Die Gazette Nr. 5, Juli/August 1998:
 
Net-Ticker
 
Lesen im Park 

Die Schulbehörde und die Parkverwaltung von New York organisieren in diesem Jahr den ersten Kinder-Lese-Sommer im Freien. 
Bei insgesamt achtundzwanzig Veranstaltungen in den Parks und auf den Spielplätzen der Stadt werden den fünf- bis neunjährigen Kindern (und ihren Eltern) Bücher vorgelesen oder von Schauspielern in Szene gesetzt. 
„Kinder aus der ganzen Nachbarschaft", sagt einer der Verantwortlichen, „können sich gleichzeitig am Spielen im Freien und an den schönen Geschichten erfreuen. Ich hoffe, daß wir den Kindern und Eltern damit nahebringen, wie wichtig es ist, auch in den Sommerferien das Lesen nicht zu verlernen." 
  

Der web-verschlafene Börsenverein 

Der Frankfurter Börsenverein des deutschen Buchhandels hat eine eigene Website. Das klingt gut, ist aber auch schon das Ende der guten Nachricht. Die schlechte Nachricht: Die Seiten sind hoffnungslos und peinlich, peinlich veraltet. 
Zwar gibt es einen kurzen, werbenden Hinweis auf die kommende Münchner Bücherschau von 29. Oktober bis zum 5. November 1998 und eine Ankündigung der Leipziger Buchmesse 1999 (mit der lakonischen Mitteilung „Demnächst weitere Informationen"). 
Wenn man jedoch so vermessen ist, die Arbeitsgruppe Vertrieb anzuklicken, bekommt man zehn Veranstaltungen genannt, die 1995 beginnen und am 18. April 1997 schon wieder enden. Ist die Arbeitsgruppe seitdem entschlafen? Im selben Jahr enden offensichtlich auch die Aktivitäten der Arbeitsgruppe Online Publishing. Die aufgeführten Sitzungen der AG Elektronische Fachinformationen scheinen gar über den 22. Mai 1995 nicht hinausgekommen zu sein. Vier Tage später tagte noch einmal die AG Recht, danach scheint auch sie sich in Luft aufgelöst zu haben. Und die AG Multimedia hat zwar einen Leiter, aber sonst überhaupt keine Informationen anzubieten. 
Nach den Regeln der Netiquette ist der Börsenverein des deutschen Buchhandels nicht mehr existent. Wer seine Website derart ungepflegt verkommen läßt, setzt sich dem begründeten Verdacht aus, in die Anonymität verzogen zu sein. 
Wenn es doch nur so einfach wäre! Stattdessen aber gibt es den Börsenverein tatsächlich, und er hat offenbar nur vergessen, daß er eine Visitenkarte im Web hat, die nun verstaubt und vergilbend und schon ziemlich angeschimmelt herumliegt. 
Ist es bei solcher Informationspolitik des Verbands noch ein Wunder, wenn viele Verlage, kaum daß man das Wort „Internet" ausspricht, in einen Zustand zwischen stammelnder Verlegenheit und abgrundtiefem Erschrecken verfallen? 
Warum gibt der bislang angesehene Börsenverein der Klage über die Modernitätsscheu der Deutschen auf so überflüssige, so blamable Weise Recht? Warum setzt er keine Zeichen und Wegmarken für Online Publishing und Multimedia, die seine Arbeitsgruppen so wohlklingend, aber anscheinend nur alibihalber in Namen führen? Aber das sind hier wohl ungezogen zudringliche Fragen. 
Persönlicher Kommentar: Als Herausgeber eines literarischen Internet-Magazins bin ich arg im Zweifel, ob man dem Börsenverein ein „Wach auf!" zu- oder schon ein letztes „Ruhe sanft!" nachrufen muß. 
 

George Orwell als Denunziant  

Der Autor kanonischer Schulbuchtexte („Animal Farm") und eines Plädoyers gegen Totalitarismus („1984") praktizierte ein persönliches „Big Brother is watching you!": In den vierziger Jahren denunzierte er einhunddertdreißig Personen, vor allem Schriftstellerkollegen, als Kryptokommunisten an die britischen Behörden. Den Genannten, so Orwell, dürfe keine antikommunistische Propagandatätigkeit anvertraut werden. 
Auf seiner alphabetischen Proskriptionsliste, in einem kleinen blauen Notizbuch, stehen Namen wie Charlie Chaplin und George Bernhard Shaw, der Dichter Stephen Spender, John Steinbeck („angeberisch") und der Romancier J. B. Priestley („starker Sympathisant, sehr anti-amerikanisch"), aber auch der deutsche Theologe Reinhold Niebuhr. 
Die Tatsache dieser Denunziantentätigkeit war zwar schon länger bekannt, aber bislang wurden die Namen unter Verschluß gehalten. In der neuen zwanzigbändigen Orwell-Werkausgabe sind jedoch die meisten enthalten, und der Daily Telegraph hat sie am 22. Juni veröffentlicht. Dreißig weitere Namen bleiben weiterhin geheim, weil die genannten Personen noch leben. 
 

Der reine Nonsens ist von Cicero 

Microsoft benützt für die vergleichende Darstellung diverser Schrifttypen gern einen wiederkehrenden Blindtext. Der Satz klingt wie Küchenlatein und lautet: Lorem ipsum dolor sit amet. Wer das zu übersetzen versucht, kann nur zu dem Ergebnis kommen, daß es purer Nonsens ist. 
Dabei hat der Satz eine lange Geschichte. Seit Jahrhunderten verwenden ihn Typographen als Druckprobe, da seine Buchstaben und ihre Abstände am besten Größe, Gestalt und Gewichtung der jeweiligen Schrifttypen erkennen lassen. 
Der Zeitschrift „Before & After" kommt das Verdienst zu, im Jahr 1994 den Ursprung des Satzes erkundet zu haben. Er ist die verderbte Teilwiedergabe einer Stelle aus Ciceros „De finibus bonorum et malorum", einer 45 v. Chr. geschriebenen Abhandlung über die Ethik. Vollständig heißt dort die Stelle: „Neque perro quisquam est, qui dolorem ipsum, quia dolor sit, amet, consectetur, adipisci velit", zu deutsch: „Es gibt desweiteren niemanden, der den Schmerz liebt, ihm nachgeht, ihn zu erlangen sucht, nur weil er Schmerz ist." 
Irgendwann, wohl um 1500 herum, hat ein unbekannter Drucker das zerhackte Teilstück des Satzes zum erstenmal als Blindtext verwendet. Und fand Nachfolger bis heute. 
 

Memoiren als Therapie: die Geschichte eines Fehlschlags 

Michael Lauder, fünfunddreißig Jahre alt und laut New York Times „in jeder Hinsicht ein Genie", beendete trotz und nach einer achtmonatigen psychiatrischen Behandlung erfolgreich sein Jura-Studium an der Yale University und schaffte es hier sogar bis zum Dozenten der Law School. 1995 verkaufte er der Zeitung bereits seine Lebensgeschichte für eineinhalb Millionen Dollar. 
Vor einigen Monaten outete er sich als Schizophrener und beschloß, seine Autobiographie als eigenes Buch zu schreiben. Begründung: „Schizophrene werden dauernd negiert, aber mein Leben kann ihnen ein Vorbild sein." Als er von einem Interviewer gefragt wurde, ob er zu Gewalttätigkeit neige, antwortete er, das sei „ein allgemeines und schmerzliches Vorurteil". 
Bald danach hatten seine Freunde erste Bedenken, der Tod seines Vaters und die Anstrengung, ein Buch zu schreiben, könnten zu viel werden für  ihn.  Vera Hassner, die Lauder psychiatrisch betreute: „Ich dachte mir, das Buchprojekt sei eine gute Idee. Aber mir gefiel nicht, daß er darüber klagte, am Morgen nicht aus dem Bett zu kommen. Das Schreiben, besonders für jemand in seinem Zustand, kann eine sehr einsame Angelegenheit sein." 
Nun ist das gutgemeinte Projekt einer Therapie durch Schreiben offenbar fehlgeschlagen. Am 17. Juni fand die Polizei in Lauders Wohnung in Hastings-on-Hudson die Leiche von Caroline Costello, siebenundreißig Jahre alt, Lauders Freundin und Mitbewohnerin, mit mehreren Stichwunden in Hals und Rücken. Lauder selbst wurde verhaftet und erwartet eine Mordanklage. 
 

Amerikanische Buchhändler feiern einen Sieg 

Der Sonderermittler Kenneth Starr (richtig: der gegen Monica Lewinsky und Bill Clinton) hat seine Forderung nach Informationen über Lewinskys Buchkäufe fallengelassen. Christopher Finn, der Präsident der American Booksellers Foundation for Free Expression, nannte die Entscheidung am 23. Juni „einen wichtigen Präzedenzfall, der künftige Ermittler daran hindern wird, Buchhandelsunterlagen ohne hinreichenden Grund zu beschlagnahmen". 
Bereits am 6. April hatte Richterin Norma Holloway Johnson in einem Test-Urteil verkündet, Starrs Forderungen nach Unterlagen über einen Zeitraum von dreißig Monaten habe eine „erschreckende Auswirkung" auf den Verfassungsgrundsatz der freien Meinungsäußerung. Die Richterin untersuchte selbst die Unterlagen zweier Buchhandlungen in Washington und gestattete Starr in einem Fall nur wenige ausgewählte, im anderen Fall überhaupt keine Informationen: „Ken Starr hat einen Fehler gemacht, als er behauptete, es gebe keinen Unterschied zwischen den Verkaufsunterlagen einer Buchhandlung und denen eines Computerladens. Der Unterschied ist das Recht auf Meinungsfreiheit." 
Daraufhin zog Starr seine Forderung im ganzen zurück. 
 

Alles über Paare 

Ein soeben erschienenes Buch, „Just Married" von Barry Sinrod und Marlo Grey, verrät alles - oder fast alles -  über Verheiratete (in den Vereinigten Staaten). Das Ausgangsmaterial sind dreitausendachthundertsechsundsiebzig beantwortete (von insgesamt zehntausend verschickten) Fragebögen. 
Die Ergebnisse sind nicht nur zahlreiche Tabellen und Kurven, sondern auch ein paar von den Befragten selbst formulierte Lebensereignisse. So hat sich zum Beispiel ein Paar bei einer Beerdigung, an der sie als Achtzigjährige teilnahmen, kennengelernt. Bei einem anderen war der Hochzeitskuchen sozusagen als Geisel festgehalten: Der Bäcker nämlich wurde just am Hochzeitstag das Opfer eines Überfalls, konnte jedoch entkommen und lieferte den kostbaren Kuchen doch noch - drei Stunden zu spät. Schlimmeres Pech hatte ein drittes Paar. Die beiden hatten eigens Tanzkurse genommen, um auf dem Hochzeitsempfang zu glänzen; aber vergeblich: „Als wir auf die Tanzfläche gingen, rutschte mein Mann auf einem Eiswürfel aus und brach sich ein Bein." 
Aber vor allem die Statistiken sind einen Seitenblick wert. Sechs Prozent haben wegen einer Schwangerschaft geheiratet, vier aus Einsamkeit und nur ein Prozent aus Geldgründen, der überwältigende Rest, natürlich, aus Liebe. Was die Ehemänner im Bett anhaben: neununddreißig Prozent nichts, vierundzwanzig Prozent einen Schlafanzug, einundzwanzig Prozent ihre Unterwäsche; dagegen die Ehefrauen: neunundvierzig Prozent nichts neununddreißig Prozent einen Schlafanzug und nur nein Prozent ihre Unterwäsche. Schließlich dieses Ergebnis: Die Männer sind grundsätzlich häufiger zufrieden mit dem Ehestand (nur ein Prozent bereut den Schritt) als Frauen (hier sind es immerhin dreizehn Prozent). Das sollte den Männern zu denken geben. 
 

„Casablanca" 2 

Am 24. Juni ließ der Augsburger Weltbild Verlag wissen, daß vier Monate später bei ihm und in neun weiteren Verlagen, also in zehn Ländern gleichzeitig, das Buch „Für immer Casablanca" von Michael Walsh herauskommt. Im Original lautet der Buchtitel „As Time goes by", nach dem bekannten Film-Song. 
Der Inhalt wird noch geheimgehalten. Nur soviel ist bekannt: Die Handlung beginnt mit der Abschiedsszene des Films „Casablanca" (und der berühmt falschen Synchron-Übersetzung von „Here’s to your eyes" durch „Ich schau dir in die Augen, Kleines"), spielt aber weiterhin in den vierziger Jahren. 
Und als wäre dies alles nicht schon phantasielos genug, soll der Roman auch noch - so der Weltbild Verlag selbst - „ein bißchen an John le Carré, Robert Harris und sogar an James Bond" erinnern. 
Der wahre Liebhaber von „Casablanca" (ohne Serienziffer) weiß also Bescheid: liegenlassen! 
 

Bertelsmann investiert ins elektronische Buch 

Bertelsmann Ventures, der Risikokapital-Fonds der Bertelsmann AG (des drittgrößten Medienkonzerns der Welt: Umsatz fast vierzehn Milliarden Dollar, sechzigtausend Mitarbeiter in dreiundfünfzig Ländern) ist seit Ende Juni Partner von NuvoMedia Inc., Palo Alto (Kalifornien). 
NuvoMedia wird im vierten Quartal dieses Jahres sein RocketBook, ein neu entwickeltes Buch-Lesegerät, auf den Markt bringen. RocketBook ist eine Art Handheld-Computer, der viertausend Seiten Buchtext und Grafiken speichern und mit einer Batterieladung zwanzig Stunden laufen kann. Der gespeicherte Text kann mit einem eigenen Programm gelesen, nach Stichwörtern durchsucht sowie mit Anmerkungen und Lesezeichen versehen werden - um nur einige der möglichen Anwendungen zu nennen. 
NuvoMedia sieht darin eine neue, wenn nicht die entscheidende Etappe in der Entwicklung des Electronic publishing. 
Nach allem, was man bis jetzt davon weiß, ist das neue System RocketBook - in erster Linie wohl aus Urheberrechts- und Sicherheitsgründen - inkompatibel mit den gängigen Computer-Betriebssystemen. Unter den angekündigten Vorzügen fehlt nämlich bezeichnenderweise die Möglichkeit, Textstellen - etwa längere Zitate - aus RocketBook in eines der verbreiteten Textverarbeitungsprogramme zu kopieren und dort weiterzuverwenden. Ob die am Computer schreibende Zunft sich damit abfindet, darf vorerst bezweifelt werden. 
 

Akademische Ehrung für Margaret Atwood 

Die kanadische Autorin erhielt am 24. Juni, zusammen mit sieben anderen Geehrten, von der Universität Oxford die Ehrendoktorwürde. Die Laudatio wurde in lateinischer Sprache gehalten. Im deutschen Sprachraum ist Atwood vor allem mit ihrem „Bericht der Magd" berühmt geworden. 
Die ältere Dame, geboren 1939, meinte hinterher: „Es war spannend - und gefährlich. Wir mußten ein paar Stufen auf die Bühne hinaufsteigen, und ich dachte immer nur: Fällt er hin oder nicht? Aber schließlich habe ich es selbst ganz ordentlich gemacht, rauf und wieder runter." 
Der Einfluß von Margaret Atwood auf die englische Literatur begann vor dreißig Jahren, die Literatur der Ex-Kolonie ist aber erst in den letzten Jahren zu einer größeren Anerkennung in England gelangt: „Sie müssen jetzt nicht mehr", sagte der Laudator zu der Geehrten, „gegen den Strom schwimmen." 

 
Das teuerste Buch der Welt 

Bis vor kurzem hielt eine Gutenberg-Bibel von 1455 den Rekord: Sie wurde 1987 für 5,3 Millionen Dollar versteigert. 
Seit dem 8. Juli sind die „Canterbuty Tales" von Geoffrey Chaucer das teuerste Buch, das jemals verkauft wurde. Die in rotes Leder gebundene Erstausgabe (gedruckt 1476 oder 1477) wurde bei Christie’s in London für 4.621.500 Pfund versteigert. Der neue Eigentümer ist der Milliardär Sir Paul Getty, der zwar in Amerika geboren wirde, aber seit letztem Jahr die britische Nationalität besitzt. Er wollte aber noch nicht sagen, ob er seinen neuen Schatz für ein interessiertes Publikum ausstellen wird. 
 

Leihfrist um 82 Jahre überzogen 

Eve Lettice in Victoria (British Columbia, Kanada) fand auf ihrem Speicher ein Buch der örtlichen Leihbibliothek, das irgendein Vormieter ihres Hauses vor 82 Jahren ausgeliehen hatte. Sie brachte das Buch - „Sunsine Sketches of a Little Town" von Stephen Leacock - ordnungsgemäß zurück.  
Die Strafe für die überzogene Leihfrist würde, nach einer Berechnung der Bibiothek, siebentausendzweihundert kanadische Dollar betragen. Üblicherweise werden auch bei sehr verspäteter Rückgabe nur maximal zwölf kanadische Dollar fällig. 
„Wir sind einfach froh", sagte die Bibliotheksleiterin Sandra Anderson, „daß wir das verdammte Buch wiederhaben. Es ist in gutem Zustand, und wir werden es sicher nicht ausrangieren." 
 

Autor: der Staatschef 

Alexander Lukaschenko, der Präsident von Weißrußland, betätigt sich, wenn er nicht gerade ausländische Botschafter sekkiert, als Autor. 
Das Buch von und mit ihm hat den schlichten Titel „Alexander Lukaschenko. Präsident der Weißrussischen Republik" und kam soeben mit einer Startauflage von einhunderttausend Exemplaren heraus. Einige der neununddreißig Kapitel hat er selbst geschrieben, andere enthalten seine Reden und Interviews sowie Lobpreisungen („weiser Prophet", „Friedensheld") durch begeisterte Mit-Autoren. Themenbeispiele: „Die Situation der Frau" oder „Warum bestraft die NATO Weißrußland?".  
 

Die Bundesbank im Buch 

Gerade noch rechtzeitig, wenigstens noch im Monat des fünfzigsten Jahrestags der Deutschen Mark, am 20. Juni 1998, verschickte der Münchner C. H. Beck Verlag eine neunhundert Seiten starke Geschichte der Dutschen Bundesbank an die Buchhandlungen. Es enthält sechzehn Beiträge früherer Bundesbanker, darunter Ottmar Issing und Johann Wilhelm Gaddum, sowie deutscher und internationaler Währungsexperten. 
Die Essays verstehen sich jedoch eher als Mahnungen an die künftige Europäische Zentralbank und nicht eigentlich als aufsehenerregende Enthüllungen. Der Beiträger Rudolf Richter, früher Professor an der Saarbrücker Universität auf einer Präsentationskonferenz: „Es tat mir leid, daß ich so vieles in meinen Aufzeichnungen hatte, das ich nicht verwenden durfte." 
Die erste Auflage, bei einem Einzelpreis von achtundachtzig Mark, beträgt viertausend Exemplare. Im Herbst soll bei Oxford University Press eine englische Übersetzung herauskommen. 
 

Bodyguard und Zuvielschreiber 

Alexaner Korschakow, der Ex-Chef von Jelzins Leibgarde, ist ja schon einmal als Autor, wenn man so sagen kann, hervorgetreten. Seit er 1966 entlassen wurde, droht er immer mal wieder damit, die skandalosen Zustände im inneren Machtzirkel Rußlands aufzudecken. 
In seinem ersten Buch „Boris Jelzin vom Abend bis zum Morgen" steht kaum etwas Neues. Vielmehr schildert er den Staatschef als suizidgefährdeten, politikunfähigen Alkoholiker. Das haben ihm damals schon die Russen nicht abgenommen, sondern ihn bloß als rachelüstern abqualifiziert. 
Was in Korschakows zweitem Buch stehen soll, wird noch als Geheimnis behandelt. Auch der Erscheinungstermin ist unbekannt.  
Man muß trotzdem nicht gespannt sein. 
 

Der amerikanische Buch-Baron 

Barnes & Nobles, die größte Buchhandelskette der USA und der Welt, erregt zunehmend die Befürchtung, er schreibe durch seine schiere Marktmacht allen Lesern vor, was sie gefälligst lesen sollten.  
Nun hat am 19. Juni der Chef selbst, Leonard Riggio (siebenundfünzig), in der Zeitschrift „Business Week" das erste Interview seines Lebens veröffentlicht, aber kaum dazu beigetragen, diese Gefahr aus der Welt zu reden.  
„Der Buchhandel war eine elitäre, arrogante Institution", ließ er wissen, „und ich ich habe ihn davon befreit." Fröhlich gibt er zu, von seiner Ware nicht viel zu verstehen, er liest selber kaum jemals ein Buch. Er könne, meint er, ebensogut Bestecke oder Schraubenzieher verkaufen. 
Aber Business Week lobt ihn, er habe „einzigartigerweise alte Konventionen herausgefordert und die Welt der gebundenen Bücher neu erfunden". 
Na bitte. 
 

Gaddafi tritt wieder als Autor auf 

Der libysche Staatschef schreibt ein neues Buch. Der dramatische Titel lautet „Flucht in die Hölle". Gaddafi bekennt darin seine Sorge um die gefährdete Umwelt, ein philosophisches Gemisch aus visionärer Apokalyptik und utopischen Problemlösungen.  
Exzerpte: „Die Stadt ist ein Mühlstein, der die Bewohner zermahlt." Und: „Die Kinder sind hier schlimmer dran als die Erwachsenen." Und: „Man kann alles verlassen, nur nicht die Erde. Die Erde ist die einzige Sache, ohne die wir nicht auskommen. Wenn man andere Dinge zerstört, hat deshalb noch nicht alles verloren, aber hütet euch vor der Zerstörung der Erde, denn dann habt ihr wirklich alles verloren." 
Vermutlich ist das ganze kommende Werk von solchem Inhalt: lange nicht so originell wie das kleine grüne Buch aus seiner fahrigen Feder. 
 

Der Literarische Kalender 
 
Am 15. Juli 1908 veröffentlicht Jean Cocteau sein erstes Gedicht, „Les Façades", in der Zeitschrift „Je sais tout". 
Am 16. Juli 1890 stirbt Gottfried Keller (geboren am 19. Juli 1819) in Zürich. 
Am 16. Juli 1951 veröffentlicht Jerome D. Salinger „The Catcher in the Rye." 
Am 16. Juli 1985 stirbt Heinrich Böll (Nobelpreis 1972). 
Am 18. Juli 1911 wird William Makepeace Thackeray in Kalkutta geboren. 
Am 18. Juli 1817 stirbt nach längerer Krankheit Jane Austen in Winchester. 
Am 19. Juli 1374 stirbt Petrarca in Arquà (Toskana), einen Tag vor seinem siebzigsten Geburtstag. 
Am 19. Juli 1876 kommt Arthur Rimbaud, Soldat in der holländischen Kolonial-Armee, auf den Sunda-Inseln an und desertiert kurz danach. 
Am 21. Juli 1899 wird Ernest Hemingway in Oak Park, Illinois, geboren. 
Am 22. Juli geht André Malraux nach Spanien und fliegt im Spanischen Bürgerkrieg fünfundsechzig Einsätze gegen Franco. 
Am 25. Juli 1905 wird Elias Canetti (Nobelpreis 1981) in Rutschuk (Bulgarien) geboren. 
Am 26. Juli 1894 wird Aldous Huxley in Godalmig, Surrey (England) geboren. 
Am 29. Juli wird Alexis de Tocqueville in Paris geboren. 
Am 29. Juli 1839 dringt Alexandre Dumas d.Ä. mit den Aufständischen in die königlichen Gemächer in den Tuilerien ein, findet ein Exemplar seines Buches „Christine" und nimmt es mit. 
Am 30. Juli 1818 wird Emily Brontë in Thomton, Yorkshire (England) geboren. 
Am 31. Juli 1703 steht Daniel Defoe für seine bissige Satire „The Shortest Way with Dissenters" vor Gericht und wird vom Publikum mit Blumen gefeiert.