Die
Gazette Nr. 7, Oktober 1998:
Kalenderblätter, sozusagen
Seit September und bis zum Juli nächsten Jahres zeigt jede Nummer
dieser Zeitschrift eine Art Kalenderblatt, und zwar als Vorabdruck aus
dem „Taschenlexikon Goethe" von Friedemann Bedürftig, das im Juli
1999 im Piper Verlag herauskommt. Monatlich bringen wir aus diesem Goethe-Manual
einen Artikel, der den Klassiker auch einmal aus andersartiger, nicht-klassischer
Perspektive betrachtet.
Als zweites Stichwort kommt nach dem historischen Wahltag von 27. September:
Deutsche, Deutschland, Deutschtum
Das Motto sagt eigentlich schon
genug über Goethes Verhältnis zu allem, was sich prononciert
»deutsch« gab: Er setzte dagegen einen entschiedenen Kosmopolitismus
und hütete sich z.B. in den Befreiungskriegen vor patriotischer Vereinnahmung.
Im Gegenteil: Er las den Deutschen selbst in solchen Zeiten nationaler
Aufwallung die provinziellen Leviten, wurde nicht müde, sie zur Annahme
fremder Kulturimpulse zu ermuntern, und verbeugte sich noch vor dem Dämon
des gestürzten Napoleon. Außer einem kurzen vaterländischen
Ausbruch in der Schrift »Von deutscher Baukunst« (1771), als
er in Straßburg von der Gotik des Münsters überwältigt
und vom französischen Einfluß auf seine Nationalität gewiesen
wurde, finden sich kaum besonders schmeichelhafte Bemerkungen Goethes über
die Deutschen, Deutschland und schon gar nicht über die Deutschtümelei,
derer er die Romantiker bezichtigte. Wie viel Deutsches gleichwohl auch
sein Werk prägte, belegen Figuren wie Egmont, Faust, Wilhelm Meister
und selbst noch Tasso, ein Selbstporträt im italienischen Gewand,
das so durchsichtig bleibt wie des Kaisers neue Kleider. Daß viele
Goethe-Gedichte in den Rang deutscher Volkslieder aufrückten, liegt
nicht nur an ihrem poetischen Rang, sondern natürlich auch am deutschen
Ton, den Goethe besser zu treffen wußte als selbst die gescholtenenen
Romantiker. Gelegentliche Anwandlungen von Verachtung für seine Mitdeutschen
sind eher Zeichen einer komischen Verzweiflung über die Verwandtschaft
mit ihnen: »Die Deutschen sind wiederkäuende Tiere« (zu
Riemer 5.1.1814).
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