZÉ DO ROCK