| Eine Herausforderung
Nun gut, es geht wohl marketingmäßig nicht anders, als daß
der Verlag auf der vierten Umschlagseite behauptet, dieses "fünfte
Evangelium" sei "provokant" und im Klappentext gleich noch einmal: "auf
provokante Weise christlich". Aber, um den prospektiven Käufern Enttäuschungen
zu ersparen: Das Buch ist alles andere als provokant.
Es ist auch leicht und nicht unbegründet, sich über den Autor
lustig zu machen, indem man seine Evangelien-Synopse als die brav nivellierte
Arbeit eines gutwilligen Kleinstadt- Bibelkreises abqualifiziert oder,
wie der Kritiker Frank Mankowski, als "Öko-Aphorismen, die von Drehbuchschreibern
den alten Indianern in den Mund gelegt werden, wenn sie weise erscheinen
sollen".
Und es ist mit ein wenig Nachschlagen ohne weiteres möglich, dem
Autor - und dem Übersetzer, der nachzuschlagen vergessen hat - einige
dumme Fehler anzukreiden. Etwa den bei der Erzählung von Lukas 8,26,
bei der Mailer offenbar einer Sekundärquelle aufgesessen ist. Denn
die "swine of Gadarene" stehen natürlich nicht im biblischen, nur
im Mailer-Original und sind schon da ein Stuß, denn "Gadarene" ist
ein Adjektiv ("gadarenisch", oder ein Stammesname, also ein "Gadarener");
das ist etwa so, als sagte man "die Gedichte von Goethisch". Und im deutschen
Text steht nun, fast noch blöder, "die Schweine von Gadarene", als
wäre Gadarene ein biblischer Ort, wohingegen Lukas nur und richtig
sagt "die Gegend der Gadarener". Wenn der Übersetzer also einen Ortsnamen
möchte (Seite 89 und 144), dann bitte korrekt Gadara oder die Variante
Gergesa. Und noch eine dringende, jetzt theologische Bitte: "Christus"
ist gemeinchristlich ein Eigenname, hat also keinen Artikel; deshalb kann
man Johannes dem Täufer auch nicht die Worte zuschreiben: "Für
alle außer dem Christus" (Seite 36), denn damit fält man in
den Sekten-Jargon Rudolf Steiners, für den "der Christus" bloß
eine Art Spezial-Beruf ist, wie "der Prophet".
Es geht jedoch um eine ganze andere Herausforderung.
Mailer nimmt es hier mit großen Geistern auf, die das Leben Jesu
beschrieben haben. Und wir meinen jetzt nicht etwa Franz Alt, sondern Charles
Dickens, Ernest Renan, Leo Tolstoi, D. H. Lawrence oder Nikos Kazandsakis
- jeder auf seine Weise erheblich provokanter als Mailer. Und vor ihrem
Richterstuhl ist der Text ein Fehlschlag.
Denn wer sich an das Umschreiben der Evangelien macht, ist gezwungen,
sie mit seiner eigenen, höchstpersönlichen Wahrheit zu versetzen,
und zwar mit einer im strengsten Sinn literarischen Wahrheit und Glaubwürdigkeit.
Andernfalls wird das groß angelegte Unternehmen zur platten Paraphrase,
zum Schüler-Aufsatz. Und genau das ist Mailer passiert. An wenigen
Stellen ahnt man zwar, daß er immerhin etwas wie einen Leitfaden
hatte, ein Kernproblem (über dem sich schon vor tausend Jahren Konzilsteilnehmer
gegenseitig verprügelt haben): Wie können in einer Person eine
menschliche und eine göttliche Natur zusammensein? Seine Antwort:
Jesus hört Stimmen, spürt eine "Kraft", wundert sich über
seine eigenen Wunder, trickst auch manchmal (wie bei der wunderbaren Brotvermehrung)
- aber das klingt lasch, hebt nicht ab, das bleibt auf nettem, niedrigen
Niveau, ergibt keinen lebendigen, neuartigen Charakter. Und wenns drauf
ankommt, wenn nun wirklich die scheinbar schwache menschliche Natur Jesu
zu siegen droht, wie in der hochdramatischen Szene im Garten Gethsemane,
dann fällt Mailer kaum noch Eigenes ein, allenfalls Blumiges:
Als ich zu den drei Jüngern zurückkam, schliefen sie. Ich
sagte: "Petrus, konntest du nicht eine Stunde wachen?" In seinem Gesicht
erkannte ich, daß er von Schrecken erfüllt war und daß
dieser so groß war wie mein eigener. Denn was tut ein Mensch in der
Stunde seiner Feigheit anderes, als einzuschlafen? Doch wiederum schwor
Petrus mir Treue und versicherte mir, er werde Wache halten. "Der Geist
mag willig sein", sagte ich ihm, "aber das Fleisch ist schwach."
Ich ging, um allein in dem Garten zu beten. Und der Geruch des Verrats
war in den Blumen. Sogar in den Blumen. Als ich zu den drei anderen zurückkehrte,
schliefen sie. Wieder waren sie eingeschlafen.
Ich sagte: "Es ist genug. Die Stunde ist gekommen."
Damit hat sichs auch schon. Kein persönliches Wort über die
doch wohl "menschliche" Zerrissenheit im Angesicht des nahen Todes ("Ich
war voller Selbstmitleid", läßt ihn Mailer sagen, putzig, wie
in einer Psychogruppe). Nur in einem Fall zeigt der Autor, was er einmal
konnte: eine Figur lebendig machen, und das ist der Teufel. Spätestens
seit Gründgens im "Faust" nicht die Titelrolle übernahm, sondern
den Mephisto, weiß man, daß der Teufel ein verläßlicher
Schau-Stehler ist. Auch bei Mailer. Allerdings unter gelegentlicher Zuhilfenahme
des - zugegeben farbigeren - Alten Testaments. Wie Satan in der Wüste
Jesus versucht, das erinnert an den wortgewaltigen Autor, den wir aus "Armies
of the Night" kennen (und gern erinnern, auch wenn die Anlässe längst
weggefallen sind). Auch später spricht noch manchmal der Teufel zu
Jesus, so etwa bei den Geldwechslern im Tempel:
Dann hörte ich den Teufel zum erstenmal, seit ich mit ihm auf dem
Berg war, zu mir sprechen: "Bevor es vorüber ist, werden die Reichen
auch dich besitzen. Sie werden dein Bild an jede Mauer heften. Die in deinem
Namen gesammelten Almosen werden den Besitz mächtiger Kirchen mehren;
die Menschen werden dich am höchsten verehren, wenn du ebenso zu mir
gehörst wie zu Ihm. Was nur billig ist. Denn ich bin Ihm ebenbürtig."
Und er lachte. Dann sagte er: "Die Gier ist eine Bestie, sagst du, aber
merke: Ihre Ausscheidungen werden in Gold aufgewogen. Ist Gold nicht die
Farbe der Sonne, aus der alle Dinge erwachsen?"
Im deutschen Text steht zwar rätselhaft "Seine Ausscheidungen",
aber die Stelle zeigt noch die Mailerschen Reißzähne. Fast schade,
daß der Teufel in der Geschichte nicht öfter vorkommt.
Seit langem hat der Autor sich nicht mehr an einen Roman gesetzt (auch
die CIA-Trilogie kommt seit acht Jahren über den ersten Band nicht
hinaus), sondern sich lieber mit Biographien befaßt, mit Marilyn
Monroe oder Lee Harvey Oswald. Womöglich hat er sich ausgeschrieben.
Auf jeden Fall sind die vier Original-Evangelien um einiges spannender,
kantiger und bewegender als diese blutleere Nacherzählung.
Alexandra Simon |
Norman Mailer
Das Jesus-Evangelium
Bertelsmann Verlag, München 1998
223 Seiten, 13 x 19 cm
DM 36,90, öS 269, sFr 34,--
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