Die Gazette Nr. 7, Oktober 1998:
 
:Eine Orgie der Banalität

Nicht, daß man sich damit Ärger ersparte, aber man fängt das Buch besser nicht auf der ersten Seite an. Die beginnt - wie kann sich ein Autor, wie kann ihm ein Verlagslektor eine solche Maulsperre durchgehen lassen! - nämlich so: "Seinem einen Chefredakteur ...". Da haben nun, längst vertraulich informiert, die "Welt" und auch Die Gazette seit Monaten auf den angeblichen Schlüsselroman über den SPIEGEL gewartet, und dann fängt das Ding mit "Seinem einen" an. Unbegreiflich. 
Die Sprache des ehemaligen "Magazin"-Mitarbeiters bleibt auch auf den folgen 428 Seiten so klapprig, profillos, unbeholfen, trivial und durchgeleiert. Der doch eher zupackende Stil des Ex-Reporters ist vor lauter vergeblich bemühter Belletristik an keiner Stelle mehr wiederzufinden. 
Mit peinlicher Sicherheit trifft Karasek jedes Beschreibungsklischee: Staatsanwälte sind natürlich "spöttisch herablassend"; wenn sich jemand irgendwohin fläzt, dann selbstverständlich "lässig"; wenn einer jemanden nicht sehen will, dann tut er zwangsläufig so, "als wäre er Luft" (oder, ebenso unoriginell, er "ignoriert ihn erst gar nicht"); gegen Vorwürfe, ganz unausweichlich, "verwahrt" man sich, und zwar "auf das entschiedenste"; die Beine der Stewardess sind, was sonst, ein "Objekt der Begierde"; der Verleger "zieht", was wohl?, klar: "die Strippen" - alles auf den ersten paar Seiten. Man kann das, mit einem ebenso veralteten Ausdruck, nur noch als "flott" bezeichnenen, die abgestandene "flotte" Schreibe der fünfziger, sechziger Jahre, so wehmütig mitanzusehen wie ein überalterter Porschefahrer mit Baseballmütze. Selbst die auftretenden Redakteure reden ein Deutsch, das allenfalls bei meinem Großvater noch nicht hoffnungslos abgedroschen war ("Der Junge ist nicht ohne!"). 
Auch mit seiner anderen, durchsichtigeren Macke kommt der Autor nicht auf die Höhe der Zeit: mit einer Altherrenlust auf sekundäre (und verklemmt selten primäre) Geschlechtsmerkmale. Da kriegen wir dann einen "sibirischen Juxknüppel" serviert oder den "weißen Hintern" der Sekretärin, der jedoch gleichzeitig, man faßt es nicht, "durch einen Minirock und ein vermutlich schwarzes Höschen verborgen" ist, und so gut wie alle auftretenden "Blondinen" sind "vollbusig" oder "knackig" (jetzt ohne "vermutlich"). Es ist zum Weinen. Und dann diese müden, miesen Herrenwitze, breit und breiig ausgewalkt. Ein Beispiel: Der Manager, der darin vorkommt, ist natürlich nicht bloß ein "Manager", sondern ein "Top-Manager", überflüssigerweise auch noch - nein, nicht: eines Unternehmens, sondern - eines "Spitzenunternehmens", und er sucht, versteht sich, keine Sekretärin, sondern eine "Chefsekretärin". Die Sprach- und Zeilenschinderei sieht dann so aus: 

Da sucht ein Top-Manager eines Spitzenunternehmens eine neue Chefsekretärin. Und wie es sich gehört, sucht er sie nicht selbst, sondern läßt sie durch einen Headhunter suchen. 
Der stellt dem Chef drei Kandidatinnen für den Posten der Chefsekretärin vor. ... [Auf den folgenden zwei Seiten, dreiundfünfzig (zweimal nachgezählt: dreiundfünfzig!) lange, lange Zeilen lang, werden die Kandidatinnen mit der Hihi-Frage "Wieviel ist zwei und zwei?" geprüft und ihre verschiedenen Antworten bewertet. Dann endlich fragt der Headhunter:] 
"Welche nehmen Sie?" 
Und der Chef, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern: "Die große Blonde mit den dicken Titten!" 

Woraus sich dann Karaseks Kalauer wie von selbst entwickeln ("Titten. Titelbild.Tittelbild!" Man kann ihn sich richtig vorstellen: Rolling on the floor with laughter!) 
Es ist unbegreiflich. 
Es lohnt sich gar nicht, noch auf den Inhalt einzugehen: hauptsächlich Bett- und Klo- Geschichten, ein paar schlappe Feten, Redaktionssitzungen, wie sie sich der kleine Max immer schon vorgestellt hat, einige längst und detailliert bekannte SPIEGEL-Großgeschichten, krampfhaft verschlüsselt, dazu Karaseks Bürgerbildung (Rilke, Shakespeare und - sieh an! - Gryphius), aber nirgendwo enthüllte Geheimnisse, keine aufregenden Persönlichkeitsbilder, keinerlei Insider-Durchblick. 
Jede Minute mit diesem "Roman" ist ärgerlich vertane Zeit. 
Was hat der Schreiber einer so gequälten Sprache in einem Literarischen Quartett zu suchen? 

Philipp Reuter 

Hellmuth Karasek
DAS MAGAZIN
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1998
429 Seiten, 14 x 22 cm
DM 45,--, öS 329, sFr 41,50
Umschlag Karasek