| :Denkanstöße
Es ist eine intellektuelle Wohltat, diesen Bourdieu zu lesen. Schon
der Titel hat seine Qualitäten: „Praktische Vernunft" kann zwar nicht
das französische Schillern des Originaltitels „Raisons pratiques"
wiedergeben (das Pascalsche Wortspiel mit „Vernunft" und „Gründen"),
verweist aber mit ausreichend respektlosem Zeigefinger auf die noch immer
mächtige Vaterfigur, den Königsberger Autor der beiden „Kritiken".
Ein weiterer Vorzug ist, daß die Texte nicht - genauer: nicht
ganz - am Schreibtisch entstanden sind, sondern als Vorlesungen am College
de France und an Universitäten im Ausland. Diese Herkunft erlaubt
oft einen erfrischenden Konversationston, persönliche Ansprache an
den Hörer-Leser und eingestreute spitze Nebenbemerkungen gegen postmoderne
Konkurrenz-Philosophen.
Ein dritter Gewinn auch für den nicht mit Bourdieu Vertrauten
liegt in der Absicht der Texte. Sie sind nämlich dazu da, „die Allgemeingültigkeit
der Modelle, die am besonderen Beispiel Frankreich konstruiert wurden,
einem ausländischen Publikum zu demonstrieren". Mit anderen Worten:
Bourdieu erklärt sich selbst, vor allem das Werk, durch das er in
Deutschland bekannt wurde, „Sozialer Raum und 'Klassen'".
Das Vergnügen wird gelegentlich gemindert durch einen offenbar
in Ehrfurcht erstarrten Übersetzer. Statt die mäandernden Windungen
der Original-Syntax auch nur leicht zu begradigen, gibt er sie getreu wieder.
Der folgende Einundneunzig-Wörter-Satz ist nicht boshaft gewählt:
„Wer wie Marx das offizielle Bild, das die Bürokratie von sich vermitteln
möchte, umkehrt und die Bürokraten als Usurpatoren des Allgemeinen
bezeichnet, die als Privateigentümer der öffentlichen Ressourcen
agieren, übersieht die durchaus realen Wirkungen des obligaten Verweises
auf die Werte der Neutralität und der gemeinnützigen Arbeit für
das allgemeine Wohl, der den Staatsbeamten um so selbstverständlicher
scheint, je weiter die Geschichte der langen Arbeit der symbolischen Konstruktion
fortschreitet, an deren Ende die Erfindung und Durchsetzung der offiziellen
Darstellung des Staates als Ort der Allgemeinheit und des Dienstes am allgemeinen
Interesse steht." Da hilft nur noch eine starke Erhöhung der Lesegeschwindigkeit,
so wie man (angeblich) nicht einsinkt, wenn man nur schnell genug übers
Wasser läuft.
Bourdieus Ausgangspunkt ist das „soziale Feld". Relevante Aussagen
können - in seiner Terminologie - nicht „substantialistisch" am Einzelobjekt
gemacht werden, sondern immer nur „relational", also in Beziehung des Objekts
zu anderen Objekten im gleichen sozialen Feld (wie beim als Vergleich herangezogenen
Phoneminventar: Der einzelne Sprechlaut hat nicht schon für sich genommen
Bedeutung, sondern nur durch seine Differenzierung gegenüber anderen
Lauten). Wie er schon in „Die feinen Unterschiede" darlegte, sind Indikatoren
für die Position im sozialen Feld etwa der Getränkekonsum (Champagner
gegen Mineralwasser), Sportarten (Reiten gegen Bergsteigen), Musikspiel
(Klavier gegen Akkordeon) und der Besitz an ökonomischem (Geld) und/oder
symbolischem Kapital (Bildung, Wissen, geistige Werte). Nur die Bündelung
solcher Merkmale erlaubt erklärende Aussagen über soziologische
Tatsachen, über Positionen oder aber Auf- und Abstiege in jedem sozialen
Raum. Ebenso für die Sphäre der Kulturproduktion (den „literarischen
Mikrokosmos"):
Tatsächlich muß auf den sozialen Raum der Produzenten
die relationale Denkweise angewendet werden: Der soziale Mikrokosmos, in
dem die kulturellen Werte produziert werden, das literarische, künstlerische,
wissenschaftliche usw. Feld, ist ein Raum von objektiven Relationen zwischen
Positionen - der des etablierten Künstlers und des „artiste maudit"
zum Beispiel -, und was sich in ihm abspielt, ist nur zu verstehen, wenn
man jeden Akteur und jede Institution in ihren objektiven Relationen zu
allen anderen bestimmt. Diese spezifischen Kräfteverhältnisse
sowie die Kämpfe um ihren Erhalt oder ihre Veränderung bilden
den Entstehungshorizont für die Strategien der Produzenten, die Kunstform,
die sie vertreten, die Bündnisse, die sie schließen, die Schulen,
die sie begründen, und zwar mittels der von ihm bestimmten spezifischen
Interessen.
Man sieht, in welche Richtung das zielt: gegen alles „Eigentliche",
gegen metaphysische Ur-Begründungen und liebgewonnene Unbefragtheiten.
Bourdieu hat sich damit zwangsläufig nicht überall Freunde gemacht.
Erst vor einigen Wochen hat er mit einer - zugegeben etwas leichtfertigen
- Journalistenschelte den Zorn der französischen Presse auf sich gezogen.
Für seine Gegner ist er jemand, dem nichts mehr heilig ist: Familie,
Kunstgenuß, Vaterlandsliebe, ja selbst Frömmigkeit geraten bei
ihm in den „Verdacht", nur der Anhäufung eines „symbolischen Kapitals"
zu dienen.
Trotzdem: Die Beschreibung selbst der Kirche als eines Unternehmens,
das seine - auch - wirtschaftlichen, bestandserhaltenden Interessen durch
den höheren Zweck „euphemisiert"oder „verklärt", liest sich mit
einem gewissen Amüsement („Das Lachen der Bischöfe"):
Diese Beobachtungen und andere vom gleichen Durchblick sind so treffend,
daß man die Polemik gegen den Autor getrost beiden Seiten der politischen
Gegnerschaft überlassen kann, der orthodoxen Linken wie der reaktionären
Rechten. Allerdings begibt sich Bourdieu mit seiner Hypostasierung einiger
Grundbegriffe auf einen nicht ungefährlichen Weg. Es ist nämlich,
wenn jede soziale Organisation nur noch auf „Interesse", „Strategie" oder
„Ökonomie" zurückgeführt wird, nicht mehr recht erkennbar,
von welcher Position aus eine Kritik der Ökonomie noch möglich
sein soll.
Und ein zweiter Einwand ist angebracht. Bourdieu scheint selbst, vielleicht
nur deshalb, weil er nachrevolutionärer Franzose ist, in einem unbefragten,
für selbstverständlich gehaltenen „Habitus" gefangen: einer tiefen,
grundsätzlichen Abneigung gegen den „Staat" (die „Bürokratie").
Diese Haltung mag in Zeiten, in denen ein zu starker Staat die Freiheiten
bedroht, ehrenvoll sein. Heute jedoch, wo der Staat im Begriff steht, sich
zugunsten einer angeblichen Globalisierung seiner Verpflichtung auf das
Allgemeine zu entledigen, erscheint diese Haltung geradezu obsolet. Einen
Staat, der seine bsherigen Tätigkeiten zunehmend privatisiert, bekämpft
man nicht. Man muß ihn stattdessen geradezu neu erfinden, als Einrichtung
der Bürger zur Aufrechterhaltung des Gemeinwohls. Für genau diese
Arbeit bezahlen die Bürger den Staat.
Aber solche Kritik geht vermutlich über Bourdieus Aufklärungsabsichten
hinaus. In jedem Fall bleibt ihm das erfrischende Verdienst, energisch
die Schleier zu lüpfen, die sich uns beim Blick auf politische und
soziale Zusammenhänge so gern vor die Augen legen.
Philipp Reuter |
Pierre Bourdieu
Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns
edition suhrkamp 1985, Frankfurt am Main
1998
226 Seiten, 11 x 17,7 cm
DM 19,80, öS 145, sFr 34,--
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