Die Gazette Nr. 5, Juli/August 1998:
 
Bismarck in der Tasche

Vor kurzem hat der Autor die Sonntagsbeilage der Süddeutschen Zeitung mit einem längeren Artikel über eine seltsame Herzensaffäre Bismarcks in Biarritz bereichert. Obwohl nur ein leichtgewichtiges Feuilletonthema, vereinigte der Text einige selten gewordene Eigenschaften: Er war gründlich recherchiert, in kritischer Distanz freundlich, bei aller Präzision taktvoll und in feinem, mätzchenlosem Deutsch angenehm goutabel. Eine Lesefreude mit Gewinn. 
Für die Taschenlexikon-Reihe bei Piper hat Friedemann Bedürftig schon die Bände „Drittes Reich und „Deutschland nach 1945" geschrieben. Nun liegt hier rechtzeitig zum hundertsten Todestag auch sein „Bismarck" vor. 
Es bleibt auch heute noch ein Wagnis, sich dem großen Mann zu nähern. Zu leicht verfällt der Neugierige dem Extremfall, entweder dem verdammenden Gesamturteil („von Bismarck zu Hitler") oder der hymnischen Zustimmung („Vater der deutschen Einheit"). In beiden Fällen leidet die Tiefenschärfe des Urteils. 
Beim „Taschenlexikon Bismarck" wird die Gefahr auf zweierlei Weise umgangen. Einmal ist da die vorgegebene Form der Stichwort-Reihe (von „Aachen" bis „Zweibund"): Sie sorgt für eine Vielfalt an Blickrichtungen und thematischen Zugriffen auf dem engen Raum zumeist einer dreiviertel Buchseite. Und dann der Autor selbst und seine Schreibqualitäten: Er bietet keine harmonisch geglättete Abschlußbeurteilung, kein - wie er in der Vorbemerkung sagt - „scheinobjektives anonymes Nachschlagewerk", sondern ein „Autorenlexikon", ein durchaus auch widerspruchsvolles Bild dieses in sich widersprüchlichen Menschen. Und das in narrativer Form: 

Gedanken und Erinnerungen 
Natürlich strömten die Besucher nach Bismarcks Entlassung in den Sachsenwald, wohin sich der Erzkanzler grollend zurückgezogen hatte. Dort war ja auch ein ganzes Zeitalter zu besichtigen. Doch nicht nur Neugier zog hohe und allerhöchste Persönlichkeiten nach Friedrichsruh, so mancher wollte sich auch beim großen Pensionär ein letztes Mal ins rechte Licht setzen, denn es ging das Gerücht, der Alte schreibe seine Memoiren. Und was es bedeuten konnte, wenn man ins Visier seines Unwillens geriet, das war sattsam bekannt und konnte nun, da er keine amtlichen Rücksichten mehr zu nehmen brauchte, nur noch gefährlicher werden. Memoiren im klassischen Sinn aber waren es nicht, woran Bismarck unter entscheidender Mithilfe von Bucher arbeitete. Es ging ihm eher um sein Vermächtnis, um Instrumentalisierung der Geschichte zur eigenen Rechtfertigung und um Abrechnung mit denen, die sich ihm und damit der deutschen Sache, wie er sie sah, in den Weg gestellt hatten. Insofern fürchteten sich viele zu Recht und doch wieder zu sehr, da Bismarck lebenden Weggenossen Schonung angedeihen ließ und die allerhöchsten sogar fürs erste ausklammerte. Gleich nach seinem Tod im Jahr 1898 erschienen beim Goethe-Verleger Cotta die ersten beiden Bände dieser seltsamen Memoiren unter dem wohl noch von ihm autorisierten Titel „Gedanken und Erinnerungen". In nicht einmal Monatsfrist waren davon über 300000 Stück abgesetzt, und der Bestseller wurde zu einem der erfolgreichsten Longseller überhaupt. ... 

In dieser flüssigen Erzählweise werden vor uns lebendig: die Personen (Heinrich von Abeken bis Ludwig Windthorst) und die Orte der Handlung (Aachen, wie gesagt, über Rußland bis Wien), politische Grundbegriffe und Schlagwörter der Zeit (Agrarier, Battenberg-Affäre, Junkerparlament, Jesuitengesetze, Kreuzzeitung, Ohrfeigenbrief, Versöhnung) sowie einige Angaben zur Person, zum Beispiel Beredsamkeit, Krankheiten, Studium, aber auch Wald, wo Bismarck, in seinen Worten, sich „mit den Bäumen mehr zu sagen hatte als mit den Menschen". An einigen Artikeln wird endlich einmal verständlich, warum wir im politischen Betrieb noch heute von einem „Kulturkampf" oder einem „Reptilienfonds" sprechen. 
Manches wird gewiß Widerspruch hervorrufen. Persönlich scheint mir Bismarcks Unschuld bei seiner Entlassung eine Spur zu rosig gemalt (dahinter steckte ja auch ein gewisses, aber deutlich interpretionsbedürftiges Fehlverhalten des Entlassenen selbst). Vor allem fehlt mir ein Hinweis auf Bismarcks gar nicht eiserne, sondern eher „gebrochene" psychische Grundverfassung, die ihm nicht selten Anfälle von Melancholie verursachte. Auch beim Stichwort „Krankheiten" findet sich dazu kaum eine Andeutung. Allenfalls das Bescheidensheitsmotto des Buches gibt davon eine Ahnung: „Das lernt sich in diesem Gewerbe recht, daß man so klug sein kann wie die Klugen, und doch jederzeit in die nächste Minute geht wie das Kind ins Dunkle" (aus einem Brief an Johanna am 20. Juli 1864). Aber auch an solche Einwände scheint der Autor gedacht zu haben, wenn er im Vorwort sagt, das Buch sei „ein Konversationlexikon im wörtlichen Sinn: Es soll zum Gespräch anregen". 
Der Autor pflegt einen dichten und präzisen, aber nirgends informationsüberladenen, sondern immer lesbaren Erzählstil. Bei so angenehmer Lektüre ist es eine Freude, nicht nur die eigene politische Bildung zu vertiefen, sondern dabei auch einen bedeutsamen Menschen kennenzulernen. 

Philipp Reuter 

 Friedemann Bedürftig
Taschenlexikon Bismarck
Serie Piper 2593, Piper, München/Zürich 1998
12 x 19 cm, 237 Seiten
DM 16,90, öS 123, sFr 16,--
Umschlag Bismarck