| :Eine Orgie der Banalität
Nicht, daß man sich damit Ärger ersparte, aber man fängt
das Buch besser nicht auf der ersten Seite an. Die beginnt - wie kann sich
ein Autor, wie kann ihm ein Verlagslektor eine solche Maulsperre durchgehen
lassen! - nämlich so: "Seinem einen Chefredakteur ...". Da haben nun,
längst vertraulich informiert, die "Welt" und auch Die Gazette seit
Monaten auf den angeblichen Schlüsselroman über den SPIEGEL gewartet,
und dann fängt das Ding mit "Seinem einen" an. Unbegreiflich.
Die Sprache des ehemaligen "Magazin"-Mitarbeiters bleibt auch auf den
folgen 428 Seiten so klapprig, profillos, unbeholfen, trivial und durchgeleiert.
Der doch eher zupackende Stil des Ex-Reporters ist vor lauter vergeblich
bemühter Belletristik an keiner Stelle mehr wiederzufinden.
Mit peinlicher Sicherheit trifft Karasek jedes Beschreibungsklischee:
Staatsanwälte sind natürlich "spöttisch herablassend"; wenn
sich jemand irgendwohin fläzt, dann selbstverständlich "lässig";
wenn einer jemanden nicht sehen will, dann tut er zwangsläufig so,
"als wäre er Luft" (oder, ebenso unoriginell, er "ignoriert ihn erst
gar nicht"); gegen Vorwürfe, ganz unausweichlich, "verwahrt" man sich,
und zwar "auf das entschiedenste"; die Beine der Stewardess sind, was sonst,
ein "Objekt der Begierde"; der Verleger "zieht", was wohl?, klar: "die
Strippen" - alles auf den ersten paar Seiten. Man kann das, mit einem ebenso
veralteten Ausdruck, nur noch als "flott" bezeichnenen, die abgestandene
"flotte" Schreibe der fünfziger, sechziger Jahre, so wehmütig
mitanzusehen wie ein überalterter Porschefahrer mit Baseballmütze.
Selbst die auftretenden Redakteure reden ein Deutsch, das allenfalls bei
meinem Großvater noch nicht hoffnungslos abgedroschen war ("Der Junge
ist nicht ohne!").
Auch mit seiner anderen, durchsichtigeren Macke kommt der Autor nicht
auf die Höhe der Zeit: mit einer Altherrenlust auf sekundäre
(und verklemmt selten primäre) Geschlechtsmerkmale. Da kriegen wir
dann einen "sibirischen Juxknüppel" serviert oder den "weißen
Hintern" der Sekretärin, der jedoch gleichzeitig, man faßt es
nicht, "durch einen Minirock und ein vermutlich schwarzes Höschen
verborgen" ist, und so gut wie alle auftretenden "Blondinen" sind "vollbusig"
oder "knackig" (jetzt ohne "vermutlich"). Es ist zum Weinen. Und dann diese
müden, miesen Herrenwitze, breit und breiig ausgewalkt. Ein Beispiel:
Der Manager, der darin vorkommt, ist natürlich nicht bloß ein
"Manager", sondern ein "Top-Manager", überflüssigerweise auch
noch - nein, nicht: eines Unternehmens, sondern - eines "Spitzenunternehmens",
und er sucht, versteht sich, keine Sekretärin, sondern eine "Chefsekretärin".
Die Sprach- und Zeilenschinderei sieht dann so aus:
Da sucht ein Top-Manager eines Spitzenunternehmens eine
neue Chefsekretärin. Und wie es sich gehört, sucht er sie nicht
selbst, sondern läßt sie durch einen Headhunter suchen.
Der stellt dem Chef drei Kandidatinnen für den Posten
der Chefsekretärin vor. ... [Auf den folgenden zwei Seiten, dreiundfünfzig
(zweimal nachgezählt: dreiundfünfzig!) lange, lange Zeilen lang,
werden die Kandidatinnen mit der Hihi-Frage "Wieviel ist zwei und zwei?"
geprüft und ihre verschiedenen Antworten bewertet. Dann endlich fragt
der Headhunter:]
"Welche nehmen Sie?"
Und der Chef, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern:
"Die große Blonde mit den dicken Titten!"
Woraus sich dann Karaseks Kalauer wie von selbst entwickeln ("Titten.
Titelbild.Tittelbild!" Man kann ihn sich richtig vorstellen: Rolling on
the floor with laughter!)
Es ist unbegreiflich.
Es lohnt sich gar nicht, noch auf den Inhalt einzugehen: hauptsächlich
Bett- und Klo- Geschichten, ein paar schlappe Feten, Redaktionssitzungen,
wie sie sich der kleine Max immer schon vorgestellt hat, einige längst
und detailliert bekannte SPIEGEL-Großgeschichten, krampfhaft verschlüsselt,
dazu Karaseks Bürgerbildung (Rilke, Shakespeare und - sieh an! - Gryphius),
aber nirgendwo enthüllte Geheimnisse, keine aufregenden Persönlichkeitsbilder,
keinerlei Insider-Durchblick.
Jede Minute mit diesem "Roman" ist ärgerlich vertane Zeit.
Was hat der Schreiber einer so gequälten Sprache in einem Literarischen
Quartett zu suchen?
Philipp Reuter |
Hellmuth Karasek
DAS MAGAZIN
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1998
429 Seiten, 14 x 22 cm
DM 45,--, öS 329, sFr 41,50
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