Die
Gazette Nr. 8, November 1998:
Lese-Effekte
Auch der pure Kitsch kommt nicht ohne Bücher und Gelesenes aus, natürlich mit ergreifenden Folgen:
Meine Hand griff in die Bände meiner reichhaltigen Bücherei, - da hielt ich ihn schon, meinen Liebling: „Meine Heimat", Heidelieder von Uwe Karsten. An meinem Konfirmationstag hatte mein Vater mir das Buch geschenkt, und zehn Jahre lang war es mein Wandergesell, mein Kamerad, mein Freund und Bruder gewesen:
„Du meine rote Heide - - - !
Grenzenlos
Ist deine Schönheit,
Die leuchtende,
Grenzenlos deine Stille,
Die träumende,
Grenzenlos deine Macht,
Die siegende,
Grenzenlos, wie meine Liebe,
Die sehnende,
Zu dir, du meine rote Heide!"
Ich sang die Worte als Sonntagsmorgenchoral auf meiner großen,
hallenden Diele und schrak zusammen, als ein großes Torfstück
zu Boden polterte mitten in meine eigene urwüchsige Vertonung des
Liedes hinein.
Mutter Alslev kniete vor dem großen Kachelofen und polsterte
ihn inwendig sorgsam mit den braunen Kissen, die dann ein so warmes, heimeliges,
trautes Glühen ausströmten. Sie nahm jetzt verlegen das gefallene
Torfstück und legte es zu den anderen.
„Mutter Alslev, warum weinen Sie?"
„Mien Jung sin Book, - mien Jung sin Leed" -
Und sie weinte bitterlich.
An diesem Sonntagvormittag erfuhr ich, daß mein Kamerad, mein
Wandergesell, mein Freund und Bruder seit zehn Jahren Uwe Karsten Alslev
war.
Aus: Felicitas Rose, Heideschulmeister Uwe Karsten, Berlin und Leipzig 1920 (1909)