Die
Gazette Nr. 6, September 1998:
Lese-Effekte
Die Gefahren des Lesens
Die Bücher handelten immer nur von Liebschaften, Liebhabern und Geliebten, verfolgten Damen, die in einsamen Pavillons in Ohnmacht sanken, von Postillonen, die bei jedem Pferdewechsel umgebracht wurden, von Pferden, die man auf jeder Seite zuschanden ritt, von finsteren Wäldern, Seelenkämpfen, Schwüren, Schluchzen, Tränen und Küssen, Nachen im Mondschein, Nachtigallen in den Gebüschen, Herren, die tapfer wie Löwen, sanft wie Lämmer und unvorstellbar tugendhaft waren, dazu stets schön gekleidet und tränenselig wie Urnen. Ein halbes Jahr lang machte sich Emma als Fünfzehnjährige mit dem Staub der alten Leihbibliotheken die Hände schmutzig. Später las sie Scott und begeisterte sich an historischen Begebnissenm träumte von Truhen, Waffensälen und Spielleuten. Sie hätte, ach! so gern auf einer alten Burg gelebt wie jene hochgewachsenen, schlanken Schloßfräulein, die unter dem Dreipaß der gotischen Fenster ihre Tage verbrachten und, den Ellbogen auf den Stein und das Kinn in die Hand gestützt, Ausschau hielten nach dem Reiter mit der weißen Feder, der auf einem Rappen von weither über die Ebene herangaloppiert kam. Damals trieb sie auch einen wahren Kult mit Maria Stuart und brachte berühmten und unglücklichen Frauen überhaupt eine begeisterte Verehrung entgegen. Jeanne d’Arc, Heloise, Agnes Sorel, die schöne Ferronnière und Clémence Isaure hoben sich leuchtend wie Kometen von der endlosen Finsternis der Geschichte ab, aus der ab und zu noch andere Gestalten hervortraten, diese jedoch schon undeutlicher, zusammenhanglos und im Dunkel verloren: der heilige Ludwig mit seiner Eiche, der sterbende Bayard, ein paar Greueltaten Ludwigs XI., manche Szenen aus der Bartholomäusnacht, der Helmbusch des Béarnesers und immer wieder die Erinnerung an die bemalten Teller, auf denen Ludwig XIV. verherrlicht wurde.
Gustave Flaubert, Madame Bovary