Die
Gazette Nr. 7, Oktober 1998:
Kommentar
Ach, drum!
von Alexandra Simon
Also, in gewisser Weise bin ich dem Starr-Report dankbar.
Damit wir uns verstehen: Ich bin dagegen, daß man die Intim-Details
des Präsidenten veröffentlicht, so entschieden dagegen, daß
ich den Republikanern in Washington sogar eine E-Mail schickte, ich fände
das, was sie da aufführen, "politischen Kannibalismus". Ich bekam
eine maßgeschneiderte Antwort: Sie hätten ihren Präsidenten
nicht dafür gewählt, daß er lügt, und das Impeachment
müsse jedenfalls her. Und im übrigen sei es ihnen ganz egal,
was andere Länder über "our situation" denken. Na, schön,
schicke ich ihnen eben keine E-Mail mehr.
Nein, dankbar bin ich dem Report, weil er mir endlich - über einen
kurzen Umweg - das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung erklärt
hat.
Ich hatte da in letzter Zeit einiges nicht mehr verstanden - wie ich
ja auch den Dekonstruktivismus nicht verstehe. Und da wurde mir nun Aufklärung,
gleich in beiden Fragen: Im Feuilleton der SZ sitzen offenbar nur noch
Dekonstruktivisten. Diese Aufklärung verdanke ich Michael Althen,
der kürzlich zum Starr-Report darlegte, daß "alles, sobald es
erzählt wird, einen fiktiven Charakter annimmt"; die Sprache sei eben
"kein taugliches Instrument", um die "Wirklichkeit in den Griff zu kriegen";
diese - sehr hübsch gesagt - "schlüpft" einem "immer wieder durch
die Finger".
Jetzt ist mir klar, warum Althen solche Filmkritiken schreibt, nach
denen man immer noch nicht weiß, ob man nun reingehen soll oder nicht:
Es gibt ja den Film in Wirklichkeit gar nicht mehr, sobald Althen ihn "erzählt",
nur noch Althens Text darüber und die vielen sinnigen Bezüge,
Anspielungen, Zitate und Zitate von Zitaten, die Hinweise im Text auf andere
Texte. Althens Welt liegt nicht in den Niederungen einer angeblichen "Realität",
sie ist vielmehr die unwirkliche, freischwebende Intertextualität
(ich glaube, so heißt das auch).
Jetzt sind mir auch die zwanghaften Kalauer in den Feuilleton-Überschriften
der SZ verständlich: Sie sind gar nicht für irgendwelche Wirklichkeiten
da, sondern nur für die unendliche Belesenheitsweite der Redakteure
und ihre Teilnahme am nie endenden Gespräch der "Texte als solcher".
Ohne die lästige Kontrolle durch eine Wirklichkeit geht eben alles.
Der scherzhafte Unernst, das flink herbeigeschrieben Flapsige, Grundsätze
grundsätzlich (wenn überhaupt) nur noch light, mit einem Wort:
Die Große Beliebigkeit - das alles muß sein, weil es nun mal
so ist, intertextuell gesehen.
Aber vielleicht hat Althen das, was er unter der (prädekonstruktivistisch
ausgedrückt) anzüglichen Überschrift "Oral History" gesagt
hat, ja auch nur irgendwie ironisch gemeint, und ich habe es wieder nicht
verstanden, und alle Fragen sind so offen wie vorher.