Die
Gazette Nr. 6, September 1998:
Kommentar
„Mit Traurigkeit"
Vor der Bundestagswahl, München-Schwabing, Herzogstraße:
Unter die Scheibenwischer laternenparkender Autos hat jemand himmelblaue,
postkartengroße Handzettel geklemmt. Mit der Überschrift „Politik
im Internet" verspricht er „Alle gängigen Parteien im Überblick
- aktuelle Informationen und Meinungen". Und wo soll dieser in unserer
alltäglichen Verunsicherung zweifellos erwünschte Überblick
zu erhalten sein? „Auf den neuen Internet-Seiten von Korinna." Folgt nicht
etwa bloß irgendso eine Untermietadresse, sondern der richtig eigenständige
Domain-Name www.korinna.de.
Aber erst der Zusatz auf der Rückseite macht den Handzettel so
recht appetitlich. Da steht nämlich: „Außerdem finden Sie aktuelle
Berichte und Informationen zu folgenden Themen: Liebe - Literatur - Show
- Ballett - Steptanz - Sport - Politik - Kinder."
Wie erfrischend, denkt sich der Zettel-Leser: Welch unkonventioneller
Zugang zur Komplexität der Welt! Und diese klingenden Akkorde, die
aus dem Themenangebot aufsteigen! Liebe, Literatur, Politik - das hat doch
was! Er kann es kaum erwarten, wieder am heimischen Computer zu sitzen
und www.korinna.de zu besuchen.
Aber ach, so hochgespannte Erwartungen rächen sich. Die verheißungsvolle
Themenseite Liebe gibt es überhaupt nicht, bei Literatur findet der
Besucher nichts Aktuelles, sondern nur Korinnas eigene Bücher (etwa
den Zölibatsroman „Erntehelfer", „beruht auf wahren Geschehnissen"),
und die Politikseite - mein Gott, Korinna, so gehts wirklich nicht!
Schon seit einer ganzen Weile, erfahren wir da eingangs und sprachlich
unbeholfen, beobachtet sie die „Durchschnittsbürger" und „mit Traurigkeit"
die Verschlechterung ihrer Lebenssituation. Bei den nachfolgenden sechs
Gravamina steigen dann die ersten Verdächte auf, spätestens bei
der Klage über „täglich mehr asylsuchende Wirtschaftsflüchtlinge".
Und schließlich die Offenlegung: Korinna Z. ist Direktkandiatin einer
rechtsradikalen Partei. Und die jetzt gar nicht mehr erfrischende Website
eine banale, traurige, nein: unappetitliche Wahlwerbung.
Es gibt gewiß andere Obszönitäten im Internet, aber
www.korinna.de, neckisch und verlogen, kann da gut mithalten.
Ein Trost immerhin: Sie wird sich spätestens nach dem 27. September
überlebt haben.
Louise Lasalle