| Corinna Thomas
Hochzeit in der Wiese ... Liebe oder anderes
Windstille. Mittagsglut.
Ich liege in der Wiese im Gras versteckt -
seitlich, über, unter, vor mir begraben im unendlichen Halmenmeer
- spiele mit den Zehen, überlege, denke, träume, überlege,
verliere den Faden - finde ihn wieder, plötzlich
sehe ich etwas, etwas Überraschendes, wundere mich,
obwohl, vielleicht ... Das kann doch nicht sein
ist aber so ... merkwürdig
nun ja, dann eben doch
das Gras bewegt sich - ja, tatsächlich: ein einzelner kleiner
Halm bewegt sich aufwärts,
ein Halm geht gegen die Richtung des Windes. Wie kann das sein - wider
jede Physik und Schwerkraft: ein aufwärtswanderndes Stück Grashalm.
Einsamer Krieger im Fluß der Gesetze.
Ich fixiere es
plötzlich
in der Mittagsglut
hellwach und erkenne:
dich
wunderschön. unbekannt. bislang. Nie gesehen. deine schmale Silhouette.
ungesehen. bislang dein wunderschöner Kopf. nie geahnt solche weite.
in deinen Augen. den grünen. deine wachen großen Augen. bin
blind gewesen vorher. versinke in der unendlichkeit. deines Grüns.
dieser grünen strahlend hellen großen Augen. ertrinke atemlos
in deinem stillen Blick. dieser Blick. ruhig auf mir liegt dein Blick.
rieselt in mich. perlt wie eine Quelle in meiner Haut. versinke in die
Unendlichkeit.
nun mehr suche ich nur dich.
liege jeden Tag an gleicher Stelle dort im Gras, im Meer der Halme
halte ich Ausschau nach dir, in deinem grünen Kleid eng angeschmiegt
an deinen zarten Körper. Durchscheinend deine Liebe.
andere kommen vorbei dir ähnlich, doch nicht du
warte ich auf dich, für immer -
Schließlich gelang es mir, dir auch in meiner Wohnung ein Zuhause
vorzubereiten - für den Tag, wenn du kämest -
damit du es auch im tiefen Winter schön hast, hier bei mir -
selbst der Hausmeister bewunderte meinen neuen, saftig grünen
Teppichboden -
er liegt auf naturhaftem Holz, darunter das Parkett läßt
ihn wunderbar gedeihen.
Neulich klingelte der Mieter aus der Wohnung unter mir, ein netter,
älterer Professor, der gerne ein Glas Rotwein über den Durst
trinkt.
Ob sich neuerdings bei mir an der Decke auch so kleine weiße
Fäden bilden würden, fragte er zaghaft.
Bei ihm an der Schlafzimmerdecke kämen seit einiger Zeit kleine
Fäden heraus, manchmal grünlich schillernd.
Nachdem wir auf meinem auch von ihm bewunderten Teppichboden die dritte
Flasche Bordeaux öffneten, zog mein Nachbar mich vorsichtig ins Vertrauen.
Als empirischer Wissenschaftler alter Schule stelle er die gewagte Hypothese
in den Raum: "Die Fäden wachsen aus der Decke, und wenn man sie herausreißt,
wachsen sie umso schneller nach!"
Das sagte er mit wissenschaftlichem Nachdruck und Faustschlag auf den
Boden. Wie beiläufig strich ich über das satte Grün, träumte
versonnen von deinen Augen und sagte: "Sie baten mich doch neulich um die
Adresse eines guten Arztes. Mir ist einer eingefallen. Ich gebe Ihnen die
Adresse mit, rufen Sie ihn an. Vielleicht gleich morgen."
Als er wegwankte und in seinen bordeauxtrunkenen Schlaf sank, genoß
ich mein sattes Grün, zog mich aus und räkelte mich in das Grün.
Dieses Grün, das auf dich wartet, für immer und ewig.
Eine wunderbare Wiese in meinem Schlafzimmer
allein für dich und mich.
Dort liege ich im Gras, rieche das Grün
und die würzigen Kräuter, die inzwischen blühen, und
warte auf dich, du wunderbarer.
Du mit diesen großen grünen schillernden Augen.
Ich warte,
warte,
bis ich den Faden wiederfinde,
den grünen,
den Faden zwischen dir und mir -
du mein geliebter ...
Grashüpfer. |
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Kommentar der Autorin
Wozu Schreiben?
Wozu schreiben über die Liebe?
Zudem eine so blödsinnige Geschichte.
Wir sind hier im High-Tech-Zeitalter,
zudem im Internet, Frau T., Sie haben sich ordentlich in der Kitschschublade
vergriffen, ganz gehörig
und es gibt haufenweise Schreiberinnen, die sich dort weitaus besser
auskennen als Sie, meine Liebe. - Und Abbruch - canceln - delete - löschen
- exit und hopp.
Warum?
Warum so etwas schreiben, wo das Morbide mir näher ist - und dem
Internet ja allemal!
Warum nicht schreiben über die Realität, über den Selbstmörder,
der sich den Abgrund herunterstürzte im Dezember und bei der Kapernernte
im Mai verwest gefunden wurde? Nur an der zerfetzten Kleidung zu identifizieren.
Nun der Grund: um Geld zu sparen. Diese Geschichte versucht nicht,
Brot zu verdienen, sondern spart mir Geld.
Unglücklicherweise wurde ich auf eine Hochzeit eingeladen.
Schrecklich.
Ich hasse Hochzeiten. Zumal die Leute sich mit mir keinen Gefallen
tun: Alle Ehen, die in meinem Beisein geschlossen wurden, sind schnell
wieder getrennt worden: Gemeinsam Gestricktes wurde aufgeribbelt oder gleich
zerschnitten, zerstückelt der Faden; nur mehr Rohzellolid.
Nun ist es ‘heuer' auch noch die Hochzeit einer guten Freundin. Und
den zukünftigen Ehemann kenne und mag ich auch. Ein liebes Paar also
- aber sie müssen es scheinbar probieren, mit dieser Merkwürdigkeit,
diesem Heiraten.
Zu allem Überfluß sind beide Familien reich und alteingesessene,
traditionell verwurzelte Bürger dieser Großstadt.
Ich: seit Jahren arbeitslos. Kleiderschrank seitdem nur noch Jeans,
deren einziger Luxus darin besteht, daß sie noch keine Löcher
haben, und Opas Trödelmarkthemden. Ich: die letzte Woche erfreut den
Mann mit der Gans und dem Gockel auf dem Fahrrad kennengelernt, ein Schäfer,
der mir von Gewittern im Harz erzählte, früher, als er noch tausend
Schafe hatte - unter der Brücke stehend - bei einem Gewitterschauer.
Zurück zur Hochzeit: Die Familie im Hintergrund bedeutet Schatten
auf das geplante Hochzeitsmenü.
In Grünwald.
Erste Adresse - heiraten tut man in diesen Kreisen hier nur einmal
und dann auf immer und ewig (vorerst).
Die Schatten: die Geschenkeliste.
Das ist eben Tradition: bei den Eierlöffeln steht die gewünschte
Marke - leider, denn sonst hätte ich sie günstig bei Woolworth
besorgen können.
Endlich bleibt mir nur, mich in möglichst galanter und kostengünstiger
Weise um das Geschenk zu drücken, eine harmlose kleine Geschichte
über eine Liebe zu schreiben, möglichst idyllisch undsoweiter;
mein eigentliches Geschenk für dieses Paar: Ich werde nicht kommen
zu dieser Hochzeit, und
es wird ihr Eheglück sein.
Ich liege derweil in der Wiese am Ufer gegenüber und warte,
warte auf diese Augen,
die Augen, so grün
deren Blick mich liebkost
in den Fingern
nehme das Grün
den grünen Faden
binde zusammen
und trenne und spinne
und warte |