Die
Gazette Nr. 6, September 1998:
| Literarische Entdeckungen
Der Aphorismus hat es nicht leicht in diesem Land. Deutsche gehen zu
gern aufs Ganze, während der Aphorismus, wie es Karl Kraus wiederum
aphoristisch ausdrückte, entweder eine halbe Wahrheit oder anderthalb
enthält.
Gemüths-Spiegel;
Unterschiedliche Gedancken Diese folgenden Gedancken seynd nicht eben von derselben Person, welche die Maximen verfasset hat. Aber wie sie von jemand kommen, so ihr sonderbarer Freund gewesen, und dieselbe einiger Massen zu solcher ihrer Hervorbringung Anlas gewesen, so hat man es vor gut angesehen, sie allhier beyzufügen. Der Autor derselben hat in Wahrheit nicht geglaubet, daß diese Gedancken, so gantz ohne Ordnung und ohne Verbindung, und mit welchen er sich in seiner Einsamkeit unterhalten, und die er seiner unvergleichlichen Freundin entweder mündlich oder schrifftlich eröffnet, sollten dereinst gedruckt werden, noch daß sie solches verdieneten. ... Er praetendiret nicht dadurch sich den Ruhm eines geschickten Geistes, noch das Lob zu erwerben, daß er wohl schriebe: Er bemühet sich umb nichts weniger, als daß er vor einen Autorem wollte gehalten seyn, und wenn man nur so viel von ihm urtheilet, daß seine Gedancken gantz raisonnabel seynd, so ist er völlig zu frieden. Ja er wird auch selbst dann nicht mißvergnügt werden, wenn man auch schon das Gegenspiel urtheilete. ... Die Sensation nun liegt darin, daß dieser ungenannte Autor niemand
anderer ist als August Bohse selbst. Und seine Aphorismen, wiewohl noch
dem französischen Vorbild verpflichtet und stärker christlich
eingefärbt, lassen bereits einen eigenen, skeptischen Unterton erkennen.
Ein Beispiel: „Fast alle Herren sagen, daß alle Diener leichtfertige,
völlige und rechte Haus-Feinde seynd. Wenn die Diener Herren würden,
wo würden sie desgleichen sagen. Offtmahls machet nur das Glück
und nicht das Gemüth zwischen ihnen den Unterschied."
Gutgewählte Arbeit bleibt immer die Lieblingsbeschäftigung einer Denkerinn. Putz-Tändeleien gehören nicht hieher. Ohne Beschäftigung stumpft sich auch der feurigste Geist ab. - Langeweile macht frühe zum Grabe hinwelken. Wie erbarmungswürdig muß nicht der Zustand jener Frauenzimmer seyn, die nichts denken, nichts arbeiten wollen? - - Wer die Arbeit nicht liebt, lebt nur halb, tödtender Eckel verbreitet sich über ein solches Pflanzenleben. - - So bald dem thätigen Geist die gehörige Beschäftigung versagt wird; so eilt er aus Langweile schnell zu denjenigen Leidenschaften über, die sich ihm ohne den Müßiggang nie genaht haben würden. Dabei ist auch das eigene Geschlecht vor ihrer Kritik nicht sicher („Warum
zeigt sich denn die Schadenfreude geschwinder auf einem weiblichen als
auf einem männlichen Gesichte?"), wobei sie diese Beobachtungen gut
aufklärerisch immer wieder mit mangelnder Geistestätigkeit begründet
(„Soll der gewöhnliche Neid, die Schmähsucht unter uns Frauenzimmern
nicht eine bloße Folge unserer Geistesschwäche seyn?").
Alexandra Simon |
Harald Fricke und Urs Meyer (Hrsg.)
Abgerissene Einfälle. Deutsche Aphorismen
des 18. Jahrhunderts
Verlag C. H. Beck, München 1998
273 Seiten, 14,5 x 22 cm
DM 48,--, öS 350, sFr 44,50
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