| Die Literaturgeschichte muß
umgeschrieben werden
Veronika Ferres spielt nicht nur in Egon Günthers nächsten
Film „Die Braut" Christiane Vulpius (Foto), sie weiß auch Bescheid.
Und sie teilt es offenerzig mit, wie kürzlich der Schweriner Volkszeitung.
„Die Vulpius", erfahren wir endlich, „war
ihrer Zeit voraus. Sie hat ihre Zeit aufgewühlt, hat Angst gemacht."
Sogar noch dem viel späteren Thomas Mann, von dem Frau Ferres berichten
kann, daß er „sehr verklemmt" war und völlig im unklaren, „ob
er homo- oder heterosexuell ist", habe sie „eine wahnsinnige Angst gemacht".
Oder vielleicht war Christiane Vulpius (nach Mutter Goethe angeblich eine
„herzensgute Frau") wiederum nicht nur furchterregend, da sie gleichzeitig
befürchtete, was das Verhältnis für sie bedeuten konnte,
nämlich „Armut, Prostitution, Verrecken". Ja, Verrecken (Frau Ferres'
Wort).
Andererseits „erzählt" Frau Ferres hier „eine ganz große
Liebesgeschichte, die stärkste der Epoche". Und ganz zeitgemäß:
Christiane Vulpius „hat sich von Goethe niemals unterbuttern oder verändern
lassen, sie hat stets eine eigene Meinung gehabt und diese konsequent verteidigt".
Und das Schönste, was die Schauspielerin an Christiane findet:
Sie hat sich „über alle Konventionen ihrer Zeit hinweggesetzt".
Man muß nicht lange nachdenken, warum auch dieser deutsche Film
provinziell bleiben wird: Es gibt allmählich nichts Konventionelleres,
als sich dauernd über Konventionen hinwegzusetzen.
Die Rechtschreibreform und die Verlage
Der irregeleitete Volksentscheid in Schleswig-Holstein gegen die Rechtschreibreform
spielt bei der Übernahme der neuen Regeln durch die Verlage keine
Rolle.
Der S. Fischer Verlag wird sie fürs erste allenfalls bei Kinderbüchern
anwenden, sonst aber nach den alten Regeln drucken. Ähnlich will es
der Carl Hanser Verlag halten.
Reclam jun. In Stuttgart und Reclam in Leipzig verwendet bei Neuauflagen
bereits die neuen Regeln und wird die Klassiker-Bände, wie bisher
schon, „behutsam" modernisieren, also etwa das ß stehenlassen.
Bei Klett in Stuttgart druckt man schon seit drei Jahren nach den neuen
Rechtschreibregeln. Klett-Cotta zögert noch mit der Umstellung.
Rowohlt zieht sich salomonisch aus der Affäre: Die Entscheidung
liegt beim Autor (dessen Schreibe dem Verlag „heilig" ist). Eine Verlagsvorgabe
gibt es nur für Kinder- und Jugendbücher; hier gilt die Reform.
Auch Suhrkamp überläßt dem Autor in dieser Frage das
letzte Wort.
Bills heimliches Vergnügen
Nein, einmal nicht Clinton: Hier ist Bill Gates gemeint ("Der Weg nach
vorn").
Die Journalistin Wendy Goldman Rohm enthüllt in ihrem Buch "The
Microsoft File. The Secret Case against Bill Gates" sattsam Bekanntes:
Der Konzernchef ist ein rücksichtsloser Unternehmer und drückt
kleinere Konkurrenten ohne Skrupel aus dem Geschäft (immerhin neue
Einzelheiten dazu: Microsoft baute in sein Betriebssystem planmäßig
eine Error-Meldung ein, sobald bestimmte Programme einer anderen Firma,
in diesem Fall von Digital, aufgerufen wurden, so daß diese Programme
nicht laufen konnten und deshalb kurz danach vom Markt verschwanden).
Die Autorin behauptet aber noch anderes: Der verheiratete Gates lasse
sich auf seinen Geschäftsreisen von seinen Untergebenen hochpreisige
Prostituierte zuführen. Greg Shaw, der Pressesprecher von Microsoft,
nennt das Buch "langweilig" und "stellenweise fiktional", schlecht recherchiert
und vage. "Die Wirklichkeit", hält die Autorin dagegen, "ist erheblich
seltsamer als alle Fiktion."
Gefährliche Liebschaft
Jerome David Salinger hat ein paar Kurzgeschichten geschrieben und dann
einen Roman, der das Leben unzähliger Jugendlicher verändert
hat, den "Fänger im Roggen". Seitdem aber, seit 1965, hat er nichts
mehr veröffentlicht und sich hinter eine Mauer privaten Schweigens
zurückgezogen.
Einmal allerdings, 1972, schrieb er - dreiundfünfzigjährig
- einen Leserbrief an eine junge Studentin, Joyce Maynard, die im New York
Times Magazine gerade einen Artikel untergebracht hatte (Foto). Daraus
entwickelte sich eine intime Freundschaft von acht Monaten Dauer, und Salinger
zog sich wieder in seine einsame Stille zurück. Aber die wird ihm
nun genommen.
Denn die geschwätzige Joyce Maynard hat ihre Erlebnisse mit dem
Schriftsteller zu einem Buch verarbeitet: "At Home in the World". Und ist
stolz darauf: Es seien die ersten Nachrichten von Salinger seit langer
Zeit, sagt sie, "wie gehobene Teile der Titanic". Und die Privatsphäre
des Schriftstellers? Da ist sie ebenso schnell fertig mit ihrem Urteil:
"Wenn man ein völlig privates Leben führen möchte, sollte
man einer achtzehnjährigen Studentin keine Briefe schreiben." So einfach
ist das. Geniert sie sich ein bißchen? Nicht im geringsten: "Ein
Kritiker nannte mich schamlos. Das ist wahr! Ich habe jede Scham aufgegeben
- eine ungeheure Erleichterung!"
Enthüllungsroman
Hamdy el-Batran, Kairo, hat bereits drei Sachbücher geschrieben.
Eines bekam vom ägyptischen Innenministerium sogar einen Preis. Jetzt
aber, mit seinem Roman "Tagebuch eines Landpolizisten", steckt er bis zum
Hals in Problemen.
Dafür gibt es zwei Gründe.
Erstens werden in dem Roman Übergriffe der Polizei gegen Verdächtige
und Unverdächtige geschildert (in einer Szene wird ein alter Mann
aus seinem Haus gezerrt, geschlagen und nackt ausgezogen, und als er dann
immer noch nicht weiß, wo sein Sohn ist, ein gesuchter islamistischer
Extremist, läßt der Polizeioffizier das Haus durch einen Bulldozer
niederwalzen).
Zweitens und entscheidender: el-Batran ist selbst Polizeibeamter.
Und deshalb ist die Aufregung groß. Das Innenmisterium ist der
Meinung, das Buch hätte, Roman hin oder her, der Zensur vorgelegt
werden müsse. El-Batrans Kollegen und Vorgesetzten halten das Buch
für "Geheimnisverrat" (so der Anwalt des Autors), im übrigen
"beschädige es die Moral" der Polizei-Truppe. Der Roman wurde zwar
nicht verboten, jedoch - nach einem sanften Hinweis - stillschweigend aus
den Buchhandlungen entfernt.
Es hilft dem Autor ("Muß man jetzt schon um Genehmigung bitten,
bevor man aufsteht und ein Gedicht rezitiert?") auch nichts, daß
er überhaupt nicht als Kriminalbeamter tätig ist, sondern als
Ingenieur in der Technik-Abteilung.
Die Ironie bei der Sache: Die Reaktion des Ministeriums ist ein klares
Eigentor, schier eine Selbstanklage. Wer so panische Angst vor einem Roman
hat, der illegale Polizeimethoden schildert, nimmt es wohl tatsächlich
mit den Menschenrechten nicht so genau.
Dhaka, übernehmen Sie!
Für achthundert Bangladeshis sind die Todesopfer der jüngsten
Flutkatastrophe offenbar nicht genug: Sie verlangen einen Kopf mehr.
"Fangt die Ungläubige Taslima und hängt sie auf!" schrie
eine Menge auf ihrem Protestmarsch am 18. September in der Hauptstadt von
Bangladesh. Gemeint war die Schriftstellerin Taslima Nasrin, der die "blasphemische"
Forderung nachgesagt wird, der Koran müsse umgeschrieben werden. Zu
Unrecht: Sie hatte nur Gesetze zur Gleichberechtigung der Frau verlangt.
Aber einigen wildgewordenen Fanatikern reicht das, um für Nasrins
Ermordung ein Kopfgeld von über achttausend Mark auszuloben. Die Unterdrückung
der Frau, das Gesetzbuch, der Koran - für den aufrechten Glaubenskämpfer
offenbar alles ein und dasselbe. Wer auch nur ein Detail in Frage stellt,
ist ein Apostat.
Vor ihren Verfolgern ist Taslima Nasrin 1994 nach Stockholn geflohen,
Mitte September aber mit ihrer Mutter, die zu einer Krebstherapie in New
York war, nach Bangladesh zurückgekehrt und lebt seitdem, wie noch
immer Salman Rushdie, an einem unbekannten Ort.
An Pablo Nerudas Grab
in Isla Negra, zwei Autostunden
westlich von Santiago de Chile, versammelten sich über hundert Verehrer
des Dichters zu seinem fünfundzwanzigsten Todestag am 23. September,
sie legten Blumen nieder, und manche flüsterten seine Gedichte.
"Viele kommen jedes Jahr an diesem Tag", sagte Juan Larrea von der
Pablo-Neruda-Stiftung, "und dann lesen sie ihm nicht nur seine eigenen
Gedichte vor, sondern auch die seiner Lieblingsautoren."
Pablo Neruda hatte 1971 den Nobelpreis für Literatur erhalten.
Zwei Jahre später putschte sich Pinochet mit Waffengewalt an die Macht.
Zwölf Tage nach dem blutigen Staatsstreich starb der bereits schwer
krebskranke Dichter, eher an gebrochenem Lebensmut als an seiner Krankheit.
Was ist eine Aspidistra?
Ein Film nach dem dritten Roman von George Orwell, "Keep the Aspidistra
Flying" (1936). ist seit Juli in den amerikanischen Kinos. Im Originaltitel
heißt der Film "A Merry War", wohl deshalb, weil niemand weiß,
was eine Aspidistra ist: eine
unschöne Pflanze aus der Gattung der Liliazeen, mit harten, "lanzettlichen,
langdauernden Blättern", "eine sehr dauerhafte Zimmerpflanze" (Meyers
Konversations-Lexikon) und Orwells Symbol für unsensible, selbstgefällige
Mittelklassen-Intellektuelle.
Der Roman erzählt die Geschichte von Gordon Comstock, der sich
für einen Künstler und Dichter hält, seine Existenz in der
Großstadt irgendwie nicht "authentisch" genug findet und in ein Elendsviertel
umzieht, um sich durch Leiden zu läutern.
Es sind die Erlebnisse des jungen Eric Blair (wie Orwell bürgerlich
hieß), der sich in der Rolle des mittellosen Tellerwäschers
in Paris gar nicht romantisch, sondern höchstens unwohl fühlte.
Der Roman ist eine bitter-ironische Abrechnung mit theoretisierenden Bohemiens,
zu denen der Autor damals selbst gehörte.
Reader's Digest als Kunsthändler
Der durchschnitliche Reader's-Digest-Leser ist siebenundvierzig Jahre
alt. Aber selbst diese ältliche, bisher treue Leserschaft hat jetzt
offenbar die in neunzehn Sprachen verbreiteten Klamotten-Nachrichten satt,
daß Krebs endlich heilbar ist oder wie man seinen Wortschatz erweitert.
Jedenfalls: Die verkaufte Auflage geht in wichtigen Ländern neuerdings
um zehn bis zwanzig Prozent pro Jahr zurück, die Gewinne sogar um
etwa achtzig Prozent. Die große Mailing-Aktion in Deutschland letztes
Jahr war ein Schlag ins Wasser. Um wieder in die Gewinnzone kommen, muß
der Verlag in den nächsten drei Jahren die Kosten um dreihundert bis
dreihundertfünzig Millionen Dollar senken.
Ein jüngeres Publikum hofft man nun durch ein verstärktes
Internet- und Fernseh-Marketing zu erreichen.
Der Verlag besitzt darüber hinaus eine Geldquelle eigner Art:eine
Kunstsammlung von achttausend Gemälden und Plastiken. Die wird nun
angezapft. Am 16. November werden Bilder von Matisse, Cézanne, Monet,
Modigliani und van Gogh sowie eine Giacometti-Figur versteigert. Der erwartete
Erlös liegt bei siebzig bis hundert Millionen Dollar. Nicht unrealistisch:
Bereits im vergangenen Mai verkaufte Reader's Digest einen Monet und einen
van Gogh für zusammen sechs Millionen Dollar.
Kandidatenliste mit Busfahrer komplett
Der englische Booker Prize, ausgestattet mit einem Preisgeld von zwanzigtausend
Pfund, hat seit 1968 einige Autoren und Werke berühmt und erfolgreich
gemacht, unter ihnen Salman Rushdie und seine "Mitternachtskinder", die
junge Inderin Arundhati Roy und ihren "Gott der kleinen Dinge" (1997) oder
Michael Ondaatje mit dem "Englischen Patienten". Dieses Jahr wird der angesehene
Preis am 27. Oktober vergeben.
Einhundertfünfundzwanzig Titel haben die Verlage eingereicht,
nur sechs davon schafften es in die engere Auswahl. Einer davon ist "The
Restraint of Beasts", und der Autor, Magnus Mills, ist hauptberuflich Busfahrer
in London. Auch Julian Barnes' "England, England" ist dabei.
Die Jury - ein Mann und vier Frauen: der ehemalige Außenminister
Douglas Hurd, zwei Journalistinnen, eine Romanautorin und eine Verlagslektorin
- saß vier Stunden lang hinter verschlossenen Türen, bis sie
die sechs Kandidaten bekanntgeben konnte.
Ex-Premierministerin als Buch-Heldin
Also "Heldin" ist hier eher ein Euphemismus: Tansu Ciller, jedenfalls
wie Faruk Bildirici sie soeben in seinem Bestseller "Maskierte Lady" beschreibt,
ist eine raffgierige, prinzipienlose Politikerin, die während und
mittels ihrer dreijährigen Regierungszeit ein ungeheures Vermögen
angeschafft hat. Ihre Betrügereien hätten nicht nur den Staat,
sondern auch ihre engsten Freunde um Millionen geschädigt. Daneben
soll sie auch noch einige tausend Dollar der ihr persönlich zustehenden
Aufwandsentschädigung an ein New Yorker Hotel gezahlt haben, nachdem
ihr Sohn dort die Präsidenten-Suite demoliert hatte.
Bisher hat Tansu Ciller mehrere parlamentarische Korruptionsuntersuchungen
straflos überstanden.
Der Autor meint, sein Buch sei nicht durchweg negativ. So bescheinige
er seiner Heldin immerhin einen IQ von 160, "und ich denke, darauf kann
man stolz sein".
Israel und die Bombe
Wer einen politisch korrekten Israeli fragt, ob sein Land Atombomben
besitze, erhält die Antwort: Nein, und es wird sie nie als erster
einsetzen.
Jetzt hat Avner Cohen, in Washington als Wissenschaftler am National
Security Archive tätig, nach zehnjähriger Forschungsarbeit und
hundert Interviews ein Buch vorgelegt, "Israel and the Bomb". Es beschreibt
die Zeit zwischen 1955 und 1970, als Israel sich die nötige Technologie
verschaffte und mehrere auch ohne Tests funktionsfähige Atombomben
baute. Der Bau des dafür nötigen Reaktors Dimona begann 1958,
vorgeblich als metallurgische oder Textil-Fabrik (die Geheimdienste der
USA brauchten drei Jahre, bis sie die Anlage entdeckten). Schon vor den
Sechs-Tage-Krieg 1967 waren zwei improvisierte Atombomben einsatzfähig.
Als das Dimona-Projekt bekannt wurde, vereinbarte Kennedy mit Israel regelmäßige
Inspektionen durch amerikanische Waffen-Spezialisten, die dann von 1964
bis 1970 auch tatsächlich durchgeführt wurden. Dann aber kamen
Nixon und Golda Meir zu einem neuen Agreement: Die USA würden künftig
einfach wegschauen und Israel sich verpflichten, keinen atomaren Erstschlag
zu führen. Daran halten sich die beiden Länder noch heute.
Tom Clancy lebt vom Krieg
Was tut ein reaktionärer Autor, der etwas wie "Die Jagd auf Roter
Oktober" geschrieben hat, ohne einen ordentlichen, wenigstens einen Kalten
Krieg? Er lebt seine Bellizistik in Computer- Spielen aus.
Tom Clancy hat bereits "Rainbow Six" auf Anhieb in die Bestsellerlisten
der PC-Spiele gebracht. In "Rainbow Six" übernehmen die Spieler zeitgemäß
die Rolle eines Elite- Kommandos zur Bekämpfung von Terroristen. Und
jetzt im November folgt Clancys Zweitschlag. Seine Firma mit dem sprechenden
Namen Red Storm Entertainment bringt ein neues Strategie-Spiel mit dem
schönen Titel "ruthless.com" heraus. Diesmal läuft die action
in der bösen, bösen Geschäftswelt der Software-Industrie.
Und wer hier als Mitspieler nicht das geforderte Täuschen, Betrügen
und Töten (ja, auch das) beherrscht, ist schnell weg vom virtuellen
Weltmarkt.
Zynisch gesagt: So hatten wir uns die Globalisierung schon immer vorgestellt.
Kujau schreibt wieder
Der Verfasser der angeblichen Hitler-Tagebücher (1983), Konrad
Kujau, hat ein neues Buch geschrieben, das auf der diesjährigen Frankfurter
Buchmesse vorgestellt wird.
Ein Kochbuch. Echt.
Es enthält die Lieblingsrezepte von achtzig großen Männern
und Frauen, toten und lebenden, zum Beispiel von Einstein, Boris Becker,
Fidel Castro, Mao, Maggie Thatcher und Königin Elisabeth von England.
Angeblich alles sauber und verläßlich recherchiert.
Kujau besitzt in Stuttgart ein Restaurant. Seinen hauptsächlichen
Lebensunterhalt verdient er jedoch mit dem, was er nun mal kann: Fälschungen.
Er fälscht - nicht selten auf Bestellung - Picassos, van Goghs, Miros
und Dalis, die er jedoch, um nicht schon wieder vor Gericht zu stehen,
in der rechten unteren Ecke klitzeklein mit dem eigenen Namen signiert.
In der dann noch freien Zeit schreibt er an seinen Memoiren. "Die Welt",
redet er sich ein, "möchte Bescheid wissen." |
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Buchmesse (anderthalb
Personalien)
Der diesjährige Nobelpreisträger für Literatur,
der fünfundsiebzigjährige und eher scheue Portugiese Jose Saramago,
war schon auf dem Frankfurter Flughafen, wo ihn sein Verleger fünf
Minuten vor dem Einsteigen noch erwischte und ihm die Stockholmer Entscheidung
mitteilen konnte. Saramago kehrte zur Messe zurück und stellte sich
glücklich und geduldig den Reportern.
Und am Dienstagabend wurde sogar Salman Rushdie bei der
Eröffnung gesehen.
Monthy-Python-Fund
Terry
Jones, ein Mitglied der anarchischen Ex-Truppe, entdeckte beim Aufräumen
in seinem Keller nach siebenundzwanzig Jahren zwei Fünfundvierzig-Minuten-Videobänder
bisher ungezeigter Monty-Python-Szenen, die schon 1971 in München
aufgenommen, aber nie gesendet wurde.
Michael Palin singt darin auf deutsch, er brauchte eine
Woche, sagte er, um den Songtext zu lernen. John Cleese spielt den Showmaster
in einer Nazi-Game-Show und einen Robin Hood, der Tiere quält. Und
in einer anderen Szene wirft ein (präziser: ein „bayerischer") Keller
einen Gast durch das Restaurantfenster in den Tod.
Der Humor der Politiker
Genaugenommen lautet der Titel des neuen Buches (bei Doubleday)
"Great Political Wit", und geschrieben hat es der zuletzt unterlegene amerikanische
Präsidentschaftskandidat Bob Dole. Aber so "great" ist der Politiker-Humor
nun auch wieder nicht. Beispiele:
1996 sah der Autor bei einem Empfang im Weißen
Haus nebeneinander Carter, Ford und Nixon vor sich und meinte dazu: "Da
sind sie alle drei: Nichts Böses sehen, nichts Böses hören
und - das Böse" (zwar vielleicht treffend, aber eher mittelmßig).
Oder das hier: Nixon bei der berühmten Rede Kennedys
zur Amtseinführung 1961 zu dessen Redeschreiber Ted Sorensen: "Das
hätte ich auch gern gesagt." Sorensen: "Was? Das mit "Fragt nicht,
was euer Land für euch tun kann'?" Nixon: "Nein, den Teil mit ‘Ich
schwöre feierlich ...'" (ausgesprochen schwach).
Oder das, etwas besser: Als die Yale-Universität
dem Ex-Präsidenten Taft, Lebendgewicht etwa einhundertfünfundsiebzig
Kilo, einen Lehrstuhl anbot, antwortete er, für ihn bräuchte
es schon ein Lehr-Sofa (der Mann konnte wenigstens über sich selbst
lachen).
Hier mal eine gute Schlagfertigkeit: Nach einer Wahlrede
des Präsidentschaftskandidaten Adlai Stevenson stürmte ein Anhänger
auf die Bühne und sagte: "Jeder vernünftige Amerikaner wird sie
wählen." Darauf Stevenson: "Nicht genug. Ich brauche eine Mehrheit."
In einem Punkt hat Autor Bob Dole seltsam recht und unrecht
zugleich: "Amerika ist ein großartiges Land", sagte er, "weil sich
hier jeder über den Präsidenten lustig machen kann." Die kannibalistische
Art und Weise aber, mit der das im Augenblick geschieht, ist alles andere
als großartig.
Hickhack
Um die fünf vor kurzem entdeckten Seiten aus dem
Tagebuch der Anne Frank (Die Gazette 6, September 1998) ist ein häßliches
Gefeilsche im Gang. Da gibt es einerseits die Anne-Frank-Stiftung in der
Schweiz, die die Rechte an dem Tagebuch besitzt. Und andererseits einen
Mr. Cor Sujik, Berater des Anne-Frank-Centers in New York, der die fünf
Seiten besitzt (Annes Vater, Otto Frank, hat sie ihm angeblich kurz vor
seinem Tod übergeben). Sujik hält seine Manuskriptseiten eng
an der Brust und ließ selbst Melissa Müller, die Autorin der
neuesten Anne-Frank-Biographie, nur einen kurzen Blick darauf werfen. Die
Stiftung jedoch hätte damit nun gern das "Tagebuch der Anne Frank"
durch die fehlenden Seiten vervollständigt.
Sujik will sie aber nicht einmal in Kopie hergeben, sondern
die Originale gegen eine hohe Summe verkaufen: "Ich suche einen Sponsor",
meint er, "warum nicht die Anne-Frank- Stiftung? Sie hat genug Geld. Was
tun die in Basel überhaupt mit dem ganzen Autorenhonoraren? Sie legen
es in eine Schweizer Bank. Sie tun überhaupt nichts mit ihrem Geld.
Und ich bin sicher, Otto würde meine Auffassung teilen."
Kritiker fragen: Soll demnächst vielleicht Coca-Cola
das Holocaust-Denkmal sponsern? Sie nennen Sujik einen "Erpresser", "geldgierig"
und "publicitysüchtig".
Und wir sind sicher, eine Menge Leute teilen diese Auffassung.
Nicht jeder Sex zahlt sich aus
Judy Smith, die Agentin der Möchtegern-Autorin Monica
L., hat es noch nicht aufgegeben. Sie kontaktierte mehrere Verlage, darunter
Putnam und die nunmehrige Bertelsmann-Tochter Random House, mit einer Honoraranfrage
für die "ganze Geschichte". Je nach Gesprächspartner beträgt
die geforderte Summe zwei bis zehn Millionen Dollar.
Simon & Schuster hat schon abgewunken ("Wir wissen
mehr über sie, als uns interessiert. Wir wollen ihr Buch nicht. Wir
glauben auch nicht, daß ein großer Verlag mit ihr abschließt.").
Nach Zeitungsberichten haben bereits fünf große
Verlage einen Vertrag abgelehnt.Andere, wie zum Beispiel Warner Books,
hatten Ende September noch keine Anfrage erhalten.
An einigen Stellen scheint gar etwas wie Vernunft und
Urteilsvermögen wieder einzukehren. "Unser Chef", sagte der Sprecher
eines bekannten Verlags, "haßt die ganze jetzige Situation. Unsere
Ablehnung ist gar keine wirtschaftliche Angelegenheit. Es ist eine persönliche
Entscheidung." Und ein anderer: "Ich finde nicht, daß wir so ein
Buch machen sollten."
Andererseits ist der Starr-Report in Buchform ein Bestseller.
Die drei Taschenbücher von PublicAffairs Books, Pocket Books und Prima
haben insgesamt 1,5 Millionen Exemplare gedruckt und planen weitere Ausgaben
und Nachdrucke. Der Wahnsinnsanfall ist also noch nicht vorüber.
Deep Throat: nur ein Multiple-Personality-Syndrome?
In ihren Artikeln und Büchern über den Watergate-Skandal
gaben die Autoren Bob Woodward und Carl Bernstein immer eine anonyme Person
als Hauptquelle an, die sie nach einem berüchtigten Pornofilm der
frühen siebziger Jahre scherzhaft "Deep Throat" nannten.
Ihr Agent von damals, David Obst, bezichtigt - in seinem
Erinnerungsbuch "Too Good to be Forgotten" - seine beiden Ex-Autoren jetzt
einer Erfindung: Deep Throat sei nicht eine tatsächliche Person, sondern
ein Konkokt aus mehreren Informanten, ein fiktive Multiple- Persönlichkeits-Person.
Beweise dafür legt er allerdings nicht vor. Und ganz neu ist die Theorie
auch nicht.
Bernstein und Woddward protestierten sofort. "Das ist
reine Spekulation", sagte Woodward, "er hatte mit der Abfassung des Buches
["All the President's Men"] nichts zu tun; er hat es lediglich verkauft,
und jetzt versucht er, damit sein eigenes Buch zu verkaufen." Ebenso Bernstein:
"Deep Throat gibt es wirklich. Er war und ist noch immer eine einzige Person."
Ben Bradley, damals der Chefredakteur der Washington
Post, die mit Hilfe der beiden Autoren den Skandal aufdeckte, schreibt
in seinen Memoiren, er habe nach Nixons Rücktritt 1974 Woodward nach
dem Namen von Deep Throat gefragt. Woodward vertraute ihm das Geheimnis
an, aber "Ich habe es nie einem anderen Menschen weitererzählt".
Der literarische Kalender
Am 15. Oktober 70 v. Chr. wird Publius
Vergilius Maro in Andes (Norditalien) geboren.
Am 15. Oktober 1905 wird Charles
P. Snow in Leicester geboren.
Am 15. Oktober 1923 wird Italo
Calvino in Santiago de las Vegas (Kuba) geboren.
Am 16. Oktober 1854 wird Oscar Wilde in Dublin geboren.
Am 16. Oktober 1888 wird Eugene
O'Neill in
New York geboren. Er erhält 1920, 1922 und 1928 den Pulitzer-Preis
und 1936 den Nobelpreis für Literatur.
Am 17. Oktober 1827 heiratet Thomas
Carlyle Jenny Welsh. Samuel Butlers Kommentar: „Es war eine
gute Tat Gottes, Mr. und Mrs. Carlyle einander heiraten zu lassen, so daß
sie nur zwei Menschen ungücklich machten und nicht vier."
Am 17. Oktober 1915 wird Arthur
Miller in Manhattan geboren.
Am 18. Oktober 1896, nach der katastrophalen Premiere
der „Möwe", schwört Tschechow,
nie wieder ein Theaterstück zu schreiben.
Am 19. Oktober 1745 stirbt Jonathan
Swift, siebenundsiebzig Jahre alt und für verrückt
erklärt, in Dublin.
Am 19. Oktober 1931 wird John
le Carré (David John Moore Cornwell) in Poole (Dorset,
England) geboren.
Am 22. Oktober 1919 wird Doris
Lessing in Persien geboren.
Am 22.Oktober 1922 erhält Jean
Paul Sartre den Nobelpreis für Literatur. Er lehnt ihn
umgehend ab: „Ein Schriftsteller darf sich nicht erlauben, in eine Institution
verwandelt zu werden."
Am 20. Oktober 1854 wird Arthur
Rimbaud in Charleville in Frankreich geboren.
Am 20. Oktober wird Jean Cocteau
in die Académie Française aufgenommen.
Am 21. Oktober 1969 stirbt Jack
Kerouac mit siebenundvierzig Jahren in St. Petersburg, Florida.
Am 23. Oktober 1817 wird Pierre
Larousse in Toucy (Yonne, Frankreich) geboren.
Am 25. Oktober 1400 stirbt Geoffrey
Chaucer, vermutich siebenundfünfzigjährig, während
der Pest in London.
Am 26. Oktober (ohne Jahr) kommen die Reisenden in Swifts
„Gulliver" in der Hauptstadt Lorbrulgrud an (was in der Landessprache „Stolz
des Universums" bedeutet).
Am 28. Oktober 1704 stirbt John
Locke in High Laver (Essex, England). Seine letzten Worte an
Lady Masham, die ihm die Psalmen vorlas: „Jetzt hör auf."
Am 29. Oktober 1958 telegrafiert Boris
Pasternak der Schwedischen Königlichen Akademie seinen
„freiwilligen Verzicht" auf den ihm verliehenen Nobelpreis für Literatur.
Am 31. Oktober 1795 wird John
Keats in London im väterlichen Kuhstall geboren. |