Die Gazette Nr. 8, November 1998:

Leseproben
 
Hauptrolle: eine Seneca

Ein neuer Krimi, und das süchtige Herz schlägt mir höher. Ein amerikanischer. Schon mal gut. Von Thomas Perry. Einem Mann. Nicht so gut. Ich hab mich eigentlich mehr  in die „Frauenkrimis" hineingelesen, Ruth Rendell und Sarah Paretzky und all die andern. Die Umschlagrückseite sagt: „mit einer außergewöhnlich fesselnden Heldin". Vielleicht doch ein Frauenkrimi. 
Also gut, ich fang ihn an. Und atme erst am Ende des Eingangskapitels wieder aus. 
Das war ein Tempo! Und genau hingeschaut hat dieser Thomas Perry! Und die Frau ist einfach toll! Jane Whitefield ist jung und hübsch und gescheit. Vor allem aber: Sie ist ruhig und überlegt, sie weiß präzise, was sie tut und warum und wann. 
Das gehört zu ihrem Beruf: Sie ist ein Lotse, der Menschen, die in Lebensgefahr sind, irgendwo hinbringt, wo sie keiner umbringen will, in ein neues Leben und eine andere Identität. Eine Frau, eine Indianerin, die sich für so eine Flucht und Rettung nicht bezahlen läßt, sondern irgendwann ein Geschenk kriegt, wenn das neue Leben gegriffen hat. Die auch nicht jeden rettet, keinen Verbrecher, keinen Bösen. Ein moralischer Lotse, moralisch auch, weil sie ihr eigenes Leben einsetzt. 
Die Flucht und Rettung, die hier erzählt wird, ist so bewegend, weil die Indianerin in dieser zeitgemäßen Frau ihr eine neue, frische, starke Komponente gibt, mit der sie auf allfällige Hindernisse und Schwierigkeiten anders, wissender und geerdeter reagiert. So spürt sie beispielsweise den alten Laufpfad ihres Seneca-Stammes unter dem Asphalt der Straße: 

Manchmal liefen die Boten diesen Pfad nach Osten, um dringende Nachrichten zu überbringen, eine Warnung oder einen Versammlungstermin. Sie liefen Tag und Nacht, nackt bis auf Gürtel und Lendenschurz, die Kriegskeule im Rücken in den Gürtel gesteckt, den Bogen über die Brust geschlungen. Sie liefen immer zu zweit, einer hinter dem anderen, geräuschlos, ohne ein Wort. Sie konnten an einem Tag 150 Kilometer zurücklegen, so daß der Weg von Neahga an der Mündung des Niagara bis Albany im Gebiet der Mohawk drei Tage dauerte. Über die genze Entfernung hinweg trat der Pfad an keiner Stelle aus dem Wald heraus. Ab und zu gab es eine Wegmarkierung, eine mit der Axt geschlagene Furche in den dickeren Bäumen, aber die Läufer brauchten nicht hinzuschauen. Sie blickten manchmal nach oben und nach links und fanden sich mit dem Sternbild des Seetauchers zurecht, aber die meiste Zeit erfühlten sie den Pfad mit ihren Füßen. 

Dann wieder erlebt sie im Traum Facetten der Alten Zeit, die ihr Unklares erklären, Fehler aufzeigen, Konsequenzen nahelegen. In der äußersten Todesgefahr ermöglicht ihr die Verbindung zu ihrem toten Vater, wieder zum Ur-Indianer, zu einem Teil der Natur zu werden und sich damit zu retten: 

Jane sah jetzt alles mit aberwitziger Klarheit. Es kam ihr mit solcher Plötzlichkeit zu Bewußtsein, daß sie nur noch die Tatsache feststellen, es aber nicht mehr Schritt für Schritt verarbeiten konnte. Sie hatte versucht, ihren Feind und den Wald gleichzeitig zu bekämpfen. Sie hatte bei diesem Kampf seine Bedingungen übernommen: tief in die Wildnis zu gehen und die Hilfsmittel der Zivilisation mitzunehmen - ein Gewehr, ein Zelt, ein Boot, einen Kompaß. Wer mehr und das Beste davon mitbrachte, war im Vorteil. Er war größer, kräftiger, schneller. Er hatte alle Essensvorräte und warme Kleidung. Er hatte den Weg so in die Länge gezogen, daß sie alles verlor, was sie tragen konnte, und jetzt sollte ihr die weitergehende Jagd die letzten Kräfte rauben. 
Die Krähen hatten es ihr wieder ins Gedächtnis zurückgerufen. Sie mußte gar nicht wie ein ängstliches kleines Mädchen denken, das sich im Wald verlaufen hatte. Sie mußte sich keinen Fluchtweg ausdenken, sie mußte sich überhaupt nichts ausdenken. 

Neben der hohen Faszination, die solche ungewohnten Spürwelten ausüben, bleibt Janes Weiblichkeit verblüffend. Sie hat sich in ihrem Liebhaber getäuscht, muß ihn als ihren Todfeind bekämpfen. In diesem eigentlich einfachen Muster findet der Leser eine enorme Fülle: sich widersprechende Gefühle, beiderseitige Intimkenntnisse voneinander, existentielle Konflikte. 
Der Autor erzählt die wunderbare Geschichte ruhig, aber mit atemberaubendem Tempo, genau, aber nicht pingelig, distanziert, aber liebevoll. Die Übersetzung läßt dem Text seine Ruhe und Einfachheit, ist höchst sorgfältig und, vor allem, hat ihre eigene Sprache, aus der einmal nicht, wie sonst so ärgerlich oft, das Englische ständig herausschimmert. 
Eine völlig neue Sort Krimi ist das, nicht blutrünstig (wie Chandler), nicht psychologisierend (wie Ruth Rendell), nicht indianisch-indianisch (wie Tony Hillerman), nicht betulich-moralisch (wie Agatha Christie), sondern konzentriert auf eine unglaublich überzeugende Hauptfigur, eine klare, sensible, glaubwürdige, starke Frau. 
Thomas Perry hat noch vier weitere Jane-Whitefield-Krimis geschrieben. Ich erwarte sie mit Ungeduld. 

 Thomas Perry
Die Hüterin der Spuren
Serie Piper 5683, München/Zürich 1998
11,5 x 18,5 cm, 319 Seiten
DM 16,90, öS 123, sFr 16,--
Umschlag Perry