Die Gazette Nr. 7, Oktober 1998:

Marginalie

für die am 27. September Abgewählten:

Trost bei trauriger politischer Aussicht

Diesen Trost habe ich in einem Buche gefunden, das wenig gelesen wird, wovon ich aber jetzt, nachdem ich es ausgefunden habe, Woche für Woche einige Blätter lese - und dieses ist: der Band politischer Zeitungen vom vorigen Jahre. Man muß den Versuch selbst machen, um sich zu überzeugen, was das für eine Unterhaltung ist. Natürlich liest man allemal nur die Blätter daraus, die praeter propter dasselbe Datum mit dem heutigeen Tag führen. Betrachtungen in hundertfacher Form strömen einem alsdann so zu, daß man sich ihrer kaum erwehren kann. Bald ruht man nachdenklich aus, bald lächelt man, und bald lacht man, und wie unschuldig ist nicht diese Beschäftigung? Freilich leiden die heutigen Zeitungen ein wenig, wenn man sie neben jenen liest. Es ist kaum möglich, nicht an das hodie mihi cras tibi zu gedenken: Heute an mir, morgen an dir; was ich war, bist du jetzt und wirst dereinst sein, was ich bin.

Aus:
Georg Christoph Lichtenberg, Trost bei trauriger politischer Aussicht. Satirische Schriften, Berlin 1991