Die Gazette Nr. 7, Oktober 1998:

Kurzprosa

Interview mit dem Mensch

von Marcus Jensen

Öffentlich erschien das Mensch zum ersten Mal im Werbefernsehen, spät abends, in der Pause zwischen Nachrichten und Spielfilm. Es war gleich der erste Werbespot. Die meisten Zuschauer schalteten nur deshalb nicht um, weil sie die Gewohnheit hatten, dem ersten Spot noch eine Chance zu geben. Dadurch wurde das Mensch über Nacht berühmt.

Die Bildschirme zeigten einen breiten, aufgedunsenen Kopf vor einem Hintergrund aus quadratischen weißen Fliesen, wie aus einer Schlachterei. Es war keine Musik zu hören. Die Kamera kam näher, der Kopf wurde ruckartig größer, bis er den ganzen Bildschirm ausfüllte. Unmöglich zu entscheiden, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelte, denn alle Formen und Falten des Gesichts waren so aufgequollen, daß die rosig glänzenden Hautwülste alle Umrisse verwischten. Nur eine kleine knubbelige Nase hatte sich irgendwie ihren Weg durch die Fettschichten erkämpft und ordnete die anderen Teile des Gesichts zueinander. Das Wesen besaß keine Augenbrauen, keine Wimpern, und die wenigen Haarbüschel auf dem sonst nackten Schädel schienen abgestorben zu sein, an die Glatze angeschwemmt wie Seetang an einen Stein. Das Lebendigste waren die fleischigen Lippen, die in der unteren Hälfte des Gesichts zwischen Backenpolstern erkennbar wurden und sich langsam hervorwölbten.

Der Spot war bereits jetzt ungewöhnlich lang. Und es war rätselhaft, wofür eigentlich geworben werden sollte. Ohne auch nur einen Schnitt hielt die Kamera auf die Gestalt zu, in der Art eines wackligen Amateurvideos, das vom Nachbarn heruntergedreht sein konnte. Viele Zuschauer dachten zunächst, es sei ein Zeichentrick oder eine Puppe aus Gummi. Vielleicht war es auch etwas zum Lachen. Aber kein Zuschauer hatte gelacht. Und keiner hatte den Kanal gewechselt. An diesem Abend schien es, als seien die Fernbedienungen verzaubert worden.

Bewegung kam in die Gestalt, Falten verzogen sich, und aus den Fernsehlautsprechern drang ein pfeifendes Atmen, als seien die Nasenlöcher zu eng, um genug Luft einzuziehen. Die Lippen wurden von verborgenen Muskeln unter dem Fettmantel auseinandergezogen, so daß ein Loch entstand, ein Spalt, ein Mund. Gleichzeitig öffneten sich die zwischen Tränensäcken tief eingebetteten Lider. Zwei wässrige kleine Augen blinzelten daraus. Das Wesen lächelte. Und es sagte mühsam, wie ein Säugling hervorblubbernd, wobei ein Speicheltropfen gegen die Kameralinse flog:

"Www...wuurrssdd...."

Wurst.

Es ging um Wurst. Die Einschaltquote des Senders schnellte in noch nie erreichte Höhen, weil Tausende von Zuschauern ihre Freunde und Bekannten anriefen, und alle sagten das gleiche: Das müsse man sich ansehen, sowas gäbe es ja gar nicht. Ohne zu wissen, um welche Wurst es sich handelte, ahnten die Zuschauer, daß sie sie nicht vergessen würden.

Am unteren Bildrand erschien jetzt eine Wurst, gehalten von einer massigen, rothäutigen Hand mit schartigen Fingernägeln. Das Wesen schwitzte stark. Kleine glitzernde Tropfen rutschten ihm die hängenden Backen hinunter und lösten sich nur widerstrebend von der Haut. Es keuchte angestrengt, während es dabei die Wurst betrachtete. Diese Wurst war eine ungewöhnlich große Fleischwurst, prall gestopft und dunkel gefärbt. Sie war nur halb gar. Über ihre ganze Länge war der Name des Herstellers eingebrannt, mit tiefen schwarzen Buchstaben, als hätte sie auf einem besonderen Grillrost gelegen.

Noch niemand hatte etwas von dieser Firma gehört, aber der Name der Wurst bohrte sich den Zuschauern ins Gedächtnis, und sie fühlten sich der Marke verbunden wie einem alten Schwur. Viele wiederholten murmelnd die Buchstaben und atmeten langsamer, um etwas zu unterdrücken, von dem sie nicht wußten, ob es Brechreiz oder Appetit war.

Sie sah so schlachtfrisch aus.

Ihr salzig-schmieriger Geruch drang durch die Mattscheibe, als wollte die Wurst gleich platzen. Unter ihrer Pelle zeichneten sich Knorpel und flüssige Blutreste ab, dazwischen lagen gelbliche Einsprengsel von Innereien. Mit Erschrecken stellten die meisten Zuschauer fest, daß ihnen beim bloßen Anblick das Wasser im Munde zusammenlief, ihre Zungen über die Lippen schleckten und sie ihre Fernbedienungen langsam zum Mund geführt hatten. Viele erbrachen sich. Andere schämten sich so, daß sie lange nicht zugeben mochten, diesen Spot überhaupt gesehen zu haben.

Das Wesen hob die schwere Wurst etwas höher und verfolgte sie mit seinen Äuglein, als sei sie ein Spielzeug. Es kuschelte sie kurz an seine Backe und lachte dabei so, daß neben dem Herstellernamen seine bräunlichen Zahnstummel zum Vorschein kamen. Dünner Speichel floß zwischen ihnen durch und lief über den breiten Rand der Unterlippe. Das Wesen brabbelte noch einmal

"Wwwurrssd",

dann führte es das Produkt blitzschnell in seinen rotumrandeten Schlund ein und schob mit der Handfläche nach. Für einen Moment konnten die Zuschauer nicht zwischen dem Gesicht und der in ihm steckenden Wurst unterscheiden. Die Zahnruinen schnappten zu, und mit Hilfe der kräftigen Lippen wurde die Wurst mehr zerquetscht als durchgebissen. Fettbläschen und Knorpelstücke flogen zur Seite, der untere Teil der Wurst fiel einfach hinunter. Zwei Kaubewegungen mit halboffenem Mund beendeten den Werbespot. Über die weißen Fliesen im Hintergrund wurde der Name der Wurst eingeblendet, dazu lachte das würsteverschlingende Wesen glucksend und hielt sich eine Patschehand vor die Lippen. Danach folgte ein Shampoo-Spot.

Im Fernsehsender klingelten die Telefone. Es kamen keine Beschwerden, auch keine Drohungen wegen Diskriminierung von Dicken, sondern nur die eine Frage, wo es denn die Wurst zu kaufen gab. Im Sender konnte man keine Antwort geben. Die meisten Anrufer wollten sogar, daß der Spot sofort wiederholt wurde. Sie hatten begonnen, Ersatzwürste zu essen: kleine dünne Würste oder aufgerollte Wurstscheiben, Diätwürste mit Halbfettgarantie oder Rindfleischfrankfurter - aber alle merkten, daß sie keine richtigen Würste aßen, sondern schlechte Nachbilder der einen wahren Wurst.

Jahrelang hatten die Zuschauer falsch gegessen und sich mit ihrem Gewicht geplagt. Jetzt sahen sie ganz anders in ihre Spiegel und stellten fest, daß ihre dünnen, glatthäutigen Gesichter gar nicht zu der Wurst paßten. Hängende Backen mußten her, Dreifachkinne, faulende Zähne, fettige Haut. Die Spot-Botschaft war doch eindeutig: Es gab Freude an der Wurst! Sie wollte gierig verschlungen werden, sie mußte dick sein, und von ihrem bloßen Anblick sollte man Pickel bekommen. Nur so eine Wurst verdiente ihren Namen. Tausende von Zuschauern verbrachten die ganze Nacht vor dem Fernseher, um die eventuelle Wiederholung der Werbung zu sehen, und plünderten dabei die Fettreserven aus ihren Kühlschränken.

Im Fernsehsender hatte man schnell ein Reporterteam zusammengestellt, das die Anrufe auswertete und über die Werbeagentur erfuhr, daß der Spot direkt aus der Wurstfabrik stammte. Am frühen Morgen, noch bevor die Geschäfte öffneten und der Ansturm auf die Fleischregale begann, fuhr ein Wagen des Senders los, um einen ausführlichen Bericht über diese Wurst und dieses Wesen zu drehen. Die Reporter mußten nicht lange suchen. Der Betrieb war am Rande einer Großstadt angesiedelt, in einem ehemaligen Industriegebiet mit verlassenen Plattenbauten und kniehohem Gras zwischen den Gebäuden. Die Wurstfabrik bestand aus einer unübersehbaren, würfelförmigen Halle mit mächtigem Räucherschornstein obendrauf. Sie konnte nicht älter als ein paar Monate sein und wirkte inmitten der Umgebung wie frisch aus dem Boden geschossen. Ebenso neu aussehende Kühllastwagen mit getönten Scheiben fuhren in kurzen Abständen auf den Parkplatz und verschwanden in der Halle, aus der wieder andere Kühlwagen ununterbrochen hinausfuhren.

Das Fernsehteam war von der starken Nachfrage beeindruckt. Als sie auf den Parkplatz fuhren, war niemand zu sehen, nichts nahm von ihnen Notiz, die gesamte Anlage schien vollautomatisch zu funktionieren. Die drei Männer stiegen aus. Die Asphaltdecke war ölig verschmiert: Der Schornstein blies eine träge dunkle Wolke in den Himmel, die sich pilzförmig absenkte und das Gelände mit dem Geruch nach Wurstpelle und schweren Fetten überzog. Das Fernsehteam schnupperte. Genau so hatten sie sich den Geruch der Wurst vorgestellt. Einer von ihnen, der Moderator, nahm das Mikrofon in die Hand und ging auf die breite Einfahrt der Halle zu. Er sprach einen ersten Kommentar, ließ den Kameramann das Gelände abfilmen und amüsierte sich über die Wurstwärme in der Luft. Er hielt zur Demonstration ein Thermometer vor die Kamera: je näher man der Fabrik kam, desto wärmer wurde es. Der Moderator betrat das steil aufragende Gebäude vorsichtig, wie ein Forscher eine neuentdeckte Tempelanlage, und er fand gleich im Eingang der Halle einen Interviewpartner.

Vor ihm stand eine große, stark geschminkte Frau, die eine schwarze Sonnenbrille trug. Sie lächelte dem Fernsehteam entgegen. Ihr ehemals elegantes Kostüm war mit Fettflecken bedeckt und schien seit Monaten nicht abgelegt worden zu sein, dazu umgab sie eine stechende Parfümwolke. Die Frau beugte sich zielsicher zum Mikrofon vor und lachte auf: "Na endlich das Fernsehen! Sie habe ich schon lange erwartet!"

Bevor der Moderator antworten konnte, stellte sie sich direkt vor die Kamera: "Sie wollen sicher alles über das Mensch wissen. Wurde auch Zeit. Das hier", sagte sie, ihre Handflächen nach oben öffnend, "das ist meine Wurstfabrik, die modernste der ganzen Welt, voll-au-to-ma-tisch. Kommen Sie einfach mit, ich zeige Ihnen, was Ihre Zuschauer sehen wollen!"

Das Team lief der Chefin hinterher. Sie schien die Präsentation ihrer Fabrik genau geplant zu haben, und da war es für alle das Einfachste, wenn man sie erst einmal machen ließ. Sie öffnete eine feuersichere Tür an der Seite der Halle und schaltete Licht ein. Neonröhren blinkten auf und beleuchteten den fensterlosen Flur in kaltem Weiß. Die Chefin sagte: "Natürlich dürfen Sie alles filmen. Aber fragen Sie nicht, wer ich bin." Ihr Gesicht war unter der Schminke kaum zu erkennen, und vermutlich waren auch ihre schwarzen Haare nur eine Perücke. "Mein Name ist ganz unwichtig", betonte sie, "und Ihre Zuschauer werden das verstehen. Es geht hier um Wurst."

Der Moderator nickte. Sie führte das Team in einen Fahrstuhl mit unverkleideter Kabine und fuhr mit den dreien ins Kellergeschoß. Bevor der Moderator eine Frage stellen konnten, redete sie weiter: "Entschuldigen Sie das Provisorium, meine Herren. Aber ich mag alles, was schnörkellos ist, außerdem spart es Kosten. Die Firma ist erst vor ein paar Wochen fertig geworden. Es fehlt noch so viel, und überall dieser Dreck." Sie deutete auf ihr Kleid und lächelte. Der Lift öffnete sich auf einen frischbetonierten Kellergang. An dessen Ende befand sich eine runde, tresorartige Tür. Die Chefin tippte eine Zahlenkombination ein. "Das Wurstlabor - streng geheim!" lachte sie in die Kamera. Die Tür schwang zur Seite. Ein betäubender Wurstgeruch schlug dem Moderator und seinen Mitarbeitern entgegen. Ihre Speicheldrüsen schmerzten so stark, daß sie heftig schlucken mußten und sich abwandten. Die Chefin sah es und grinste.

Der Keller war vollgestellt mit schrankförmigen Apparaturen, die durch dicke Schläuche verbunden waren. Die Geräte gaben pumpende Geräusche von sich, gluckerten in regelmäßigen Abständen und warfen über Digitalanzeigen Zwischenwerte aus. Das Team filmte jede Einzelheit. In magenförmigen Schüttelapparaten schwammen Würste, die sich in Säure auflösten oder in Zentrifugen auf ihren Fett- und Wassergehalt überprüft wurden. Andere Würste lagerten wie Embryonen in Versuchsgläsern und warteten auf ihre Analyse. Elektronisch gesteuerte Greifarme hielten Reagenzgläser unter ein Rohr, aus dem ein graufarbiger Fleischbrei quoll. Trotz einer Klimaanlage lag ein öliger Wurstgeruch in der Luft, und der Fußboden glänzte fettig. Die Chefin erklärte alles:

"Im Moment läuft natürlich alles auf Hochtouren. Die Lastwagen haben Sie ja sicher gesehen. Die Schweine werden oben in der Halle zerlegt und zerkleinert, gesalzen und so weiter, im obersten Stockwerk geräuchert, und die fertigen Würste rutschen wieder ins Erdgeschoß zum Verpacken. Alles automatisch. Schauen Sie nicht so ungläubig - das geht! Ein Schwein ist doch wie das andere!" Sie wedelte mit den Armen herum, als würde sie in ihrer Fabrik alles selbst erledigen. "Hier befinden Sie sich in der Abteilung Wurstsynthese, wo das Rezept für die Großproduktion entsteht. Die Zutaten kommen hier durch das Schlauchsystem. Meine Wurst", sagte sie genießerisch, "besteht aus Schweinen und Gewürzen, dazu ein bißchen Rauch, sonst nichts, garantiert. Die richtige Mischung bestimmt das Mensch!" - "Sie meinen das Ding aus Ihrer Werbung?!" fragte der Moderator endlich. Die Chefin zeigte sich amüsiert: "Das Mensch ist das Mensch. Aber Sie wollen es sicher selbst kennenlernen." Der Moderator nickte entschieden. Das Team grinste sich an.

Die Chefin öffnete eine Tür im hinteren Teil des Labors. Aus dem Raum dahinter drangen gelbliche Wolken wie aus einer fettigen Sauna, und der Wurstgeruch wurde dick und suppig. Sie befanden sich genau dort, wo im Werbespot die Kamera gestanden hatte. Es war ein weiter, niedriger Raum von der Größe eines Schwimmbeckens. Weiße Fliesen bedeckten alle Wände und ließen nur einen breiten Abfluß in der abgesenkten Mitte frei. Ein Schlauch mündete aus der Wand gegenüber dem Labor, und eine ganz frische Wurst schob sich langsam heraus, die noch dampfte und auf die Fliesen klatschte. In der hintersten Ecke des Raumes, vom würzigen Nebel verdeckt, saß etwas und schien nur auf die Wurst gewartet zu haben. Die Chefin rief: "Mensch! Besuch!"

Es kauerte auf den Fliesen und traute sich nicht näherzukommen, schielte aber zugleich auf die frische Wurst, die zu Füßen des Fernsehteams lag. Das Mensch war ganz nackt und klein wie ein monströs in die Breite gewachsenes Kind. Sein Unterleib bestand aus einer runzligen Masse mit aufgekratzten Hautlappen und nässenden Wunden, darunter sehr kurze Beine mit eingewachsenen Zehen, als seien es fleischige Stiefel. Das Mensch drückte sich tief in seine Ecke hinein, es zitterte und blinzelte die Chefin ratlos an. Die Patschehände an den viel zu kurzen Armen schlug es vor den Mund, stieß ein helles Quieken aus und urinierte vor lauter Angst aus einer verdeckten Körperfalte. Unter den Wülsten waren weder Brüste noch Geschlechtsorgane auszumachen. Der Kameramann verlor das Gleichgewicht und erbrach sich auf die Fliesen.

Die Chefin lachte schallend darüber und nahm einen Wasserschlauch, der für solche Fälle neben der Tür lag. "Es ist natürlich ein bißchen scheu!" Sie drehte das Wasser auf und spritzte alles in den Abfluß in der Mitte. "Sie müssen es an sich gewöhnen," sagte sie und tippte den Moderator an, der steif sein Mikrofon in der Hand hielt und das Mensch anglotzte. "Nehmen Sie die Wurst hier!"

Zögernd hob der Moderator die Wurst auf und streckte sie dem Mensch entgegen. Es nahm die Hände aus dem Gesicht und verzog seinen Mund zu einem Lächeln, es sagte so etwas wie: "Ha... Ha..." Die Chefin befahl: "Na, komm` schon!", und, leise zum Fernsehteam: "Sie können auch mit ihm reden, aber nur einer zur Zeit. Mein Mensch hat vor lauter Würste-Essen fast das Sprechen verlernt. Es denkt nur noch an seine Arbeit."

Sie drehte sich zur Seite und putzte ihre Sonnenbrille. Der Moderator hielt angestrengt die Luft an und versuchte, sein Mikrofon so weit wie die Wurst nach vorne zu halten. Das Mensch grabschte mit beiden Händen nach der frischen Wurst und betrachtete sie mißtrauisch. Es knabberte an ihr, lutschte mit seinen dicken Lippen an der Pelle und gluckerte dann: "Gands guud, abber mehr Wassa!"

Es biß hinein, und genau wie im Werbespot fiel die untere Hälfte hinunter, während das Mensch die Wurst mehr zerquetschte als kaute. Schon sah es zufriedener aus. Die Chefin spülte die Reste mit gezieltem Strahl in den Abfluß. "Sehen Sie, das Mensch meint, die Wurst enthält zuwenig Wasser. Sie ist im Biss zu fest, genau wie diese neumodischen Würste, die taugen alle nichts." Dann sagte sie genau in die Kamera: "Das ist eben das Geheimnis meiner Wurst. Sie ist noch wirklich Wurst!"

Aus dem Schlauch in der Wand schob sich bereits eine neue, frisch dampfend, aber dünner und länger als die vorige. Sie würde noch fester sein. Das Mensch schaute sie nur kurz an und machte seiner Unzufriedenheit mit einem heftigen Aufstoßen Luft. Es ließ die Wurst liegen, und die Chefin spülte sie sofort weg. "Die heutige Testreihe gefällt ihm wohl nicht. Und das heißt: Diese Würste gehen alle nicht in Serie. Am besten, Sie stellen jetzt die erste Frage."

Das Fernsehteam blickte sich an. Dann rückte der Moderator ein paar Schritte näher ans Mensch heran. Es verzog sich wieder in seine Ecke, sah aber schon weniger ängstlich aus.

"Wie... wie heißen Sie?"

Für einen Moment schien das Mensch böse werden zu wollen, es wippte gegen die Fliesen und grummelte. Seine kleinen Augen verengten sich. Dann zischte es hervor: "Wweißnich." - "Aber Sie müssen doch irgendwie heißen. Wie lange sind Sie hier? Was haben Sie vor der Wurst gemacht?"

Das Mensch drehte sich mit dem Gesicht zur Wand. Es zeigte dem Fernsehteam sein gewaltiges Hinterteil und zuckte am ganzen Leib, mit einem rhythmisch pfeifenden Einsaugen von Luft. Es weinte. Die Chefin zuckte mit den Achseln: "Ach, typisch."

Dann kicherte sie: "Es weiß auch nicht, wie alt es ist, es weiß eigentlich überhaupt nichts. Ab und zu brabbelt es etwas von Zuhause und Nachhause, aber ich frage Sie, wer macht das nicht. Ich finde das alles auch gar nicht wichtig."

Das Mensch drehte sich wieder um, schluchzte laut und warf sich der Chefin an die Seite, es umarmte sie, so hoch es ging und besabberte ihr Kleid mit einem Strom von fettigen Tränen. Sie patschte ihm beruhigend die Hand auf die Glatze. "Man darf es eben nicht an seine Vergangenheit erinnern. Sein Gedächtnis wird sowieso immer kleiner. Ich gebe zu: das mag an der einseitigen Ernährung liegen. Dauernd hat es diesen Ausschlag. Und seine Beine schrumpeln so schnell zusammen, daß es kaum noch gehen kann." Sie stieß dem Mensch mit ihren Stöckelschuhen gegen die verformten Schienbeine, die ein morsches Geräusch von sich gaben.

"Gefühllos, richtig manschig!" lachte die Chefin, und das Mensch gluckste mit. Es leuchtete sie mit seinen kleinen Augen dankbar an, machte wieder "Haa... Haa..." und schielte auf den Schlauch an der gegenüberliegenden Wand, aus dem endlich eine wässrige Wurst kam.

"Ohne mein Mensch müßte ich einen ganzen Haufen von Angestellten beschäftigen. Und Sie sehen ja: es hat den richtigen Riecher. Seit gestern abend hören die Bestellungen gar nicht mehr auf!"

Der Moderator holte Luft und ließ die Kamera abschalten. Er nahm die Chefin beiseite, ging mit ihr zur Tür und flüsterte: "Hören Sie, wir müssen Ihr Mensch heute abend unbedingt in meiner Talkshow haben." Sie grinste ihn in einer Weise an, die nicht erkennen ließ, ob sie bestürzt oder begeistert war: "Eine Show!?" Der Moderator beeilte sich: "Natürlich wird Ihre Firma dabei gebührend erwähnt. Kostenlose Werbung, Trailer, Imagekampagne! Und ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich es nach der Sendung sofort wieder zurückbringe!" - "Das will ich auch hoffen!" Der Moderator hielt für sein Team den Daumen hoch.

"Warten Sie einen Moment," sagte die Chefin. Sie nahm die dicke Wurst vom Boden auf und drückte sie dem Mensch in die Hand, dabei flüsterte sie ihm etwas in eine Falte seitlich am Kopf. Das Mensch begann zu zittern und warf sich knirschend gegen eine Fliesenwand. "Nnein-nnein!!", schrie es, und Tränen spritzten aus seinem Gesicht, "wwill nich wech-von-hier!" Es schleuderte sogar die Wurst von sich, die wie ein Gummiknüppel vom Boden hochsprang. Die Chefin wandte sich an das Team: "Es ziert sich noch ein bißchen. Fassen Sie mit an!"

Die drei Männer griffen nach den Armen und Beinen des Mensch und verzogen die Gesichter, als ihre Hände an der fettigen Haut abrutschten. Der Kameramann mußte sich nochmals übergeben. Als sie es fest gepackt hatten und zur Tür schleiften, ließ es sich auf den Rücken fallen, schrie und spuckte unverständliche Wörter und schiß auf die Fliesen, so daß eine stinkende Spur im Raum zurückblieb. "Immer dieses Theater", fluchte die Chefin und griff zum Wasserschlauch. "Das kriegen wir nie ins Auto," stöhnte der Moderator, "und dann die Sitzpolster!" - "Kein Problem," rief ihm die Chefin zu, "nehmen Sie einen Kühlwagen."

Im Labor wuchteten sie das zappelnde Mensch auf einen Materialkarren, schnallten es mit Gurten fest, legten eine Plastikplane darüber und schoben es zum Fahrstuhl. In der Halle zeigte die Chefin dem Team die Rampe an, auf der sie das Mensch abladen konnten. Ein leerer Kühlwagen stand mit geöffneten Türen zum Beladen bereit. Die Männer rollten das fest verschnürte Mensch hinein, die Chefin stellte drei große Blecheimer mit frischen Würsten als Proviant daneben, dann drückten sie die Türen zu und ignorierten das Geschrei aus dem Inneren. "Wo können wir uns waschen?" fragte der Moderator. Es war noch nicht einmal Mittag. Er hatte genug Zeit, das Mensch auf seine Show vorzubereiten.

Schon längst gab es keine Würste mehr zu kaufen. Hinzu kamen zahllose Wurstdiebstähle, meist begangen von Leuten, die, wenn sie gefaßt wurden, in Tränen ausbrachen und dann gestanden, daß sie eine unerträgliche Lust verspürt hatten, sich eine Wurst zu erobern. Die Regale waren leer. Die Supermärkte hatten Warnschilder in die Fenster gehängt und für den nächsten Tag eine Rationierung angesetzt: höchstens drei Würste pro Person. Dabei wußte niemand, ob die Fabrik ausreichend nachliefern konnte. Mittlerweile überlegten auch andere Hersteller, ihre Produktion umzustellen, auf Fett- und Brühwürste, wie sie die Verbraucher jetzt wünschten. Süßwaren- und Schnapsproduzenten riefen im Sender an und wollten das Mensch unter Vertrag nehmen, um es auf genau dieselbe Weise für sich werben zu lassen. Der Wurstwerbespot wurde ununterbrochen gesendet, ohne daß die Firma dafür etwas bezahlen mußte. Er lockte andere Werbekunden an und hielt die Einschaltquote des Senders auf einer konstanten Höhe.

Immer wieder wurde das Interview angekündigt und zur Sensation des Abends gekürt: das Mensch würde über seine Wurst reden! Die Zuschauer, die sich eine Originalpackung sichern konnten, saßen jetzt vor ihren Bildschirmen, lutschten und knabberten an Echtdarmwürsten und warteten auf den Beginn der Show. Zwischendurch liefen sie in ihre Badezimmer und wogen sich stolz. Viele hatten bereits zugenommen. Aber es war noch ein langer Weg zu einer Figur wie der des Mensch. Vielleicht würde es im Interview Tips zum Fettwerden verraten, oder berichten, wie es zu seiner unvergleichlichen Würsteverschlingtechnik gekommen war. Inzwischen wurden im Senderstudio die vorgesehenen Gäste auf nächste Woche vertröstet, und Techniker schraubten einen extra breiten und erhöhten Sessel neben den des Moderators.

Aus der Garderobe stank es stechend nach erbrochenen halbverdauten Würsten. Das Mensch hatte sich ins Waschbecken übergeben, wegen der "Auf-Aufregung", wie es dem Moderator zujapste. Es hatte zwar starke Beruhigungsmittel bekommen, aber offenbar war es die bereits aus dem Schweinefleisch gewohnt. Die Maskenbildnerin tupfte ihm ununterbrochen den fettigen Schweiß ab und sah müde aus. Das Mensch war das schwerste Stück Arbeit ihres Lebens. Man hatte es in einen besonders dehnbaren Badeanzug gesteckt, auch weil nichts anderes zu finden war. Der hautenge und dabei halbdurchsichtige Stoff betonte seinen Körper, und das war ganz im Sinne des Moderators. Bei jeder Bewegung quietschte es in der Garderobe.

"Iech kannasnich! Bien so häß-häßlich!" heulte das Mensch und deutete mit dem langen Ende einer Wurst auf sein eigenes Spiegelbild. "Allele lachnmichauss!" Es zitterte am ganzen Körper, und sein Dreifachkinn wabbelte im Takt der schweren Atemstöße. Schnell stopfte es sich die Wurst in den Mund und entspannte sich damit ein bißchen. Der Moderator war froh, daß ihm die Chefin drei Eimer Würste mitgegeben hatte, denn sobald das Mensch essen konnte, ging es ihm etwas besser. Der erste Eimer war in ein paar Minuten leer gewesen. Woran man im Sender nicht gedacht hatte, war die Begegnung mit seinem Spiegelbild. Das Mensch hatte vor Schreck laut aufgeschrien, als es sich zum ersten Mal sah, und das Team mußte es auf dem Schminkstuhl festschnallen, damit es nicht weglief. Die Sendung drohte zu platzen. Bis es wieder ansprechbar war, hatte das Mensch den zweiten Eimer Würste gegessen.

Der Moderator redete auf es ein: "Niemand wird lachen, Mensch! Millionen sitzen draußen und wollen das berühmte Mensch sehen. Du wirst ein Riesenerfolg!" - "Glaubiech niech!", quiekte es und wollte sich wieder erbrechen, aber der Moderator steckte ihm schnell eine Wurst in den Mund. "Na, wie ist die?"

Es knabberte daran und sagte ruhig: "Zsu fessd. Kannman nich beißn. Unn muß länga sein." - "Das besprechen wir am besten gleich vor der Kamera", lächelte der Moderator und warf der Maskenbildnerin einen Blick zu. Die zuckte mit den Mundwinkeln: Mehr konnte sie nicht tun. Das Mensch war notdürftig geschminkt, aber sein Schweiß brach immer wieder durch und verschmierte alles unter den kleinen Augen, so als wenn es permanent weinte. Der Moderator sah auf die Uhr und holte Luft. "Wir sind dran, Mensch." Es würgte rasch noch einmal ruckartig übers Waschbecken, hatte aber nicht viel im Magen. Der Moderator überlegte: "Am besten, Du nimmst Deine Würste gleich mit. Sieht gut aus, wenn Du so auf die Bühne kommst." Er drückte ihm den letzten Eimer Würste in die Hand und zog es vom Schminkstuhl. "Also los."

Quietschend glitt das Mensch vom Polster, das von seinem Angst-Urin durchtränkt war, und folgte durch einen langen Flur bis zur Studioverkleidung. Der Moderator machte ihm noch einmal klar, daß es auf sein Stichwort erscheinen sollte. Das Mensch jammerte leise. Es hörte, wie das Publikum im Saal unruhig wurde, wie es in den letzten Sekunden vor der Sendung zu klatschen begann, und dann jubelte, als der Moderator die Bühne betrat, durch eine kreisrunde Tür aus zwei Sperrholzhälften, die von versteckten Technikern auseinandergezogen wurden. Eine grelle Lichtflut brach aus dem Studio ins Innere. Das Mensch hielt sich eine Hand vor die Augen. Fanfarenmusik erklang, und eine hallende Frauenstimme präsentierte den Moderator mit seinem "ganz besonderen Gast". Das Mensch griff in den Blecheimer und holte sich gleich drei Würste auf einmal heraus, die es schnell verschlang. Undeutlich hörte es, wie der Moderator ankündigte, jetzt eines der ganz großen Talente der Werbebranche begrüßen zu dürfen: "Das - Mensch!" Die Techniker öffneten die Tür. Das Mensch keuchte, zögerte noch, schwang hin und her wie zu einem Absprung und traute sich dann endlich vor. Es trat ins Scheinwerferlicht, schleifte den Wursteimer hinter sich her und blieb bei der Türöffnung stehen. Es blinzelte, drehte den Kopf und versuchte, etwas zu erkennen. Eine Kamera an einem Kran näherte sich von schräg oben.

Der Saal war ganz still.

Auch die Zuschauer an den Bildschirmen konnten nicht recht fassen, daß es das Mensch wirklich gab. Aber dort stand es. Alle konnten sehen, wie es schwitzte, alle hörten das Quietschen seines Badeanzugs. So still war es sonst nur, wenn große Prominente etwas tief Ergreifendes aus ihrem Leben berichteten. Aber das Mensch dachte, es habe jetzt alles falsch gemacht und griff verzweifelt in seinen Eimer, nahm diesmal fünf Würste und stopfte sie zugleich in seinen Schlund. In diesem Moment brach ein donnernder Applaus los. Eine noch nie dagewesene Begeisterung erfaßte das Publikum, das bis zur Erschöpfung klatschte und stampfte, genau so, wie es der Moderator vorausgesagt hatte. "Das - Mensch!" rief der noch einmal, erhob sich aus seinem Sessel und begrüßte es mit ausgestreckten Armen.

"Haa... haa..." wollte das Mensch vor Freude ausstoßen, verschluckte sich an den Würsten, verlor das Gleichgewicht, stolperte über seinen Eimer und fiel rückwärts in die Türverkleidung hinein, die die Techniker gerade schließen wollten. Die Würste rutschten ihm tief in den Schlund. Das Mensch röchelte, schlug mit Armen und Beinen um sich und zuckte dann noch einmal. Der Moderator stürzte dazu und schrie etwas Undeutliches. Danach folgte ein Werbeblock.