Die
Gazette Nr. 6, September 1998:
Marginalie
Kein Vergleich
von Thomas Mägerlein
Spieler 1: Mein Teekesselchen ist der Regierungschef eines mächtigen
Staates.
Spieler 2: Mein Teekesselchen ist sogar Staats- und Regierungschef
eines noch viel mächtigeren Staates.
Moderator: Ein sehr schöner, sehr gelungener Einstieg, der schon
richtig gespannt macht, wies weitergeht, bloß solltet ihr vielleicht
ein Stück weit aufpassen, daß ihr nicht gegeneinander -, ja,
also, quasi konkurriert, ja?
S1: Alles klar. Also: Meiner glaubt noch richtig an geistige Werte,
an die Familie und so.
S2: Meiner auch.
S1: Meiner glaubt sogar an Gottt, sagt er wenigstens immer.
S2: Meiner auch.
Mo: Das wird aber jetzt schon ein wenig unoriginell, muß ich
mal sagen. Habt ihr denn nicht was sozusagen Konkreteres, was eure Teekesselchen
irgendwie schärfer profiliert?
S 1: Meiner hat ein Verhältnis mit einer Untergebenen.
Zuschauer 1: Ein sexuelles?
S 2: Meiner hat auch ein Verhältnis mit einer Untergebenen, wenn
nicht mit mehreren -
S 1: Stimmt ja gar nicht mehr.
S 2: Na schön, aber jedenfalls, hatte er mal eins, man kriegt
das ja immer nur so ratenweise mit.
S1: Bei meinem weiß es, wenn ich mal ganz ehrlich sein soll,
auch keiner so ganz genau.
S2: Aber über meinen und diese -, diese Sache schreiben alle Zeitungen,
und im Fernsehen ist das auch die ganze Zeit.
Z1: Ich habs, ich habs: Mitterand!
Z2: Nein, ganz falsch. Mao Tsetung isses!
Z1: Der ist doch schon längst tot.
Z2: Mitterand genauso.
Mo: Prächtig, prächtig, die Stimmung läuft sich warm,
geradezu rege, dieses Mitmachen, aber Mobutu ist es, wenn ich das so deutlich
sagen darf, wirklich nicht.
Z2: Aber Mitterand auch nicht.
S2: Stimmt.
Mo: Jetzt hör mal zu: Die Ansage, was hier stimmt oder nicht stimmt,
mache ich, klar?
S2: Ok, ok. Kann ich dann weitermachen? Also: Meiner hat sich bei seinen
Landsleuten für seine Mißgriffe entschuldigt.
Mo: „Mißgriffe" ist sehr fein gesagt.
Z3: Yamamoto! Oder so ähnlich. Auf jeden Fall Japan. Richtig?
Mo: Nicht ganz. Tut mir echt leid.
S1: Meiner macht das immer ganz unauffällig, so nebenberuflich
halt, und mit der Familie geht das auch ganz gut zusammen, glaubt er ja
auch fest dran, wie gesagt.
S2: Aber meiner war wenigstens ehrlich.
S1: Ist meiner auch, wenn es eh alle wissen.
S2: Ja, ja, und keiner darüber redet.
S1: Hier gibts eben noch so was wie Rücksicht.
Mo: Könnten wir dazu auch „Anstand" sagen?
Z4: Oder vielleicht „Moral"?
Z1: Das geht mir jetzt aber zu weit. Was soll denn moralisch daran
sein, wenn einer, wenn ihm gerade danach ist, seine - sagen wir mal - Sekretärin
...
Mo: Darf ich mich da kurz einmischen? Eine derartige Wertediskussion
hatten wir hier eigentlich nicht vor. Überhaupt, liebe Zuschauer,
scheinen mir beide Teekessel etwas aus dem Ruder gelaufen zu sein, wenn
Sie wissen, was ich meine. Machen wir hier also lieber mal Schluß.
Ich muß zugeben, das Spielchen ist ein bißchen unbefriedigend
zu Ende gegangen.