Die Gazette Nr. 7, Oktober 1998:

Gastkolumne

Das Lesen in den Zeiten des Internet

von Lars Hinrichs

So mancher fragt sich, ob im nächsten Jahrtausend noch Bücher gelesen werden, und wenn ja, welche. Der Berliner Verleger Klaus Wagenbach zum Beispiel sieht für das Buch eine schwarze Zukunft voraus; im Gazette-Interview (Gazette 1, März 1998) beklagte er die gesunkene Position des Buchs im "Erkenntnis- und Erheiterungsbaum", wo schon jetzt "ganz oben die Gaudi-Affen toben". Werden Bücher als ein zu langatmiges Medium aussterben, das sich gegen die einlullende Kraft von wunschgerechten, "interaktiven" elektronischen Medien nicht durchsetzen konnte? Verblöden wir alle?
In den USA, die uns Europäern in Sachen McUnterhaltung immer einen Schritt voraus sind, ist das Verhältnis von elektronischen Unterhaltungsmitteln pro Kopf wesentlich höher als bei uns. Da müßte sich so ein Trend, wenn es ihn gibt, ja eigentlich abzeichnen.
Die gute Nachricht: Die Amerikaner lesen wieder mehr. Letztes Jahr noch waren die Buchverkaufszahlen leicht rückläufig gegenüber dem Vorjahr - drei Prozent weniger als 1996; dieses Jahr aber sollen die Gesamtverkäufe um ganze elf Prozent ansteigen, so eine Studienkommission der amerikanischen Buchindustrie. Besonders ausgeprägt ist diese Tendenz bei den gebundenen Büchern für Erwachsene, die eine Lesekultur am ehesten versinnbildlichen.
Die andere Nachricht ist, daß die Mehrzahl der Bücher, die sich jetzt wieder so gut verkaufen, nicht gerade die hohe Literatur in sich trägt. In der Bestsellerliste der New York Times finden sich diesen Sommer neben Grisham und Crichton vor allem die Genres romance und adventure, also eher leichte Kost. Nur vereinzelt gibt es Romane, die sich einer solchen Einordnung widerstehen, wie den Bürgerkriegsroman Cold Mountain von Charles Frazier, oder John Irving's Jüngster, A Widow for One Year (erscheint hier nächstes Frühjahr).
"Die Leute werden nicht mehr zum Lesen erzogen", beschreibt Kathie von Ankum den Kern des Problems. Sie kennt sich mit den amerikanischen Lesegewohnheiten aus, weil sie als Abgesandte der Frankfurter Buchmesse das New Yorker "German Book Office" leitet, eine Botschaft der deutschen Literatur in Amerika. Sie sieht auch in Zukunft wenig Chancen für die Dominanz höherwertiger Literatur auf den Bestsellerlisten. Wer sich in einem mehrere hundert Seiten langen Schinken zurechtfinden will, bei dem die Bedeutung zudem nicht wie bei einem Krimi vollständig an der Textoberfläche liegt, braucht dafür eine Ausbildung, die ihm dies ermöglicht. Die gibt es aber in den High Schools immer seltener. Wenn man in einigen Jahren von amerikanischen Schulkindern erwartet, daß sie einen Roman lesen, dann wird das so sein, "als wenn man von einem Gelähmten einen Marathonlauf erwartet", so von Ankum.
Dafür allerdings kennen sich Schulkinder heute in fantastisch jungem Alter mit Computern aus. Der Umgang mit dem PC ist integraler Bestandteil der amerikanischen Erziehung, und die Ausrüstung einer Bildungsinstitution mit Hardware wirkt sich direkt auf ihre Position in den so wichtigen "rankings" aus.
Trotzdem glaubt von Ankum nicht an "den Tod der Literatur, dieses Ungetüm, das immer heraufbeschworen wird". Computer, sagt sie, werden das Buch nicht so bald verdrängen. Dies zeigt ein Blick in die Vergangenheit: Auch nach der Erfindung des Grammophons gibt es noch Livemusik, und auch wer Video hat, geht ab und zu ins Kino. "Die Einführung eines neuen Mediums bewirkt eher eine Differenzierung der Situation als daß das Alte verdrängt wird."
Der Anstieg bei den Verkaufszahlen gebundener Bücher bei den Amerikanern kann als Hinweis darauf gesehen werden, daß sich das Medium des Buches auf seine Stärken rückbesinnt. Noch gibt es keine Alternative zu den "taktilen Vorzügen und der Handlichkeit des Buches" – so formuliert es der New Yorker Verleger Drake McFeely, Chef des angesehenen Hauses W.W. Norton & Co.. Ein Buch ist handlich, und man kann es mit an den Strand nehmen und in jeder Körperhaltung lesen. Dies würde selbst mit einem Laptop kein vernünftiger Mensch versuchen. Im Vergleich gegen bedrucktes Papier nämlich schneidet der Bildschirm schlecht ab: Der Bildschirm flimmert und löst nur auf 72 Punkte pro Quadratzoll (dpi) auf; die gedruckten Buchstaben auf Papier dagegen sind auf über 1000 dpi aufgelöst und damit wesentlich angenehmer für die Augen.
Es gibt einen weiteren Vorzug des Buchs vor anderen Medien, der in den letzten Jahren zum Vorschein gekommen ist, in denen die Menschen mit einer stetig und rapide wachsenden Zahl von Informationsangeboten über Kabelfernsehen oder Internet konfrontiert werden: fast jede Information ist irgendwo erhältlich, aber es wird immer schwerer, das Gesuchte aus dem Dschungel der Angebote herauszufinden.
Was man dann findet, hat oft den zerissenen Charakter von MTV-Clips. Die eingehende Behandlung von Themen in, beispielsweise, Internet-Nachrichtenseiten ist ein Widerspruch in sich (unter anderem, weil es sich auf dem Bildschirm nun mal schlecht liest).
Wer sein Realitätsbild primär aus einem täglich neu zu ordnenden Fragmenthaufen von Schlagzeilen zusammensetzt, dem entsteht ein gesteigertes Bedürfnis nach eingehender Erklärung. Dies ist vielleicht der Grund für eine Änderung im Geschmack amerikanischer Leser, die McFeely beobachtet:
"Im letzten Jahr wurde die Spitze der Sachbuch-Bestsellerliste von drei Büchern dominiert: unser [W.W. Nortons] Buch The Perfect Storm [von S. Junger; die Geschichte eines im Jahr 1991 verunglückten Fischkutters], Jon Krakauers Into Thin Air [deutscher Titel: In luftige Höhen, über eine gescheiterte Himalayaexpedition], und Frank McCourts Angela's Ashes [Die Asche meiner Mutter, ein autobiographischer Bericht über McCourts irische Kindheit in ärmsten Verhältnissen]." Für McFeely  ist das "ein erfreulicher Gegensatz zu den Zeiten, als die Sachbuchliste von Berühmtheits-Biographien und Ähnlichem angeführt wurde." Der Geschmack der amerikanischen Buchkäufer sei also "immer noch ziemlich interessant."Das Neue und Interessante an der neuen Vorliebe der amerikanischen Leser ist, daß sie nun öfter Bücher kaufen, die Geschichten aus der ungeschönten, harten Wirklichkeit erzählen. Ähnliche für Fachleute verblüffende Einzelfälle gibt es auch für die Belletristik zu vermelden. An diesen Perlen ist einerseits erstaunlich, daß sich literarisch hochwertige Bücher überhaupt auf den Verkaufslisten gegen Krimi, romance und adventure durchsetzen konnten; andererseits vereinigt diese Bücher dieselbe Nähe zur häßlichen Wirklichkeit, die der neue Lesergeschmack bei den Sachbüchern bevorzugt. Ein überwältigender Überraschungserfolg gelang im Frühjahr Donald McCaig mit Jacob's Ladder. Das Buch gesellt sich auf der Bestsellerliste als zweite literarische Erzählung vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs gleich neben Fraziers Cold Mountain. Der Tiefpunkt in der nationalen Geschichte hat seine Faszination in den USA zwar nie verloren; bemerkenswert dennoch dieses plötzliche konzentrierte Interesse. – Ein weiteres Beispiel ist der Erfolg des neuen John Irving-Romans A Widow for One Year (zur Zeit Nummer Eins). Der Autor spielt mit dem Leser Katz und Maus, indem er seiner schriftstellernden Protagonistin zahlreiche Elemente seiner eigenen Biographie andichtet. Für den Leser gibt es auf diese Weise ungefilterte Wahrheiten über das Innenleben einer literarischen Berühmtheit zu erfahren, die etwa in einer Biographie untergehen würden.
Auch im nächsten Jahrtausend werden die Amerikaner wohl noch lesen. "Die amerikanische Buchindustrie hat weiterhin – anders als die deutsche und die japanische – bemerkenswerte Wachstumsraten", so Michael Naumann, ehemals Chef des Hamburger Rowohlt-Verlags. Mittlerweile hat er in New York die Leitungsposition des Henry Holt-Verlags inne, für dessen Programm er zum Beispiel Salman Rushdie und Herta Müller angeheuert hat. Beim erhöhten Bücherverkauf behilflich wird verstärktes Marketing übers Internet sein. "Weil wir daran glauben, daß mehr und mehr Menschen ihre Bucheinkäufe über das net tätigen werden", erklärte Naumann im E-mail-Interview, hat man bei Henry Holt eine neue Webseite eingerichtet. Dort bekommen Leser auf Wunsch umfassende Informationen über die Bücher, die sie interessieren. Per Mausklick und vom Schreibtisch aus springt man zwischen Klappentext, Autor-Biographie und Pressemappe hin und her, und bei Gefallen des Titels läßt man sich zu einem Online-Seller, wie amazon.com, weiterleiten.Die Vermarktung übers Internet ermöglicht nicht nur für den Kunden bequemes, sondern auch gezieltes Vermitteln von Information. Der Kontakt zwischen "kleineren" Autoren, die in den sich ausbreitenden Ketten-Buchläden immer weniger Chancen haben, und ihren Lesern, wird per Internet erleichtert. "Das dauert nicht lange, bis diese Nische entdeckt wird", sagt Kathie von Ankum voraus. Schon jetzt gibt es Erfolgsstories von Minderheiten-Büchern verschiedenster Art, die übers Internet an den Mann gebracht wurden. Zum Beispiel hat ein winziger Verlag in Hong Kong ausschließlich aufgrund von Internetwerbung tausende von Exemplaren eines sehr speziellen Titels in alle Welt verkaufen können: eine Sammlung von Cartoons über Hong Kong.
Es ist abzuwarten, ob bei wachsender Internet-Zugangsdichte auch hier bei uns der Bedarf an gedruckter Unterhaltung und Erhellung wieder steigt.