| Bismarck in der Tasche
Vor kurzem hat der Autor die Sonntagsbeilage der Süddeutschen Zeitung
mit einem längeren Artikel über eine seltsame Herzensaffäre
Bismarcks in Biarritz bereichert. Obwohl nur ein leichtgewichtiges Feuilletonthema,
vereinigte der Text einige selten gewordene Eigenschaften: Er war gründlich
recherchiert, in kritischer Distanz freundlich, bei aller Präzision
taktvoll und in feinem, mätzchenlosem Deutsch angenehm goutabel. Eine
Lesefreude mit Gewinn.
Für die Taschenlexikon-Reihe bei Piper hat Friedemann Bedürftig
schon die Bände „Drittes Reich und „Deutschland nach 1945" geschrieben.
Nun liegt hier rechtzeitig zum hundertsten Todestag auch sein „Bismarck"
vor.
Es bleibt auch heute noch ein Wagnis, sich dem großen Mann zu
nähern. Zu leicht verfällt der Neugierige dem Extremfall, entweder
dem verdammenden Gesamturteil („von Bismarck zu Hitler") oder der hymnischen
Zustimmung („Vater der deutschen Einheit"). In beiden Fällen leidet
die Tiefenschärfe des Urteils.
Beim „Taschenlexikon Bismarck" wird die Gefahr auf zweierlei Weise
umgangen. Einmal ist da die vorgegebene Form der Stichwort-Reihe (von „Aachen"
bis „Zweibund"): Sie sorgt für eine Vielfalt an Blickrichtungen und
thematischen Zugriffen auf dem engen Raum zumeist einer dreiviertel Buchseite.
Und dann der Autor selbst und seine Schreibqualitäten: Er bietet keine
harmonisch geglättete Abschlußbeurteilung, kein - wie er in
der Vorbemerkung sagt - „scheinobjektives anonymes Nachschlagewerk", sondern
ein „Autorenlexikon", ein durchaus auch widerspruchsvolles Bild dieses
in sich widersprüchlichen Menschen. Und das in narrativer Form:
Gedanken und Erinnerungen
Natürlich strömten die Besucher nach Bismarcks
Entlassung in den Sachsenwald, wohin sich der Erzkanzler grollend zurückgezogen
hatte. Dort war ja auch ein ganzes Zeitalter zu besichtigen. Doch nicht
nur Neugier zog hohe und allerhöchste Persönlichkeiten nach Friedrichsruh,
so mancher wollte sich auch beim großen Pensionär ein letztes
Mal ins rechte Licht setzen, denn es ging das Gerücht, der Alte schreibe
seine Memoiren. Und was es bedeuten konnte, wenn man ins Visier seines
Unwillens geriet, das war sattsam bekannt und konnte nun, da er keine amtlichen
Rücksichten mehr zu nehmen brauchte, nur noch gefährlicher werden.
Memoiren im klassischen Sinn aber waren es nicht, woran Bismarck unter
entscheidender Mithilfe von Bucher arbeitete. Es ging ihm eher um sein
Vermächtnis, um Instrumentalisierung der Geschichte zur eigenen Rechtfertigung
und um Abrechnung mit denen, die sich ihm und damit der deutschen Sache,
wie er sie sah, in den Weg gestellt hatten. Insofern fürchteten sich
viele zu Recht und doch wieder zu sehr, da Bismarck lebenden Weggenossen
Schonung angedeihen ließ und die allerhöchsten sogar fürs
erste ausklammerte. Gleich nach seinem Tod im Jahr 1898 erschienen beim
Goethe-Verleger Cotta die ersten beiden Bände dieser seltsamen Memoiren
unter dem wohl noch von ihm autorisierten Titel „Gedanken und Erinnerungen".
In nicht einmal Monatsfrist waren davon über 300000 Stück abgesetzt,
und der Bestseller wurde zu einem der erfolgreichsten Longseller überhaupt.
...
In dieser flüssigen Erzählweise werden vor uns lebendig: die
Personen (Heinrich von Abeken bis Ludwig Windthorst) und die Orte der Handlung
(Aachen, wie gesagt, über Rußland bis Wien), politische Grundbegriffe
und Schlagwörter der Zeit (Agrarier, Battenberg-Affäre, Junkerparlament,
Jesuitengesetze, Kreuzzeitung, Ohrfeigenbrief, Versöhnung) sowie einige
Angaben zur Person, zum Beispiel Beredsamkeit, Krankheiten, Studium, aber
auch Wald, wo Bismarck, in seinen Worten, sich „mit den Bäumen mehr
zu sagen hatte als mit den Menschen". An einigen Artikeln wird endlich
einmal verständlich, warum wir im politischen Betrieb noch heute von
einem „Kulturkampf" oder einem „Reptilienfonds" sprechen.
Manches wird gewiß Widerspruch hervorrufen. Persönlich scheint
mir Bismarcks Unschuld bei seiner Entlassung eine Spur zu rosig gemalt
(dahinter steckte ja auch ein gewisses, aber deutlich interpretionsbedürftiges
Fehlverhalten des Entlassenen selbst). Vor allem fehlt mir ein Hinweis
auf Bismarcks gar nicht eiserne, sondern eher „gebrochene" psychische Grundverfassung,
die ihm nicht selten Anfälle von Melancholie verursachte. Auch beim
Stichwort „Krankheiten" findet sich dazu kaum eine Andeutung. Allenfalls
das Bescheidensheitsmotto des Buches gibt davon eine Ahnung: „Das lernt
sich in diesem Gewerbe recht, daß man so klug sein kann wie die Klugen,
und doch jederzeit in die nächste Minute geht wie das Kind ins Dunkle"
(aus einem Brief an Johanna am 20. Juli 1864). Aber auch an solche Einwände
scheint der Autor gedacht zu haben, wenn er im Vorwort sagt, das Buch sei
„ein Konversationlexikon im wörtlichen Sinn: Es soll zum Gespräch
anregen".
Der Autor pflegt einen dichten und präzisen, aber nirgends informationsüberladenen,
sondern immer lesbaren Erzählstil. Bei so angenehmer Lektüre
ist es eine Freude, nicht nur die eigene politische Bildung zu vertiefen,
sondern dabei auch einen bedeutsamen Menschen kennenzulernen.
Philipp Reuter |
Friedemann Bedürftig
Taschenlexikon Bismarck
Serie Piper 2593, Piper, München/Zürich
1998
12 x 19 cm, 237 Seiten
DM 16,90, öS 123, sFr 16,--
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