Die
Gazette Nr. 5, Juli/August 1998:
Lese-Effekte
„An jenem Tage lasen wir nicht weiter"
In der „Göttlichen Komödie", im zweiten Kreis der Hölle,
trifft Dante auf ein unglückliches Paar: Paolo und Francesca. Francesca
war 1275 aus politischen Gründen mit Gianciotto, dem ältesten
Sohn des Herrschers von Rimini, verheiratet worden, verliebte sich aber
rettungslos in dessen jüngeren Sohn Paolo. Gianciotto überraschte
seine Frau in flagranti und erstach sie.
Die enthüllende, ihr Schicksal entscheidende Szene spielt, wie
sie Dante im Sechsten Gesang erzählt, bei der Lektüre eines Bestsellers,
des Ritterromans „Lanzelot vom See". Darin zeigt Königin Ginevra (auf
Zureden ihres Mannes Galehaut oder Galeotto) dem Ritter ihr bezauberndes
Lächeln, das den ersten Kuß herbeiführt. So nennt Francesca
denn das fatale Buch und seinen Autor ihren „Galeotto", gewissermaßen
ihren Kuppler.
Dantes Reaktion auf die Erzählung Francescas ist ungewöhnlich:
Er fällt ohnmächtig zu Boden. Er kann es offenbar nicht fassen,
daß die edle Macht der Liebe zu derartigen Höllenstrafen führen
kann. Wir - offen gesagt - auch nicht.
Hier das Ende des Sechsten Gesangs der „Hölle" (in der Übersetzung
von Otto Gildemeister, die die Danteschen Reim-Terzinen wiedergibt):
Dann wieder wandt’ ich mich und sprach zu ihr:
„Francesca, deine Marter zu betrachten,
Bringt heiße Tränen in die Augen mir.
Sag aber nun, bei jenem süßen Schmachten -
Woran vergönnte Lieb’ in jener Zeit,
Daß kenntlich sich die dunklen Wünsche
machten?"
Da sprach sie: „Keine größre Traurigkeit
Als sich erinnern aus beglückten Tagen
Im Elend, und dein Lehrer kennt das Leid.
Doch wenn dein Herz dich treibt, danach zu fragen,
Wie jene Lieb’ entsprang in unsrer Brust,
So will ich tun wie die, so weinend sagen.
Wir lasen eines Tags zu unsrer Lust,
Vom Lanzelott, wie Lieb’ ihn hielt gebunden,
Wir beid’ allein, uns keines Args bewußt.
Oft hatten schon die Augen sich gefunden
Bei diesem Lesen, oft erblaßten wir,
Doch e i n e Stelle hat uns überwunden:
Da wo das heißersehnte Lächeln ihr
Zuerst geküßt wird von dem hohen Streiter,
Da küßte bebend meine Lippen mir
Dieser, hinfort mein ewiger Begleiter.
Galeotto war das Buch und der es schrieb.
An jenem Tage lasen wir nicht weiter."
Indes der eine Geist dies so beschrieb,
Weinte der andre, daß vom Überwallen
Des Mitleids ich betäubt und leblos blieb
Und niederfiel, wie tote Körper fallen.