Die Gazette Nr. 6, September 1998:
 
:Denkanstöße

Es ist eine intellektuelle Wohltat, diesen Bourdieu zu lesen. Schon der Titel hat seine Qualitäten: „Praktische Vernunft" kann zwar nicht das französische Schillern des Originaltitels „Raisons pratiques" wiedergeben (das Pascalsche Wortspiel mit „Vernunft" und „Gründen"), verweist aber mit ausreichend respektlosem Zeigefinger auf die noch immer mächtige Vaterfigur, den Königsberger Autor der beiden „Kritiken". 
Ein weiterer Vorzug ist, daß die Texte nicht - genauer: nicht ganz - am Schreibtisch entstanden sind, sondern als Vorlesungen am College de France und an Universitäten im Ausland. Diese Herkunft erlaubt oft einen erfrischenden Konversationston, persönliche Ansprache an den Hörer-Leser und eingestreute spitze Nebenbemerkungen gegen postmoderne Konkurrenz-Philosophen. 
Ein dritter Gewinn auch für den nicht mit Bourdieu Vertrauten liegt in der Absicht der Texte. Sie sind nämlich dazu da, „die Allgemeingültigkeit der Modelle, die am besonderen Beispiel Frankreich konstruiert wurden, einem ausländischen Publikum zu demonstrieren". Mit anderen Worten: Bourdieu erklärt sich selbst, vor allem das Werk, durch das er in Deutschland bekannt wurde, „Sozialer Raum und 'Klassen'". 
Das Vergnügen wird gelegentlich gemindert durch einen offenbar in Ehrfurcht erstarrten Übersetzer. Statt die mäandernden Windungen der Original-Syntax auch nur leicht zu begradigen, gibt er sie getreu wieder. Der folgende Einundneunzig-Wörter-Satz ist nicht boshaft gewählt: „Wer wie Marx das offizielle Bild, das die Bürokratie von sich vermitteln möchte, umkehrt und die Bürokraten als Usurpatoren des Allgemeinen bezeichnet, die als Privateigentümer der öffentlichen Ressourcen agieren, übersieht die durchaus realen Wirkungen des obligaten Verweises auf die Werte der Neutralität und der gemeinnützigen Arbeit für das allgemeine Wohl, der den Staatsbeamten um so selbstverständlicher scheint, je weiter die Geschichte der langen Arbeit der symbolischen Konstruktion fortschreitet, an deren Ende die Erfindung und Durchsetzung der offiziellen Darstellung des Staates als Ort der Allgemeinheit und des Dienstes am allgemeinen Interesse steht." Da hilft nur noch eine starke Erhöhung der Lesegeschwindigkeit, so wie man (angeblich) nicht einsinkt, wenn man nur schnell genug übers Wasser läuft. 
Bourdieus Ausgangspunkt ist das „soziale Feld". Relevante Aussagen können - in seiner Terminologie - nicht „substantialistisch" am Einzelobjekt gemacht werden, sondern immer nur „relational", also in Beziehung des Objekts zu anderen Objekten im gleichen sozialen Feld (wie beim als Vergleich herangezogenen Phoneminventar: Der einzelne Sprechlaut hat nicht schon für sich genommen Bedeutung, sondern nur durch seine Differenzierung gegenüber anderen Lauten). Wie er schon in „Die feinen Unterschiede" darlegte, sind Indikatoren für die Position im sozialen Feld etwa der Getränkekonsum (Champagner gegen Mineralwasser), Sportarten (Reiten gegen Bergsteigen), Musikspiel (Klavier gegen Akkordeon) und der Besitz an ökonomischem (Geld) und/oder symbolischem Kapital (Bildung, Wissen, geistige Werte). Nur die Bündelung solcher Merkmale erlaubt erklärende Aussagen über soziologische Tatsachen, über Positionen oder aber Auf- und Abstiege in jedem sozialen Raum. Ebenso für die Sphäre der Kulturproduktion (den „literarischen Mikrokosmos"): 

Tatsächlich muß auf den sozialen Raum der Produzenten die relationale Denkweise angewendet werden: Der soziale Mikrokosmos, in dem die kulturellen Werte produziert werden, das literarische, künstlerische, wissenschaftliche usw. Feld, ist ein Raum von objektiven Relationen zwischen Positionen - der des etablierten Künstlers und des „artiste maudit" zum Beispiel -, und was sich in ihm abspielt, ist nur zu verstehen, wenn man jeden Akteur und jede Institution in ihren objektiven Relationen zu allen anderen bestimmt. Diese spezifischen Kräfteverhältnisse sowie die Kämpfe um ihren Erhalt oder ihre Veränderung bilden den Entstehungshorizont für die Strategien der Produzenten, die Kunstform, die sie vertreten, die Bündnisse, die sie schließen, die Schulen, die sie begründen, und zwar mittels der von ihm bestimmten spezifischen Interessen. 

Man sieht, in welche Richtung das zielt: gegen alles „Eigentliche", gegen metaphysische Ur-Begründungen und liebgewonnene Unbefragtheiten. Bourdieu hat sich damit zwangsläufig nicht überall Freunde gemacht. Erst vor einigen Wochen hat er mit einer - zugegeben etwas leichtfertigen - Journalistenschelte den Zorn der französischen Presse auf sich gezogen. Für seine Gegner ist er jemand, dem nichts mehr heilig ist: Familie, Kunstgenuß, Vaterlandsliebe, ja selbst Frömmigkeit geraten bei ihm in den „Verdacht", nur der Anhäufung eines „symbolischen Kapitals" zu dienen. 
Trotzdem: Die Beschreibung selbst der Kirche als eines Unternehmens, das seine - auch - wirtschaftlichen, bestandserhaltenden Interessen durch den höheren Zweck „euphemisiert"oder „verklärt", liest sich mit einem gewissen Amüsement („Das Lachen der Bischöfe"): 

Diese Beobachtungen und andere vom gleichen Durchblick sind so treffend, daß man die Polemik gegen den Autor getrost beiden Seiten der politischen Gegnerschaft überlassen kann, der orthodoxen Linken wie der reaktionären Rechten. Allerdings begibt sich Bourdieu mit seiner Hypostasierung einiger Grundbegriffe auf einen nicht ungefährlichen Weg. Es ist nämlich, wenn jede soziale Organisation nur noch auf „Interesse", „Strategie" oder „Ökonomie" zurückgeführt wird, nicht mehr recht erkennbar, von welcher Position aus eine Kritik der Ökonomie noch möglich sein soll. 
Und ein zweiter Einwand ist angebracht. Bourdieu scheint selbst, vielleicht nur deshalb, weil er nachrevolutionärer Franzose ist, in einem unbefragten, für selbstverständlich gehaltenen „Habitus" gefangen: einer tiefen, grundsätzlichen Abneigung gegen den „Staat" (die „Bürokratie"). Diese Haltung mag in Zeiten, in denen ein zu starker Staat die Freiheiten bedroht, ehrenvoll sein. Heute jedoch, wo der Staat im Begriff steht, sich zugunsten einer angeblichen Globalisierung seiner Verpflichtung auf das Allgemeine zu entledigen, erscheint diese Haltung geradezu obsolet. Einen Staat, der seine bsherigen Tätigkeiten zunehmend privatisiert, bekämpft man nicht. Man muß ihn stattdessen geradezu neu erfinden, als Einrichtung der Bürger zur Aufrechterhaltung des Gemeinwohls. Für genau diese Arbeit bezahlen die Bürger den Staat. 
Aber solche Kritik geht vermutlich über Bourdieus Aufklärungsabsichten hinaus. In jedem Fall bleibt ihm das erfrischende Verdienst, energisch die Schleier zu lüpfen, die sich uns beim Blick auf politische und soziale Zusammenhänge so gern vor die Augen legen. 

Philipp Reuter 

Pierre Bourdieu
Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns
edition suhrkamp 1985, Frankfurt am Main 1998
226 Seiten, 11 x 17,7 cm
DM 19,80, öS 145, sFr 34,--