Die Gazette Nr. 6, September 1998:
 
Lewinsky und kein Ende 

The New Yorker berichtete, das Massenblatt Star habe Monica Lewinsky eine Million Dollar für die Exklusivrechte an ihrer Geschichte geboten. Der Verlag HarperCollins ließ sich das nicht gefallen und bot zwei Millionen für ein Buchmanuskript, und ein dritter, ungenannter Verlag angeblich sogar sechs Millionen. Mindestens eine Buchhonorar-Nachricht ist hier dubios: HarperCollins dementierte umgehend. Überhaupt seien Verlage vorsichtiger mit siebenstelligen Zahlen geworden, so Judith Regan, die Leiterin von Regan Books bei HarperCollins, seit man nach ähnlichen Honoraren im Fall von O. J. Simpson fast nur Reinfälle erlebt habe. Sie vermutet vielmehr, daß Marcia Lewis, Monicas Mutter und Autorin eines Buches über das Liebesleben der „3 Tenöre", absichtlich Falschinformationen streut, um die Angebote in die Höhe zu treiben. 
 

Und immer noch kein Ende

Zwei Verlage wollen bereits fünf Tage nach der Erstpublikation der vierhundertfünfundvierzig Seiten des Starr-Berichts im Internet das Ganze als Buch herausbringen: Pocket Books fünfhunderttausend Exemplare für je 5,99 Dollar, und PublicAffairs ein- bis zweihunderttausend Exemplare für je zehn Dollar. Andere Verlage, so Times Books und Bantam Books, sind noch am Überlegen. Stuart Applebaum von Random House (zu dem die beiden Verlage gehören): „Die meisten derartigen Bücher gehen nicht sehr gut. Das darauf eingeschworene Publikum ist zu klein." 
Auf jeden Fall ist der Entschluß zur Publikation erstaunlich: Erst einer, der sich durch Hunderte Seiten Juristen-Englisch hindurchgequält hat, finden dann mal eines der angeblich „saftigen Details". Und das kennt er dann auch schon aus der Presse der letzten Monate. Also wozu die Aufregung? Der Starr-Report bleibt für jeden Voyeur eine arge Enttäuschung. 
 

Letztes Buch: Hemingway

Fünfundzwanzig Jahre lang bekamen nur die Angehörigen, einige Verleger und wenige Literaturwissenschaftler das Manuskript zu Gesicht. Jetzt ist es lektoriert, genauer gesagt: um etwa vierhundert Seiten auf die Hälfte gekürzt, und soll nächstes Jahr bei Simon & Schuster als Buch herauskommen: „True at First Light" von Ernest Heminway. 
Der genaue Erscheinungstermin ist der 21. Juli, der hundertste Geburtstag des Autors (wobei jeder weiß, daß der Termin eigentlich falsch ist: Hemingway 1918 Hemingway machte sich mit der Angabe seines Geburtsjahrs 1899 um ein Jahr älter, als er wirklich war, um als Krankwagenfahrer am Ersten Weltkrieg in Italien teilnehmen zu können; das Foto zeigt ihn nach seiner Verwundung 1918). 
„True at First Light" beschreibt Leoparden- und Löwenjagden, den Aufstand eines afrikanischen Stammes und den Versuch des Autors, bei den Wakamba in Ostafrika zu leben, dabei auch die wahrscheinlich erfundene Hochzeit der damals schon verheirateten Hemingway mit einer achtzehnjährigen Afrikanerin. Der Titel ist einer Passage des Romans entnommen („In Africa a thing is true at first light and a lie by noon"). 
Mit dem Roman hatte Hemingway schon 1954 begonnen, als er aus Afrika nach Kuba zurückkehrte. Zwei Jahre später legte er die unvollendete Arbeit beiseite, als er mit der Verfilmung von „Der alte Mann und das Meer" beschäftigt war, und hat sie bis zu seinem Selbstmord 1961 nicht wieder aufgenommen. 
 

Erstes Buch: Mazarine Pingeot

Frankreich erliegt außer dem Jubel um den WM-Titel derzeit auch einem literarischem Begeisterungstaumel.  Um die hunderttausend Menschen haben in den letzten vier Monaten je einhundertneunundzwanzig französische Francs Mazarine Pingeotausgegeben, und zwar für den „Premier roman" (so der durchaus zutreffende Titel) von Mazarine Pingeot (Foto). Der überraschende Erstlingserfolg, auch für den angesehenen Verlag Juillard, erklärt sich vermutlich auch dadurch, daß die dreiundzwanzigjährige Autorin zufällig die sozusagen morganatische Tochter Mitterands ist. 
Möglicherweise liegt es aber auch an den packenden Beschreibungen („Victor spazierte durch das 12. und das 20. Arrondissement, wo er, wenn er allein war, gern herumging, und wanderte von Bistro zu Bistro, eine Büchertasche über der Schulter. Abends um sieben fing er damit an, indem er von den Espressos zu einem Glas, dann zwei Gläsern  Rotwein überging. Später ging er nach Hause, nachdem er mehrere Seiten des Essays geschrieben hatte, den er fertigzustellen versuchte ..."). 
Möglicherweise auch an den lebensnahen Dialogen: 
„Victor kam ins Bad und umarmte sie. „Ich habe gerade ein phantastisches Mädchen getroffen." 
„Erzähl mir mal was anderes. Sag mir, du hast ein revolutionäres Buch über die Reinheit der Seele geschrieben, ein Kind vor dem Ertrinken gerettet oder deine erste homosexuelle Erfahrung gehabt hast." 
Die seriöse Tageszeitung „Le Monde", in der Person des Literaturredakteurs persönlich, sah darin Parallelen nicht nur zu Françoise Sagan, sondern auch zu Simone de Beauvoir und Marguerite Yourcenar. 
Warum eigentlich nicht auch zu Flaubert und Proust? 
 

Fehlende Seiten im Tagebuch der Anne Frank

Literaturwissenschaftler waren schon immer überzeugt, daß in Anne Franks Tagebuch mehrere Seiten fehlen, insbesondere solche, die sich auf die Ehe ihrer Eltern beziehen. Jetzt weiß man: Annes Vater Otto Frank hat fünf Seiten vor der Veröffentlichung entfernt und sie kurz vor seinem Tod 1980 einem damaligen Angestellten der Amsterdamer Anne-Frank-Stiftung übergeben. Der bis jetzt anonyme Besitzer, fordert die Stiftung, soll ihr nun die Seiten aushändigen, damit sie in die nächste Auflage des Tagebuchs eingearbeitet werde können. 
Es bleibt allerdings unbekannt, wieviele Seiten insgesamt fehlen oder wer sie besitzen könnte. David Barnouw, Historiker am niederländischen Institut für Kriegsdokumentation, hält es für "durchaus möglich", daß noch weitere Tagebuchseiten auftauchen werden. 
In diesem Herbst soll außerdem ein mit Spannung erwartetes Buch erscheinen, das angeblich die Identität der Person enthüllt, die das Dachboden-Versteck der jüdischen Familien im August 1944 an die Nazis verraten hat. 
PS 15. September 
Inzwischen ist das Buch auf dem Markt: Melissa Müller, Das Mädchen Anne Frank, Claassen (448 Seiten, DM 39,90, ISBN 3-546-00151-6). Der Autorin zufolge war es Lena Hartog, die in dem Gebäude als Putzfrau arbeitete. Oder wenigstens fast. „Ich sage nicht, sie war es", kommentiert die Autorin im Interview mit einer holländischen Zeitung, „es wäre vermessen, zu sagen, ich habe die Verräterin gefunden. Aber es gibt so viele Hinweise ..." Die Angeschuldigte kann sich nicht mehr verteidigen, sie ist 1963 gestorben. Und die Spezialisten bleiben skeptisch: „Ich bin nicht überzeugt", sagte Peter Romijn, Niederländisches Staatsinstitut für Kriegsgeschichte, „es sind größtenteils Indizienbeweise." 
 
 

Shakespeare-Theater vor dem Ende?

Adrian Noble, Chef der Royal Shakespeare Society, führte mit dem holländischen Architekten Erick van Egeraat erste Gespräche über ein neues Theatergeäude in Stratford-upon-Avon, dem Geburtsort des Dramatikers. Die Schauspieltruppe fühlt sich in dem alten Gebäude schon seit langem nicht mehr wohl. 
Der siebzigjährige Jugendstil-Bau hat eine gewisse Tradition. Er ist das erste Theater, das von einer Architektin (Elisabeth Scott) entworfen wurde. Und seine Bühne hat so große Schauspieler wie John Gielgud und Sir Laurence Olivier gesehen. 
Dabei ist das Haus - anders als das danebenstehende Swan-Theater - ausgesprochen unbeliebt. „Es heißt hier nur die ‘Marmeladenfabrik’", sagte der Sprecher der Schauspieltruppe am 28. August, „es war nie wirklich ein Einrichtung, die sich für ein Weltklasse-Ensemble ziemt; ein Abriß muß zumindest möglich sein, eine Idee, die diskutiert wird." Begründung: Die Bühne ist zu klein und zu quadratisch, die Hinterbühnen-Ausstattung mickrig und die Sicht für einige hundert Plätze fast verbaut. 
Wenn Schauspieler und Publikum das Theater eigentlich noch nie gemocht haben, dann sollten sie, meinen wir, ein besseres bekommen, auch wenn sich die „Süddeutsche Zeitung" noch so sehr für den nostalgischen Erhalt einsetzt. 
 

Nasser demontiert

Nagib Mahfuz, der ägyptische Romancier und Nobelpreisträger (1988), lebt gern gefährlich. So befürwortete 1979 er den Friedensvertrag zwischen seinem Land und Israel. Das trug ihm ein Todesurteil durch islamische Fundamentalisten ein, ausgesprochen von Sheik Omar Abdel-Rachman, der heute in den USA für geplante Bombenanschläge im Gefängnis sitzt. Mafuz wurde vor seinem Haus von mehreren Attentätern angegriffen und am Nacken und am rechten Arm durch Messerstiche verletzt. 
In seinem neuesten Buch, einer Autobiographie, hat sich der Achtundsechzigjährige nun den Gründungsmythos der ägyptischen Republik vorgenommen. Nassers triumphale Nationalisierung des Suez-Kanals, schreibt er, sei nur in der Propaganda der Medien zu einem Sieg geworden; militärisch habe der Suez-Krieg mit einer Niederlage geendet und das Land in den Konflikt mit dem Supermächten gebracht. Schlimmer noch: Nassers Regime sei ein wirtschaftliches Desaster und die Verweigerung der Demokratie gewesen. 
Das Buch verursachte in den Zeitungen Ägyptens eine schier nationale Debatte, neben einer Welle von Angriffen auf Mafuz auch Lob für die Unerschrockenheit des Autors (er gibt beispielsweise jugendlichen Haschischkonsum ebenso zu wie - unerhört im Islam - außerehelichen Sex). 
In aller Ruhe erklärt er zu dem Aufruhr, er habe über Nasser nichts anderes geschrieben als das, was die meisten Ägypter immer schon dachten. 
 

Dem letzten Gouverneur von Hongkong,

Chris Patten, wurde vor einigen Monaten mit seinem Buchprojekt vom Verlag HarperCollins ziemlich rüde der Stuhl vor die Tür gesetzt, weil der Konzernchef Rupert Murdoch plötzlich kalte Füße bekommen hatte. Er sah durch die bereits verabredete Bucherscheinung seine China-Fernseh-Geschäfte gefährdet, gab nach außen hin allerdings bekannt, er (nicht der zuständige Lektor) habe das Manuskript für „schlecht" befunden. 
Der Verlag Random House, der nun Bertelsmann gehört, fand den Text offentlich nicht so schlecht und übernahm das Manuskript. Am 7. September kommt jetzt „East and West" in die Buchläden. 
Vielleicht hatte Murdoch recht. Der Autor ist tatsächlich nicht sehr chinafreundlich. Er kritisiert in Interviews und in seinem Buch die großen Staaten, China gegenüber „zu weich" zu sein. Gegen Clinton richtet sich der Vorwurf, als erster US-Präsident nach den Tienanmen-Massaker von 1989 China besucht zu haben. Die Welt, sagt Patten, ist besessen vom riesigen Markt China und schließt vor der Verletzung der Menschenrechte die Augen. 
Eine Hongkonger Buchhandlung, Cosmos Books, hat sich nun geweigert, an Pattens Lese- und Promotion-Reise teilzunehmen. Die gewundene Erklärung dazu: „Wir verstehen seine Kritik an China, aber wir wollen nicht, daß unsere Kunden den Eindruck haben, wir stünden auf seiner Seite." 
 

Fontanes Schreibfehler

Der Wanderer durch die Mark Brandenburg stand 1882 auch vor dem Grab Heinrich von Kleists am Wannsee und schrieb sich dessen Todesdatum in sein Notizbuch: „Gest. 21. September 1811". Vermutlich hat er den Monat aus dem Gedächtnis notiert, denn auf dem Grabstein steht der 21. November. Zu dem Schreibfehler Fontanes kommt noch ein zweiter Fehler hinzu, einer auf dem Grabstein selbst: Kleist wurde nicht, wie dort eingraviert, am 10., sondern am 18. Oktober 1777 geboren. 
Als Fontane etwa elf Jahre alt war, schrieb er ein „Geschichten Buch" aus vierundvierzig Blättern voll. In einer ganz und gar eigenwilligen Orthographie und Zeichensetzung, wie der Schluß verrät: „Theodor Fontane hat es aus geschrieben gans allein es ist gewiß war ihr könnt es mir glauben." 
Den falschen und falsch abgeschriebenen Grabstein, das Geschichtenbuch und über tausend andere Fontane-Exponate zeigt eine Ausstellung im Berliner Stadtmuseum ab 11. September. 
 

E-Tinte

Am Media Laboratory des Massachusets Institute of Technologie haben Wissenschaftler jetzt eine Art elektronische Druckerschwärze entwickelt. Sie besteht aus dicht in einzelne Kapseln verpackten Partikeln, die durch elektrische Signale beweglich steuerbar sind. Werden die Partikel nach außen gelenkt, erscheint die Kapsel dunkel, nach innen gelenkt hell (für Fachleute: das Prinzip heißt Elektrophorese). Aus Millionen solcher Kapseln lassen sich nun einzelne Buchstaben zusammensetzen, selbstverständlich auch zeilenweise Wörtern und Sätze, also ganze Buchseiten. 
Die Kapseln lassen sich ohne weiteres auf Papier aufbringen und bleiben auch dann noch lesbar, wenn man das Papier um einen Bleistift wickelt. Auf anderen Oberflächen, etwa Glas, Metall oder Plastik haften sie ebenso gut. 
Einmal auf Papier aufgebracht und mit einer Computersteuerung verknüpft bietet das Verfahren den Vorteil, das sich der Inhalt einer Seite - oder selbst eines ganzen Buches - durch einen Mausklick austauschen läßt. So daß der Leser ein einziges „Buch" mit immer neuen Inhalten füllen könnte. Die Lesbarkeitsqualität entspricht nach Angaben des Instituts etwa dem Zeitungsdruck. 
Noch ist nicht abzusehen, ob die Erfindung eine teure Spielerei wird oder, wie der Sprecher des Media Lab meint, „ein fundamentaler Wandel im Buchdruck". 
 

Unabomber als Autor?

Theodore Kaczynski hatte es bereits nach seiner Verurteilung (Lebenslänglich für sechzehn Briefbomben-Attentate in siebzehn Jahren) angekündigt: Er werde ein Buch schreiben über die Verleumdung seiner guten Absichten durch die Regierung. 
Ende Juni schickte er dem Verlag Simon & Schuster aus dem Gefängnis ein vierseitiges Exposé. Der Verleger Bob Bender lehnte ab: „Ich bezweifle, daß die Welt auf Theodore Kaczynskis Ansichten über Theodore Kaczynski wartet." 
 

Rußland verbietet Nazi-Schrifttum

Der russische Justizminister hob ein Exemplar von Hitlers „Mein Kampf" hoch und sagte wütend: „Es hat sich eine ziemlich seltsame Situation ergeben: Unser Land hat den Faschismus besiegt, aber dann vergeht eine kurze Zeit, und im gleichen Land werden die Bücher von Nazi- und anderen faschistischen Führern frei verkauft. Erst neulich habe ich auf einer Buchausstellung dieses Exemplar gekauft." 
Das auf solche Publikationen eingeschworene Publikum ist bislang eher klein. Sowohl Menschenrechtsgruppen, als auch Neofaschisten in Rußland schätzen die Zahl der Neonazis in Moskau auf etwa viertausend. Viele von ihnen sind junge Skinheads und offen ausländerfeindlich. 
Seit August liegt dem Parlament ein Gesetz vor, das die Einfuhr, Herstellung und Verbreitung nazistischer Symbole, Druckerzeugnisse und Videos verbietet. Man erwartet mit gutem Recht, daß das Gesetz schnell verabschiedet wird. 
Straflos bliebe nach dem Inkrafttreten immer noch der Besitz solcher Materialien, nicht aber die Weitergabe. 
 

Ikea-Gründer war Nazi-Sympathisant

Mitte August erschien in Stockhholm „Die Geschichte von Ikea", geschrieben von einem Ghostwriter über den Ikea-Gründer Ingvar Kamprad. Das Buch enthält zwei Kapitel, in denen der zweiundsiebzigjährige Kamprad recht dubiose Verbindungen eingesteht. 
Schon 1994 hatte eine schwedische Zeitung enthüllt, daß Kamprad sogar nach dem Ende des „Dritten Reichs", zwischen 1945 und 1948, mehrere Neonazi-Versammlungen besucht hatte. Jetzt ist es also amtlich. „Ich habe in meinem Buch alles gesagt, was ich sagen kann", erklärte der Autor auf einer Buchvorstellung, „kann man für solche Dummheit jemals Verzeihung erlangen?" 
 

Supermann und die Juden

Der stählerne Held von Krypton hatte schon einige Katastrophen der Menschheit zu verhindern. Er hat auch schon mal gegen die Nazis gekämpft. Im August-Heft wird er erstmals mit dem Holocaust konfrontiert: Er hilft mit, ein Massengrab für die jüdischen Opfer auszuheben, und steht, offenbar hilflos, vor einer zum Skelett abgemagerten Mutter, die ihrem verhungernden Baby keine Milch mehr geben kann. 
Das alles ist Geschmacksache. Oder genauer: geschmacklos. 
Den Autoren ist allerdings noch ein weiterer Mißgriff unterlaufen. In der ganzen Bildergeschichte kommt das Wort „Jude" nicht ein einziges Mal vor. Man wollte, sagte der Bild-Text-Autor Jon Bogdanovich dazu, „Reizwörter vermeiden" (die offenbar ebenso aufreizenden Wörter „Katholik" und „Deutscher" wurden dabei gleich mitvermieden). 
Kenneth Jacobson von der Anti-Defamation League nannte die Auslassung „empörend" und eine Beleidigung für sechs Millionen jüdische Opfer. Nach der „Reizwort"-Entschuldigung auch durch den Verlag nannte Jacobson die Absicht gut, die Ausführung schlecht: „Man kann sich im Bemühen, niemanden zu beleidigen, derart festfahren, daß man wirklich beleidigt." 
 

Sowas: Eine noch nie gesehene Diana

Es gibt eine Fotografin, die ganz unpaparazzomäßig, mit ausdrücklich königlicher Genehmigung und mit voller Kooperation des Buckingham Palace Lady Diana knipsen durfte, und zwar schon seit 1980: Jayne Fincher. Jetzt hat sie ihrDiana-Buch Lichtbild-Werk, natürlich komplettiert durch royale Anekdoten aus achtzehn Jahren, als Buch herausgebracht. Drei Viertel aller Fotos darin hat die Welt noch nie zu Gesicht bekommen. 
Ein Muß für jeden, der oder die noch nicht genug hat. 
PS 
Ein Hoffnungszeichen ist es immerhin, daß sich für die Londoner Wohnung, in der die „Heroine der Banalität" (DIE ZEIT) vor ihrer Heirat wohnte, nur Schaulustige, aber keinen Käufer zu finden scheint. Das Domizil mit drei Schlafzimmern in Knightsbridge, ein Geburtstagsgeschenk der Eltern zu Dianas Volljährigkeit 1979, ist für 1,3 Millionen Mark noch zu haben. 
 

Ein Gen, das sprachlos macht

Eigentlich hatten wir gerade gelernt, daß nun doch nicht ein einzelnes Gen für ein bestimmtes psychisches Merkmal zuständig ist. Und jetzt müssen wir schon wieder umdenken. Genauer: nicht ganz, nur ein Stück weit. 
Eine britische Studie an Zwillingen (in der Zeitschrift „Nature Neuroscience"), auf der imponierenden Basis von mehr als dreitausend ausgefüllten Elternfragebögen, fand heraus, daß die Sprachlernfähigkeit von Kindern vielleicht doch genetisch bedingt sein könnte. Nur so pauschal ist die Aussage schon wieder falsch. 
Die Aufmerksamkeit der Forscher galt zweijährigen Kindern und ihrem Wortschatz. Im großen und ganzen, so die Wissenschaftler, spielen Gene beim Spracherwerb nur eine marginale Rolle (selbstbewußtes Aufatmen aller Pädagogen). Betrachtet man allerdings die fünf Prozent der Kinder, die nur mit einem geringen Wortschatz oder gar nicht sprechen konnten, so hält Professor Plomin hier in siebzig Prozent der Fälle mehrere Gene für verantwortlich (weil eineiige Zwillinge dieselben Sprachprobleme haben). 
Die schlechte Nachricht für die Eltern: Sie können sich anstrengen, so sehr sie wollen, es hilft nichts. Die gute Nachricht: Sie sind nicht schuld. 
Und Einstein soll ja auch bis zum Alter von drei stumm geblieben sein. 

Das viktorianische Internet

Edison am Telegraphen
Thomas Alva Edison, Meistermorser,  am Telegraphen

Tom Standage zieht in seinem jüngsten Buch „The Victorian Internet" (Weidenfeld & Nicolson, London) heitere und erhellende Parallelen zwischen der Einführung des Telegraphen und dem Internet.
Auch der Telegraph funktionierte erst einmal nicht, und dann nicht sehr schnell: Er war anfangs langsamer als die Seepost. Und doch: Auch der Telegraph erlaubte eine fast zeitgleiche Information und blitzschnelle nachrichten rund um den Erdball, versprach eine Revolution der Arbeitswelt und wurde als Heilsbringer begrüßt, als Schöpfer von „Reichtum, Glück und Brüderlichkeit" auf der ganzen Welt. Auch er wurde nach seinen Kinderkrankheiten begeistert aufgenommen, ein außerordentlich populäres Medium.
Schon damals stieß eine technische Neuerung auf seltsame Laien-Ideen. Viele stellten sich vor, die Drähte seien hohl und in ihrem Innern sausten die Nachrichten wie die Kugeln durch ein Flintenrohr. Als Beweis wurde das Summen der Telegraphendrähte (im Wind) angesehen.
Und noch eine Parallele: Der Telegraph bot auch der Kriminalität unerhörte Möglichkeiten. Eine andere, harmlosere Illegalität war dadurch jedoch unmöglich geworden: die Flucht verfolgter Heiratswilliger nach Greta Green. Wenn sie ankamen, konnten sie nicht mehr heiraten, sondern wurden verhaftet - von der durch ein Telegramm benachrichtigten Polizei.
 

Alte Telefonbücher, neu recycelt

Die Universität von Kansas hat ein Verfahren entwickelt, mit dem die Bodenerosion vermindert und Ernteerträge gesteigert werden können: Ausgediente Telefonbücher werden zermahlen und auf das Ackerland verteilt, fünfundzwanzig Tonnen auf jeden Hektar. Bei einem Pilotversuch in Texas ging die Winderosion des Bodens um 41 Prozent zurück, und die Ernte nahm um 50 Prozent zu, weil das Papier als zusätzlicher Wasserspeicher wirkte.
In diesem Winter soll mit siebzigtausend Telefonbüchern auf Sorghumhirse-Feldern ein größerer Test gestartet werden.
 

Buchzensur: Indien

Die Einfuhr der CD-Version der British Encyclopedia nach Indien ist seit Ende August verboten. Das Verbot betrifft jedoch nicht die gedruckte Ausgabe.
Das ist indes keine Unlogik, sondern nur konsequent. Sobald nämlich ein in Indien angebotenes Buch eine Landkarte enthält, auf der Teile von Kaschmir als zu Pakistan gehörig erscheinen, bringt die Zensurbehörde - in jedem Exemplar - auf der Karte einen warnenden Stempel an, der auf die „falsche" Darstellung hinweist.
Weil das aber bei der CD nicht geht, mußte man den Import eben verbieten. So einfach ist das.
 

Buchzensur: Griechenland

Wenn Griechen über die Spieler oder auch die Fans von Sport-Clubs aus Thessaloniki reden, nennen sie sie gelegentlich scherzhaft „Bulgaren". Den Grund dafür klärt ein Blick auf die Landkarte: Bulgarien liegt gewissermaßen gleich neben der Stadt im Nordosten Griechenlands. So stand das Wort auch in einem neueren Wörterbuch der griechischen Sprache von Professor George Babinios.
Offenbar hat es sich durchgesprochen, daß heutzutage jeder dauernd von irgendetwas beleidigt sein kann. Erwartungsgemäß fühlten sich einige Nordostgriechen durch den Wörterbucheintrag beleidigt, zogen den Professor vor Gericht und gewannen ihren Prozeß. Falls Babinios das Wort aus der zweiten Auflage nicht entfernt (die erste ist schon abverkauft), riskiert er eine Geldstrafe von etwa zehntausend Mark und einen Monat Gefängnis.
 

Nur acht Frauen unter den besten Hundert

Ende Juli gab die Modern Library in den USA die Liste der hundert besten englischsprachigen Romane dieses Jahrhunderts heraus. Und sofort setzte die Kritik ein.
Die Liste - wie übrigens fast alle andern zuvor - beginnt mit „Ulysses" von James Joyce, danach folgen „The Great Gatsby" von F. Scott Fitzgerald, überraschenderweise gleich ein zweiter Joyce („A Portrait of the Artist as a Young Man"), „Lolita", „Brave New World", „The Sound and the Fury", „Catch 22", „Darkness at Noon", „Sons and Lovers" und „The Grapes of Wrath". Faulkner, Henry James und Joseph Conrad sind sogar mit jeweils drei Romanen vertreten.
Erst auf Platz fünfzehn taucht die erste Frau auf: Virginia Woolf mit „To the Lighthouse", auf Platz siebzehn Carson McCullers („The Heart is a Lonely Hunter") und erst reichlich später auch noch ein paar andere, darunter Edith Wharton, Muriel Spark, Elizabeth Bowen und als letzte Iris Murdoch (Platz 95, „Under the Net").
„Wir Frauen", sagte die feministische Buchhändlerin Linda Bubin dazu, „neigen zu der Annahme, wir hätten irgendetwas erreicht; da ist dieser Hinweis ganz angebracht, daß das ganze Establishment unglaublich sexistisch ist."
Bemerkenswert ist insbesondere die Abwesenheit von erfolgreich schreibenden Frauen wie Tony Morrison und Doris Lessing. Christopher Cerf, Mitglied der Jury, beeilte sich denn auch mit der Erklärung, er bedaure das selbst, und überhaupt sei die Liste eher dazu da, eine Diskussion anzuregen. Ja, wenn das so ist. Dann darf man sicher auch darüber diskutieren, warum - bis auf Salman Rushdie („Midnight’s Children") - keine nicht-angelsächsischen Autoren in der Liste zu finden sind.
 

Konzentration im amerikanischen Buchhandel

Im nächsten Jahr entfallen auf nur zwanzig Verlage dreiundneunzig Prozent aller Buchhandelseinnahmen in den USA, wie aus einer soeben veröffentlichten Studie des Verlags Open Book Publishing hervorgeht. Oder, noch zugespitzter: Allein die zehn größten Verlage können mit einem Umsatz von etwa sechzehn Milliarden Dollar rechnen, das sind fünfundsiebzig Prozent des gesamten US-Buchumsatzes.
Weitere Ergebnisse der Studie:
- Der Absatz bei Publikumsbüchern ist 1997 zum ersten Mal seit zehn Jahren leicht um 2,8 Prozent zurückgegangen, beträgt aber immer noch 9,7 Milliarden Dollar.
- Die Buchhandelsketten erscheinen nicht ganz so konzentriert wie die Verlage. Die zehn größten unter ihnen holen sich ein Achtundfünfzig-Prozent-Stück (6,8 Milliarden) aus dem gesamten Kuchen. Bei den kleineren, noch unabhängigen Buchhändlern ist der Umsatzrückgang allerdings beachtlich: Ihr Umsatzanteil ist von zweiunddreißig Prozent (1991) auf 18,5 Prozent (1997) zurückgegangen.
Die Studie („die Bibel des Buchwesens") hat den ehrfurchtgebietenden Preis von sechshundertneunundneunzig Dollar.
 

Amazon.com boomt verlustreich

Die Verkäufe der Internet-Buchhandlung im zweiten Quartal 1998 (einhundertsechzehn Millionen Dollar) lagen um dreihundertsechzehn Prozent über den Verkäufen des Vergleichszeitraums 1997 und um zweiundreißig Prozent über dem Ergebnis des ersten Quartals 1998.
Die Verluste von Amazon.com - verursacht auch durch Aufkäufe anderer Internet-Buchhandelsfirmen - fielen damit geringer aus als befürchtet, liegen aber immer noch bei über einundzwanzig Millionen Dollar im zweiten Quartal 1998.
 

Der ernstgenommene Leser 

Alles, was er für seine Lieblingsbeschäftigung braucht, ja sogar alles, von dem er noch gar nicht wußte, daß er es braucht, findet der professionelle oder auch nur leidenschaftliche Bücherfreund findet im Internet-Shop Levenger (www.levenger.com). Levenger nimmt den Leser allumfassend ernst. Und ausschließlich mit teurer, exklusiver Markenware. Eine winzige Probe aus dem Angebot: Zeitschriftenständer von Arch, Schreibunterlage von Charles H. Numan, Fünfjahreskalender, Levenger-designte Buchbeschwerer, kombinierter Füller-und Kugelschreiber Pilot G-2, eine Roll-Schere, eine Aktentasche eigens für den Sportwagen, aber auch die berühmten Tabla-Lampen („eine Studie in Balance"). 
Edelste Ausführung in jedem Detail. Der für knapp acht Dollar individuell monogrammierbare „Buchhalter", Marke Jahrhundertwende, sieht beispielsweise so formschön aus: 
Buch-Halter

Und zu dem pneumatisch verstellbaren Lesestuhl 
Lesestuhl
erfolgt gleich die „Warnung", er sei so bequem, daß man in seinem „butterweichen" Leder („wie in einem Luxus-Automobil") noch vor dem Ende des ersten Kapitels einschlafen könnte. 
Einfach unglaublich. 
 

Der literarische Kalender

Am 15. September 1891 wird Agatha Christie in Torquay, Devon, geboren.
Am 15. September 1938, knapp einen Monat vor seinem achtunddreißigsten Geburtstag, stirbt Thomas Wolfe in Baltimore, Maryland, an Gehin-Tuberkulose. Auf seinem Grabstein steht ein Selbst-Zitat: „The last voyage, the longest, the best".
Am 16. September 1888 wird Frans Emil Sillanpää (1939 der erste finnische Nobelpreisträger für Literatur) in Hämeenkyrö, Finnland, geboren.
Am 18. September 1917 wird Aldous Huxley als Schulleiter in Eton angestellt. Unter seinen Schülern ist auch Eric Arthur Blaire, der später als George Orwell berühmt wird.
Am 18. September 1980 stirbt Katherine Anne Porter, neunzig Jahre alt, in Silver Spring, Maryland.
Am 19. September 1985 stirbt Italo Calvino in Siena.
Am 20. September 1998 wird Upton Sinclair in Baltimore, Maryland, geboren.
Am 20. September 1923 erscheint im Times Literary Supplement eine anonyme Kritik von T. S. Eliots „The Waste Land": „Er kann nicht länger die Beschränktheit seiner Ausdrucksmittel verhehlen; manchmal kommt er an die Grenzen des sinnvollen Zusammenhangs."
Am 21. September 19 v. Chr. stirbt im Alter von fünfzig Jahren Vergil in Brundisium, nachdem er kurz vorher aus seinem Testament die Verfügung entfernt hat, man solle nach seinem Tod das Manuskript der „Aeneis" verbrennen.
Am 21. September 1866 wird Herbert George Wells („Der Krieg der Welten") in Bromley, Kent, geboren.
Am 22. September 1241 stirbt Snorri Sturluson, der Autor der isländischen Prosa-Edda, in Reykjavik.
Am 23. September heiraten Leo Tolstoi (34) und Sophie Andrejevna Behrs (18). In den nächsten siebzehn Jahren bringt sie dreizehn Kinder zur Welt.
Am 23. September 1973 stirbt Pablo Neruda in Santiago, Chile.
Am 25. September 1897 wird William Faulkner in New Albany, Mississippi, geboren.
Am 26. September 1888 wird T. S. Elliot (Literatur-Nobelpreis 1948) in St. Louis, Missouri, geboren.
Am 26. September 1896 schreibt George Bernhard Shaw in der „Saturday Review": „Ausgenommen Homer gibt es keinen großen Autor, nicht einmal Sir Walter Scott, den ich so ganz und gar verachten kann wie Shakespeare, wenn ich meinen Geist an seinem messe."
Am 27. September 1927 stirbt Hugo Ball, einer der Gründer des Dadaismus, in St. Abbondio, Schweiz.
Am 28. September 1819 protestiert Madame de Staël in einem Brief an Napoleon gegen das Verbot ihres Buches „De l’Allemagne".
Am 29. September 1902 stirbt Émile Zola in Paris an einer Rauchvergiftung wegen eines verstopften Kamins.
Am 30. September 1924 wird Truman Capote in New Orleans geboren.