Die Gazette Nr. 7, Oktober 1998:

Lyrik
Corinna Thomas 

Hochzeit in der Wiese ... Liebe oder anderes

Windstille. Mittagsglut. 
Ich liege in der Wiese im Gras versteckt - 
seitlich, über, unter, vor mir begraben im unendlichen Halmenmeer - spiele mit den Zehen, überlege, denke, träume, überlege, verliere den Faden - finde ihn wieder, plötzlich 
sehe ich etwas, etwas Überraschendes, wundere mich, 
obwohl, vielleicht ... Das kann doch nicht sein 
ist aber so ... merkwürdig 
nun ja, dann eben doch 
das Gras bewegt sich - ja, tatsächlich: ein einzelner kleiner Halm bewegt sich aufwärts, 
ein Halm geht gegen die Richtung des Windes. Wie kann das sein - wider jede Physik und Schwerkraft: ein aufwärtswanderndes Stück Grashalm. 
Einsamer Krieger im Fluß der Gesetze. 
Ich fixiere es 
plötzlich 
in der Mittagsglut 
hellwach und erkenne: 
dich 
wunderschön. unbekannt. bislang. Nie gesehen. deine schmale Silhouette. ungesehen. bislang dein wunderschöner Kopf. nie geahnt solche weite. in deinen Augen. den grünen. deine wachen großen Augen. bin blind gewesen vorher. versinke in der unendlichkeit. deines Grüns. dieser grünen strahlend hellen großen Augen. ertrinke atemlos in deinem stillen Blick. dieser Blick. ruhig auf mir liegt dein Blick. rieselt in mich. perlt wie eine Quelle in meiner Haut. versinke in die Unendlichkeit. 
nun mehr suche ich nur dich. 
liege jeden Tag an gleicher Stelle dort im Gras, im Meer der Halme halte ich Ausschau nach dir, in deinem grünen Kleid eng angeschmiegt an deinen zarten Körper. Durchscheinend deine Liebe. 
andere kommen vorbei dir ähnlich, doch nicht du 
warte ich auf dich, für immer - 

Schließlich gelang es mir, dir auch in meiner Wohnung ein Zuhause vorzubereiten - für den Tag, wenn du kämest - 
damit du es auch im tiefen Winter schön hast, hier bei mir - 
selbst der Hausmeister bewunderte meinen neuen, saftig grünen Teppichboden - 
er liegt auf naturhaftem Holz, darunter das Parkett läßt ihn wunderbar gedeihen. 
Neulich klingelte der Mieter aus der Wohnung unter mir, ein netter, älterer Professor, der gerne ein Glas Rotwein über den Durst trinkt. 
Ob sich neuerdings bei mir an der Decke auch so kleine weiße Fäden bilden würden, fragte er zaghaft. 
Bei ihm an der Schlafzimmerdecke kämen seit einiger Zeit kleine Fäden heraus, manchmal grünlich schillernd. 
Nachdem wir auf meinem auch von ihm bewunderten Teppichboden die dritte Flasche Bordeaux öffneten, zog mein Nachbar mich vorsichtig ins Vertrauen. Als empirischer Wissenschaftler alter Schule stelle er die gewagte Hypothese in den Raum: "Die Fäden wachsen aus der Decke, und wenn man sie herausreißt, wachsen sie umso schneller nach!" 
Das sagte er mit wissenschaftlichem Nachdruck und Faustschlag auf den Boden. Wie beiläufig strich ich über das satte Grün, träumte versonnen von deinen Augen und sagte: "Sie baten mich doch neulich um die Adresse eines guten Arztes. Mir ist einer eingefallen. Ich gebe Ihnen die Adresse mit, rufen Sie ihn an. Vielleicht gleich morgen." 
Als er wegwankte und in seinen bordeauxtrunkenen Schlaf sank, genoß ich mein sattes Grün, zog mich aus und räkelte mich in das Grün. Dieses Grün, das auf dich wartet, für immer und ewig. 
Eine wunderbare Wiese in meinem Schlafzimmer 
allein für dich und mich. 
Dort liege ich im Gras, rieche das Grün 
und die würzigen Kräuter, die inzwischen blühen, und warte auf dich, du wunderbarer. 
Du mit diesen großen grünen schillernden Augen. 
Ich warte,
warte, 
bis ich den Faden wiederfinde, 
den grünen, 
den Faden zwischen dir und mir - 
du mein geliebter ... 
Grashüpfer. 

Kommentar der Autorin 

Wozu Schreiben? 
Wozu schreiben über die Liebe? 
Zudem eine so blödsinnige Geschichte. 
Wir sind hier im High-Tech-Zeitalter, 
zudem im Internet, Frau T., Sie haben sich ordentlich in der Kitschschublade vergriffen, ganz gehörig 
und es gibt haufenweise Schreiberinnen, die sich dort weitaus besser auskennen als Sie, meine Liebe. - Und Abbruch - canceln - delete - löschen - exit und hopp. 
Warum? 
Warum so etwas schreiben, wo das Morbide mir näher ist - und dem Internet ja allemal! 
Warum nicht schreiben über die Realität, über den Selbstmörder, der sich den Abgrund herunterstürzte im Dezember und bei der Kapernernte im Mai verwest gefunden wurde? Nur an der zerfetzten Kleidung zu identifizieren. 
Nun der Grund: um Geld zu sparen. Diese Geschichte versucht nicht, Brot zu verdienen, sondern spart mir Geld. 
Unglücklicherweise wurde ich auf eine Hochzeit eingeladen. 
Schrecklich. 
Ich hasse Hochzeiten. Zumal die Leute sich mit mir keinen Gefallen tun: Alle Ehen, die in meinem Beisein geschlossen wurden, sind schnell wieder getrennt worden: Gemeinsam Gestricktes wurde aufgeribbelt oder gleich zerschnitten, zerstückelt der Faden; nur mehr Rohzellolid. 
Nun ist es ‘heuer' auch noch die Hochzeit einer guten Freundin. Und den zukünftigen Ehemann kenne und mag ich auch. Ein liebes Paar also - aber sie müssen es scheinbar probieren, mit dieser Merkwürdigkeit, diesem Heiraten. 
Zu allem Überfluß sind beide Familien reich und alteingesessene, traditionell verwurzelte Bürger dieser Großstadt. 
Ich: seit Jahren arbeitslos. Kleiderschrank seitdem nur noch Jeans, deren einziger Luxus darin besteht, daß sie noch keine Löcher haben, und Opas Trödelmarkthemden. Ich: die letzte Woche erfreut den Mann mit der Gans und dem Gockel auf dem Fahrrad kennengelernt, ein Schäfer, der mir von Gewittern im Harz erzählte, früher, als er noch tausend Schafe hatte - unter der Brücke stehend - bei einem Gewitterschauer. 
Zurück zur Hochzeit: Die Familie im Hintergrund bedeutet Schatten auf das geplante Hochzeitsmenü. 
In Grünwald. 
Erste Adresse - heiraten tut man in diesen Kreisen hier nur einmal und dann auf immer und ewig (vorerst). 
Die Schatten: die Geschenkeliste. 
Das ist eben Tradition: bei den Eierlöffeln steht die gewünschte Marke - leider, denn sonst hätte ich sie günstig bei Woolworth besorgen können. 
Endlich bleibt mir nur, mich in möglichst galanter und kostengünstiger Weise um das Geschenk zu drücken, eine harmlose kleine Geschichte über eine Liebe zu schreiben, möglichst idyllisch undsoweiter; mein eigentliches Geschenk für dieses Paar: Ich werde nicht kommen zu dieser Hochzeit, und 
es wird ihr Eheglück sein. 
Ich liege derweil in der Wiese am Ufer gegenüber und warte, 
warte auf diese Augen, 
die Augen, so grün 
deren Blick mich liebkost 
in den Fingern 
nehme das Grün 
den grünen Faden 
binde zusammen 
und trenne und spinne 
und warte