Die
Gazette Nr. 8, November 1998:
Die Adresse
Ja, Sprichwörter!
Sie ist ein Orchideenfach, die Parämiologie. So sehr, daß
daß der Begriff noch nicht einmal im Fremdwörterduden steht:
Er bezeichnet die Sprichwörterforschung. Und die hat eine Zeitschrift
im Internet mit dem Namen De Proverbio.
Was dieser Adresse hohe Seriosität verleiht, sind vor allem die
Herausgeber, sechs
Wissenschaftler
und Wissenschaftlerinnen aus Universitäten in den USA, Österreich,
Indien, Australien und Rumänien. Sie publizieren in unregelmäßig
erscheinenden Ausgaben wissenschaftliche Untersuchungen zu ihrem Thema.
Und ihr Fachgebiet beschränkt sich keineswegs auf eine Sprache, es
befaßt sich vielmehr mit Sprichwörtern in allen gängigen
Sprachen (ein Artikel sogar mit estnischen Redensarten).
Was die Zeitschrift jedoch auch für Interessierte außerhalb
der Universität so ergiebig macht, ist erstens die durchgehende Internet-Zugriffsmöglichkeit
auf sämtliche Publikationen und zweitens die dazugehörige Suchmaschine.
Bisher sind acht Nummern erschienen (Issue 1 bis 8), deren Artikel
- in mehreren Sprachen, darunter einige auf deutsch - vollständig
einzusehen sind. Daneben werden nicht nur Neuerscheinungen zum Thema Sprichwörter
bibliographiert, sondern einige auch in toto als Hypertext angeboten, so
zum Beispiel ein Dizionario di Proverbi Italiani von Giuseppe Giusti oder
eine fünfsprachige Auflistung aller biblischen Sprichwörter und
Redensarten. Ist ein Artikel etwa in russischer Sprache erschienen, wie
etwa in der Ausgabe Nummer 6, so wird neben dem Original auch eine deutsche
Übersetzung geboten.
Unerwartete Ergebnisse liefert die Suchmaschine. Gibt man dort etwa
„Hitler" ein, so erscheint ein längerer wissenschaftlicher Artikel
über den Redensartengebrauch des Diktators unter dem Titel „... als
ob ich Herr der Lage wäre". Nach der Eingabe „Abend" stößt
man auf eine gelehrte Abhandlung über den Topos „Man soll den Tag
nicht vor dem Abend loben"), vom Altisländischen quer durch die Sprachgeschichte
bis heute.
Komplettiert wird die E-Zeitschrift durch eine Fragen-Seite, mit der
man sich bei den internationalen Experten nach der Herkunft selbst entlegener
Redensarten erkundigen kann.Also nicht nur etwas für Fachleute.