Die Gazette Nr. 6, September 1998:

 Die Adresse
 
Ein intelligentes Museum

Diese Website, die gelungene Übertragung eines Ausstellungsprojekts ins Internet, ist ungewöhnlich und weder in ihrer Entstehung, noch durch ihre Anlage mit anderen Darstellungen vergleichbar. 
Der Ausgangspunkt war ein Artikel zum Jahresprogramm 1990/91 der Steirischen Kulturinitiative über die Bergungsaktion der sogenannten „Führersammlung" im Salzbergwerk Aussee (Steiermark). Robert Adrian X, Künstler und Kunsttheoretiker, übertrug das Material in eine „Museums-Installation" und präsentierte sie im August 1995 im Salzbergwerk-Museum in Alt-Aussee, gegen den anfänglichen Widerstand der Salinenleitung und örtlicher Politiker. Für das Offene Kulturhaus in Linz erweiterte Adrian dann das Thema auf die nationalsozialistische Kultur- und Kunstpolitik. Das Ergebnis ist die bemerkenswerte Website „Kunst und Politik" (die trotz des englischen Untertitels in deutscher Sprache geschrieben ist). 
„Was hier versucht wird", so die beigefügte Erklärung, „ist weder eine Einbettung jener Kunst in eine allgemeine Kunstgeschichte, noch ihre neuerliche Ächtung. Es wird vor allem versucht, kulturelle Koordinaten ausfindig zu machen, die eine politisierte Ästhetik entwarfen: die verschiedenen Institutionen und Einrichtungen, die der Ausführung (nicht nur) des Sonderauftrages Linz dienten, stehen dabei im Mittelpunkt. ... Das Führermuseum und das Projekt einer Kulturhauptstadt Linz, beide nicht realisiert, bilden quasi den Horizont, vor dem diese Überlegungen entwickelt wurden." 
Die Materialfülle ist übersichtlich geordnet und erfreulich vielfältig: Gezeigt und erläutert werden mehrere für das Linzer Führermuseum bestimmte Plastiken und Gemälde (aber auch Zieglers „Elemente" über dem Kamin im Münchner „Führerbau"), Aneignungsmethoden (neben schlichtem Diebstahl auch ein gelegentlicher Ankauf), die Auslagerung während des Krieges in Aussee sowie sehr detailliert die oft schwierige Restitutionsgeschichte, dazu eine Einführung in die nationalsozialistische „Kunsttheorie" mit zeitgenössischen Dokumenten und Zitaten, komplettiert durch die Lebensläufe der großen Kunsträuber und ihrer kleinen Helfershelfer. Die nötigen Querverweise liefern klug gesetzte Hyperlinks. 
Manches darin ist geradezu surreal enthüllend, zum Beispiel daß Hermann Giesler noch in den letzten Kriegsmonaten (am 18. Februar 1945) „seinem Führer" das Modell der Linzer Kunstbauten vorstellt: Im Bunker unter der Reichskanzlei vertieft sich Hitler in „ein langes, versunkenes, traumhaftes Schauen" (Giesler). Oder auch dies: wie sehr der Kauf der androgynen „Leda von Kassel" von Leonardo da Vinci die besondere Vorliebe des selbsternannten "Renaissancemenschen" Göring ("Prüde sind wir nicht") für offen erotische Sujets verrät. 
Ein intelligentes virtuelles Museum.
 
 
 
 

Kunst&Politik


Zieglers "Die vier Elemente"
im Führerbau an der Arcisstraße in München (oben)
und Leonardo da Vincis "Leda".