Die Gazette Nr. 6, September 1998:
 
 Erheiternde Wissenschaft

Kein Zweifel: Wir haben ein wissenschaftliches Buch in Händen. Der Autor war Professor für Anthropologie am University College in London und lehrt heute an der Universität von Liverpool. Er läßt sich gern mit struppigem Haar fotografieren, was auf Lockerheit und Humor schließen läßt. Und darauf läßt schließlich auch der Titel hoffen: Der Wissenschaftler erklärt den Ursprung der Sprache aus urzeitlichem Klatsch und Tratsch. Also sehen wir mal genauer hin. 
Es dauert eine Weile, bis der Autor gewissermaßen zur Sprache kommt. Erst einmal geht es um Affen. Nur seine Hauptthese erfahren wir ziemlich früh, auf Seite dreizehn oder so: Es ist „das Geschwätz des Lebens, das die Welt in Gang hält, nicht die Perlen der Weisheit, die von den Lippen eines Aristoteles oder Einstein rieseln". Klingt richtig gut, schön ikonoklastisch und nah am Puls der kleinen Leute. Seine Beweise muten ein bißchen zusammengesucht und gepreßt an: Kneipengespräche, Romane und die Textmenge in einer Zeitung, die sich nicht um Politik und Wirtschaft dreht - das alles soll „Klatsch und Tratsch" sein. Wir haben, meint er, die menschliche Sprache bisher für etwas viel zu Großartiges gehalten, bis er ihr die Maske vom Gesicht genommen hat: „Unsere vielgerühmte Sprachfähigkeit dient offenbar hauptsächlich dazu, Informationen über Zwischenmenschliches auszutauschen; anscheinend sind wir versessen darauf, übereinander zu tratschen. Sogar die Struktur unseres Geistes scheint diese Neigung zu verstärken." Klingt auch gut, echt wissenschaftsjournalistisch, mit drei absichernden Reserven - „offenbar", „anscheiend", „scheint"- in nur zwei Sätzen. 
Dann aber ausführlich die Affen. Es beginnt, was der SPIEGEL einen „blitzgescheiten Evolutionsreport" nannte. Untersucht wird das Kraulen bei Schimpansen und Makaken und Dscheladas, ihr „machiavellistisches" und Versöhnungsverhalten. Dann ist das „Affengeschwätz" dran, ihr Grunzen und Rufen, und was es für den Zusammenhalt der Gruppe bedeutet. Tatsächlich aufregend ist dann Dunbars Entdeckung des Zusammenhangs zwischen der relativen Größe des Neocortex und der Gruppengröße bei verschiedenen Affenarten. Hier nun extrapoliert er von der Größe des menschlichen Neocortex auf die mittlere Gruppengröße und kommt auf die Zahl von hundertfünfzig Gruppenmitgliedern. Eine so große Gruppe kann, so Dunbar, nicht mehr durch Kraulen zusammengehalten werden, stattdessen halten die Urmenschen sie nun durch Sprache zusammen. 
Die Zahl hundertfünfzig hat es dem Autor angetan. Er muß nur genau genug hinschauen, und dann entdeckt er sie fast überall wieder: in den Clans von Urvölkern, der Einwohnerzahl von Dörfern „der meisten Kulturen", der Gemeindegröße der Hutterer, in der Größe des Bekanntenkreises (da sind es nicht ganz hundertfünfzig, nur hundertfünfundreißig, aber statistisch immer noch relevant) oder auch in der kleinsten selbständigen militärischen Einheit (der Kompanie). Und dann die ultimativ „faszinierende" Beobachtung bei menschlichen Gesprächsgruppen: 

Da immer nur eine Person sprechen kann ..., bedeutet in Gesprächsgruppen eine Obergrenze von vier, daß es drei Zuhörer gibt. Diese Zahl ist besonders interessant, denn sie ist dreimal so hoch wie die Zahl der Beteiligten beim normalen Kraulen, bei dem es immer nur einen Kraulenden und einen Gekraulten gibt. Der höchste Mittelwert für die Gruppengröße, den man bei Primaten beobachtet, liegt bei 55 und gilt für Schimpansen (man beachte, daß es sich hier um die mittlere Gruppengröße handelt und nicht um die größte Gruppe, die bei der jeweiligen Spezies beobachtet wurde). Das könnte ein außergewöhnlicher Zufall sein, aber die vorausberechnete (und beobachtete) Größe der heutigen Menschengruppen ist mit 150 Personen fast genau dreimal so groß. Mit anderen Worten: Das Verhältnis zwischen den Gruppengrößen ist genau so groß wie das Verhältnis der Zahlen von Individuen, mit denen man zur gleichen Zeit in Wechselbeziehung treten kann: eines bei kraulenden Affen, drei bei Menschen, die sich unterhalten. Nach meiner Überzeugung sind die Gruppen bei Menschen genau deshalb dreimal so groß wie bei Schimpansen, weil Menschen mit dem gleichen Aufwand dreimal so viele Sozialkontakte unterhalten können. 

Heureka! So einfach geht das. 
Und weiter im Text. Jetzt wird es erst richtig spannend, denn wir kommen zu den höheren Regionen. Dunbar bietet uns eine sogenannte „Theorie des Geistes", die zwar nur mit einer einzigen Kategorie auskommt („Ich weiß, daß du weißt, daß ich weiß ..."), aber ungeheuer viel erklärt und zur Grundlage eines ganzen Kapitels dient. Danach wird der Psychologe Julian Jaynes zitiert, der überzeugt ist, der Autor der Ilias habe „kein umfassendes Bewußtsein" gehabt, denn das Bewußtsein habe sich erst Anfang des ersten Jahrhunderts v. Chr. entwickelt; Jaynes, meint Dunbar, ist „auf der richtigen Spur". Dann noch ein Schnellkapitel Sprachgeschichte für Laien, ein wenig über Körpersprache und Partnerwahl beim Menschen und zum Ausklang ein Hinweis auf einen „nicht unbegrenzt flexiblen Geist", was aber „kein Anlaß zur Verzweiflung" sein muß: „Wir müssen es einfach hinnehmen und unsere soziale Praxis darauf einstellen, statt dagegen zu kämpfen." 
Freilich ist nicht alles in dem Buch so komisch wie der bewußtlose Homer. Zudem ist das Buch über lange Abschnitte hinweg mit deutschem Wissenschaftler-Ernst geschrieben, das Lustigste sind noch die Kapitelüberschriften (zum Beispiel „Das Baby braucht sein Badewasser", auch wenn danach von badenden Babys nirgends die Rede ist). Und doch liest sich jedes Kapitel mit einem stillen, unwiderstehlichem Heiterkeitseffekt. Die Beweisführungen sind von hoher Einfachheit, sie greifen sozusagen das jeweils Nächstliegende auf, drehen es einmal hin und her, und schon wieder fügt sich ein Steinchen ins Mosaik. Und alle diese selbstbestätigenden Schritte geht der Leser vergnüglich mit, da sich doch alle Rätsel auf ganz einsichtige Weise lösen: hier ein bißchen Statistik, da ein bißchen Heiratsanzeigenanalyse, jetzt einen Happen Descartes, nun ein bißchen Gehirnassymetrie - und schon sind wir wieder einen entscheidenden Lösungsschritt weiter. Ach, denkt der Leser, wenn es doch auch im Leben so einfach zuginge wie in der Anthropologie. 
Nur Linguisten sollten das Buch lieber nicht zur Hand nehmen; sie könnten möglicherweise ein paar notwendige, unbequeme Zwischenfragen stellen. Und das würde den problemfreien, leichtfüßigen, zielstrebigen und so wunderlich ergiebigen Gedankengang Dunbars irgendwie durcheinanderbringen. 

Fritz R. Glunk 

Robin Dunbar
Klatsch und Tratsch. Wie der Mensch zur Sprache fand
C. Bertelsmann Verlag, München 1998
288 Seiten, 14,5 x 22 cm
DM 6,90, öS 269, sFr 34,--