| Lewinsky und kein Ende
The New Yorker berichtete, das Massenblatt Star habe Monica Lewinsky
eine Million Dollar für die Exklusivrechte an ihrer Geschichte geboten.
Der Verlag HarperCollins ließ sich das nicht gefallen und bot zwei
Millionen für ein Buchmanuskript, und ein dritter, ungenannter Verlag
angeblich sogar sechs Millionen. Mindestens eine Buchhonorar-Nachricht
ist hier dubios: HarperCollins dementierte umgehend. Überhaupt seien
Verlage vorsichtiger mit siebenstelligen Zahlen geworden, so Judith Regan,
die Leiterin von Regan Books bei HarperCollins, seit man nach ähnlichen
Honoraren im Fall von O. J. Simpson fast nur Reinfälle erlebt habe.
Sie vermutet vielmehr, daß Marcia Lewis, Monicas Mutter und Autorin
eines Buches über das Liebesleben der „3 Tenöre", absichtlich
Falschinformationen streut, um die Angebote in die Höhe zu treiben.
Und immer noch kein Ende
Zwei Verlage wollen bereits fünf Tage nach der Erstpublikation
der vierhundertfünfundvierzig Seiten des Starr-Berichts im Internet
das Ganze als Buch herausbringen: Pocket Books fünfhunderttausend
Exemplare für je 5,99 Dollar, und PublicAffairs ein- bis zweihunderttausend
Exemplare für je zehn Dollar. Andere Verlage, so Times Books und Bantam
Books, sind noch am Überlegen. Stuart Applebaum von Random House (zu
dem die beiden Verlage gehören): „Die meisten derartigen Bücher
gehen nicht sehr gut. Das darauf eingeschworene Publikum ist zu klein."
Auf jeden Fall ist der Entschluß zur Publikation erstaunlich:
Erst einer, der sich durch Hunderte Seiten Juristen-Englisch hindurchgequält
hat, finden dann mal eines der angeblich „saftigen Details". Und das kennt
er dann auch schon aus der Presse der letzten Monate. Also wozu die Aufregung?
Der Starr-Report bleibt für jeden Voyeur eine arge Enttäuschung.
Letztes Buch: Hemingway
Fünfundzwanzig Jahre lang bekamen nur die Angehörigen, einige
Verleger und wenige Literaturwissenschaftler das Manuskript zu Gesicht.
Jetzt ist es lektoriert, genauer gesagt: um etwa vierhundert Seiten auf
die Hälfte gekürzt, und soll nächstes Jahr bei Simon &
Schuster als Buch herauskommen: „True at First Light" von Ernest Heminway.
Der genaue Erscheinungstermin ist der 21. Juli, der hundertste Geburtstag
des Autors (wobei jeder weiß, daß der Termin eigentlich falsch
ist:
Hemingway machte sich mit der Angabe seines Geburtsjahrs 1899 um ein Jahr
älter, als er wirklich war, um als Krankwagenfahrer am Ersten Weltkrieg
in Italien teilnehmen zu können; das Foto zeigt ihn nach seiner Verwundung
1918).
„True at First Light" beschreibt Leoparden- und Löwenjagden, den
Aufstand eines afrikanischen Stammes und den Versuch des Autors, bei den
Wakamba in Ostafrika zu leben, dabei auch die wahrscheinlich erfundene
Hochzeit der damals schon verheirateten Hemingway mit einer achtzehnjährigen
Afrikanerin. Der Titel ist einer Passage des Romans entnommen („In Africa
a thing is true at first light and a lie by noon").
Mit dem Roman hatte Hemingway schon 1954 begonnen, als er aus Afrika
nach Kuba zurückkehrte. Zwei Jahre später legte er die unvollendete
Arbeit beiseite, als er mit der Verfilmung von „Der alte Mann und das Meer"
beschäftigt war, und hat sie bis zu seinem Selbstmord 1961 nicht wieder
aufgenommen.
Erstes Buch: Mazarine Pingeot
Frankreich erliegt außer dem Jubel um den WM-Titel derzeit auch
einem literarischem Begeisterungstaumel. Um die hunderttausend Menschen
haben in den letzten vier Monaten je einhundertneunundzwanzig französische
Francs ausgegeben,
und zwar für den „Premier roman" (so der durchaus zutreffende Titel)
von Mazarine Pingeot (Foto). Der überraschende Erstlingserfolg, auch
für den angesehenen Verlag Juillard, erklärt sich vermutlich
auch dadurch, daß die dreiundzwanzigjährige Autorin zufällig
die sozusagen morganatische Tochter Mitterands ist.
Möglicherweise liegt es aber auch an den packenden Beschreibungen
(„Victor spazierte durch das 12. und das 20. Arrondissement, wo er, wenn
er allein war, gern herumging, und wanderte von Bistro zu Bistro, eine
Büchertasche über der Schulter. Abends um sieben fing er damit
an, indem er von den Espressos zu einem Glas, dann zwei Gläsern
Rotwein überging. Später ging er nach Hause, nachdem er mehrere
Seiten des Essays geschrieben hatte, den er fertigzustellen versuchte ...").
Möglicherweise auch an den lebensnahen Dialogen:
„Victor kam ins Bad und umarmte sie. „Ich habe gerade ein phantastisches
Mädchen getroffen."
„Erzähl mir mal was anderes. Sag mir, du hast ein revolutionäres
Buch über die Reinheit der Seele geschrieben, ein Kind vor dem Ertrinken
gerettet oder deine erste homosexuelle Erfahrung gehabt hast."
Die seriöse Tageszeitung „Le Monde", in der Person des Literaturredakteurs
persönlich, sah darin Parallelen nicht nur zu Françoise Sagan,
sondern auch zu Simone de Beauvoir und Marguerite Yourcenar.
Warum eigentlich nicht auch zu Flaubert und Proust?
Fehlende Seiten im Tagebuch der Anne Frank
Literaturwissenschaftler waren schon immer überzeugt, daß
in Anne Franks Tagebuch mehrere Seiten fehlen, insbesondere solche, die
sich auf die Ehe ihrer Eltern beziehen. Jetzt weiß man: Annes Vater
Otto Frank hat fünf Seiten vor der Veröffentlichung entfernt
und sie kurz vor seinem Tod 1980 einem damaligen Angestellten der Amsterdamer
Anne-Frank-Stiftung übergeben. Der bis jetzt anonyme Besitzer, fordert
die Stiftung, soll ihr nun die Seiten aushändigen, damit sie in die
nächste Auflage des Tagebuchs eingearbeitet werde können.
Es bleibt allerdings unbekannt, wieviele Seiten insgesamt fehlen oder
wer sie besitzen könnte. David Barnouw, Historiker am niederländischen
Institut für Kriegsdokumentation, hält es für "durchaus
möglich", daß noch weitere Tagebuchseiten auftauchen werden.
In diesem Herbst soll außerdem ein mit Spannung erwartetes Buch
erscheinen, das angeblich die Identität der Person enthüllt,
die das Dachboden-Versteck der jüdischen Familien im August 1944 an
die Nazis verraten hat.
PS 15. September
Inzwischen ist das Buch auf dem Markt: Melissa Müller, Das Mädchen
Anne Frank, Claassen (448 Seiten, DM 39,90, ISBN 3-546-00151-6). Der Autorin
zufolge war es Lena Hartog, die in dem Gebäude als Putzfrau arbeitete.
Oder wenigstens fast. „Ich sage nicht, sie war es", kommentiert die Autorin
im Interview mit einer holländischen Zeitung, „es wäre vermessen,
zu sagen, ich habe die Verräterin gefunden. Aber es gibt so viele
Hinweise ..." Die Angeschuldigte kann sich nicht mehr verteidigen, sie
ist 1963 gestorben. Und die Spezialisten bleiben skeptisch: „Ich bin nicht
überzeugt", sagte Peter Romijn, Niederländisches Staatsinstitut
für Kriegsgeschichte, „es sind größtenteils Indizienbeweise."
Shakespeare-Theater vor dem Ende?
Adrian Noble, Chef der Royal Shakespeare Society, führte mit dem
holländischen Architekten Erick van Egeraat erste Gespräche über
ein neues Theatergeäude in Stratford-upon-Avon, dem Geburtsort des
Dramatikers. Die Schauspieltruppe fühlt sich in dem alten Gebäude
schon seit langem nicht mehr wohl.
Der siebzigjährige Jugendstil-Bau hat eine gewisse Tradition.
Er ist das erste Theater, das von einer Architektin (Elisabeth Scott) entworfen
wurde. Und seine Bühne hat so große Schauspieler wie John Gielgud
und Sir Laurence Olivier gesehen.
Dabei ist das Haus - anders als das danebenstehende Swan-Theater -
ausgesprochen unbeliebt. „Es heißt hier nur die ‘Marmeladenfabrik’",
sagte der Sprecher der Schauspieltruppe am 28. August, „es war nie wirklich
ein Einrichtung, die sich für ein Weltklasse-Ensemble ziemt; ein Abriß
muß zumindest möglich sein, eine Idee, die diskutiert wird."
Begründung: Die Bühne ist zu klein und zu quadratisch, die Hinterbühnen-Ausstattung
mickrig und die Sicht für einige hundert Plätze fast verbaut.
Wenn Schauspieler und Publikum das Theater eigentlich noch nie gemocht
haben, dann sollten sie, meinen wir, ein besseres bekommen, auch wenn sich
die „Süddeutsche Zeitung" noch so sehr für den nostalgischen
Erhalt einsetzt.
Nasser demontiert
Nagib Mahfuz, der ägyptische Romancier und Nobelpreisträger
(1988), lebt gern gefährlich. So befürwortete 1979 er den Friedensvertrag
zwischen seinem Land und Israel. Das trug ihm ein Todesurteil durch islamische
Fundamentalisten ein, ausgesprochen von Sheik Omar Abdel-Rachman, der heute
in den USA für geplante Bombenanschläge im Gefängnis sitzt.
Mafuz wurde vor seinem Haus von mehreren Attentätern angegriffen und
am Nacken und am rechten Arm durch Messerstiche verletzt.
In seinem neuesten Buch, einer Autobiographie, hat sich der Achtundsechzigjährige
nun den Gründungsmythos der ägyptischen Republik vorgenommen.
Nassers triumphale Nationalisierung des Suez-Kanals, schreibt er, sei nur
in der Propaganda der Medien zu einem Sieg geworden; militärisch habe
der Suez-Krieg mit einer Niederlage geendet und das Land in den Konflikt
mit dem Supermächten gebracht. Schlimmer noch: Nassers Regime sei
ein wirtschaftliches Desaster und die Verweigerung der Demokratie gewesen.
Das Buch verursachte in den Zeitungen Ägyptens eine schier nationale
Debatte, neben einer Welle von Angriffen auf Mafuz auch Lob für die
Unerschrockenheit des Autors (er gibt beispielsweise jugendlichen Haschischkonsum
ebenso zu wie - unerhört im Islam - außerehelichen Sex).
In aller Ruhe erklärt er zu dem Aufruhr, er habe über Nasser
nichts anderes geschrieben als das, was die meisten Ägypter immer
schon
dachten.
Dem letzten Gouverneur von Hongkong,
Chris Patten, wurde vor einigen Monaten mit seinem Buchprojekt vom Verlag
HarperCollins ziemlich rüde der Stuhl vor die Tür gesetzt, weil
der Konzernchef Rupert Murdoch plötzlich kalte Füße bekommen
hatte. Er sah durch die bereits verabredete Bucherscheinung seine China-Fernseh-Geschäfte
gefährdet, gab nach außen hin allerdings bekannt, er (nicht
der zuständige Lektor) habe das Manuskript für „schlecht" befunden.
Der Verlag Random House, der nun Bertelsmann gehört, fand den
Text offentlich nicht so schlecht und übernahm das Manuskript. Am
7. September kommt jetzt „East and West" in die Buchläden.
Vielleicht hatte Murdoch recht. Der Autor ist tatsächlich nicht
sehr chinafreundlich. Er kritisiert in Interviews und in seinem Buch die
großen Staaten, China gegenüber „zu weich" zu sein. Gegen Clinton
richtet sich der Vorwurf, als erster US-Präsident nach den Tienanmen-Massaker
von 1989 China besucht zu haben. Die Welt, sagt Patten, ist besessen vom
riesigen Markt China und schließt vor der Verletzung der Menschenrechte
die Augen.
Eine Hongkonger Buchhandlung, Cosmos Books, hat sich nun geweigert,
an Pattens Lese- und Promotion-Reise teilzunehmen. Die gewundene Erklärung
dazu: „Wir verstehen seine Kritik an China, aber wir wollen nicht, daß
unsere Kunden den Eindruck haben, wir stünden auf seiner Seite."
Fontanes Schreibfehler
Der Wanderer durch die Mark Brandenburg stand 1882 auch vor dem Grab
Heinrich von Kleists am Wannsee und schrieb sich dessen Todesdatum in sein
Notizbuch: „Gest. 21. September 1811". Vermutlich hat er den Monat aus
dem Gedächtnis notiert, denn auf dem Grabstein steht der 21. November.
Zu dem Schreibfehler Fontanes kommt noch ein zweiter Fehler hinzu, einer
auf dem Grabstein selbst: Kleist wurde nicht, wie dort eingraviert, am
10., sondern am 18. Oktober 1777 geboren.
Als Fontane etwa elf Jahre alt war, schrieb er ein „Geschichten Buch"
aus vierundvierzig Blättern voll. In einer ganz und gar eigenwilligen
Orthographie und Zeichensetzung, wie der Schluß verrät: „Theodor
Fontane hat es aus geschrieben gans allein es ist gewiß war ihr könnt
es mir glauben."
Den falschen und falsch abgeschriebenen Grabstein, das Geschichtenbuch
und über tausend andere Fontane-Exponate zeigt eine Ausstellung im
Berliner Stadtmuseum ab 11. September.
E-Tinte
Am Media Laboratory des Massachusets Institute of Technologie haben
Wissenschaftler jetzt eine Art elektronische Druckerschwärze entwickelt.
Sie besteht aus dicht in einzelne Kapseln verpackten Partikeln, die durch
elektrische Signale beweglich steuerbar sind. Werden die Partikel nach
außen gelenkt, erscheint die Kapsel dunkel, nach innen gelenkt hell
(für Fachleute: das Prinzip heißt Elektrophorese). Aus Millionen
solcher Kapseln lassen sich nun einzelne Buchstaben zusammensetzen, selbstverständlich
auch zeilenweise Wörtern und Sätze, also ganze Buchseiten.
Die Kapseln lassen sich ohne weiteres auf Papier aufbringen und bleiben
auch dann noch lesbar, wenn man das Papier um einen Bleistift wickelt.
Auf anderen Oberflächen, etwa Glas, Metall oder Plastik haften sie
ebenso gut.
Einmal auf Papier aufgebracht und mit einer Computersteuerung verknüpft
bietet das Verfahren den Vorteil, das sich der Inhalt einer Seite - oder
selbst eines ganzen Buches - durch einen Mausklick austauschen läßt.
So daß der Leser ein einziges „Buch" mit immer neuen Inhalten füllen
könnte. Die Lesbarkeitsqualität entspricht nach Angaben des Instituts
etwa dem Zeitungsdruck.
Noch ist nicht abzusehen, ob die Erfindung eine teure Spielerei wird
oder, wie der Sprecher des Media Lab meint, „ein fundamentaler Wandel im
Buchdruck".
Unabomber als Autor?
Theodore Kaczynski hatte es bereits nach seiner Verurteilung (Lebenslänglich
für sechzehn Briefbomben-Attentate in siebzehn Jahren) angekündigt:
Er werde ein Buch schreiben über die Verleumdung seiner guten Absichten
durch die Regierung.
Ende Juni schickte er dem Verlag Simon & Schuster aus dem Gefängnis
ein vierseitiges Exposé. Der Verleger Bob Bender lehnte ab: „Ich
bezweifle, daß die Welt auf Theodore Kaczynskis Ansichten über
Theodore Kaczynski wartet."
Rußland verbietet Nazi-Schrifttum
Der russische Justizminister hob ein Exemplar von Hitlers „Mein Kampf"
hoch und sagte wütend: „Es hat sich eine ziemlich seltsame Situation
ergeben: Unser Land hat den Faschismus besiegt, aber dann vergeht eine
kurze Zeit, und im gleichen Land werden die Bücher von Nazi- und anderen
faschistischen Führern frei verkauft. Erst neulich habe ich auf einer
Buchausstellung dieses Exemplar gekauft."
Das auf solche Publikationen eingeschworene Publikum ist bislang eher
klein. Sowohl Menschenrechtsgruppen, als auch Neofaschisten in Rußland
schätzen die Zahl der Neonazis in Moskau auf etwa viertausend. Viele
von ihnen sind junge Skinheads und offen ausländerfeindlich.
Seit August liegt dem Parlament ein Gesetz vor, das die Einfuhr, Herstellung
und Verbreitung nazistischer Symbole, Druckerzeugnisse und Videos verbietet.
Man erwartet mit gutem Recht, daß das Gesetz schnell verabschiedet
wird.
Straflos bliebe nach dem Inkrafttreten immer noch der Besitz solcher
Materialien, nicht aber die Weitergabe.
Ikea-Gründer war Nazi-Sympathisant
Mitte August erschien in Stockhholm „Die Geschichte von Ikea", geschrieben
von einem Ghostwriter über den Ikea-Gründer Ingvar Kamprad. Das
Buch enthält zwei Kapitel, in denen der zweiundsiebzigjährige
Kamprad recht dubiose Verbindungen eingesteht.
Schon 1994 hatte eine schwedische Zeitung enthüllt, daß
Kamprad sogar nach dem Ende des „Dritten Reichs", zwischen 1945 und 1948,
mehrere Neonazi-Versammlungen besucht hatte. Jetzt ist es also amtlich.
„Ich habe in meinem Buch alles gesagt, was ich sagen kann", erklärte
der Autor auf einer Buchvorstellung, „kann man für solche Dummheit
jemals Verzeihung erlangen?"
Supermann und die Juden
Der stählerne Held von Krypton hatte schon einige Katastrophen
der Menschheit zu verhindern. Er hat auch schon mal gegen die Nazis gekämpft.
Im August-Heft wird er erstmals mit dem Holocaust konfrontiert: Er hilft
mit, ein Massengrab für die jüdischen Opfer auszuheben, und steht,
offenbar hilflos, vor einer zum Skelett abgemagerten Mutter, die ihrem
verhungernden Baby keine Milch mehr geben kann.
Das alles ist Geschmacksache. Oder genauer: geschmacklos.
Den Autoren ist allerdings noch ein weiterer Mißgriff unterlaufen.
In der ganzen Bildergeschichte kommt das Wort „Jude" nicht ein einziges
Mal vor. Man wollte, sagte der Bild-Text-Autor Jon Bogdanovich dazu, „Reizwörter
vermeiden" (die offenbar ebenso aufreizenden Wörter „Katholik" und
„Deutscher" wurden dabei gleich mitvermieden).
Kenneth Jacobson von der Anti-Defamation League nannte die Auslassung
„empörend" und eine Beleidigung für sechs Millionen jüdische
Opfer. Nach der „Reizwort"-Entschuldigung auch durch den Verlag nannte
Jacobson die Absicht gut, die Ausführung schlecht: „Man kann sich
im Bemühen, niemanden zu beleidigen, derart festfahren, daß
man wirklich beleidigt."
Sowas: Eine noch nie gesehene Diana
Es gibt eine Fotografin, die ganz unpaparazzomäßig, mit ausdrücklich
königlicher Genehmigung und mit voller Kooperation des Buckingham
Palace Lady Diana knipsen durfte, und zwar schon seit 1980: Jayne Fincher.
Jetzt hat sie ihr
Lichtbild-Werk, natürlich komplettiert durch royale Anekdoten aus
achtzehn Jahren, als Buch herausgebracht. Drei Viertel aller Fotos darin
hat die Welt noch nie zu Gesicht bekommen.
Ein Muß für jeden, der oder die noch nicht genug hat.
PS
Ein Hoffnungszeichen ist es immerhin, daß sich für die Londoner
Wohnung, in der die „Heroine der Banalität" (DIE ZEIT) vor ihrer Heirat
wohnte, nur Schaulustige, aber keinen Käufer zu finden scheint. Das
Domizil mit drei Schlafzimmern in Knightsbridge, ein Geburtstagsgeschenk
der Eltern zu Dianas Volljährigkeit 1979, ist für 1,3 Millionen
Mark noch zu haben.
Ein Gen, das sprachlos macht
Eigentlich hatten wir gerade gelernt, daß nun doch nicht ein einzelnes
Gen für ein bestimmtes psychisches Merkmal zuständig ist. Und
jetzt müssen wir schon wieder umdenken. Genauer: nicht ganz, nur ein
Stück weit.
Eine britische Studie an Zwillingen (in der Zeitschrift „Nature Neuroscience"),
auf der imponierenden Basis von mehr als dreitausend ausgefüllten
Elternfragebögen, fand heraus, daß die Sprachlernfähigkeit
von Kindern vielleicht doch genetisch bedingt sein könnte. Nur so
pauschal ist die Aussage schon wieder falsch.
Die Aufmerksamkeit der Forscher galt zweijährigen Kindern und
ihrem Wortschatz. Im großen und ganzen, so die Wissenschaftler, spielen
Gene beim Spracherwerb nur eine marginale Rolle (selbstbewußtes Aufatmen
aller Pädagogen). Betrachtet man allerdings die fünf Prozent
der Kinder, die nur mit einem geringen Wortschatz oder gar nicht sprechen
konnten, so hält Professor Plomin hier in siebzig Prozent der Fälle
mehrere Gene für verantwortlich (weil eineiige Zwillinge dieselben
Sprachprobleme haben).
Die schlechte Nachricht für die Eltern: Sie können sich anstrengen,
so sehr sie wollen, es hilft nichts. Die gute Nachricht: Sie sind nicht
schuld.
Und Einstein soll ja auch bis zum Alter von drei stumm geblieben sein.
 
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Das viktorianische
Internet
Thomas Alva Edison, Meistermorser, am Telegraphen
Tom Standage zieht in seinem jüngsten Buch „The Victorian
Internet" (Weidenfeld & Nicolson, London) heitere und erhellende Parallelen
zwischen der Einführung des Telegraphen und dem Internet.
Auch der Telegraph funktionierte erst einmal nicht, und
dann nicht sehr schnell: Er war anfangs langsamer als die Seepost. Und
doch: Auch der Telegraph erlaubte eine fast zeitgleiche Information und
blitzschnelle nachrichten rund um den Erdball, versprach eine Revolution
der Arbeitswelt und wurde als Heilsbringer begrüßt, als Schöpfer
von „Reichtum, Glück und Brüderlichkeit" auf der ganzen Welt.
Auch er wurde nach seinen Kinderkrankheiten begeistert aufgenommen, ein
außerordentlich populäres Medium.
Schon damals stieß eine technische Neuerung auf
seltsame Laien-Ideen. Viele stellten sich vor, die Drähte seien hohl
und in ihrem Innern sausten die Nachrichten wie die Kugeln durch ein Flintenrohr.
Als Beweis wurde das Summen der Telegraphendrähte (im Wind) angesehen.
Und noch eine Parallele: Der Telegraph bot auch der Kriminalität
unerhörte Möglichkeiten. Eine andere, harmlosere Illegalität
war dadurch jedoch unmöglich geworden: die Flucht verfolgter Heiratswilliger
nach Greta Green. Wenn sie ankamen, konnten sie nicht mehr heiraten, sondern
wurden verhaftet - von der durch ein Telegramm benachrichtigten Polizei.
Alte Telefonbücher, neu recycelt
Die Universität von Kansas hat ein Verfahren entwickelt,
mit dem die Bodenerosion vermindert und Ernteerträge gesteigert werden
können: Ausgediente Telefonbücher werden zermahlen und auf das
Ackerland verteilt, fünfundzwanzig Tonnen auf jeden Hektar. Bei einem
Pilotversuch in Texas ging die Winderosion des Bodens um 41 Prozent zurück,
und die Ernte nahm um 50 Prozent zu, weil das Papier als zusätzlicher
Wasserspeicher wirkte.
In diesem Winter soll mit siebzigtausend Telefonbüchern
auf Sorghumhirse-Feldern ein größerer Test gestartet werden.
Buchzensur: Indien
Die Einfuhr der CD-Version der British Encyclopedia nach
Indien ist seit Ende August verboten. Das Verbot betrifft jedoch nicht
die gedruckte Ausgabe.
Das ist indes keine Unlogik, sondern nur konsequent.
Sobald nämlich ein in Indien angebotenes Buch eine Landkarte enthält,
auf der Teile von Kaschmir als zu Pakistan gehörig erscheinen, bringt
die Zensurbehörde - in jedem Exemplar - auf der Karte einen warnenden
Stempel an, der auf die „falsche" Darstellung hinweist.
Weil das aber bei der CD nicht geht, mußte man
den Import eben verbieten. So einfach ist das.
Buchzensur: Griechenland
Wenn Griechen über die Spieler oder auch die Fans
von Sport-Clubs aus Thessaloniki reden, nennen sie sie gelegentlich scherzhaft
„Bulgaren". Den Grund dafür klärt ein Blick auf die Landkarte:
Bulgarien liegt gewissermaßen gleich neben der Stadt im Nordosten
Griechenlands. So stand das Wort auch in einem neueren Wörterbuch
der griechischen Sprache von Professor George Babinios.
Offenbar hat es sich durchgesprochen, daß heutzutage
jeder dauernd von irgendetwas beleidigt sein kann. Erwartungsgemäß
fühlten sich einige Nordostgriechen durch den Wörterbucheintrag
beleidigt, zogen den Professor vor Gericht und gewannen ihren Prozeß.
Falls Babinios das Wort aus der zweiten Auflage nicht entfernt (die erste
ist schon abverkauft), riskiert er eine Geldstrafe von etwa zehntausend
Mark und einen Monat Gefängnis.
Nur acht Frauen unter den besten Hundert
Ende Juli gab die Modern Library in den USA die Liste
der hundert besten englischsprachigen Romane dieses Jahrhunderts heraus.
Und sofort setzte die Kritik ein.
Die Liste - wie übrigens fast alle andern zuvor
- beginnt mit „Ulysses" von James Joyce, danach folgen „The Great Gatsby"
von F. Scott Fitzgerald, überraschenderweise gleich ein zweiter Joyce
(„A Portrait of the Artist as a Young Man"), „Lolita", „Brave New World",
„The Sound and the Fury", „Catch 22", „Darkness at Noon", „Sons and Lovers"
und „The Grapes of Wrath". Faulkner, Henry James und Joseph Conrad sind
sogar mit jeweils drei Romanen vertreten.
Erst auf Platz fünfzehn taucht die erste Frau auf:
Virginia Woolf mit „To the Lighthouse", auf Platz siebzehn Carson McCullers
(„The Heart is a Lonely Hunter") und erst reichlich später auch noch
ein paar andere, darunter Edith Wharton, Muriel Spark, Elizabeth Bowen
und als letzte Iris Murdoch (Platz 95, „Under the Net").
„Wir Frauen", sagte die feministische Buchhändlerin
Linda Bubin dazu, „neigen zu der Annahme, wir hätten irgendetwas erreicht;
da ist dieser Hinweis ganz angebracht, daß das ganze Establishment
unglaublich sexistisch ist."
Bemerkenswert ist insbesondere die Abwesenheit von erfolgreich
schreibenden Frauen wie Tony Morrison und Doris Lessing. Christopher Cerf,
Mitglied der Jury, beeilte sich denn auch mit der Erklärung, er bedaure
das selbst, und überhaupt sei die Liste eher dazu da, eine Diskussion
anzuregen. Ja, wenn das so ist. Dann darf man sicher auch darüber
diskutieren, warum - bis auf Salman Rushdie („Midnight’s Children") - keine
nicht-angelsächsischen Autoren in der Liste zu finden sind.
Konzentration im amerikanischen Buchhandel
Im nächsten Jahr entfallen auf nur zwanzig Verlage
dreiundneunzig Prozent aller Buchhandelseinnahmen in den USA, wie aus einer
soeben veröffentlichten Studie des Verlags Open Book Publishing hervorgeht.
Oder, noch zugespitzter: Allein die zehn größten Verlage können
mit einem Umsatz von etwa sechzehn Milliarden Dollar rechnen, das sind
fünfundsiebzig Prozent des gesamten US-Buchumsatzes.
Weitere Ergebnisse der Studie:
- Der Absatz bei Publikumsbüchern ist 1997 zum ersten
Mal seit zehn Jahren leicht um 2,8 Prozent zurückgegangen, beträgt
aber immer noch 9,7 Milliarden Dollar.
- Die Buchhandelsketten erscheinen nicht ganz so konzentriert
wie die Verlage. Die zehn größten unter ihnen holen sich ein
Achtundfünfzig-Prozent-Stück (6,8 Milliarden) aus dem gesamten
Kuchen. Bei den kleineren, noch unabhängigen Buchhändlern ist
der Umsatzrückgang allerdings beachtlich: Ihr Umsatzanteil ist von
zweiunddreißig Prozent (1991) auf 18,5 Prozent (1997) zurückgegangen.
Die Studie („die Bibel des Buchwesens") hat den ehrfurchtgebietenden
Preis von sechshundertneunundneunzig Dollar.
Amazon.com boomt verlustreich
Die Verkäufe der Internet-Buchhandlung im zweiten
Quartal 1998 (einhundertsechzehn Millionen Dollar) lagen um dreihundertsechzehn
Prozent über den Verkäufen des Vergleichszeitraums 1997 und um
zweiundreißig Prozent über dem Ergebnis des ersten Quartals
1998.
Die Verluste von Amazon.com - verursacht auch durch Aufkäufe
anderer Internet-Buchhandelsfirmen - fielen damit geringer aus als befürchtet,
liegen aber immer noch bei über einundzwanzig Millionen Dollar im
zweiten Quartal 1998.
Der ernstgenommene Leser
Alles, was er für seine Lieblingsbeschäftigung
braucht, ja sogar alles, von dem er noch gar nicht wußte, daß
er es braucht, findet der professionelle oder auch nur leidenschaftliche
Bücherfreund findet im Internet-Shop Levenger (www.levenger.com).
Levenger nimmt den Leser allumfassend ernst. Und ausschließlich mit
teurer, exklusiver Markenware. Eine winzige Probe aus dem Angebot: Zeitschriftenständer
von Arch, Schreibunterlage von Charles H. Numan, Fünfjahreskalender,
Levenger-designte Buchbeschwerer, kombinierter Füller-und Kugelschreiber
Pilot G-2, eine Roll-Schere, eine Aktentasche eigens für den Sportwagen,
aber auch die berühmten Tabla-Lampen („eine Studie in Balance").
Edelste Ausführung in jedem Detail. Der für
knapp acht Dollar individuell monogrammierbare „Buchhalter", Marke Jahrhundertwende,
sieht beispielsweise so formschön aus:
Und zu dem pneumatisch verstellbaren Lesestuhl
erfolgt gleich die „Warnung", er sei so bequem, daß
man in seinem „butterweichen" Leder („wie in einem Luxus-Automobil") noch
vor dem Ende des ersten Kapitels einschlafen könnte.
Einfach unglaublich.
Der literarische Kalender
Am 15. September 1891 wird Agatha
Christie in Torquay, Devon, geboren.
Am 15. September 1938, knapp einen Monat vor seinem achtunddreißigsten
Geburtstag, stirbt Thomas Wolfe in
Baltimore, Maryland, an Gehin-Tuberkulose. Auf seinem Grabstein steht ein
Selbst-Zitat: „The last voyage, the longest, the best".
Am 16. September 1888 wird Frans
Emil Sillanpää (1939 der erste finnische Nobelpreisträger
für Literatur) in Hämeenkyrö, Finnland, geboren.
Am 18. September 1917 wird Aldous
Huxley als Schulleiter in Eton angestellt. Unter seinen Schülern
ist auch Eric Arthur Blaire, der später als George
Orwell berühmt wird.
Am 18. September 1980 stirbt Katherine
Anne Porter, neunzig Jahre alt, in Silver Spring, Maryland.
Am 19. September 1985 stirbt Italo Calvino in Siena.
Am 20. September 1998 wird Upton
Sinclair in Baltimore, Maryland, geboren.
Am 20. September 1923 erscheint im Times Literary Supplement
eine anonyme Kritik von T. S. Eliots
„The Waste Land": „Er kann nicht länger die Beschränktheit seiner
Ausdrucksmittel verhehlen; manchmal kommt er an die Grenzen des sinnvollen
Zusammenhangs."
Am 21. September 19 v. Chr. stirbt im Alter von fünfzig
Jahren Vergil in Brundisium, nachdem
er kurz vorher aus seinem Testament die Verfügung entfernt hat, man
solle nach seinem Tod das Manuskript der „Aeneis" verbrennen.
Am 21. September 1866 wird Herbert
George Wells („Der Krieg der Welten") in Bromley, Kent, geboren.
Am 22. September 1241 stirbt Snorri
Sturluson, der Autor der isländischen Prosa-Edda, in Reykjavik.
Am 23. September heiraten Leo
Tolstoi (34) und Sophie Andrejevna Behrs (18). In den nächsten
siebzehn Jahren bringt sie dreizehn Kinder zur Welt.
Am 23. September 1973 stirbt Pablo
Neruda in Santiago, Chile.
Am 25. September 1897 wird William
Faulkner in New Albany, Mississippi, geboren.
Am 26. September 1888 wird T.
S. Elliot (Literatur-Nobelpreis 1948) in St. Louis, Missouri,
geboren.
Am 26. September 1896 schreibt George Bernhard
Shaw in der „Saturday Review": „Ausgenommen Homer gibt es keinen
großen Autor, nicht einmal Sir Walter Scott, den ich so ganz und
gar verachten kann wie Shakespeare, wenn ich meinen Geist an seinem messe."
Am 27. September 1927 stirbt Hugo
Ball, einer der Gründer des Dadaismus, in St. Abbondio,
Schweiz.
Am 28. September 1819 protestiert Madame
de Staël in einem Brief an Napoleon gegen das Verbot ihres
Buches „De l’Allemagne".
Am 29. September 1902 stirbt Émile
Zola in Paris an einer Rauchvergiftung wegen eines verstopften
Kamins.
Am 30. September 1924 wird Truman
Capote in New Orleans geboren.
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