Die Gazette Nr. 6, September 1998:

Schaufenster


König Eduard schickt Harold in die Normandie, um Herzog Wilhelm mitzuteilen, daß er der Erbe
des Königreichs ist.

Der folgende Textauszug ist entnommen aus:
Harvey Rachlin
Lucys Knochen, heilige Steine und Einsteins Gehirn. Skurrile Museumstücke aus aller Welt
dtv 36068, München 1998


Harold betet um Segen für seine Reise, bevor er sich zu Tisch setzt und dann sein Schiff besteigt.

Der Teppich von Bayeux

Entstehungszeit: Etwa 1070.
Gegenstand: Der Teppich ist ein langer Tuchstreifen mit gestickten Bildern von der Invasion Englands durch Wilhelm den Eroberer, Herzog der Normandie.
Aussehen: Der Teppich ist etwa 50 Zentimeter breit und über 70 Meter lang. Die Stickereibilder sind mit gefärbten, bunten Wollfäden auf Leinen ausgeführt. Ober und unter Ränder tragen Ornamente, der obere Rand außerdem vielfach erläuternde Inschriften.
Aufbewahrung: Städtisches Museum, Bayeux, Normandie.

Ein kinderloser König ist immer ein Problem. Im Mittelalter führte ein derartiger Mangel geradewegs in ein nationales Drama, und der letzte Akt war unausweichlich voller Blutvergießen. Im vorliegenden Fall jedoch lief der Vorgang sozusagen im Zeitraffer ab. In einem kurzen historischen Augenblick wurden alle sozialen Schichten durcheinandergewirbelt und der künftige Lebensweg der Nation in eine völlig neue Richtung gelenkt. Es ist die Geschichte der letzten Eroberung Englands durch einen überraschenden Außenseiter. Diese Geschichte wurde dokumentiert, blieb erhalten und ist uns noch heute in Hunderten lebendiger Einzelbilder überliefert, in einer Art Comic-Strip aus dem 11. Jahrhundert. ...


Harold verhandeld mit Herzog Wilhelm in dessen Schloß.

Irgendwann in den zehn Jahren nach der Schlacht von Hastings wurden die ganze Vorgeschichte der Invasion, ihr Verlauf und ihr siegreiches Ende in Wort und Bild auf einen Wandteppich gestickt. Wer den Auftrag dazu gab, wer die Künstler waren, wissen wir nicht. Damals glaubte man allgemein, es sei Wilhelms Frau Matilda gewesen, die mit der Hilfe ihrer Hofdamen die große Stickerei angefertigt habe, aus Verehrung für ihren erfolggekrönten Mann. Experten des 19. Jahrhunderts jedoch verwarfen diese Annahme. Sie waren überzeugt, daß Odon de Conteville das Werk in Auftrag gegeben hatte, Wilhelms Halbbruder und Bischof von Bayeux in der Normandie. Für diese Ansicht spricht einiges, nicht zuletzt Wilhelms finanzielle Großzügigkeit seinem Halbbruder gegenüber. Andere Indizien sind die klare politische Parteinahme für Wilhelm, der Auftritt von Odon selbst tritt in der Erzählung und die Herkunft des Teppichs aus Odons Bischofsstadt. So gesehen, stecken in der Arbeit zwei bittere Ironien. Erstens wurde der Stoff in England bestickt, von den Unterworfenen, die nun ihren Überwinder preisen mußten. Und zweitens fiel Odon bald danach in Ungnade und wurde von Wilhelm ins Gefängnis geworfen.
Der Teppich von Bayeux ist aus acht schmalen Stoffbahnen zusammengenäht und sieht damit wie ein langes Band aus. Die Farben der Wollstickerei sind in ihrer ursprünglichen Frische erhalten. Nach einer Einteilung aus dem 19. Jahrhundert werden darauf insgesamt 58 Szenen unterschieden, alle gleich lebendig, angefüllt mit Bewegung und Dramatik. Menschen aller Schichten treten darin auf, neben ihnen aber auch zahllose Tiere, Bäume, Schiffe, Waffen und Gebäude. Am oberen Schmuckrand erläutert ein durchgehend eingestickter lateinischer Text die Handlung. Die technische und künstlerische Durchführung ist von höchster Qualität: Die Farben schaffen Kontrast und Tiefenschärfe; Gesten und Gesichtsausdrücke, die Bauweise der Häuser und die reich verzierten Gewänder sind deutlich zu erkennen, die Beschriftungen ungewöhnlich leicht lesbar. ...


Die Schlacht von Hastings

Es dauerte ungefähr zehn Jahre, die lange, detailreiche Erzählung zu sticken. Als die Arbeit fertig war, hatte Wilhelm „der Eroberer" (wie er bald genannt wurde) sein Königtum behauptet und gesichert. Viele seiner Soldaten siedelten sich in England an und bildeten eine völlig neue Adelsschicht. Französisch war jetzt nicht nur die Landessprache, sondern auch alle Kultur und Bildung. Die gesamte Verwaltung wurde geordnet: Im sogenannten Domesday Book wurden zu diesem Zweck die Einwohner des Königreichs in einem großen Kataster- und Grundbuch erfaßt. Schließlich übernahm England das Feudalsystem des Kontinents, das heißt die normannischen Ritter und Barone erhielten weite Ländereien und schuldeten dem König dafür Loyalität und Kriegsdienst. Am Ende hatte Wilhelm dem alten England ein neues Gesicht gegeben.