Die Gazette Nr. 8, November 1998:

Gastkolumne

Zur Rache, Schätzchen

von Wilfried Schröder

Als sie da auf meinem Sofa saß, kerzengerade aufgerichtet, den entspannenden Luxus des Rückenpolsters verschmähend, natürlich frisch und lebhaft, natürlich im perfekten Outfit und Make-up, natürlich keinerlei verfängliche Künste spielen lassend, kam mir immer wieder der Gedanke, wie eine geballte Masse deutscher Fernsehmenschen mich um dieses Rendesvous beneiden würde, wüßte sie davon.
Denn mir gegenüber saß, mit ihrer vielgerühmten „sauberen Ausstrahlung", ihrer Energie und Souveränität, ihrer Rundum-Vorbildlichkeit, Uschi Glas/Anna-Maria! Eine Frau, die ihren Weg geht. Die Quotenkönigin des deutschen Fernsehens. Ein Wesen, das ungezählte weibliche Zuschauer wünschen oder sich einbilden läßt, sie seien wie sie. Eine Identifikationsfigur aus dem Bilderbuch.
Gehen wir näher an die Szene heran, die einige Jahre zurückliegt. Ich versuchte, Frau G. Unter anderem einen Drehbucheinfall schmackhaft zu machen. Es ging darum, daß irgendeine läppische Störung Mutter Anna-Maria immer von neuem daran hindert, mit ihren Kindern (vierzehn und acht) in Ruhe „darüber" zu sprechen. Darüber nämlich, daß sie sich - nach einer wahrhaft schicklichen Frist seit dem Unfalltod ihres Mannes - dem Werben von dessen bestem Freund ergeben und eine Liebesbeziehung zu ihm aufgenommen habe. Die ständigen Störungen wären ein dramaturgisches movens gewesen, und sanft komisch hätten sie die Geschichte auch machen können. Doch Frau G. verschloß sich dieser Handlungsführung entschieden. Sie äußerte glaubhaft, daß sie „SO ETWAS auch in der Realität ihren Kindern nicht glaubhaft gestehen" würde. Seither tue ich mich ein bißchen schwer, Frau G. mit dem Etikett „moderne Frau und Mutter" zur Deckung zu bringen.
Was aber war dieser meiner ersten und letzten Audienz mit der Königin der Quoten überhaupt vorausgegangen? Die Produktionsfirma einer Herrn B. T., welches der Gatte von Frau G. ist, drehte die ersten dreizehn Folgen einer neuen Serie mit dem Titel „Anna-Maria - eine Frau geht ihren Weg". Die Ergebnisse der ersten Hälfte der Dreharbeiten entzückten den auftraggebenden Sender SAT1 bereits so über die Maßen, daß er alsbald eine Fortsetzung in weiteren dreizehn Folgen orderte. Durch Vermittlung einer Freundin kam ich in Kontakt mit Herrn B. T. und erhielt den Auftrag, möglichst rasch ausführliche Exposés (Handlungsaufrisse, in denen aber auch schon die Rollen charakterisiert sind) für die Folgen vierzehn bis neunzehn zu verfassen.
Bis dato war ich siebenundzwanzig Jahre beim Fernsehen und hatte für die Bavaria Film in Geiselgasteig etwa achtzig Drehbücher geschrieben, die realisiert wurden, vor allem für Serien.
Ich kniete mich unverzüglich und tief in die bestellten Exposés hinein und erntete für sie beim Produzenten B. T. ausgesprochene Anerkennung: „Man kann sich die einzelnen Szenen schon richtig plastisch vorstellen. Er fügte hinzu: „Meine Frau hat bestimmt auch noch viele Einfälle dazu."
Weiß Gott, sie hatte.
Vorerst las sie die Exposés allerdings eine ganze Weile nicht, obwohl die Zeit drängte. Ich, Lob und Zustimmung des Produzenten im Ohr und einen regulären Drehbuchvertrag in der Hand, nutzte jedoch die Zeit und schrieb so vor mich hin schon mal die ersten Fassungen zweier Drehbücher. Doch eines Tages prasselte der Hagel der Glasschen Einfälle schriftlich auf die empfindlichen Hervorbringngen meiner Phantasie hernieder und verwandelte sie quasi in einen Scherbenhaufen. Daraufhin hielt es der Produzent B. T. - wie ich selbst auch - für angebracht, daß Frau G. und ich einmal direkt miteinander sprächen. Statt mich in ihren Mauern zu empfangen, zog Frau G. es vor, meine Wohnung aufzusuchen. So kam sie auf mein Sofa.
Weder hielt ich mich für unfehlbar, noch gedachte ich leichtfertig mein Honorar aufs Spiel zu setzen, noch war jemals irgendwo bei Film und Fernsehen die erste Fassung eines Drehbuchs oder gar eines Exposés so gedreht worden. Folglich zeigte ich mich kooperativ und offen für die Vorbringungen des Stars - was mir allerdings nicht mit einer disziplinierten Diskussion seiner Einfälle vergolten wurde. Frau G. sprühte halt. Ein Beispiel: Sie schlug vor, die drei Rivalen um die Liebe der Anna-Maria - den Sohn, den Liebhaber und einen sie sie schon vom Sandkasten her verehrenden Jungbauern - einen Reiterwettkampf austragen zu lassen. Der paßte dramaturgisch und psychologisch überhaupt nicht in meine Konzeption und ließ sich kaum organisch einfügen. Ich fragte: „Warum dieser Wettkampf?" Die Antwort: „Aber die drei Darsteller können reiten."
Andererseits versuchte ich natürlich, substantielle Elemente meiner Handlungserfindungen zu retten. Am Ende unseres dreistündigen „Gedankenabtauschs" stand ein Kompromiß. Ich sollte neue, kürzere Exposés erstellen, in die ein Großteil auch der Glasschen Einfälle eingearbeitet sein sollte. Auf diese Exposés hin erreichte mich aus dem Feriendomizil der Familie G. bzw. T. in Spanien per Fax ein Echo, das mich erst einmal tief durchschnaufen ließ: Die Exposés gefielen! Frohgemut nutzte ich die übrige Ferienzeit der Familie, um zwei weitere Drehbücher zu schreiben und an die Produktion zu liefern.
Die Zeit ging ins Land, obwohl sie immer noch drängte. Dann empfing mich der Produzent, Herr T. Er saß mit Leichenbittermiene hinter seinem Schreibtisch und erklärte mir: „Das spielt meine Frau nicht. Sie ist der Ansicht, daß aus Ihren Drehbüchern höchstens zwanzig Prozent zu gebrauchen sind."
Dergleichen vernimmt ein Autor mit großer Bitterkeit. Aber es war mir klar, daß es keinen Sinn hatte, weiterzumachen. Also beendete ich meine Mitarbeit an der Frau, die ihren Weg geht.
„Pacta sunt servanda", hörte ich in mir die Stimme des verstorbenen Polit-Giganten und Gönners murmeln, mit dessen Partei Frau G. bekanntlich auf innigemFuß steht. Ich beauftragte meinen Rechtsanwalt, sich mit dem Produzenten T. über eine Abgeltung meiner Ansprüche aus den Verträgen ins Benehmen zu setzen. Er hat sehr gute Arbeit geleistet.

PS
Übrigens verspürte Frau G. um diese Zeit herum in sich verschärft den Drang, auch selbst als „Jung-Autorin" tätig zu werden. Eine Reihe erhellender Interviews und Artikel, unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, kündete davon. Auf den Spuren dieser Ambition, die auch die Mitarbeit an der Anna.Maria-Serie einschloß, konnte der Kundige auf manche Pretiose stoßen. Zum Beispiel auf den Satz über Anna-Maria, die im Morgengrauen sorgenbeladen ihr Kieswerk durchstreift: „Der Kies knirschte unter ihren Schritten wie ein guter Freund."
Womöglich ist es riskanter, Uschi Glas zur Freundin als zur Kontrahentin zu haben.