Die
Gazette Nr. 7, Oktober 1998:
Buchkunst
Frauen-Literatur
Das Bild zeigt die Eingangsminiatur von "Die Kutsche oder Die Diskussion über die Liebe", erschienen zwischen 1530 und 1540 (vermutlich in Paris; die Handschrift liegt heute in der Bodleian Library, der Universitätsbibliothek von Oxford). Im Bildmittelpunkt: die Autorin selbst.
Es ist Margarete von Navarra (auch Margarete von Angoulême, 1492 bis 1549). Sie blieb in der Reformationszeit zwar katholisch, redete aber gleichwohl ihrem Bruder Franz I., dem König von Frankreich, wegen seiner Verfolgung der Protestanten ins Gewissen. Und dann nahm sie die religiösen Asylanten sogar an ihrem eigenen Hof auf.
Daneben war die hochgebildete Dame auch eine erfolgreiche Schriftstellerin. In vielen Erzählungen wie der "Kutsche" geht es ihr um die Spannung zwischen den lockeren, ja schlüpfrigen Sitten ihrer Zeit und dem Ideal einer vergeistigten, geradezu platonischen Liebe. Ihr literarisches, wenn auch nicht moralisches Vorbild war Boccacio: Seinem "Decamerone" nachgebildet ist ihr eigenes Hauptwerk, das "Heptameron" (1542 bis 1549), eine Sammlung von etwa hundert Novellen und Kurzgeschichten. Alle Spielarten der Liebe kommen darin vor, auch ihre psychopathischen und derbsten Erscheinungsformen (letztere insbesondere von den zeitgenössischen Geistlichen bevorzugt). Das Buch wurde bald ein Bestseller und in viele Sprachen übersetzt. Die freimütige Darstellung fanden viele so unzüchtig, daß sie nicht die tatsächlich sittenstrenge und fromme Margerete von Navarra für die Autorin hielten, sondern das Werk einer anderen zuschrieben, der weit weniger tugendhaften Margarete von Valois, der Gemahling Heinrichs IV.