Die Gazette Nr. 6, September 1998:
 
Fotogalerie Michael Peuckert

Fronleichnamsprozession in Oberndorf, Salzburger Land

Die Prozession in Oberndorf ist eine der bekanntesten und bestbesuchten in Österreich. Ich war früh vor Ort, um auch die Vorbereitungen und die Aufstellung des Zuges zu verfolgen. Der Pfarrer bedachte mich schon nach kurzer Zeit und einigen wenigen Aufnahmen mit mißbilligenden Blicken. Offensichtlich fürchtete er, daß seine Prozession in einem ihm nicht genehmen Licht erscheinen sollte. Mir lag nichts ferner als das, denn Menschen, die ihrem Glauben offen Ausdruck verleihen, gehört mein größter Respekt.
Ich begleitete die Prozession durch das Dorf auf die Salzachbrücke, wo der Pfarrer über die unten hindurchfahrenden Boote seinen Segen sprach. Dann setzte die Menge, einige hundert Menschen, ihren Marsch am Ufer fort. Ich fotografierte vor allem die älteren Frauen in ihren Salzburger Trachten und den für die Gegend typischen Goldhauben. Sie ließen sich durch mich nicht stören, eher amüsierten sie sich. Kurz nachdem die Prozession wieder ins Dorf einbog, lief ich links neben dem Pfarrer. Ich bemerkte einen leichten Seitenblick nach rechts, dem ein kurzer und, wie mir schien, verstörter Blick nach unten folgte. An einer Garage prangte das freizügige Werbeplakat eines Wäscheherstellers, links im Hintergrund der Kirchtum des deutschen Nachbardorfes. Welch wunderbare Ironie! Ich zögerte keinen Augenblick und komponierte schnell das Bild im Sucher. Die ersten, dem Pfarrer folgenden Ministranten schauten mir neugierig in die Kamera, ich ließ sie ziehen. Die hinteren bemerkten, worauf ich fokussierte und sahen zu entweder zu Boden oder starr geradeaus. Das war es, ich drückte nur einmal auf den Auslöser - mit der seltenen Sicherheit, das Bild im Kasten zu haben.
Ich hatte dem Pfarrer gegenüber ein richtig schlechtes Gewissen, mußte aber gleichzeitig herzlich in mich hineinlachen; schließlich hatte er mir das Bild mehr oder weniger selbst präsentiert.