Die Gazette Nr. 7, Oktober 1998:

Interview mit Olaf Benzinger, Verlagsbüro Lektyre, Germering

Was hat Sie auf den Gedanken gebracht, sich aus einem sicheren Angestelltendasein heraus als Freiberufler, als Ihr eigenes Verlagsbüro zu etablieren?
Wir befinden uns in einer wirtschaftlichen Phase, die mancher als Krise erleben mag, die mir aber eher als ein tiefgreifender Wandel vorkommt, als eine Umorientierung des wirtschaftlichen Denkens. Dies läßt sich in deutlicher Weise in den letzten Jahren auch anhand einer bemerkenswerten Entwicklung in den Buchverlagen belegen. Die in Ihrer Frage suggerierte Jobsicherheit ist vielleicht nur eine relative Sicherheit. Sehen Sie sich nur an, wie verschiedene Verlage verstärkt mit anderen fusionieren; wie große Verlagskonzerne systematisch Konkurrenten aufkaufen; wie renommierte Verlagshäuser „verschlankt" oder gar geschlossen werden; und wie viele Angestellte im schlimmsten Fall auf der Straße stehen - auch weil es Nachwuchs, billigen Nachwuchs von den Universitäten gibt - kurz: In einer solchen Situation ist eine Festanstellung nicht die große Sicherheit, die sie vorgibt zu sein, und eine attraktive freiberufliche Arbeit ist kein Bungeejump mit einem porösen Seil, für den man sie oft hält. Soviel nur zum „sicheren Angestelltendasein".
Aber das war natürlich nicht ausschlaggebend für meinen persönlichen Schritt. Diesen habe ich lange und sorgfältig geplant, es war letztlich ein Denkprozeß von gut einem dreiviertel Jahr. Und dabei hatte ich das Glück, daß meine Überlegungen in eine Zeit fielen, als das moderne Berufsbild des freien Verlagsbüros sich allmählich erst zu etablieren begann und zunehmend von den Verlagen akzeptiert wurde.

Kann man die veränderte Arbeits- oder Funktionsweise der Verlage an bestimmten Charakteristika verdeutlichen?
Da muß man zuerst einmal unterscheiden: Wir reden hier nicht von einem der vielen ambitionierten Kleinverlage, die von einer Handvoll engagierter Personen durch die Klippen des Buchmarkts gelotst werden, sondern wir sprechen von den großen etablierten Publikumsverlagen. Diese Häuser haben sich bis vor einiger Zeit primär programmatisch definiert. Nehmen wir als Beispiel den Taschenbuchbereich: Hier hatten beispielsweise dtv, Fischer, Knaur, rororo oder Suhrkamp je ein bestimmtes Programmprofil gefunden; es gab wohl Überschneidungen untereinander, aber sie alle hatten ein eigenständiges, erkennbares Profil. Heyne hatte ein anderes, Goldmann oder Ullstein wieder andere. Wenn Sie sich heute all diese Verlagsprogramme anschauen, dann unterscheiden sie sich nicht mehr sehr. Ich stelle das vielleicht ein wenig holzschnittartig dar, aber gerade große Verlage verstehen sich heute weniger programmatisch, sondern entwickeln sich vermehrt zu Vertriebsgesellschaften. Man kann das auch daran beobachten, daß immer häufiger kaufmännische Geschäftsführer diejenigen Stellen einnehmen, die noch vor wenigen Jahren verlegerische Persönlichkeiten ausfüllten. Verlagsleiter sind heute nicht selten Betriebswirte und nicht mehr „Buchmenschen", die den Weg vom Lektor bis hinauf zum Verleger gegangen sind. Damit verbunden ist freilich auch eine neue Art des Kalkulierens und Rechnens und vielleicht auch eine neue Definition von „Erfolg".
Manchmal habe ich den Eindruck, daß Dinge wie Autorenpflege und -betreuung, Leserservice und auch ganz allgemein „der kulturelle Auftrag an sich" fast zu altväterlichen Werten geworden sind. Sehr vereinfacht gesagt: Viele Verlage sehen ihre vornehmliche Aufgabe als Vertriebsfirma im Marketing und im Verkauf. In anderen Verlagsbereichen, etwa dem Programm und zum Teil auch der Herstellung sucht man dagegen nach Möglichkeiten, personalintensive Arbeitsabläufe auszulagern - systematisches Out-sourcing zu betreiben.

Und das führte dann zu der Chance, die Sie wahrgenommen haben.
Ja, und gleichzeitig war es auch mein konsequenter persönlicher Weg. Ich bin ja eigentlich ein gelernter und begeisterter Büchermacher. Irgendwann aber war ich - auch durch einen Zuwachs an Verantwortung - in einer Situation, die mich mehr zum Bücher-Verwalter machte, zum Produktmanager. Für die konkrete Lektorats- und Redaktionsarbeit bot der Arbeitsalltag im Verlag kaum mehr Raum. In der Tat findet bei vielen Kolleginnen und Kollegen die eigentliche Textarbeit in der Freizeit statt.

Könnte man sagen, daß der Bereich der Textproduktion im weitesten Sinn durch ein hohes Maß an Freiberuflichkeit geprägt ist?
Ja, so hat es sich entwickelt und das ist auch gar nicht schlecht so. Es steht übrigens, davon bin ich überzeugt, auch dem angestellten Lektor gut zu Gesicht, wenn er sich ein hohes Maß an Unabhängigkeit und „Freiheit" bewahrt. Die Gefahr, daß er sonst zum Partei-, das heißt Verlagssoldaten wird, ist viel zu groß, und das kommt in vielen Fällen seiner Phantasie und seiner Innovationsfreude nicht unbedingt zugute. Es ist sicher sinnvoll, hier manchmal auch frei, relativ unabhängig von den momentanen Tagesinteressen des eigenen Hauses gegen den Strom zu denken.
Deshalb sind gerade im Verlagsbereich von je her viele Freiberufler tätig: in erster Linie natürlich Autoren, Journalisten, freie Lektoren und Redakteure, die gab es schon immer, aber freilich auch Kräfte für Routinearbeiten wie Korrekturlesen oder Registererstellung und ähnliches. Es ist allerdings nach meiner Meinung ein bemerkenswerter Prozeß, daß eine Reihe von Verlagsbüros in den letzten Jahren aus dem Stand heraus Fuß fassen konnten und auf eine gesunde wirtschaftliche Basis kamen.
Viele Verlagshäuser fangen ja jetzt erst an, wesentliche Teile der Buchproduktion nach außen zu geben. Eine persönliche Erfahrung allein dieses Jahres: Drei namhafte, von der Produktionsweise her eher konservative Verlage haben anfangs eher zögerlich mein Angebot und meine Dienste in Anspruch genommen. Nach dem ersten abgeschlossenen Auftrag aber entschieden sich alle drei sehr rasch, es beim nächsten Mal sofort wieder so zu machen und sich damit intern Reserven zu schaffen. Ich behaupte jetzt einfach einmal: Im Augenblick entsteht hier so etwas wie eine neue „ökonomische Nische". Noch vor ein paar Jahren hüteten viele Verlage ihre Programmplanung als Betriebsgeheimnis, heute werden in wachsendem Umfang externe Verlagsbüros mit einbezogen.

Haben Verlage auch noch andere Tätigkeitsbereiche zunehmend nach außen verlagert?
Wie gesagt: daß Verlage gewisse Tätigkeiten auslagern, ist kein neues Phänomen. Das haben sie traditionell immer schon getan - etwa im Bereich des Korrekturlesens, der Registererstellung, aber auch der Fachbegutachtung oder der Redaktion und ähnlichem. Aber das waren Routinearbeiten oder singuläre Honoraraufträge. Das Neue der letzten drei, vier Jahre ist nun, daß sich ein Teil der inhaltlichen und programmatischen Verantwortung nach außen verlagert. Daß also zum Beispiel jemand wie ich - neben der Abwicklung reiner Auftragsarbeiten - Konzepte oder Reihen-Ideen entwirft, sich dann überlegt, welcher Verlag dafür gegebenenfalls in Frage käme, auf diesen Verlag zugeht und im positiven Fall die gesamte inhaltliche und Produktionsveranwortung übernimmt. Oder der andere Weg: Ein Verlag beauftragt mich, eine bestimmte, meist neu zu etablierende Programmschiene zu konzipieren und zu realisieren. Natürlich gibt es in solchen Fällen eine enge Kommunikation zum Verlag, aber die gesamten Lektorats- und Produktionsabläufe geschehen unter meiner Regie. Wieder sehr vereinfacht gesagt: Der Verlag erteilt mir einen Auftrag und erhält zum vereinbarten Zeitpunkt am Ende meiner Tätigkeit die fertigen Druckfilme.

Sind Sie ausgelastet?
Ja.

Lehnen Sie auch Aufträge ab?
Ja. Ich will es nicht verschreien, aber ich leiste mir im Augenblick den Luxus, die Aufträge danach auszusuchen, wie weit sie wirtschaftlich sinnvoll sind und mich gleichzeitig thematisch interessieren. Die Situation ist im Augenblick recht günstig. Es gibt eine überschaubare Zahl guter Leute, die mit langjähriger Erfahrung aus einem Verlag kommen und im Rahmen eines Verlagsbüros professionelles Know-how anbieten, auf das ein Verlag sich auch verlassen kann.  Man wird abwarten müssen, ob im Laufe der Zeit mit wachsender Zahl der Anbieter der Markt vielleicht sogar überschwemmt wird. Aber ich bin sicher, qualitativ gute und zuverlässige Arbeit wird hier auch weiterhin gefragt bleiben. Das heißt nach meiner Auffassung aber auch, daß man sich nicht auf zu viele Angebote einlassen darf. Ich glaube, ein vernünftiges Maß liegt etwa bei fünf bis zehn Verlagen, die man als Partner hat, wenn man nicht zum Hans- Dampf-in-allen-Gassen werden möchte. Ich persönlich arbeite im Augenblick gerade mit acht Verlagen zusammen.

Welche Vorteile bietet diese Produktionsweise dem Verlag?
Mehrere. Wenn eine vertrauensvolle Zusammenarbeit besteht, kann der Verlag schon im Frühstadium ganze Projekte abgeben, bekommt am Ende die fertigen Filme und braucht sich in der Zwischenzeit sozusagen um nichts zu kümmern. Ein solches Verfahren spart dem Verlag Manpower und natürlich auch Geld. Allein die gängigen Satzkosten sind in der Buchproduktion erheblich. Da ich das ganze Produktionspaket anbieten kann, dabei aber weder hohen Personalbedarf habe, noch einen großen Maschinenpark unterhalten muß, kann ich die Kosten für den Verlag sehr attraktiv halten.

Wie läuft der Produktionsvorgang bei Ihnen praktisch ab?
Wenn wir als Ausgangspunkt einmal das fertiggestellte Manuskript nehmen, dann erfolgt zunächst die inhaltliche und sprachliche Textredaktion - in der Regel in intensiver Rücksprache mit dem Autor oder dem Übersetzer. Da es heute praktisch niemanden mehr gibt, der ein Manuskript noch auf seiner Schreibmaschine tippt, ist der Grundtext damit meist schon für die weitere Verarbeitung erfaßt. Wenn die Arbeit am Manuskript abgeschlossen, das heißt alle Korrekturen ausgeführt sind, wird der Text für den Buchsatz aufbereitet. Dafür gibt es spezielle DTP-Programme; Quark XPress ist heute hier eigentlich führender Standard. In diesem Stadium, dem Vor-Umbruch, werden meist noch keine Abbildungen und ähnliches eingelesen, sondern dafür nur Platzhalter geschaffen, der Text aber schon „so ungefähr" auf das spätere Buch geformt. Dieser so umbrochene Text wird Korrektur gelesen. Ich lasse grundsätzlich von zwei verschiedenen Personen lesen, weil jeder Korrektor seine persönlichen Stärken hat: Der eine etwa spürt jede grammatikalische Nachlässigkeit auf, ein anderer hat beispielsweise ein untrügliches Gefühl für Zahlen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie verschieden zwei Korrekturen desselben Textes ausfallen können. Die Korrekturen werden zusammengefaßt, und der nun idealerweise fehlerfreie Text wird endgültig umbrochen, das heißt auf das endgültige Seitenbild gesetzt. Diese Arbeitsschritte finden in der Regel in frühzeitiger Absprache mit dem Verlag statt, es kann aber auch vorkommen, daß der Verlag sagt, er möchte einen Gesamtumfang von - sagen wir - dreihundert Seiten, und wie ich dann diesen Umfang erreiche, bleibt mir überlassen. Aber auch hier stehe ich gern in engem Kontakt mit der Herstellung. Nach dem Umbruch wird gegebenenfalls das Register erstellt und in jedem Fall die  Schlußrevision durchgeführt, bei der der letzte Feinschliff angelegt wird - nur als Beispiele: unschöne oder zu häufig aufeinanderfolgende Trennungen werden beseitigt; der Zeilenfall wird optisch ausgeglichen; Hurenkinder werden aufgelöst. Danach gebe ich die Filmbelichtung für die fertige Druckvorlage in Auftrag.

Sie bereiten nur die Produktion des Buchblocks vor, nicht auch den Umschlag?
Ja, und dies zunächst aus einem ganz banalen Grund: Als Umschlaggestalter sollte man in erster Linie ein guter Grafiker sein - der bin ich bestimmt nicht! Dazu kommt freilich noch etwas Grundsätzlicheres: Der Umschlag gehört nicht unbedingt zum inhaltlichen Teil des Buches. Die Verlage betrachten den Umschlag als erste Werbefläche für das Buch, und Werbe-, Marketing- und Vertriebsfragen sind ja die definierten Aufgaben des Verlags. Es gibt einige große Verlagshäuser, in denen die Lektoren überhaupt keinen Einfluß auf die Umschlaggestaltung haben, ja den ganzen Vorgang gar nicht mitverfolgen.

Kritisieren Sie das?
Nicht pauschal. Es ist die Frage, wie man ein Buch denkt. Ich denke ein Buch vom Inhalt her und sehe das Äußere eines Buches als Transportmittel für den Inhalt: Der Umschlag soll natürlich animieren, aber doch primär als Brücke zum Inhalt fungieren. Für das Marketing dagegen - jetzt wieder extrem formuliert - ist der Inhalt gemessen am Verkauf sekundär, das Ganze muß in erster Linie „anmachen", sich verkaufen lassen - der klassische Konflikt Lektorat contra Marketing.

Wie lange dauert der Herstellungsvorgang in Ihrem Verlagsbüro insgesamt?
Das ist schwer zu sagen; es hängt in erster Linie von Umfang und Qualität des Manuskripts ab. Ich plane in der Regel mit etwa fünf bis sechs Monaten. Das ist ein Zeitablauf, der mir sinnvoll erscheint, weil er Raum für nötige Zeitläufe läßt. Man kann sorgfältig arbeiten, und nicht alles muß mit heißer Nadel gestrickt werden. Natürlich geht es auch schneller, wenn es mal sein muß. Man kann ein Buch im Notfall in ein bis zwei Monaten durchziehen, aber die Schnelligkeit geht in der Regel auf Kosten der Qualität.

Spezialisieren Sie sich in Ihrem Verlagsbüro auf ganz bestimmte Bücher?
Ich bin schon durch meine frühere Lektorentätigkeit spezialisiert, und zwar auf Sachbücher und in diesem Bereich auf Grund meiner Ausbildung wiederum auf die Themen Naturwissenschaften, Zeitgeschehen, Kulturgeschichte und Musik. Das sind meine angestammten Themenfelder, in denen ich schon eine gewisse inhaltliche Kompetenz reklamiere. Aber der Reiz der Selbständigkeit liegt natürlich auch darin, daß ich mich nicht ausweglos spezialisieren muß. Ich kann, wenn ich dazu Lust habe, auch einmal ein schönes Kinderbuch machen oder einen Roman.

Sehen Sie voraus, daß Sie Ihren Betrieb demmächst personell erweitern müssen?
Das kann ich heute noch nicht sagen. Ich habe mir einen Zeitraum von fünf Jahren gesetzt, in dem ich beobachten möchte, wie sich der Markt allgemein entwickelt und welchen Platz mein Betrieb behaupten kann. Erst mit der Erfahrung von rund fünf Jahren möchte ich entscheiden, ob es sinnvoller ist zu expandieren, oder ob ich lieber klein und damit zwangsläufig exklusiver bleiben will. Heute, nach zwei Jahren, neige ich dazu, lieber einen Auftrag abzusagen als mich in betriebswirtschaftliche Zugzwänge zu bringen. In drei Jahren sehen wir weiter.