
Die
Gazette Nr. 6, September 1998:
Kalenderblätter, sozusagen
Große
Ereignisse werfen natürlich nur bei ausreichendem Licht ihren Schatten
voraus. Und
sowieso ist nicht einzusehen, warum fünf halbe Jahrhunderte schon
einen Gedenktermin ergeben sollen.
Trotzdem, und sei es nur zur kulturellen Selbstvergewisserung, soll
auch hier und bereits jetzt an den zweihundertfünfzigsten Geburtstag
Goethes im nächsten Jahr erinnert werden. Und das gleich monatlich.
Bis zum Juli nächsten Jahres zeigt jede Nummer dieser Zeitschrift
eine Art Kalenderblatt, und zwar als Vorabdruck aus dem „Taschenlexikon
Goethe" von Friedemann Bedürftig, das im Juli 1999 im Piper Verlag
herauskommt. Monatlich bringen wir aus diesem Goethe-Manual einen Artikel,
der den Klassiker auch einmal aus andersartiger, nicht-klassischer Perspektive
betrachtet.
Als erstes Stichwort haben wir also nicht etwa „Aberglaube", „Adel",
„Amerika" oder „Antike" gewählt, sondern:
Bart
Das unverständige
Volk ... bedenkt nicht,
wie viel dazu
gehört, jemanden zu barbieren.
Die Aufgeregten,
4. Aufzug
Uns ist kein bärtiges Bild Goethes überliefert,
und doch soll er nach Falk um 1792 einen »starken schwarzen Bart«
getragen haben. Mit seiner sonst üblichen Bartlosigkeit entsprach
er dem Geschmack der damaligen Oberschicht, die erst um 1800 den in England
aufkommenden Backenbart zu tolerieren begann und wenig später mit
Entsetzen die oft wilden Bärte der rebellierenden Studenten und »Demagogen«
betrachtete. Goethe gewann dem Rasieren meist komische Züge ab: So
schildert er in Dichtung und Wahrheit (I,2), wie er mit der Schwester durch
wildes Klopstock-Zitieren den Barbier so erschreckt hätte, daß
dieser dem Vater »das Seifenbecken in die Brust« goß.
In der Erzählung »Die gefährliche Wette« aus Wilhelm
Meister (Wanderjahre) dient das Rasieren als Tarnung für einen dreisten
Scherz, im Bürgergeneral spielt der Barbier Schnaps den Trottel, und
in den »Aufgeregten«, aus denen das Motto stammt, wird der
Chirurgus Breme als aufgeblasener Möchtegern-Revoluzzer porträtiert.
Andererseits verwandte Goethe den Bart beim Harfner im Wilhelm Meister
und im Faust als »Kennzeichen des Weisen« und berichtete von
der Italienischen Reise, er sei »entzückt« gewesen, Gesichter
zu sehen, »von Haar und Bart in einen Rahmen eingefaßt«
(Sept. 1787).
