Die
Gazette Nr. 6, September 1998:
Interview
mit Michael Naumann, Chef des Verlags Henry Holt in New York
Die Fragen stellte Lars Hinrichs (am 2. Juni 1998, kurz vor der Ernennung
Naumanns zum Schatten-Kulturbeauftragten)
Stimmt das Klischee, daß die Deutschen ernsthafte Schriftsteller
kaufen und dem Buch einen ideologischen Wert zuschreiben, während
Amerikaner im Buch nur einen Einweg-Nutzen sehen, nämlich Unterhaltung?
Nein, deutsche Leser mögen wie amerikanische Leser in der Mehrzahl
Romane, die Geschichten erzählen. Texte, die mit erhobenem Zeigefinger
daherkommen, haben seit eh und je nur wenige Leser gefunden - in Amerika
wie in Deutschland. Zum Einweg-Nutzen: Die meisten, auch die wichtigsten
Bücher werden meist nur einmal gelesen. Ich selber habe nur ein Buch,
das mich seit dreißig Jahren begleitet - Musils "Mann ohne Eigenschaften".
Die New York Times zitiert Sie mit der Äußerung, Ihr Eintritt
in das amerikanische Verlagswesen sei „a perfect storm" gewesen. Glauben
Sie, daß es künftig möglich sein wird, dem Verlag Henry
Holt das von Ihnen gewünschte „schärfere Profil" zu geben und
gleichzeitig die Publikumstitel über Wasser zu halten?
Zur Zeit hat Henry Holt zwei Bücher auf der NYT Bestseller-Liste,
in zwei bis drei Wochen werden es drei Titel sein (zusätzlich Edström/Eller,
Barbarians Led by Bill Gates.) In anderen Worten: Man kann durchaus gute
und verkäufliche Bücher verlegen. Und Holt ist deutlich über
Wasser.
Wenn Sie im Rahmen Ihrer Veröffentlichungen eine gewisse Vielfalt
erhalten wollten, gehört es zu dann Ihrer Strategie, auch Autoren
- Lyriker zum Beispiel - herauszubringen, die nicht zwangsläufig in
die Topliste der Bestseller aufsteigen?
Ja. Unsere Lyrikerin Linda Beirds hat soeben ein MacArthur-Stipendium
erhalten (320000 Dollar); und Herta Mueller ("The Land of Green Plums",
deutsch: Herztier, Rowohlt Verlag) erhielt jüngst den höchstdotierten
Literaturpreis nach dem Nobelpreis, IMPAC (250000 Dollar); irgendwann einmal
setzt sich dieser Ruhm um in gute Verkaufszahlen.
Können Sie zwei bedeutende Autoren nennen, die in diesem Jahr
mit Holt einen Vertrag geschlossen haben, und mir sagen, aus welchen Gründen
sie zum Verlagsprofil passen?
Mike Davis, "Ecology of Fear" - auch er erhielt vor kurzem ein MacArthur-Stipendium
(die amerikanische "Genie-Auszeichnung"); er ist einer der wichtigsten
amerikanischen Gesellschaftskritiker - und ein begnadeter Schreiber. Und
Michael Ignatieff, sein neues Buch, eine Biographie von Isaiah Berlin,
weist ihn als einen der letzten großen liberalen Denker aus, dessen
philosophische Ansichten eine breite Öffentlichkeit interessieren.
Sind Verlage in den Vereinigten Staaten eine vom Aussterben bedrohte
Industrie? Sehen Sie irgendwelche Gefahren für das Medium des gedruckten
Buches, etwa die elektronischen Medien?
Nein. Die amerikanische Buchindustrie hat weiterhin - anders als die
deutsche und die japanische - bemerkenswerte Wachstumsraten. Die elektronische
Revolution im Bestellwesen wird diesen Trend verstärken und nicht
schwächen.
Bietet das Internet größere Marketingchancen für
Bücher? Wird Ihr Verlag künftig solche neuen Internet-Marketingstrategien
einsetzen?
Henry Holt hat eine neue Website eingerichtet (http://wwwhenryholt.com),
weil wir daran glauben, daß mehr und mehr Menschen ihre Bucheinkäufe
über das Net tätigen werden. Unsere Marketingstrategien berücksichtigen
die neuen Techniken, werden aber gleichwohl auf den Buchhandel nicht verzichten
wollen und können. Im übrigen folgen unsere Kampagnen den Vorgaben
des Marktes.
Ich habe bemerkt, daß die Internet-Seite von Henry Holt Bücher
zwar präsentiert, sie aber nicht auf diesem Weg zum Kauf anbietet.
Werden Sie künftig, um Kosten zu sparen, Bücher über das
Internet verkaufen und damit den Buchhandel umgehen?
Nein, wir selbst werden nicht über das Internet verkaufen; das
überlassen wir dem Buchhandel.
mit Drake McFeely, Chef des Verlags W. W. Norton in New York
Die Fragen stellte Lars Hinrichs
Wie ist derzeit die wirtschaftliche Lage Nortons? Besteht die Gefahr,
daß Norton demnächst Bestandteil eines europäischen Medienkonzerns
wird?
Norton hat eine starke finanzielle Position, gegenwärtig und in
der vorhersehbaren Zukunft. Was uns für die Zukunft so zuversichtlich
macht, ist unsere starke Stellung im Lehrbuchbereich; hier bieten die Verkäufe
ein stetiges Wachstum und steigende Gewinne. Umsatz und Gewinn können
natürlich schwanken, sowohl nach oben wie nach unten, wir sind froh
über die guten Jahre, und in den nicht so guten Jahren freuen wir
uns über die Schulbuchabteilung, die unsere Rechnungen bezahlt.
Wie funktioniert bei Ihnen das Mitarbeiter-Beteiligungsmodell? Hat
es dazu beigetragen, daß Ihr Verlag noch immer unabhängig ist?
Der Verlag gehört in seiner Gesamtheit den hier tätigen Mitarbeitern.
Jeder von ihnen, der Verlagsaktien besitzt, verpflichtet sich in unserer
Aktionärsvereinbarung, die Aktien nur an die übrigen Aktionäre
zurückzuverkaufen, so daß sie immer wieder in den Händen
unserer Angestellten landen. Diese Aktionärsvereinbarung ist der Dreh-
und Angelpunkt unserer Unabhängigkeit. Alle, die hier arbeiten, legen
Wert darauf und sind froh darüber, ihre eigenen verlegerischen Entscheidungen
zu treffen, und werden darum kämpfen, das sich an diesem Besitzverhältnis
nichts ändert.
Woran liegt es, daß kürzlich mehrere New Yorker Verlage
von anderen Medienkonzernen übernommen wurden?
Die Gründe dafür sind nicht dieselben für jede dieser
Übernahmen. Wenn ich es richtig sehe, war der Verkauf von Random House
an Bertelsmann in einer Überlegung der Familie begründet, die
Leitung ihrer Firma einer neuen Generation zu übertragen. Als sich
Viacom von den Schulbuch- und Lexikon-Abteilungen bei Simon and Schuster
trennte, hatte das eher allgemein mit niedrigen Gewinnerwartungen zu tun
und mit der Erwägung, daß diese Bereiche außerhalb des
Kerngeschäfts von Viacom, der Unterhaltungsliteratur, lagen.
Hat Norton aus eigenem Antrieb in den letzten Jahren den Charakter
seiner publizierten Titel geändert oder haben Sie bei Ihrem Angebot
auf die Nachfrage aus dem Markt reagiert?
Bei Norton publizieren wir nach dem Geschmack und dem Enthusiasmus
unserer Lektoren. Selbstverständlich dürfen wir nicht unser Gefühl
dafür außer acht lassen, wie gut diese Bücher den Interessen
der Leser entsprechen. Wenn wir die Art unserer Titel verändert haben,
dann vor hauptsächlich deshalb, weil wie eine Reihe anderer Lektoren
bekommen haben. Im übrigen haben wir, da die gute Plazierung eines
Buches heute ja kostspieliger ist, unsere Absatzplanungen etwas höher
angesetzt als bisher.
Verändert sich der Geschmack des amerikanischen Buchkäufers?
Wie würden Sie das typisch populäre Buch des amerikanischen Lesers
beschreiben?
Unser Buch „A Perfect Storm" stand während des ganzen letzten
Jahres an der Spitze der Non-Fiction-Bestsellerlisten, zusammen mit Jon
Krakauers „Into Thin Air" und Frank McCourts „Angela’s Ashes". Alle drei
Titel hätte jeder literarische Verlag mit Stolz herausgebracht, und
jeder kommerzielle Verlag hätte sich darum gerissen. Diese Titel waren
für uns ein angenehmer Gegenwind zu den Zeiten, als die Non-Fiction-Liste
ausschließlich von Prominentenbiographien und ähnlichem beherrscht
wurde. Und es hat mir Mut gemacht zu der Überzeugung, daß der
Geschmack des amerikanischen Buchkäufers immer noch sehr bemerkenswert
ist.
Worauf achten Sie als Lektor, wenn Sie sich dafür oder dagegen
entscheiden, einen unbekannten Autor herauszubringen? Was bringt Sie zu
der Auffassung, dieser Autor ist bei Norton gut aufgehoben und wird ein
Verkaufserfolg?
Es gibt hierbei zwei Schlüsselfaktoren: eine starke Geschichte
und eine starke Sprache. Eine großartige Geschichte kann bis zu einem
gewissen Grad einen schwächeren Stil wettmachen, aber das Umgekehrte
kommt fast nie vor.
Die Stärke der Geschichte kann aus dem fachlichen Können
des Autors stammen, zum Beispiel bei wissenschaftlichen oder historischen
Büchern, aber auch hier muß der Autor seine Geschichte einem
größeren Publikum erzählen können. Das sind die beiden
Kriterien, mit denen wir entscheiden, ob wir ein Buch annehmen oder nicht.
Macht man sich bei Norton Gedanken über die Gefahr, daß
Autoren, die nicht zum Mainstream gehören, Lyriker etwa, vom Markt
verdrängt werden könnten? Bringen Sie solche Autoren heraus,
um ihnen eine Chance zu geben, auch wenn sie absehbar keine Bestseller
werden?
Wir sind ganz besonders stolz auf unsere Lyrik-Liste, auf der Adrienne
Rich, Rita Dove, A. R. Ammons und Stanley Kunitz ganz oben stehen. Wenige
gewinnorientierte Verlage haben Dichtung im Angebot, aber speziell bei
der Qualität unserer Autoren betrachten wir diese Titel nicht nur
als gewinnbringend, sondern auch als erfreulich. Was die Chance für
einen Nicht-Mainstream-Autor angeht, so brauchen Sie sich nur zwei Drittel
unseres Katalogs anzusehen, und Sie finden dort viele Autoren, die nie
auf eine Bestsellerliste kommen werden und die wir trotzdem herausbringen.
Ist das gedruckte Buch durch die mögliche elektronische Vervielfältigung
in Gefahr?
Die bequeme und berührungssinnliche Handhabung des Buches sind
eine solche Freude, daß ich sicher bin, daß wir noch lange
Zeit Romane, Biographien und sogar Schulbücher in am liebsten dieser
Erscheinungsform lesen werden.