Die Gazette Nr. 6, September 1998:

Lyrik
 
Wilfried Schröder 

Vom Rand der Karawane her

An Gesängen und Lichtern erkannte er 
die nächtige Rast, den gesicherten Kreis. 
Da legte er sich an den Rand. 

Jetzt glimmt dir von dorther ein Feuer 
herüber zur Mitte des Lagers, 
geduckt nur und einzelhaft schwach; 
auch Funkenflug ist nicht zu fürchten. 

Einzig, dass etwa der Wind 
durchsichtigen Rauch triebe hin 
auch in das Zelt meiner Fahne, 
wo deine Augen noch dürsten 
nach Schlaf. 

Doch der Bewegung des Windes 
und Richtung gebietet der nicht, 
der aufwirbeln würde als Asche, 
zerträte wer achtlos die Glut. 

Darum also nimm hin 
den lautlos zudringlichen Rauch 
in den Augen im Zelt mit der Fahne: 
Zulässig gelt’ er als Preis 
dir an der Spitze des Zuges, 
der aufbricht jeglichen Morgen 
auf einen Horizont zu, 

der rauchlos 
flammt.

Biographischer Hintergrund

Das Gedicht verfremdet und chiffriert eine reale Lebenssituation von mir, in deren Mittelpunkt eine konkrete Frau stand: die Schauspielerin K. P.; Süditroler Geblüts, war sie ein alpenländisch-mediterraner Typus, zäh und zart, mit dunkel funkelnden Augen und lang herabfallendem Haar. Bis vor einigen Jahren gehörte sie mit Shakespeare-, Brecht- und anderen Hauptrollen zur Darsteller-Elite des Münchner Theaterlebens. Ich glühte in vielen Inszenierungen vor Begeisterung für ihre wunderbar bewegende Kunst - und schließlich auch für sie als Frau, schwärmerisch wie ein Primaner, mit meinen 62.

Mit behutsamen Briefen, sorgfältig komponierten Sträußen und Gedichten warb ich darum, sie einmal einfach sprechen zu dürfen, bei einem Cappuccino in der Stadt. K. P. reagierte mit beharrlichem Schweigen. Zu dieser Zeit entstand das Gedicht.

Es imaginiert eine Nachtszene aus einer Vergangenheit, als noch Komödianten, Gaukler, Artisten und dergleichen Landfahrer von Nachtlager zu Nachtlager zogen. Auf ein solches treffe ich absichtslos - „erkenne" sogleich K. P. als Zentrum ihres Trupps, als seine geheimnisvoll-leidenschaftliche Anführerin. Demütig bescheide ich mich damit, ein kleines Feuer am Rand zu entfachen, von dem keine Gefahr eines Funkenflugs ausgeht. Aber daß der Wind ein wenig vom Rauch des Feuers in ihre Augen treibt (zum Beispiel in Gestalt dieses Gedichts), erfüllt mich mit wehmütigem Glück („Rauchzeichen", Botschaften über Fernen hinweg).

Der Schluß des Gedichts spricht davon, daß K. P. nicht nur die Vertraute der Nacht ist, sondern auch die Bezwingerin der „rauchlos flammenden" Morgenröte.

Ach meine sogenannte Scheu - ich bewahrte sie nicht konsequent. Nach einem trickreichen Umweg über ein Fernsehdrehbuch von mir, in dem K. P. einfach mitspielen mußte, essen wir heute gelegentlich zusammen, schreiben uns (sparsam) und laden einander zum Gebrtstag ein.