Die Gazette Nr. 7, Oktober 1998:

 Net-Ticker
 
Die Literaturgeschichte muß umgeschrieben werden

Veronika Ferres spielt nicht nur in Egon Günthers nächsten Film „Die Braut" Christiane Vulpius (Foto), sie weiß auch Bescheid. Und sie teilt es offenerzig mit, wie kürzlich der Schweriner Volkszeitung.
„Die Vulpius", erfahren wir endlich, Christiane Vulpius„war ihrer Zeit voraus. Sie hat ihre Zeit aufgewühlt, hat Angst gemacht." Sogar noch dem viel späteren Thomas Mann, von dem Frau Ferres berichten kann, daß er „sehr verklemmt" war und völlig im unklaren, „ob er homo- oder heterosexuell ist", habe sie „eine wahnsinnige Angst gemacht". Oder vielleicht war Christiane Vulpius (nach Mutter Goethe angeblich eine „herzensgute Frau") wiederum nicht nur furchterregend, da sie gleichzeitig befürchtete, was das Verhältnis für sie bedeuten konnte, nämlich „Armut, Prostitution, Verrecken". Ja, Verrecken (Frau Ferres' Wort).
Andererseits „erzählt" Frau Ferres hier „eine ganz große Liebesgeschichte, die stärkste der Epoche". Und ganz zeitgemäß: Christiane Vulpius „hat sich von Goethe niemals unterbuttern oder verändern lassen, sie hat stets eine eigene Meinung gehabt und diese konsequent verteidigt".
Und das Schönste, was die Schauspielerin an Christiane findet: Sie hat sich „über alle Konventionen ihrer Zeit hinweggesetzt".
Man muß nicht lange nachdenken, warum auch dieser deutsche Film provinziell bleiben wird: Es gibt allmählich nichts Konventionelleres, als sich dauernd über  Konventionen hinwegzusetzen. 
 

Die Rechtschreibreform und die Verlage

Der irregeleitete Volksentscheid in Schleswig-Holstein gegen die Rechtschreibreform spielt bei der Übernahme der neuen Regeln durch die Verlage keine Rolle.
Der S. Fischer Verlag wird sie fürs erste allenfalls bei Kinderbüchern anwenden, sonst aber nach den alten Regeln drucken. Ähnlich will es der Carl Hanser Verlag halten.
Reclam jun. In Stuttgart und Reclam in Leipzig verwendet bei Neuauflagen bereits die neuen Regeln und wird die Klassiker-Bände, wie bisher schon, „behutsam" modernisieren, also etwa das ß stehenlassen.
Bei Klett in Stuttgart druckt man schon seit drei Jahren nach den neuen Rechtschreibregeln. Klett-Cotta zögert noch mit der Umstellung.
Rowohlt zieht sich salomonisch aus der Affäre: Die Entscheidung liegt beim Autor (dessen Schreibe dem Verlag „heilig" ist). Eine Verlagsvorgabe gibt es nur für Kinder- und Jugendbücher; hier gilt die Reform. 
Auch Suhrkamp überläßt dem Autor in dieser Frage das letzte Wort.
 

Bills heimliches Vergnügen

Nein, einmal nicht Clinton: Hier ist Bill Gates gemeint ("Der Weg nach vorn"). 
Die Journalistin Wendy Goldman Rohm enthüllt in ihrem Buch "The Microsoft File. The Secret Case against Bill Gates" sattsam Bekanntes: Der Konzernchef ist ein rücksichtsloser Unternehmer und drückt kleinere Konkurrenten ohne Skrupel aus dem Geschäft (immerhin neue Einzelheiten dazu: Microsoft baute in sein Betriebssystem planmäßig eine Error-Meldung ein, sobald bestimmte Programme einer anderen Firma, in diesem Fall von Digital, aufgerufen wurden, so daß diese Programme nicht laufen konnten und deshalb kurz danach vom Markt verschwanden). 
Die Autorin behauptet aber noch anderes: Der verheiratete Gates lasse sich auf seinen Geschäftsreisen von seinen Untergebenen hochpreisige Prostituierte zuführen. Greg Shaw, der Pressesprecher von Microsoft, nennt das Buch "langweilig" und "stellenweise fiktional", schlecht recherchiert und vage. "Die Wirklichkeit", hält die Autorin dagegen, "ist erheblich seltsamer als alle Fiktion." 
 

Gefährliche Liebschaft

Jerome David Salinger hat ein paar Kurzgeschichten geschrieben und dann einen Roman, der das Leben unzähliger Jugendlicher verändert hat, den "Fänger im Roggen". Seitdem aber, seit 1965, hat er nichts mehr veröffentlicht und sich hinter eine Mauer privaten Schweigens zurückgezogen. 
Einmal allerdings, 1972, schrieb er - dreiundfünfzigjährig - einen Leserbrief an eine junge Studentin, Joyce Maynard, die im New York Times Magazine gerade einen Artikel untergebracht hatte (Foto). Joyce MaynardDaraus entwickelte sich eine intime Freundschaft von acht Monaten Dauer, und Salinger zog sich wieder in seine einsame Stille zurück. Aber die wird ihm nun genommen. 
Denn die geschwätzige Joyce Maynard hat ihre Erlebnisse mit dem Schriftsteller zu einem Buch verarbeitet: "At Home in the World". Und ist stolz darauf: Es seien die ersten Nachrichten von Salinger seit langer Zeit, sagt sie, "wie gehobene Teile der Titanic". Und die Privatsphäre des Schriftstellers? Da ist sie ebenso schnell fertig mit ihrem Urteil: "Wenn man ein völlig privates Leben führen möchte, sollte man einer achtzehnjährigen Studentin keine Briefe schreiben." So einfach ist das. Geniert sie sich ein bißchen? Nicht im geringsten: "Ein Kritiker nannte mich schamlos. Das ist wahr! Ich habe jede Scham aufgegeben - eine ungeheure Erleichterung!" 
 

Enthüllungsroman

Hamdy el-Batran, Kairo, hat bereits drei Sachbücher geschrieben. Eines bekam vom ägyptischen Innenministerium sogar einen Preis. Jetzt aber, mit seinem Roman "Tagebuch eines Landpolizisten", steckt er bis zum Hals in Problemen. 
Dafür gibt es zwei Gründe. 
Erstens werden in dem Roman Übergriffe der Polizei gegen Verdächtige und Unverdächtige geschildert (in einer Szene wird ein alter Mann aus seinem Haus gezerrt, geschlagen und nackt ausgezogen, und als er dann immer noch nicht weiß, wo sein Sohn ist, ein gesuchter islamistischer Extremist, läßt der Polizeioffizier das Haus durch einen Bulldozer niederwalzen). 
Zweitens und entscheidender: el-Batran ist selbst Polizeibeamter. 
Und deshalb ist die Aufregung groß. Das Innenmisterium ist der Meinung, das Buch hätte, Roman hin oder her, der Zensur vorgelegt werden müsse. El-Batrans Kollegen und Vorgesetzten halten das Buch für "Geheimnisverrat" (so der Anwalt des Autors), im übrigen "beschädige es die Moral" der Polizei-Truppe. Der Roman wurde zwar nicht verboten, jedoch - nach einem sanften Hinweis - stillschweigend aus den Buchhandlungen entfernt. 
Es hilft dem Autor ("Muß man jetzt schon um Genehmigung bitten, bevor man aufsteht und ein Gedicht rezitiert?") auch nichts, daß er überhaupt nicht als Kriminalbeamter tätig ist, sondern als Ingenieur in der Technik-Abteilung. 
Die Ironie bei der Sache: Die Reaktion des Ministeriums ist ein klares Eigentor, schier eine Selbstanklage. Wer so panische Angst vor einem Roman hat, der illegale Polizeimethoden schildert, nimmt es wohl tatsächlich mit den Menschenrechten nicht so genau. 
 

Dhaka, übernehmen Sie!

Für achthundert Bangladeshis sind die Todesopfer der jüngsten Flutkatastrophe offenbar nicht genug: Sie verlangen einen Kopf mehr. 
"Fangt die Ungläubige Taslima und hängt sie auf!" schrie eine Menge auf ihrem Protestmarsch am 18. September in der Hauptstadt von Bangladesh. Gemeint war die Schriftstellerin Taslima Nasrin, der die "blasphemische" Forderung nachgesagt wird, der Koran müsse umgeschrieben werden. Zu Unrecht: Sie hatte nur Gesetze zur Gleichberechtigung der Frau verlangt. Aber einigen wildgewordenen Fanatikern reicht das, um für Nasrins Ermordung ein Kopfgeld von über achttausend Mark auszuloben. Die Unterdrückung der Frau, das Gesetzbuch, der Koran - für den aufrechten Glaubenskämpfer offenbar alles ein und dasselbe. Wer auch nur ein Detail in Frage stellt, ist ein Apostat. 
Vor ihren Verfolgern ist Taslima Nasrin 1994 nach Stockholn geflohen, Mitte September aber mit ihrer Mutter, die zu einer Krebstherapie in New York war, nach Bangladesh zurückgekehrt und lebt seitdem, wie noch immer Salman Rushdie, an einem unbekannten Ort. 
 

An Pablo Nerudas Grab

in Isla Negra, zwei AutostundenPablo Neruda westlich von Santiago de Chile, versammelten sich über hundert Verehrer des Dichters zu seinem fünfundzwanzigsten Todestag am 23. September, sie legten Blumen nieder, und manche flüsterten seine Gedichte. 
"Viele kommen jedes Jahr an diesem Tag", sagte Juan Larrea von der Pablo-Neruda-Stiftung, "und dann lesen sie ihm nicht nur seine eigenen Gedichte vor, sondern auch die seiner Lieblingsautoren." 
Pablo Neruda hatte 1971 den Nobelpreis für Literatur erhalten. Zwei Jahre später putschte sich Pinochet mit Waffengewalt an die Macht. Zwölf Tage nach dem blutigen Staatsstreich starb der bereits schwer krebskranke Dichter, eher an gebrochenem Lebensmut als an seiner Krankheit. 
 

Was ist eine Aspidistra?

Ein Film nach dem dritten Roman von George Orwell, "Keep the Aspidistra Flying" (1936). ist seit Juli in den amerikanischen Kinos. Im Originaltitel heißt der Film "A Merry War", wohl deshalb, weil niemand weiß, was eine Aspidistra ist: Aspidistraeine unschöne Pflanze aus der Gattung der Liliazeen, mit harten, "lanzettlichen, langdauernden Blättern", "eine sehr dauerhafte Zimmerpflanze" (Meyers Konversations-Lexikon) und Orwells Symbol für unsensible, selbstgefällige Mittelklassen-Intellektuelle. 
Der Roman erzählt die Geschichte von Gordon Comstock, der sich für einen Künstler und Dichter hält, seine Existenz in der Großstadt irgendwie nicht "authentisch" genug findet und in ein Elendsviertel umzieht, um sich durch Leiden zu läutern. 
Es sind die Erlebnisse des jungen Eric Blair (wie Orwell bürgerlich hieß), der sich in der Rolle des mittellosen Tellerwäschers in Paris gar nicht romantisch, sondern höchstens unwohl fühlte. Der Roman ist eine bitter-ironische Abrechnung mit theoretisierenden Bohemiens, zu denen der Autor damals selbst gehörte.
 

Reader's Digest als Kunsthändler

Der durchschnitliche Reader's-Digest-Leser ist siebenundvierzig Jahre alt. Aber selbst diese ältliche, bisher treue Leserschaft hat jetzt offenbar die in neunzehn Sprachen verbreiteten Klamotten-Nachrichten satt, daß Krebs endlich heilbar ist oder wie man seinen Wortschatz erweitert. Jedenfalls: Die verkaufte Auflage geht in wichtigen Ländern neuerdings um zehn bis zwanzig Prozent pro Jahr zurück, die Gewinne sogar um etwa achtzig Prozent. Die große Mailing-Aktion in Deutschland letztes Jahr war ein Schlag ins Wasser. Um wieder in die Gewinnzone kommen, muß der Verlag in den nächsten drei Jahren die Kosten um dreihundert bis dreihundertfünzig Millionen Dollar senken. 
Ein jüngeres Publikum hofft man nun durch ein verstärktes Internet- und Fernseh-Marketing zu erreichen. 
Der Verlag besitzt darüber hinaus eine Geldquelle eigner Art:eine Kunstsammlung von achttausend Gemälden und Plastiken. Die wird nun angezapft. Am 16. November werden Bilder von Matisse, Cézanne, Monet, Modigliani und van Gogh sowie eine Giacometti-Figur versteigert. Der erwartete Erlös liegt bei siebzig bis hundert Millionen Dollar. Nicht unrealistisch: Bereits im vergangenen Mai verkaufte Reader's Digest einen Monet und einen van Gogh für zusammen sechs Millionen Dollar. 
 

Kandidatenliste mit Busfahrer komplett

Der englische Booker Prize, ausgestattet mit einem Preisgeld von zwanzigtausend Pfund, hat seit 1968 einige Autoren und Werke berühmt und erfolgreich gemacht, unter ihnen Salman Rushdie und seine "Mitternachtskinder", die junge Inderin Arundhati Roy und ihren "Gott der kleinen Dinge" (1997) oder Michael Ondaatje mit dem "Englischen Patienten". Dieses Jahr wird der angesehene Preis am 27. Oktober vergeben. 
Einhundertfünfundzwanzig Titel haben die Verlage eingereicht, nur sechs davon schafften es in die engere Auswahl. Einer davon ist "The Restraint of Beasts", und der Autor, Magnus Mills, ist hauptberuflich Busfahrer in London. Auch Julian Barnes' "England, England" ist dabei. 
Die Jury - ein Mann und vier Frauen: der ehemalige Außenminister Douglas Hurd, zwei Journalistinnen, eine Romanautorin und eine Verlagslektorin - saß vier Stunden lang hinter verschlossenen Türen, bis sie die sechs Kandidaten bekanntgeben konnte. 
 

Ex-Premierministerin als Buch-Heldin

Also "Heldin" ist hier eher ein Euphemismus: Tansu Ciller, jedenfalls wie Faruk Bildirici sie soeben in seinem Bestseller "Maskierte Lady" beschreibt, ist eine raffgierige, prinzipienlose Politikerin, die während und mittels ihrer dreijährigen Regierungszeit ein ungeheures Vermögen angeschafft hat. Ihre Betrügereien hätten nicht nur den Staat, sondern auch ihre engsten Freunde um Millionen geschädigt. Daneben soll sie auch noch einige tausend Dollar der ihr persönlich zustehenden Aufwandsentschädigung an ein New Yorker Hotel gezahlt haben, nachdem ihr Sohn dort die Präsidenten-Suite demoliert hatte. 
Bisher hat Tansu Ciller mehrere parlamentarische Korruptionsuntersuchungen straflos überstanden. 
Der Autor meint, sein Buch sei nicht durchweg negativ. So bescheinige er seiner Heldin immerhin einen IQ von 160, "und ich denke, darauf kann man stolz sein". 
 

Israel und die Bombe

Wer einen politisch korrekten Israeli fragt, ob sein Land Atombomben besitze, erhält die Antwort: Nein, und es wird sie nie als erster einsetzen. 
Jetzt hat Avner Cohen, in Washington als Wissenschaftler am National Security Archive tätig, nach zehnjähriger Forschungsarbeit und hundert Interviews ein Buch vorgelegt, "Israel and the Bomb". Es beschreibt die Zeit zwischen 1955 und 1970, als Israel sich die nötige Technologie verschaffte und mehrere auch ohne Tests funktionsfähige Atombomben baute. Der Bau des dafür nötigen Reaktors Dimona begann 1958, vorgeblich als metallurgische oder Textil-Fabrik (die Geheimdienste der USA brauchten drei Jahre, bis sie die Anlage entdeckten). Schon vor den Sechs-Tage-Krieg 1967 waren zwei improvisierte Atombomben einsatzfähig. Als das Dimona-Projekt bekannt wurde, vereinbarte Kennedy mit Israel regelmäßige Inspektionen durch amerikanische Waffen-Spezialisten, die dann von 1964 bis 1970 auch tatsächlich durchgeführt wurden. Dann aber kamen Nixon und Golda Meir zu einem neuen Agreement: Die USA würden künftig einfach wegschauen und Israel sich verpflichten, keinen atomaren Erstschlag zu führen. Daran halten sich die beiden Länder noch heute. 
 

Tom Clancy lebt vom Krieg

Was tut ein reaktionärer Autor, der etwas wie "Die Jagd auf Roter Oktober" geschrieben hat, ohne einen ordentlichen, wenigstens einen Kalten Krieg? Er lebt seine Bellizistik in Computer- Spielen aus. 
Tom Clancy hat bereits "Rainbow Six" auf Anhieb in die Bestsellerlisten der PC-Spiele gebracht. In "Rainbow Six" übernehmen die Spieler zeitgemäß die Rolle eines Elite- Kommandos zur Bekämpfung von Terroristen. Und jetzt im November folgt Clancys Zweitschlag. Seine Firma mit dem sprechenden Namen Red Storm Entertainment bringt ein neues Strategie-Spiel mit dem schönen Titel "ruthless.com" heraus. Diesmal läuft die action in der bösen, bösen Geschäftswelt der Software-Industrie. Und wer hier als Mitspieler nicht das geforderte Täuschen, Betrügen und Töten (ja, auch das) beherrscht, ist schnell weg vom virtuellen Weltmarkt. 
Zynisch gesagt: So hatten wir uns die Globalisierung schon immer vorgestellt. 
 

Kujau schreibt wieder

Der Verfasser der angeblichen Hitler-Tagebücher (1983), Konrad Kujau, hat ein neues Buch geschrieben, das auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse vorgestellt wird. 
Ein Kochbuch. Echt. 
Es enthält die Lieblingsrezepte von achtzig großen Männern und Frauen, toten und lebenden, zum Beispiel von Einstein, Boris Becker, Fidel Castro, Mao, Maggie Thatcher und Königin Elisabeth von England. Angeblich alles sauber und verläßlich recherchiert. 
Kujau besitzt in Stuttgart ein Restaurant. Seinen hauptsächlichen Lebensunterhalt verdient er jedoch mit dem, was er nun mal kann: Fälschungen. Er fälscht - nicht selten auf Bestellung - Picassos, van Goghs, Miros und Dalis, die er jedoch, um nicht schon wieder vor Gericht zu stehen, in der rechten unteren Ecke klitzeklein mit dem eigenen Namen signiert. 
In der dann noch freien Zeit schreibt er an seinen Memoiren. "Die Welt", redet er sich ein, "möchte Bescheid wissen."

Buchmesse (anderthalb Personalien)

Der diesjährige Nobelpreisträger für Literatur, der fünfundsiebzigjährige und eher scheue Portugiese Jose Saramago, war schon auf dem Frankfurter Flughafen, wo ihn sein Verleger fünf Minuten vor dem Einsteigen noch erwischte und ihm die Stockholmer Entscheidung mitteilen konnte. Saramago kehrte zur Messe zurück und stellte sich glücklich und geduldig den Reportern.
Und am Dienstagabend wurde sogar Salman Rushdie bei der Eröffnung gesehen.
 

Monthy-Python-Fund

Monty PythonTerry Jones, ein Mitglied der anarchischen Ex-Truppe, entdeckte beim Aufräumen in seinem Keller nach siebenundzwanzig Jahren zwei Fünfundvierzig-Minuten-Videobänder bisher ungezeigter Monty-Python-Szenen, die schon 1971 in München aufgenommen, aber nie gesendet wurde.
Michael Palin singt darin auf deutsch, er brauchte eine Woche, sagte er, um den Songtext zu lernen. John Cleese spielt den Showmaster in einer Nazi-Game-Show und einen Robin Hood, der Tiere quält. Und in einer anderen Szene wirft ein (präziser: ein „bayerischer") Keller einen Gast durch das Restaurantfenster in den Tod.
 

Der Humor der Politiker

Genaugenommen lautet der Titel des neuen Buches (bei Doubleday) "Great Political Wit", und geschrieben hat es der zuletzt unterlegene amerikanische Präsidentschaftskandidat Bob Dole. Aber so "great" ist der Politiker-Humor nun auch wieder nicht. Beispiele:
1996 sah der Autor bei einem Empfang im Weißen Haus nebeneinander Carter, Ford und Nixon vor sich und meinte dazu: "Da sind sie alle drei: Nichts Böses sehen, nichts Böses hören und - das Böse" (zwar vielleicht treffend, aber eher mittelmßig).
Oder das hier: Nixon bei der berühmten Rede Kennedys zur Amtseinführung 1961 zu dessen Redeschreiber Ted Sorensen: "Das hätte ich auch gern gesagt." Sorensen: "Was? Das mit "Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann'?" Nixon: "Nein, den Teil mit ‘Ich schwöre feierlich ...'" (ausgesprochen schwach).
Oder das, etwas besser: Als die Yale-Universität dem Ex-Präsidenten Taft, Lebendgewicht etwa einhundertfünfundsiebzig Kilo, einen Lehrstuhl anbot, antwortete er, für ihn bräuchte es schon ein Lehr-Sofa (der Mann konnte wenigstens über sich selbst lachen).
Hier mal eine gute Schlagfertigkeit: Nach einer Wahlrede des Präsidentschaftskandidaten Adlai Stevenson stürmte ein Anhänger auf die Bühne und sagte: "Jeder vernünftige Amerikaner wird sie wählen." Darauf Stevenson: "Nicht genug. Ich brauche eine Mehrheit."
In einem Punkt hat Autor Bob Dole seltsam recht und unrecht zugleich: "Amerika ist ein großartiges Land", sagte er, "weil sich hier jeder über den Präsidenten lustig machen kann." Die kannibalistische Art und Weise aber, mit der das im Augenblick geschieht, ist alles andere als großartig.
 

Hickhack

Um die fünf vor kurzem entdeckten Seiten aus dem Tagebuch der Anne Frank (Die Gazette 6, September 1998) ist ein häßliches Gefeilsche im Gang. Da gibt es einerseits die Anne-Frank-Stiftung in der Schweiz, die die Rechte an dem Tagebuch besitzt. Und andererseits einen Mr. Cor Sujik, Berater des Anne-Frank-Centers in New York, der die fünf Seiten besitzt (Annes Vater, Otto Frank, hat sie ihm angeblich kurz vor seinem Tod übergeben). Sujik hält seine Manuskriptseiten eng an der Brust und ließ selbst Melissa Müller, die Autorin der neuesten Anne-Frank-Biographie, nur einen kurzen Blick darauf werfen. Die Stiftung jedoch hätte damit nun gern das "Tagebuch der Anne Frank" durch die fehlenden Seiten vervollständigt.
Sujik will sie aber nicht einmal in Kopie hergeben, sondern die Originale gegen eine hohe Summe verkaufen: "Ich suche einen Sponsor", meint er, "warum nicht die Anne-Frank- Stiftung? Sie hat genug Geld. Was tun die in Basel überhaupt mit dem ganzen Autorenhonoraren? Sie legen es in eine Schweizer Bank. Sie tun überhaupt nichts mit ihrem Geld. Und ich bin sicher, Otto würde meine Auffassung teilen."
Kritiker fragen: Soll demnächst vielleicht Coca-Cola das Holocaust-Denkmal sponsern? Sie nennen Sujik einen "Erpresser", "geldgierig" und "publicitysüchtig".
Und wir sind sicher, eine Menge Leute teilen diese Auffassung.
 

Nicht jeder Sex zahlt sich aus

Judy Smith, die Agentin der Möchtegern-Autorin Monica L., hat es noch nicht aufgegeben. Sie kontaktierte mehrere Verlage, darunter Putnam und die nunmehrige Bertelsmann-Tochter Random House, mit einer Honoraranfrage für die "ganze Geschichte". Je nach Gesprächspartner beträgt die geforderte Summe zwei bis zehn Millionen Dollar.
Simon & Schuster hat schon abgewunken ("Wir wissen mehr über sie, als uns interessiert. Wir wollen ihr Buch nicht. Wir glauben auch nicht, daß ein großer Verlag mit ihr abschließt.").
Nach Zeitungsberichten haben bereits fünf große Verlage einen Vertrag abgelehnt.Andere, wie zum Beispiel Warner Books, hatten Ende September noch keine Anfrage erhalten.
An einigen Stellen scheint gar etwas wie Vernunft und Urteilsvermögen wieder einzukehren. "Unser Chef", sagte der Sprecher eines bekannten Verlags, "haßt die ganze jetzige Situation. Unsere Ablehnung ist gar keine wirtschaftliche Angelegenheit. Es ist eine persönliche Entscheidung." Und ein anderer: "Ich finde nicht, daß wir so ein Buch machen sollten."
Andererseits ist der Starr-Report in Buchform ein Bestseller. Die drei Taschenbücher von PublicAffairs Books, Pocket Books und Prima haben insgesamt 1,5 Millionen Exemplare gedruckt und planen weitere Ausgaben und Nachdrucke. Der Wahnsinnsanfall ist also noch nicht vorüber.
 

Deep Throat: nur ein Multiple-Personality-Syndrome?

In ihren Artikeln und Büchern über den Watergate-Skandal gaben die Autoren Bob Woodward und Carl Bernstein immer eine anonyme Person als Hauptquelle an, die sie nach einem berüchtigten Pornofilm der frühen siebziger Jahre scherzhaft "Deep Throat" nannten.
Ihr Agent von damals, David Obst, bezichtigt - in seinem Erinnerungsbuch "Too Good to be Forgotten" - seine beiden Ex-Autoren jetzt einer Erfindung: Deep Throat sei nicht eine tatsächliche Person, sondern ein Konkokt aus mehreren Informanten, ein fiktive Multiple- Persönlichkeits-Person. Beweise dafür legt er allerdings nicht vor. Und ganz neu ist die Theorie auch nicht.
Bernstein und Woddward protestierten sofort. "Das ist reine Spekulation", sagte Woodward, "er hatte mit der Abfassung des Buches ["All the President's Men"] nichts zu tun; er hat es lediglich verkauft, und jetzt versucht er, damit sein eigenes Buch zu verkaufen." Ebenso Bernstein: "Deep Throat gibt es wirklich. Er war und ist noch immer eine einzige Person."
Ben Bradley, damals der Chefredakteur der Washington Post, die mit Hilfe der beiden Autoren den Skandal aufdeckte, schreibt in seinen Memoiren, er habe nach Nixons Rücktritt 1974 Woodward nach dem Namen von Deep Throat gefragt. Woodward vertraute ihm das Geheimnis an, aber "Ich habe es nie einem anderen Menschen weitererzählt".
 

Der literarische Kalender

Am 15. Oktober 70 v. Chr. wird Publius Vergilius Maro in Andes (Norditalien) geboren.
Am 15. Oktober 1905 wird Charles P. Snow in Leicester geboren.
Am 15. Oktober 1923 wird Italo Calvino in Santiago de las Vegas (Kuba) geboren. 
Am 16. Oktober 1854 wird Oscar Wilde in Dublin geboren.
Am 16. Oktober 1888 wird Eugene O'Neill in New York geboren. Er erhält 1920, 1922 und 1928 den Pulitzer-Preis und 1936 den Nobelpreis für Literatur.
Am 17. Oktober 1827 heiratet Thomas Carlyle Jenny Welsh. Samuel Butlers Kommentar: „Es war eine gute Tat Gottes, Mr. und Mrs. Carlyle einander heiraten zu lassen, so daß sie nur zwei Menschen ungücklich machten und nicht vier."
Am 17. Oktober 1915 wird Arthur Miller in Manhattan geboren.
Am 18. Oktober 1896, nach der katastrophalen Premiere der „Möwe", schwört Tschechow, nie wieder ein Theaterstück zu schreiben.
Am 19. Oktober 1745 stirbt Jonathan Swift, siebenundsiebzig Jahre alt und für verrückt erklärt, in Dublin.
Am 19. Oktober 1931 wird John le Carré (David John Moore Cornwell) in Poole (Dorset, England) geboren.
Am 22. Oktober 1919 wird Doris Lessing in Persien geboren.
Am 22.Oktober 1922 erhält Jean Paul Sartre den Nobelpreis für Literatur. Er lehnt ihn umgehend ab: „Ein Schriftsteller darf sich nicht erlauben, in eine Institution verwandelt zu werden."
Am 20. Oktober 1854 wird Arthur Rimbaud in Charleville in Frankreich geboren.
Am 20. Oktober wird Jean Cocteau in die Académie Française aufgenommen.
Am 21. Oktober 1969 stirbt Jack Kerouac mit siebenundvierzig Jahren in St. Petersburg, Florida.
Am 23. Oktober 1817 wird Pierre Larousse in Toucy (Yonne, Frankreich) geboren.
Am 25. Oktober 1400 stirbt Geoffrey Chaucer, vermutich siebenundfünfzigjährig, während der Pest in London. 
Am 26. Oktober (ohne Jahr) kommen die Reisenden in Swifts „Gulliver" in der Hauptstadt Lorbrulgrud an (was in der Landessprache „Stolz des Universums" bedeutet).
Am 28. Oktober 1704 stirbt John Locke in High Laver (Essex, England). Seine letzten Worte an Lady Masham, die ihm die Psalmen vorlas: „Jetzt hör auf."
Am 29. Oktober 1958 telegrafiert Boris Pasternak der Schwedischen Königlichen Akademie seinen „freiwilligen Verzicht" auf den ihm verliehenen Nobelpreis für Literatur.
Am 31. Oktober 1795 wird John Keats in London im väterlichen Kuhstall geboren.