Die
Gazette Nr. 8, November 1998:
Ein völlig deutscher Gegenstand
Den großen Martin Walser kannte ich schon, als er noch nicht so
groß war und sich in Paris auf das Salonsofa fläzte und dem
gräflichen Goethe-Intitutsleiter sagte, er sei eingeschriebener Kommunist.
Das schockte ordentlich. Und wir Jüngeren fanden ihn toll.
Das ist fast dreißig Jahre her. Und vergessen: Logisch, daß
solche Parteimitgliedschaft in der Laudatio-Vita der Paulskirche nicht
mehr vorkommt. Jetzt ist der Laureat ein irgendwie anständigerer Rebell
geworden, nicht mehr sozialistisch, sondern national, und Stichwortgeber
der einzigen erfolgreichen Revolution in Deutschland, indem er „mit seiner
Kritik an der deutschen Teilung ... eine Forderung vorweggenommen hat,
deren Einlösung später von den Menschen in der DDR erzwungen
wurde". Endlich wissen wir, wem wir die deutsche Einigung danken müssen:
ihm, dem Friedenspreisträger 1998 des Deutschen Buchhandels. Die Montagsprozessionen
mußten nur noch die hellseherische Forderung einlösen. Kleinigkeit.
Den Friedenspreis? Wofür? Jeder durchschnittlich Belesene könnte
dem Börsenverein ein Dutzend andere Landsleute nennen, die tatsächlich
etwas für den Frieden in Deutschland und in der Welt getan haben.
In der Begründung für die Preisverleihung findet man nicht den
geringsten Hinweis auf irgendeine friedensstiftende Tätigkeit. Stattdessen
ehrt man dort „den deutschen Schriftsteller" (allen Ernstes: den „deutschen"
Schriftsteller), der die „deutschen Wirklichkeiten der zweiten Jahrhunderthälfte
beschreibend, kommentierend und eingreifend begleitet hat". Mein Gott,
ja! Einmal angenommen, es stimmte: Dasselbe haben viele andere auch getan,
und zwar engagierter, intelligenter, wirksamer.
Sie alle müssen etwas falsch gemacht haben, und der Börsenverein
sagt uns auch, was. Sie haben nämlich nicht „den Deutschen das eigene
Land wieder nahegebracht". Walser dagegen hat „den Deutschen das eigene
Land wieder nahegebracht". Offensichtlich hatten sie dieses eigene Land
links oder sonstwo liegengelassen, aber dann kam Gottseidank der Preisträger,
gab es ihnen mit „seinem literarischen Werk" zurück, und jetzt gehört
Deutschland wieder den Deutschen. Vestigia terrent.
Die Dankrede Walsers war ja keineswegs die erste Gelegenheit, bei der er gegen
die angeblich „unaufhörliche Präsentation unserer Schande" stänkerte.
Er hat schon vorher und immer wieder mal von „lüsterner Schwärzerroutine"
geredet, vom „Beschuldigungseifer der Meinungsmacher", der „praxislosen Religion
der Feuilleton-Linken", von einem geradezu verschwörerischen „Geschichtsbetrug",
dem wir „ausgeliefert waren". Wir haben diesen privaten Rechtsruck, diesen Strickjackennationalismus
erst bemerkt, als Walser in Wildbad Kreuth in der CSU, durch die CSU und für
die CSU hoffähig gemacht wurde.
Daß nun auch die Rechtsextremen diese unsägliche Rede jubelnd
an ihre Feldzeichen heften (Unser Walser flattert uns voran), überrascht
kaum noch. In höchstem Maß bedenklich ist jedoch die dumpfe
Zustimmung in diesem Land, das erwachende Einverständnis einer bürgerlichen
Halbbildungselite, die sich ohne Erröten jetzt wieder zu artikulieren
wagt: „Aber er hat doch recht." Dreiundfünfzig Jahre historische Aufklärung,
so scheint es, haben daran nicht viel geändert.
Man muß dem Mann künftig genauer aufs Maul schauen. Weiß
der Himmel, was er uns, wenn er seinen Holzweg weitergeht, noch alles nahebringt.
Alexandra Simon