Die Gazette Nr. 8, November 1998:

Buchkunst


Das Buch im Buch

Auch Schreiber sind Menschen, selbst die Mönche des Mittelalters.
„Drei Finger arbeiten - der ganze Körper schmerzt", schrieb einer unter das mühevoll beendete Manuskript. Kürzer faßte sich ein Kollege von ihm, der in den erst halb kopierten Text ganz unvorschriftsmäßig „nequeo" an den Rand schrieb: „Ich kann nicht mehr".
Die Abbildung von 1140 (aus Augustinus, De civitate Dei, Kapitelbibliothek Prag) gibt uns einen lebendigen Einblick die Werkstatt und den Alltag des Kopisten Hildebert.
Er sitzt vor einem in Löwenform geschnitzten Schreibpult. In der Schreibplatte stecken zwei Hörner, eines für die rote, das andere für die schwarze Tinte, und zwei Schreibfedern. Hinter Hildeberts Ohr klemmt eine dritte Schreibfeder. In der rechten Hand hält er das Messer, das er sowohl zum Anspitzen der Schreibfedern, als auch zum Radieren seiner Fehler auf dem Pergament braucht.
Unter ihm, deutlich kleiner, sitzt sein Lehrling Everwinus, der damit beschäftigt ist, erst einmal das Ausmalen von Ranken zu lernen.
Rechts auf dem (genau markiert als „Mensa hildeberti") sehen wir eine Maus, die gerade den Käse anknabbert. In der erhobenen Rechten hält der Schreiber offenbar einen Wurfgegenstand, mit dem er auf die Mitesserin zielt.
Seine Verärgerung hat er gerade in das Buch auf dem Schreibpult geschrieben - und damit auch in das Buch De civitate die, das der Leser in der Hand hält: „Pessime mus, sepius me provocas ad iram, ut te deus perdat!" Zu deutsch: „Verfluchte Maus, immer wieder reizt du mich bis zur Weißglut, möge Gott dich vernichten!"