| Ein intelligentes Museum
Diese Website, die gelungene Übertragung eines Ausstellungsprojekts
ins Internet, ist ungewöhnlich und weder in ihrer Entstehung, noch
durch ihre Anlage mit anderen Darstellungen vergleichbar.
Der Ausgangspunkt war ein Artikel zum Jahresprogramm 1990/91 der Steirischen
Kulturinitiative über die Bergungsaktion der sogenannten „Führersammlung"
im Salzbergwerk Aussee (Steiermark). Robert Adrian X, Künstler und
Kunsttheoretiker, übertrug das Material in eine „Museums-Installation"
und präsentierte sie im August 1995 im Salzbergwerk-Museum in Alt-Aussee,
gegen den anfänglichen Widerstand der Salinenleitung und örtlicher
Politiker. Für das Offene Kulturhaus in Linz erweiterte Adrian dann
das Thema auf die nationalsozialistische Kultur- und Kunstpolitik. Das
Ergebnis ist die bemerkenswerte Website „Kunst und Politik" (die trotz
des englischen Untertitels in deutscher Sprache geschrieben ist).
„Was hier versucht wird", so die beigefügte Erklärung, „ist
weder eine Einbettung jener Kunst in eine allgemeine Kunstgeschichte, noch
ihre neuerliche Ächtung. Es wird vor allem versucht, kulturelle Koordinaten
ausfindig zu machen, die eine politisierte Ästhetik entwarfen: die
verschiedenen Institutionen und Einrichtungen, die der Ausführung
(nicht nur) des Sonderauftrages Linz dienten, stehen dabei im Mittelpunkt.
... Das Führermuseum und das Projekt einer Kulturhauptstadt Linz,
beide nicht realisiert, bilden quasi den Horizont, vor dem diese Überlegungen
entwickelt wurden."
Die Materialfülle ist übersichtlich geordnet und erfreulich
vielfältig: Gezeigt und erläutert werden mehrere für das
Linzer Führermuseum bestimmte Plastiken und Gemälde (aber auch
Zieglers „Elemente" über dem Kamin im Münchner „Führerbau"),
Aneignungsmethoden (neben schlichtem Diebstahl auch ein gelegentlicher
Ankauf), die Auslagerung während des Krieges in Aussee sowie sehr
detailliert die oft schwierige Restitutionsgeschichte, dazu eine Einführung
in die nationalsozialistische „Kunsttheorie" mit zeitgenössischen
Dokumenten und Zitaten, komplettiert durch die Lebensläufe der großen
Kunsträuber und ihrer kleinen Helfershelfer. Die nötigen Querverweise
liefern klug gesetzte Hyperlinks.
Manches darin ist geradezu surreal enthüllend, zum Beispiel daß
Hermann Giesler noch in den letzten Kriegsmonaten (am 18. Februar 1945)
„seinem Führer" das Modell der Linzer Kunstbauten vorstellt: Im Bunker
unter der Reichskanzlei vertieft sich Hitler in „ein langes, versunkenes,
traumhaftes Schauen" (Giesler). Oder auch dies: wie sehr der Kauf der androgynen
„Leda von Kassel" von Leonardo da Vinci die besondere Vorliebe des selbsternannten
"Renaissancemenschen" Göring ("Prüde sind wir nicht") für
offen erotische Sujets verrät.
Ein intelligentes virtuelles Museum.
 
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Zieglers "Die vier Elemente"
im Führerbau an der Arcisstraße in München
(oben)
und Leonardo da Vincis "Leda".

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