Die Gazette Nr. 7, Oktober 1998:
 
Eine Herausforderung

Nun gut, es geht wohl marketingmäßig nicht anders, als daß der Verlag auf der vierten Umschlagseite behauptet, dieses "fünfte Evangelium" sei "provokant" und im Klappentext gleich noch einmal: "auf provokante Weise christlich". Aber, um den prospektiven Käufern Enttäuschungen zu ersparen: Das Buch ist alles andere als provokant. 
Es ist auch leicht und nicht unbegründet, sich über den Autor lustig zu machen, indem man seine Evangelien-Synopse als die brav nivellierte Arbeit eines gutwilligen Kleinstadt- Bibelkreises abqualifiziert oder, wie der Kritiker Frank Mankowski, als "Öko-Aphorismen, die von Drehbuchschreibern den alten Indianern in den Mund gelegt werden, wenn sie weise erscheinen sollen". 
Und es ist mit ein wenig Nachschlagen ohne weiteres möglich, dem Autor - und dem Übersetzer, der nachzuschlagen vergessen hat - einige dumme Fehler anzukreiden. Etwa den bei der Erzählung von Lukas 8,26, bei der Mailer offenbar einer Sekundärquelle aufgesessen ist. Denn die "swine of Gadarene" stehen natürlich nicht im biblischen, nur im Mailer-Original und sind schon da ein Stuß, denn "Gadarene" ist ein Adjektiv ("gadarenisch", oder ein Stammesname, also ein "Gadarener"); das ist etwa so, als sagte man "die Gedichte von Goethisch". Und im deutschen Text steht nun, fast noch blöder, "die Schweine von Gadarene", als wäre Gadarene ein biblischer Ort, wohingegen Lukas nur und richtig sagt "die Gegend der Gadarener". Wenn der Übersetzer also einen Ortsnamen möchte (Seite 89 und 144), dann bitte korrekt Gadara oder die Variante Gergesa. Und noch eine dringende, jetzt theologische Bitte: "Christus" ist gemeinchristlich ein Eigenname, hat also keinen Artikel; deshalb kann man Johannes dem Täufer auch nicht die Worte zuschreiben: "Für alle außer dem Christus" (Seite 36), denn damit fält man in den Sekten-Jargon Rudolf Steiners, für den "der Christus" bloß eine Art Spezial-Beruf ist, wie "der Prophet". 
Es geht jedoch um eine ganze andere Herausforderung. 
Mailer nimmt es hier mit großen Geistern auf, die das Leben Jesu beschrieben haben. Und wir meinen jetzt nicht etwa Franz Alt, sondern Charles Dickens, Ernest Renan, Leo Tolstoi, D. H. Lawrence oder Nikos Kazandsakis - jeder auf seine Weise erheblich provokanter als Mailer. Und vor ihrem Richterstuhl ist der Text ein Fehlschlag. 
Denn wer sich an das Umschreiben der Evangelien macht, ist gezwungen, sie mit seiner eigenen, höchstpersönlichen Wahrheit zu versetzen, und zwar mit einer im strengsten Sinn literarischen Wahrheit und Glaubwürdigkeit. Andernfalls wird das groß angelegte Unternehmen zur platten Paraphrase, zum Schüler-Aufsatz. Und genau das ist Mailer passiert. An wenigen Stellen ahnt man zwar, daß er immerhin etwas wie einen Leitfaden hatte, ein Kernproblem (über dem sich schon vor tausend Jahren Konzilsteilnehmer gegenseitig verprügelt haben): Wie können in einer Person eine menschliche und eine göttliche Natur zusammensein? Seine Antwort: Jesus hört Stimmen, spürt eine "Kraft", wundert sich über seine eigenen Wunder, trickst auch manchmal (wie bei der wunderbaren Brotvermehrung) - aber das klingt lasch, hebt nicht ab, das bleibt auf nettem, niedrigen Niveau, ergibt keinen lebendigen, neuartigen Charakter. Und wenns drauf ankommt, wenn nun wirklich die scheinbar schwache menschliche Natur Jesu zu siegen droht, wie in der hochdramatischen Szene im Garten Gethsemane, dann fällt Mailer kaum noch Eigenes ein, allenfalls Blumiges: 

Als ich zu den drei Jüngern zurückkam, schliefen sie. Ich sagte: "Petrus, konntest du nicht eine Stunde wachen?" In seinem Gesicht erkannte ich, daß er von Schrecken erfüllt war und daß dieser so groß war wie mein eigener. Denn was tut ein Mensch in der Stunde seiner Feigheit anderes, als einzuschlafen? Doch wiederum schwor Petrus mir Treue und versicherte mir, er werde Wache halten. "Der Geist mag willig sein", sagte ich ihm, "aber das Fleisch ist schwach." 
Ich ging, um allein in dem Garten zu beten. Und der Geruch des Verrats war in den Blumen. Sogar in den Blumen. Als ich zu den drei anderen zurückkehrte, schliefen sie. Wieder waren sie eingeschlafen. 
Ich sagte: "Es ist genug. Die Stunde ist gekommen." 

Damit hat sichs auch schon. Kein persönliches Wort über die doch wohl "menschliche" Zerrissenheit im Angesicht des nahen Todes ("Ich war voller Selbstmitleid", läßt ihn Mailer sagen, putzig, wie in einer Psychogruppe). Nur in einem Fall zeigt der Autor, was er einmal konnte: eine Figur lebendig machen, und das ist der Teufel. Spätestens seit Gründgens im "Faust" nicht die Titelrolle übernahm, sondern den Mephisto, weiß man, daß der Teufel ein verläßlicher Schau-Stehler ist. Auch bei Mailer. Allerdings unter gelegentlicher Zuhilfenahme des - zugegeben farbigeren - Alten Testaments. Wie Satan in der Wüste Jesus versucht, das erinnert an den wortgewaltigen Autor, den wir aus "Armies of the Night" kennen (und gern erinnern, auch wenn die Anlässe längst weggefallen sind). Auch später spricht noch manchmal der Teufel zu Jesus, so etwa bei den Geldwechslern im Tempel: 

Dann hörte ich den Teufel zum erstenmal, seit ich mit ihm auf dem Berg war, zu mir sprechen: "Bevor es vorüber ist, werden die Reichen auch dich besitzen. Sie werden dein Bild an jede Mauer heften. Die in deinem Namen gesammelten Almosen werden den Besitz mächtiger Kirchen mehren; die Menschen werden dich am höchsten verehren, wenn du ebenso zu mir gehörst wie zu Ihm. Was nur billig ist. Denn ich bin Ihm ebenbürtig." Und er lachte. Dann sagte er: "Die Gier ist eine Bestie, sagst du, aber merke: Ihre Ausscheidungen werden in Gold aufgewogen. Ist Gold nicht die Farbe der Sonne, aus der alle Dinge erwachsen?" 

Im deutschen Text steht zwar rätselhaft "Seine Ausscheidungen", aber die Stelle zeigt noch die Mailerschen Reißzähne. Fast schade, daß der Teufel in der Geschichte nicht öfter vorkommt. 
Seit langem hat der Autor sich nicht mehr an einen Roman gesetzt (auch die CIA-Trilogie kommt seit acht Jahren über den ersten Band nicht hinaus), sondern sich lieber mit Biographien befaßt, mit Marilyn Monroe oder Lee Harvey Oswald. Womöglich hat er sich ausgeschrieben. Auf jeden Fall sind die vier Original-Evangelien um einiges spannender, kantiger und bewegender als diese blutleere Nacherzählung. 

Alexandra Simon

Norman Mailer
Das Jesus-Evangelium
Bertelsmann Verlag, München 1998
223 Seiten, 13 x 19 cm
DM 36,90, öS 269, sFr 34,--
Umschlag Mailer